Ausgabe 
22.11.1895 Erstes Blatt
 
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nach dem Frankfurter Parteitag gab er eine scharfe Charakteristik deS Standpunktes der entgegengesetzten Flügel der Partei in der Agrardebatte des Breslauer Parteitages. Der vor- läufige Steg der dogmatischen Richtung durch die Annahme der da- Agrarprogramm rund ablehnenden Resolution Kaut-ky wurde nur durch die Animosität der Industriearbeiter gegen die Gleichberechtigung der Bauern erfochten. Die Führer der Majorität sprechen eS ausDer kleine Bauer muß zu­nächst proletarisirt werden", undZuerst setzten wir aus­einander, die La;e des Bauern ist hoffnungslos, ihnen ist nicht mehr zu helfen, und dann sagen wir im zweiten Theil (bei Annahme des Agrarprogramms), mit dem Agrar« Programm wollen wir euch helfen." Als Absicht der Agrar« commisfion wird bezeichnet:Wir wollen dem Bauern Honig um den Mund schmieren, ohne ihm nützen zu können." Der klaffende Gegensatz zwischen der Minorität, der aber fast alle Führer angehörev, und der Majorität werde zunächst zu kemer offenen Spaltung führen, da die Minorität keine Maffe hinter sich wisse. Jedoch find die principiellen Gegen­sätze so scharf geworden, daß auf die Dauer auch nach außen bin sich der Schein der Einigkeit nicht aufrechterhalten läßt. In der anschließenden lebhaften DiScussiou wurde betont, daß von einer Zunahme deS Großgrundbesitzes in Deutsch­land nicht die Rede sein könne, die Hauptsache sei, den Landhunger" zu befriedigen und im Sinne der Beschlüsie oeS letzten nationalliberalen Parteitags überall für die Interessen deS ländlichen Mittel- und KletnbefitzeS einzutreten. Dann werde auch Denen, die sich bis jetzt noch durch die Versprechen deS Antisemitismus und der Socialdemokratie, dieser gleich extremen Vertretungen des KlaffenegoiSmuS, gängeln laffen, einleuchten, daß die nationalliberale Partei die schützende und führende Macht des kleinen Besitzes sei.

** Zur Stadtverordneteuwahl. Inwieweit eine große Stimmenzersplitterung geeignet ist, daS gewünschte Resultat einer Wahl zu beeinfluffen, daS hat sich bei der Stadtverordnetenwahl am SamStag wieder gezeigt. Außer den gestern mitgetheilten Namen der Gewählten und einer Anzahl mit größerer Stimmenzahl bedachter Candidaten wurden noch auf 86 Namen im Ganzen ca. 200 Stimmen abgegeben. Rechnet man hierzu noch Diejenigen, deren auf sie gefallene Stimmen für ungültig erklärt wurden, so kommen weit über 120 Candidaten heraus. Unter den mit den wenigsten StimmenGewählten" wurden die meisten mit einer Stimme ausgezeichnet. Wir verzichten darauf, die Namen derselben hier aufzuführen, weil es uns zu lächer­lich erscheint. Die Wähler sollten aber in Zukunft bedenken, caß sie der Stadt und den wirklich ernst zu nehmenden Candidaten einen schlechten Dienst erweisen und das Wahl­geschäft erschweren.

* Die General-Versammlung deS Verbandes der freisinnigen Volkspartei für Oberhesiea, deren Abhaltung gegen Ende dieses Monats geplant war, findet Anfangs December statt. Ein hervorragender Parlamentarier hat zugesagt, das Referat zu Übernehmen.

* * Fahuenschleife. Gelegentlich seines am 17. November stattgehabten 10jährigen Stiftungsfestes wurde dem Männer-Turnverein von Seiten seiner Frauen und Jungfrauen eine Fahnenschleife und Schärpe mit Widmung überreicht, welche im Stickerei-Geschäft von I. H. Fuhr in der Sonnenstraße angefertigt wurde. Die künstlertsch aus- geführte Arbeit ist auf einige Tage in den Schaufenstern daselbst ausgestellt.

* * Literatur. Unter den Erscheinungen, die während der Wochen vor dem Weihnachtsfeste dem Publikum behufs Auswahl paffender Geschenke geboten werden, nehmen die Bücher-Kataloge die erste Stelle ein. Immer reich­haltiger gestaltet sich von Jahr zu Jahr deren Inhalt, so daß cS schwer werden würde, das Richtige zu finden, wenn dem Leser nicht durch sorgfältige Orcnung und Eintheilung der einzelnen Gebiete, über welche sich die Weihnachtöliteratur bewegt, die Wahl erleichtert würde. Einen hübschen, inhalt­reichen und zuverlässigen Wegweiser durch daS große Gebiet der Literatur und Kunst bietet auch wiederum der soeben von der UniversitätS-Buch« und Kunsthandlung FreeS LTaschL hier, Seltersweg 52, herauSgegebene Weihnacht- Katalog. Derselbe sei Allen, welche mir irgend einem Angebinde in Form eines guten Buches, Pracht- oder Kunstwerke- ihre Angehörigen erfreuen wollen, hiermit besten» empfohlen.

* * Bade- und Wafcheiurichtunge» für Arbeiter. An­schließend an unsere vorgestrige Notiz über die Wa sch­und Badeeinrichtung der Actienbrauerei hier, fügen wir noch hinzu, daß dieselbe von der hiesigen Firma H. Sch affst aedt und nach deren System au-geführt wurde. ES dürfte vielleicht für manchen unserer Leser von Jntereffe sein zu erfahren, daß vorgenannte Firma auch die Bade- und Wascheinrichtungen auf den meisten Schiffen der Katserl. deutschen Marine geliefert und eingerichtet hat. ES befinden üch auf einem Kriegsschiffe ca. 6 bis 8 Bäder für die Offiziere und Maschinisten, darunter stet» einige, für die höheren Chargen, in feinster Ausstattung, für die Mann­schaften sind 10, 12 und mehr Brausebäder je nach Größe de» Schiffes vorgesehen. Alle Einrichtungen sind mit, dem Firmainhaber patentirten Apparaten ausgerüstet. Auch die Schiffe des Norddeutschen Lloyd und vieler anderen Schiff- sahrtsgrsrllschasten sind mit Schoffftaedt'schen Apparaten ver­sehen und wurden neuerdings für die sechs neuen Dampfer, welche der Lloyd bauen läßt, wieder 90 Apparate für Wannen und Brausen in Auftrag gegeben. Aber auch zu Land hat die Firma gute Erfolge zu verzeichnen. Die Volksbäder der Städte Breslau, Posen. Duisburg mit zwei Anlagen, die Umänderung des Hohenstaufenbades in Köln, theilweile Umänderung und Lieferungen für die Schwimm- bäder in Hamburg, Wiesbaden, Erfurt und Homburg v. d. H. und andere mehr, über 100 größere und kleinere Arbeiter- braufebäder (Krupp in Effen 400 Brausebäder), und ca. 4000 Stnzelopparate sind in den letzten Jahren au» der Werkstätte genannter Firma hervorgegangen. Wir freuen un», daß unsere heimische Industrie auch noch außen hin die ent­

sprechende Bedeutung erlangt und wünschen der Firma H. Sch aff st aedt, die auS kleinem Betrieb sich so empor- gearbeitet hat, auch für die Zukunft beste Erfolge.

Tuberknlin-Zmpfnog. Don den Gemeinden deS Kreises Gießen hat Großen-Linden die von Herrn Profeffor Pflug gelegentlich eines DortrageS im Landwirthschaftlichen BezirkSvereiu Gießen empfohlene Tuberkulin-Impfung zur Ermittelung der Perlsucht beim Rindvieh zuerst bei ihren vier Bullen vornehmen laffen. Drei der Thiere erwiesen sich als gesund, daS vierte zeigte nach der Jnjection die Symp­tome der Tuberkulose und ergab die Schlachtung diese- Ballen Tuberkelbacillen im höchsten Maße.

** Tie uniformirte» Gerichtsvollzieher. Da- seit voriger Woche beobachtete Erscheinen der Gerichtsvollzieher in Uniform beruht auf einer Verfügung deS Großh. Ministeriums deS Innern und der Justiz an die Landgerichte zu Darmstadt, Mainz und Gießen. Darin werden die Landgerichte auf- gefordert, die Gerichtsvollzieher daran zu mahnen, daß sie laut bestehender gesetzlicher Vorschrift verpflichtet find, bei allen ihren Amtshandlungen die Uniform zu tragen. Die Landgerichtspräsidenten haben felbstverständlich den erhaltenen Auftrag au-geführt und ist den Gerichtsvollziehern die Ver­fügung zugestellt worden. Die Ursache dieser plötzlichen Maßregel soll, wie Mainzer Blätter melden, in Oberheffen zu suchen sein, woselbst in Altenstadt der dort amtirende Gerichtsvollzieher Kaiser einem biederen Bewohner eine gericht­liche Zustellung gebracht hat, ohne sich dabei in Uniform zu befinden, worüber sich dieser beim Landgericht in Gießen beschwerte.

JJ Hungen, 20. November. Heute hat die unter Vorsitz deS Oeconomen v. Oven gegründete Dampfmolkerei- Genossenschaft Hungen ihren Betrieb eröffnet.

Bad-Nauheim, 18. November. Heute wurde daS renom- mtrte, vornehmlich von Ausländern besuchte HotelZum Kaiserhos" mit Inventar zum ansehnlichen Preise von 585,000 Mk. an die Herren Ferd. Hch. Aug. Hillengaß und Joh. Hch. Chr. Lemke auS Frankfurt a. M. ver­kauft. Die Weine und Spirituosen werden zum Einkaufs­preise extra übernommen. Der Verkäufer, Herr Ludw. Conr. Theobald, war früher Theilhaber deS wohl­bekanntenHotel Trapp" in Friedberg, hat vor neun Jahren das hiesige Anwesen neu erbaut und durch spätere Erweite­rungsbauten und comfortable neue Einrichtungen zu einem wohlverdienten Renomms bet dem feineren Publikum ge­bracht. Darmst. Ztg.

R. Reichelsheim, 20. November. Einen schönen Zug von Bürgersinn und Nachbarhülfe haben die Einwohner unseres OrteS dem Abgebrannten Wagner Schnell dahier, welcher nicht versichert war und sein Geschäft noch nicht lange angefangen hat, bewiesen. Sie ließen eine Liste unter sich circuliren, in welcher um Beiträge für den Brand­beschädigten gebeten wurde. Binnen wenigen Tagen waren nicht bloß über vierhundert Mark an baarem Gelde bei­sammen, sondern auch Naturalien für den HavS- und Bteh- ftand und Materialien für daS Wiederaufnehmen des Wagner- geschäfteS wurden eifrig gespendet. Jntereffant ist e» zu sehen, waS für Vortheile den FeuerversicherungS-Gesellschasten durch einen kleinen Brand erwachsen. Wenigstens zehn bis zwölf Mobiliarversicherungen sind in den letzten Ta^en mit verschiedenen Feuerversicherungs-Gesellschaften bei uns ab­geschloffen worden, denn wir haben^etwa ein halbes Dutzend Agenten an unserem Platze. Mehr und mehr dringt aber doch die Ansicht durch, es möchte eine staatliche Mobiliar- Versicherung mit BeitrittSzwang geschaffen werden, wie bei den Immobilien auch der Fall ist. Der Staat braucht keine fette Dividende herauSzuschlagen, er könnte dccher die billigsten Eintrittßbedingungen und die niedrigsten Beiträge bewilligen.

M.W. AuS der mittleren Mettnau, 20. November. U.iter dem Hausgeflügel, in erster Linie unter den Hühnern, tritt gegenwärtig an vielen Otten eine Plage auf, welche mit dem NamenPips" bezetchnet zu werden pflegt. Die Hühner haben in der Regel mit Athemnoth zu kämpfen und stoßen daher von Zeit zu Zeit einen Schrei aus, als wollten sie krähen. Dabei fließt ihnen eine schleimartige Flüssigkeit aus Schnabel und Nasenlöchern, und die Zunge, besonders die Zungenspitze, belegt sich nach und nach mit einer hornartigen Haut, welche daß Aufnehmen von Futter sehr erschwert. Dieses liebel endigt nicht selten mit dem Tode des davon befallenen ThiereS. Die Ursache deß Pipses ist zunächst der Mangel an gutem, reinem Trinkwaffer. Da der Sommer und der Herbst sehr trocken und heiß waren, wurden die Trinkgesäße und Wafferrinnen, auS denen daS Geflügel seinen Durst löschte, in der Regel sehr rasch leer und daß Geflügel sah man häufig an Pfützen und schmutzigen Tümpeln gierig nach Labung suchen. Reinliche» Trinkwaffer ist für alle Haußthiere ohne jede Außnahme eine unerläßliche Bedingung für ein fröhliche» Gedeihen. Man soll daher den Hühnern kein Trinkwaffer in hölzernen Gefäßen reichen, weil Letztere an heißen Tagen leicht faulige, saure Gährung erzeugen, trotz großer Vorficht und Reinlichkeit. Ferner soll man die Hühner nicht zu sehr mit neuem Getreide, heißem Weichfutter und heißen Kartoffeln ober frischem Brote füttern, denn diese Nahrungßmittel befördern die Entstehung deß Pipseß. Wie der letztere von der Zungenspitze entfernt wirb, ist be­kannt. Manche Leute glauben dem Geflügel dadurch die Athemnoth zu beseitigen, daß fie eine feine Feder durch die Nasenlöcher der erkrankten Hühner schieben und diese Feder zuweilen hin- und herziehen. Da» nützt aber gar nicht», sondern vermehrt noch daß Unbehagen der erkrankten Thiere, weßhalb vor dieser zwecklosen Operation gewarnt wird.

An» dem Rodgan, 19. November. Daß man da» lästigste unserer Unkräuter, die Quecke auch al» Futtermittel gebraucht, dürfte Vielen unbekannt fein. In unsrer Gegend wird eS alß Verschwendung angesehen, die Quecken zu ver­brennen- dieselben werden vielmehr durch Waschen von der anhaftenden Erde befreit und gefüttert. Häufiger findet mau

die Verwendung der Quecke als Düngemittel und zwar im Compost, denn ist durch chemische Untersuchung festgestrllt, daß 100 Pfund lufttrockene Quecken 1,28 Pfund Stickstoff enthalten. Ebenso gibt baß sogen. Kartoffelkraut wegen feine» bedeutenden KaligehalttS ein vorzügliche» Dünge­mittel ab. Gewöhnlich wird in unsrer Gegend da» Kartoffel­kraut auf die Wiesen ausgebreitet. Da» Kali wird durch die Feuchtigkeit der Wiesen während de» Winter» auSgebetzr und dem Boden zngesührt. Im Frühjahr wird da» Kram abgerecht und auf den Composthanfen geworfen. Dmstr. Z g.

A AuS dem Kreise Alsfeld, 20. November. Die geradezu sommerliche Temperatur diese» Spätherbstes bringt in der Pflanzenwelt Erscheinungen zu Tage, die um dieses Zeit zu den Seltenheiten gehören. An den Rosenstöckcnf findet man neben frisch treibenden Knospen vollblühende Rosen. Blühende Zweige an den Aepselbäumen bemerkt man sehr häufig. Auch Blumen im Garten haben ihre BlÜthenkelche erschlaffen, andere treiben frische Blätter. Die Wiesengründe zeigen ein nur im Frühling gewohnte» Grün, Dazu prangen die Wmtersaaifelder in einem so üppige, Wachsthnm, daß man wirklich vergißt, daß wir schon so nahe dem Weihnachtsfest zugerückt find.

Aus dem Kreise efibfugte, 20. November. Wa» e» auf sich hat, eine einfachel" unbefugter Weife an eine Stelle zu setzen, wohin sie nicht gehört, mußte eine Frcu auß einem Dorfe unsere» Kreise» zu ihrem schweren Schaden erfahren. Dieselbe hatte einem Rechner eineß Fondß ie einem Städtchen de» Kreise» eine Abschlagszahlung geleistet. Al» nun der Restbetrag angefordert wurde, erschien fie mit der Quittung der Abschlagszahlung, die 6 Mk. und etliche Pfennige betragen hatte aber vor der 6 war eine ,\e erwachsen, so daß fie 16 Mk. bezahlt haben wollte. Ab­gesehen davon, daß nunmehr die überhaupt geschuldete Summe nicht stimmte, wie» der Rechner, der jeden Abend Kaffensturz macht und auch wegen seiner Pünktlichkeit schon wiederholt Belohnungen der Behörden erhalten hat, nur Hinweis auf die Kassenbücher die Frau ab. Ehe er selbst noch der Sache nähertreten konnte, hatte ihn die Frau scholl verklagt. Nunmehr machte der Rechner die Sache anhängig und erhielt die Frau für ihre unbefugte1" fech» Monate Gefängniß und die Kosten. Erschwerend war, daß dieselbe Frau nachträglich von einer Fristertheiluug der Großherzogl- Bürgermeisterei ihre» Ortes, unter welcher die Dauer der Frist als Nachschrift angefügt war, solche Nachschrift mit der Scheere abgetrennt und somit unbestimmte Frist sich gemach, hatte. Don Zuchthau-ftrafe war mit Rücksicht auf den ge­ringen Betrag abgesehen worden.

Worms. 20. November. In der Nacht von Sam-tag auf Sonntag haben sich der Zuschneider Otto und deffen Frau in ihrer Wohnung in fitzender Stellung an der Bett stelle erhängt. Die Ceberßmü'en hatten sich erst im Laufe deß Jahres verheirathet, der Mann wurde von einem Lungenleiden befallen, daß rasch seine Kräfte aufzehrte. Die Eheleute beschloffen deßhalb, gemeinsam zu sterben, und führten diesen Vorsatz auß, nachdem sie ihre Hochzeitskleider angelegt und auf dem Tische der Wohnung einen Zettel mit der Auf'christ niedergelegt hatten:Da wir im Leben nicht vereint, bleiben können, wollen wir im Tode sein."

* Berlin. 18. November. Wegen Mi ßhand lang von Untergebenen find hier vor Kurzem zwei Unter« osfiziere deß Kaiser Alexander-Garde Grenadier Regiment» be­straft worden. Der eine hatte einen Gefreiten außer Dienst geschlagen und hat deßhalb 4 Wochen und 2 Tage Mittel­arrest erhalten. Der andere erhielt 8 Wochen G'.fängniß, weil er während deß Dienste» einen Grenadier nicht nur geschlagen, sondern diesem auch noch mit der Fußspitze vo> hinten gegen die Beine einen solchen Stoß versetzt hat, baj der Mann dadurch cu en unheilbaren Krampsaderbrvch erlitt.

* Don den Beziehungen der Deutschen Vereine »om Rothen Kreuz zur focialpolitischen Gesetzgebung handelt ein längerer, mit warmer Empfindung und tiefgehendem Vcr stündniß geschriebener Aufsatz von Stabsarzt Dr. Pann - witz in Nr. 21 der ZeitschriftDa» Rothe Kreuz". Der beim Reichßgesundheitßamt beschäftigte Berfaffer, welcher al» Vorstandsmitglied beß Hauptvorstandes vom Vaterländischem Frauenverein über die Thätigkeit der zahlreichen Vereine wohl ein Urtheil zu fällen im Stande ist, weist darauf hin, daß sich gerade jetzt im Jubiläumsjahre im weiteren Ausbau der ArbeiterverficherungS - Gesetzgebung zwei Bedürfniffe geltend machen, bei deren Befriedigung anerkanntermaße» die Mitwirkung privater Kreise durchaus unentbehrlich ist. ES ist die» die Organisation einer sachgemäßen ersten Hilfe bei Unfällen, und die Begründung von DolkSheilstätten für Lungenkranke. Sowohl die BerufSgenoffenschaften alß auch die Versicherungsanstalten, also die auSsuhrenden Organe beß Unfall- und de» Invalidität»- und Alter-verficherung»- Gesetze» haben durch vorläufige Versuche festgestellt, baß durch eine frühzeitige, zweckmäßige Behandlung ihrer ge­fährdeten Versicherten große Rentenersparniffe erz eit werben können, ganz ungerechnet zunächst ben großen humanen und socialen Gesichtspunkt, daß die Betroffenen wieber arbeits­fähig werden, anstatt als kleine, vielfach unzufriebene Renten' empfanget ihrer Familie zur Last zu liegen. Da nun eine wohlorgauifirte Mitarbeit private' Hilfskräfte die behördlicher ffitß zu erzielenden Vortheile nicht bloß erheblich vermehren^ sondern erst zur vollen Geltung und dadurch auch die Seg­nungen der ArbeiterverficherungS-Gesetzgebung erst in weitesten Kreisen zur richtigen Würdigung und Anerkennung bringen würde, so hält Verfasser die vereine vom Rothen Kreuz, weil sie seit langem über daß ganze Reich verbreitet enb wohlorganisirt sind, vor anderen für berufen, sich in den Dienst dieser socialpolitischen Arbeit zu stellen. Während die Leistung der ersten Hilfe bei Unfällen schon jetzt vielfach eine Ausgabe der Santtätßcolonnen vom Rothen Kreuz ist und die gedachte Organisation im Anschluß an die Beruf»-