nach dem Gesetze deS Canton», wo er wohnt, nicht vom Stimmrecht ausgeschlossen ist. Gewählt werden in den Natioualrath kann jeder stimmberechtigte Schweizerbürger weltlichen Standes, lieber die Schwelle des NationalrathS- saales dürfen sonach nicht treten die Geistlichen. Diese Beschränkung richtet sich zugestandenermaßen gegen den katholischen CleruS. Da die evangelischen Pfarrer ihr geistliches Amt leicht mit einer weltlichen Beschäftigung vertauschen können, wie denn frühere Pfarrer sowohl im Natioualrath als in der Bundesregierung sitzen, leiden sie weniger unter dem Ausschluß. Alle drei Jahre har der Nationalrath sich einer Gesammterneuerung zu unterziehen. Der National- rathSpräsident besitzt, gleich dem StänderathSpräfidenten, keine besondere politische Stellung, er besorgt lediglich die Geschäfts- leitung, gibt bei Stimmengleichheit den sogenannten Stich- entscheid und vertritt den Rath bei Nationalisten und ähnlichen Feierlichkeiten.
Der Ständerath (Conseil des Etats) besteht aus 44 Abgeordneten der Cantone. Jeder Canton wählt zwei Abgeordnete, jeder Halbcanton einen. Die Wahlen erfolgen in einem (Santon durch Volksabstimmung, in einem andern durch die Landsgemeinde, anderswo durch das cantonale Parlament (CantonSrath, Großer Rath). Mit der Wahlart, ebenso mit der Amtsdauer usw., können die Cantone eS halten, wie sie wollen, da die Bundesverfassung es leider unterlassen hat, sür den Ständerath einheitliche Vorschriften aufzustellen. Geistliche könnten die Cantone in den Ständerath wählen, dies kam jedoch seit 1848 bis heute nicht vor.
Der unlogischen Einfügung deS StänderatheS in den Centralstaat entspricht eß, daß nicht der Bund, sondern die Cantone den Mitgliedern dieser Kammer die SitzungSgelder entrichten, und doch arbeitet der Ständerath für die Eid- genosienschast. Während im deutschen BundeSrath, der eine gereifte Ähnlichkeit mit dem schreeizerischrn Ständerath hat, die Einzelstaaten im Derhältniß ihrer Größe zur Geltung gelangen, hat der (Santon Zug mit 23 000 Einwohnern im Ständerath so viel zu bedeuten, wie Bern mit 536 000 Einwohnern.
Den Ständerathsverhandlungen fehlt Schwung und Leben. Tin frischer, lebendiger VolkShauch geht hingegen durch die Debatten deS Na.ionalrathes. Da ist Haß und Leidenschaft, man steht und hört die politischen und confessionellen Gegensätze aufeinander prallen. Die politischen Notabilitäten gehören vorzugsweise dem Nationalrath an.
Die Verhandlungen in beiden Kammern gestalten fich interessant, doch auch schwierig und schleppend dadurch, daß aus den RathSsesseln Schweizer deutscher, sranzösischer und italienischer Zunge sitzen. Ausdrücklich erkennt die Bundesverfassung daS Deutsche, Französische und Italienische als Nationalsprachen an. Die Tessiner bedienen sich selten deS weichen httmathlichen Italienisch, weil die Großzahl der Deutschschweizer daS Italienische nicht versteht. Sie drücken sich in dem fast allen Deutschschweizern geläusigen Französisch auS. Während in einzelnen cantonalen Parlamenten, so im Berner Cantonrath, noch daS tägliche „Schwyzerdütsch" Amtssprache ist, drücken sich die Deutschschweizer in den eidgenössischen Kammern schriftdeutsch auS, wobei sreilich all die Besonderheiten der cantonalen Dialecte durchklingen.
Tine Rednerbühne würde man im schweizerischen Parlament vergebens suchen. Die Abgeordneten sprechen von ihren Sitzen auS und zwar stehend im Nationalrath, sitzend im Ständerath. DaS Ablesen der Reden ist im Nationalrath ausdrücklich verboten. Auch im schweizerischen Parlament steht Dielreden an der Tagesordnung. Als einmal im Nationalrath ein untergeordnetes Wahlgeschäft in vielen Reden behandelt wurde, erklärte der Präsident: „Meine Herren,
strebungen nach diesem Ziele werden ihm um so leichter gemacht, als auch die abendländische Welt durch die gesammt- europäische Litteratur, insbesondere durch d e Schriften deS Philosophen Schopenhauer für seine Aufnahme nicht ganz unvorbereitet ist. In der neueren Zeit ist aber noch ganz besonders durch ein stark mystisch angehauchte Russin, Frau Blawatsky, eine großartige Organisation, unter dem Namen „theosophische Gesellschaft" zur Verbreitung der buddhistischen Lehren inS Leben gerufen worden, die ihren Sitz in Madras hat und Verbindungen über den ganzen Erdball unterhält, die tief in die gebildeten Kreise sämmtlicher Culturnationen hineinreichen. Auch auf dem, mit der 1893er Weltausstellung in Chicago verbundenen Religionscongreß, der von mehr als 1000 Theosophen aus allen Tbeilen der Erde besucht war, erregte der Buddhismus die meiste Hochachtung und Bewunderung. In Europa besteht bereits eine Secte, die sich die der „christlichen Buddhisten" nennt und in England und Frankreich zahlreich vertreten sein soll. DaS Journal des DobatS gab ihre Zahl allein In Paris schon im Jahre 1890 auf 30,000 an. Auch in Deutschland besitzt der Buddhismus zahlreiche Verehrer, wenn sie auch gerade noch keine Fühlung unter sich genommen haben.
Zunächst dürfte sich der Anp all der buddhistischen Wellenschläge gegen Rußland richten, baß mit einem Drittel seiner Grenze in Süd und Ost die ostasiatischen Länder berührt. Ob nun Rußland mit seinen 60 Nationalitäten auf die Dauer dem Vordringen deS Buddhismus gewachsen Ist, erscheint zur Zeit nicht wahrscheinlich, da in den höheren russischen GesellschastSschichten der Nihilismus mit dem dogmatischen Theil deS ChristrnthumS schon längst tabula rasa gemacht hat und die niedere Bevölkerung jeder Religionsschwärmerei zugänglich ist- dazu kommt noch, daß die mongolische Bevölkerrng Rußlands ohnehin nach Ostasien gravitirt. Schreitet aber der Buddhismus im Laufe der Jahrhunderte siegreich über die russischen Ebenen, bann stehen ihm auch bie Thore znr Eroberung beS AbenblanbeS offen. Solche Wandlungen vollziehen sich nicht acut, denn in dem EntwickelungSgang der Völker und Raffen ist „Zeit" kein kostbares Gut. k.
wir müssen für heute abbrechen, eß sind noch siebzehn Redner eingeschrieben."
Vorsitzender im Nationalrath ist gegenwärtig der noch , junge, talentvolle Dr. jur. Brenner, Mitglied der Baßler Regierung. Den P äsidentenstuhl im Ständerath hat der Walliser StaatSrath de Torrentö von Sitten inne.
Don Abgeordneten, die sich als Parteiführer ober Redner Hervorthun, find eine ganze Reihe zu nennen. Ein gediegener und geistreicher Redner und feingebildeter Schriststeller, dazu ein Mann von verbindlichen Umgangsformen ist Th. Curti, RegierungSrath in St. Gallen, früher Redacteur der „Frank- furter Zeitung" und der „Züricher Post". An Schlagfertigkeit und Schneidigkeit, an Wärme und Kraft der Ausführung kommt wohl in der Bundesversammlung kein zweiter dem zürcherischen Abgeordneten Dr. L. Forrer von Winterthur gleich, der erst kürzlich mit Auszeichnung dem Nationalrath prästdirt hat. Forrer zählt zu den besten Rechtsanwälten der Schweiz und glänzt namentlich als Vertheidiger in Criminalsachen. In dem grundgescheiten H. Häberlin, Mitglied der thurgauischen Regierung zu Frauenfeld, tritt uns ein Parlamentarier entgegen, der mit echt schweizerischer Derbheit in bie Debatten greift ohne viele Worte, immer geradeaus geht unter Vermeidung aller Ränke und Redeblumen. Energisches, entschlossenes Wesen kennzeichnen in Rede und Handlung den Berner Stadtpräsidenten, Nationalrath Müller. Die Lebhaftigkeit und Beweglichkeit des Franzosen zeigt der beredte genferische Abgeordnete Favon, der in Genf die radikale Zeitung „Genevois" herauSgibt. Die genannten fünf Herren gehören politisch zur Linken. Gemessen, rein sachlich, vornehm schlicht ist die Art deS Abgeordneten Cramer Frey von Zürich, der, eine Autorität in commerciellen Fragen, als Delegirter der Schweizer Bundesregierung die Handelsverträge mit Deutschland, Defterretd) Ungarn und Italien vereinbarte. Einen Hauptplatz in der katholischen Fraktion nimmt der junge, feurige Nationalrath Dr. phil. DecurtlnS von Truns (Graubünden) ein. Als Sprecher ist Decurtins agitatorisch. Die katholische Kirche besitzt an ihm einen ergebenen, warm- blüttgen Diener.
Die Aufmerksamkeit läßt auch im schweizerischen Parlament manchmal zu wünschen. Hier sieht man einen Abgeordneten in sein Leibblatt vertieft, dort schreibt ein vielgesuchter Rechts anwalt an einer voluminösen Proceßschrtft ober gibt zugereisten Clienten Audienz, ein Fabrikant besorgt seine tägliche Ge- schäftScorrespondenz, Andere plaudern und geftikuliren gruppen- weise in den Wandelgängen und Vorzimmern ober verbringen, wenn bie Verhandlungen gar zu langweilig sind, ein halbes Stündchen beim Frühschoppen außerhalb deS Hauses.
Die Abgeordneten beider Kammern kleiden sich dunkel- vorgeschrieben ist schwarze Kleidung, indessen halten sich nur wenige strikte an diese Vorschrift. Als einst an einem heilen Junitage ein Ständerathsmitglied im Hellen Sommeranzug erschien, schickte ihn der Vorsitzende fort unter Hinweisung auf das Reglement.
Im Gegensatz zu den Mitgliedern deS deutschen Reichstags beziehen die beß schweizerischen NationalrathS ein Taggeld von 20 (früher 12) Franken. Die Verhandlungen beginnen jeden Tag mit dem Namenßaufruf der Abgeordneten. Wer zu spät kommt, der meldet sich beim Protokollführer an und daß Taggeld ist ihm dann ebenso gesichert, wie wenn er beim Namensaufruf sein „hier", „present“ oder „presente* erwidert hätte.
In beiden Räthen pflegen die Verhandlungen, auch beim scharfen Zusammenstößen der Parteigegensätze, einen ruhigen, würdigen Gang zu nehmen. Zwischenrufe ober Unterbrechungen eines Sprechers sind wunderselten. Schreien, Brüllen, Stampfen gibt es im Schweizer Parlament schon gar nicht. Dieselbe Ruhe herrscht auf den Zuhörertribünen, und die öffentliche Meinung verurtheilte eß allgemein und rücksichtslos als letzten Winter zum Zeichen der Mißbilligung eines Wahlergebnisses auf den Natlonalrathstribünen von ein paar jungen Leuten gepsiffen wurde.
Stenographirt werden die Reden amtlich nur, wenn die Kammer es beschließt, der die erste Berathung eine» Traktan- bums obliegt.
Zu einem Parlament nrt dem Namen „Vereinigte Bundesversammlung" schließen Nationalrath und Ständerath sich zusammen, wenn eß sich um die Ausübung des Begnadigungsrechte-, um Entscheidung von Competenzconflicten zwischen Bundesbehörden, sowie um die Wahl deS BundeS- ratheS, Bundesgerichts, Bundeskanzlers (der keine politische Stellung genießt) und beß Generals ber schweizerischen Armee handelt.
In der schweizerischen BundeSoersammlung sehen wir drei Parteien: die Linke ob r radikale demokratische Gruppe, baß Centrum, die Rechte ober katholische Fraktion. Eine socialdemokratische Gruppe gibt eß bi» jetzt nicht. Die Linke, im Großen und Ganzen centralistisch gesinnt, ist stärker alß die Rechte und baß Centrum zusammen. Die Rechte hält zähe fest an ber Cantonalsouveränetät und tritt ber Erweiterung der BundeScompetenzen grundsätzlich in den Weg. In entscheidenden politischen Fragen dreht sich daß Centrum, ein kleines Grüppchen von conservativen und liberalen Protestanten, meist zur Linken. Durch Einführung der sogenannten DolkSrechte In den BunbeSorganlSmuS wurde baß Schwergewicht der eidgenössischen Politik unmittelbar in die DolkSmafte verlegt.
Vermischtes.
• Hanau, 16. Januar. In vergangener Nacht sind aus dem hiesigen Gesängniß vier gefährliche Verbrecher entkommen. Dieselben wurdcn aber bald wieder eingefangen.
* Biedenkopf, 14. Januar. In ber am 12. Januar in Wiesbaden stattgefundenen Sitzung beß Verein» Nass. Lanb- und Forstwlrthe ist auf Vorschlag be» Vorsitzenden de» ersten landwinhschaftlichen BezirkSvereinS (Biedenkopf), Herrn Landrath von Heimburg, als Ort zur Abhaltung der diesjährigen Generalversammlung de» Verein» Biedenkopf
bestimmt worden. Außerdem hatten sich nm diese Ehre noch Weilburg und Dillenburg beworben.
♦ Ter geheizte Korb ist die neueste Errungenschast einer findigen Arbeiterfrau in Berlin. Sie war die einzige der vielen Ehehälften, welche trotz eine» dreiviertelstündigen Wege» ihrem Eheherrn baß Mittagessen stet» dampfend zur Stelle brachte, während die der Arbeitsstätte ihrer Männer näher wohnenden Frauen trotz Wolltücher und anderer Dor- richtungen e» nicht verhindern konnten, daß die kalte Luft das Essen abkühlte. Von den anderen Mitlagträgerinnen befragt, was eS denn mit ihrem „warmen Gehetmniß" auf sich habe, erklärte die geniale Frau, daß sie einen Ziegelstein auf dem Herde stark erwärme, denselben, um eine Beschädigung deS Korbes zu verhüten, mit Papier umhülle und bann bie heiße Speise auf den Ziegelstein stelle, ein wollene» Tuch darüber decke und e» dadurch erreiche, daß da» Essen sich über eine Stunde warm erhalten lasse. Andere Arbeiter» freuen erprobten diese Methode und fanden sie sehr praktisch.
* Zum Alter der Nähmaschine theilt die „N. Fr. Pr." mit, daß schon zu Beginn deS 19. Jahrhundert» Versuche gemacht wurden, Nähmaschinen zu conftrulren, und der Wiener Schneidermeister Madersperger, welcher sich seit 1807 damit beschäftigte, erzielte schon im Jahre 1814 einen Erfolg, indem er mit dem bi» dahin festgehaltenen Principe, die Bewegungen beim Handnähen möglichst getreu durch eine mechanische Hand nachzuahmen, brach und zur Bildung des Stiches ein Princip annahm, baß mit bem heutigen bereitß wesentlich übereinstimmte. Die Kettenftichmaschine, die Th im o unter im Jahre 1829 erfand, gewann schon einige Verbreitung, und mit Ersolg wurde die Nähmaschine in England durch einen gewissen Thomas eingebürgert, nachdem Elias Howe im Jahre 1846 bie Maschine con- ftruirt hatte, welche ben Dvppelftich näht. Gleichzeitig begannen amerikanische Fabrikanten die Maschine nachzubauen und verschafften ihr eine rasche Verbreitung.
* Eine Biebeßtragobie. Daß berühmte Genrebild von den zusawmengedundenen Brautleuten, welche fich in» Meer stürzen, macht in der Selbstmordpraxiß sichtbar Schule. Nachdem erst unlängst ein unglückliches Liebespaar au» dem Rheine gefischt worden, hat man jetzt ein andere» in ben Fluthen de» Arno gefunden. Daß kaum 15 Jahre alte Mädchen, Mitglied einer Operettengesellschaft, war noch im Tode bildschön. Viele Zuschauer meinten, alß man sie un- weit der Fundstelle in Florenz aufbahrte. Wie fich herausgestellt hat, war baß lange Band, mit welchem sie unb ihr Geliebter gefesselt waren, von der jugendlichen Selbstmörderin vorher eigen» mit den Worten bestickt worden: „A rividcrci lä sü!* (Auf Wiedersehen dort oben).
• Die großen Wohlthäter der Anwälte. Der Recht»- Professor Wood in Edinburg erzählte seinen Studenten, bet einem Essen englischer Rechtsanwälte sei der ältefie Anwalt aufgefordert worden, einen Toast auf die größten Wohlthäter der Profession außzubringen. Er habe sich erhoben und ohne Zögern also gesprochen: „Meine Herren, füllen Sie Ihre Gläser! Eß gilt den Leuten, die ihr Testament allein machen!"
♦ Lebensmittelpolizei. Ein Specereihändler bezog von der Firma Maggi Suppenwürze und zwar sowohl in kleinen Fläschchen zum direkten Weiterverkauf, alß auch in größeren Flaschen, um die leeren Ortgtnalfläschchen ber Kunden nachzufüllen. Im Herbst 1894 wollte dieser Specerei- Händler einen Versuch machen mit dem Product einer Con- currknzfirma und bezog davon 2 Flaschen. Da aber die Kunden reclamirten, baß Fabrikat set trübe und nicht so kräftig wie Maggt'ß Suppenwürze, kam der Händler auf die Idee, die leeren Maggtfläschchen der Kunden, statt mit Maggi'» Suppenwürze, mit diesem fremden Fabrikate nach- zusüllen und demselben so mit der wissentlich unwahren Vorgabe, (ß sei Maggi ß Suppenwürze, Absatz zu verschaffen. Während ber Angeklagte nachweisen konnte, daß daß fremde Product nicht billiger ist alß Maggl'ß Suppenwürze, somit ein pecuntärer Bortheil ihm nicht erwachsen sei, conftatirte die erhobene Expertise, daß da» Concurrenzproduct um einen Drittthell weniger Gehalt aufweift alß Maggi'ß Suppenwürze. Der Angeklagte wurde am 22. December vom Gericht zu Buße, zu ben Kosten ^inb einer Proceß - Entschädigung verurtheilt.
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Zur Anfertigung iller im Geschäfte- and Privat -Verkehr gebräuchlichen
empfiehlt eich die
Dritte Drittem
Schuletraese 7.


