Ausgabe 
19.11.1895 Erstes Blatt
 
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Tienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Gr Herzog haben Allergnädigst geruht, am 16. l. MtS. den Hauptsteueramtsassistenten bei dem Hauptfteueramte Offen­bach Hermann Marchand znm DistrictS - Einnehmer der DistrictS-Einnehmerei Ortenberg zu ervennen, lorott den DistrictS-Einnehmer der DiftrictS-Einnehmeret Babenhausen Johann Philipp Dieter in gleicher Dienfteigenschaft tn die DistrictS - Einnehmerei Treis an der Lumda zu ver­setzen und die Fioanzaspiranten Hein rtch Dörr auS AlSbach und Heinrich Krug aus Schwarz, sowie den Sreuerassessor David MeeS aus Mainz zu Hauptsteueramtsassistenten bei den Hauptsteuerämtern Mainz, beziehungsweise Offenbach zu ernennen.

Dresdener Kesammt Vorstellungen. Wir machen unsere Leser nochmals auf das morgen stattfindende Gast­spiel der Dresdener Gäste aufmerksam, die sich im Sturme die Herzen unseres Publikums eroberten. DaS reizende LustspielDie berühmte Frau" in solch vollendeter Besetzung zu sehen wird wohl kaum Jemand zögern. BonS je 4 Stück oder mehr werden bis zum Abend der ersten Vorstellung in Herrn Ernst ChallierS Mufikalten- Handlung abgegeben, und findet der BonS-Umtausch und Billetverkauf ebendaselbst bis zum Abend und an der Abend­kaffe von 7 Mr statt. Am Donnerstag gelangt dann ScribeS seines LustspielEin GlaS Wasser" mit Frau Rinald Pauly, Herrn Rinald und Herrn WesselS zu überaus glänzender Darstellung.

Gießener Knustvereiu. Ein reges Leben herrscht gegenwärtig in den Räumen unseres KunstvereinS. Der Zu­sammenfluh verschiedenartigster Talente, Richtungen und Motive bietet ein sarbenfroheS Ensemble, das dem Laien wie dem Kenner gleich ersreulich ist. Wenn wir unsere Wanderung durch den Saal antreten, in welchem eigentlich kein Bild ungünstig placirt erscheint, wo keine rücksichtsloseHänge- Commisfion" die Wirkung einer Arbeit beeinträchtigt, so müffen wir freilich unseren Lesern im Voraus erklären, daß wir auf eine deraillirte Besprechung deS Gebotenen verzichten, daß wir lediglich einen Totaleindruck im Auge haben und uns nur bei dem hervorstechend Characteristifchen aufhalten können. Landschaft, Vlumenstück, Stillleben, Portrait, sogar daS religiöse Bild ist vertreten. Letzteres wird repräsentirt durch eine ziemlich große Leinwand von Marie Kalkreutjh (Dachau)Jesus nimmt die Sünder an", die starke (Sm- pfindung mit technischem Können vereinigt. Im LaudschaftS' bilde ist vor allem zu nennen Feddersen mit seinemNord- f-ieflschen Dorf", daS die Beobachtungstreue der niederländi­schen Schule zeigt und außerdem durch die moderne bläuliche Behandlung deS Schattens interessiert. Der Motivkreis Christ. Mali's ist ja bekanntermaßen sehr klein, und nach Inhalt und Form völlig abgeschlossen, aber dennoch sieht man seine weidenden Kühe mit Fluß- und GebtrgSftaffage immer gerne, denn es liegt eine seine, dtScrete Stimmung über dem Ganzen. Unter den Studien und Bildern, die Otto Fritz ausgestellt, feffrlt uns hauptsächlich daSMädel mit den Gänsen". DaS wogende Aehrenseld mit den blauen und rorhen Wucher­blumen ist malerisch und poetisch zugleich empfunden. Durch seinen Ton und StimmungSgehalt zeichnen sich aus Kurt Finster'S (München)Abend", Motiv auS Schlesien, in welchem eine Windmühle in der Einsamkeit der Ebene wie ein großes Fragezeichen ausragt und Elise Eicken (Berlin) mit einemSchtlfuser" und einerFranzösischen Dorfstraße im Regen." Stillleben und Blumenstück von virtuoser Technik, prächtig im Aufbau und feinster Behandlung in den Ton- schattirungen hat Emmy Dingeldein (Gießen) geliefert. Von Helene Nagel (Berlin) schauen wir auch einige wirkungsvoll behandelte Blumenbilder. Flott gemalt ist besonders das Malvenbild. Im Porträt gebührt die Palme der Crelinger, die eineAlte Frau" und einJunges Mädchen" ausgestellt hat. Letzteres Bild besitzt dte Reize der Pastelltechnik. W. Barthel von Gießen, deffen große Bilder bereits entfernt sind, hat einige hübsch beobachtete Landschaftsmotive alsSommer" undHerbst" auszuwetsen, und Herr Architect Mülberger, gleichfalls von hier, hat sich mit einem sauber gearbeitetenStillleben" eingefunden. ImGenrebild" wären noch zu erwähnen Max Schaefer (Berlin) mit seiner hübschen IdylleKomm', komm'" (Groß­vater wink: seinem Enkel) und Theod. KleehaaS (Mün­chen) mit drei frisch empfundenen Miniatur-Bildchen.

* * Nationalliberaler Verein. Der nationalliberale verein veranstaltet tn diesem Winter eine Reihe von Vortrags­abenden in der RestaurationZum Andres", zu denen auch NichtvereinSmitglieder eingeführt werden können. Morgen, DienStag, Abends </t9 Uhr wird an dem ersten dieser Abende Herr Dr. Neßling überDie Social­demokratie und die Land wirthschäft" sprechen.

* Gustav Amberg, der bekannte und sehr berühmte Physiker, wird aus Anregung bei Kaufmännischen Vereins und deS OrtSgewerbevereinS Mittwoch den 20. d. M. Abends 8*/, Uhr im Festsaale deS Cafü Leib einen für Jedermann verständ­lichen physikalischenExperimental-Vortrag halten. Thema: Mechanische Wärme - Theorie; Erhaltung der Kraft. Herr Amberg hat derartige Vorträge schon seit einer Reihe von Jahren, insbesondere in verschiedenen Universitätsstädten gehalten und stehen ihm vortreffliche Zeugniffe von Profefforen von Hochschulen in großer Zahl zur Seite.

* *Räuber" Ludwig Becker auS Ruttershausen endlich eingesangeu. Durch die Thätigkeit deS Criminal-Schutzmann! Weiß zu Gießen unter Mithilse de! PolizeidtenerS Frank zu Friedberg gelang eS gestern, den lang gesuchten Becker sestzunehmen. Derselbe ist heute Mittag in daS hiesige Pro- vinzial-ArresthauS eingeliesert worden. Hoffentlich dient diel zur Beruhigung für die Bewohner Gießen! und Umgegend.

* * Festessen. Am Samstag Abend gab Herr Commerzien- rath Heichelheim seinen Beamten zur Feier der silbernen Hochzeit nachträglich ein Esten im HotelPrinz Carl." Die kleine Feier ist sehr animirt verlausen und hat Principal wie Gehülfen aus! Höchste befriedigt.

Sapitalrentenstener. Trotz de! rapiden Rückgang!

des Zinsfußes ist der Ertrag der Capitalrentensteuer 'm Großherzogryum Hessen in einer, wenn auch mäßigen, Zunahme begriffen. Ohne Aenderung deS StcuerauSschlagS- coeffizienten bat lr.D. Tgbl." diese Steuer erbracht in 189293: 389 044.66 Mk., in 189394: 401 459 Mk., in 189495: 408 325 Mk.

Zur staatlichen Biehverfichernug. Wie bereits ge meldet, richtet sich ein Antrag deS Abgeordneten Köhler auf Errichtung einer staatlich geleiteten z auf Gegenseitigkeit und Freiwilligleit des Beitritts beruhenben Landes- Diebversicherungsanstalt. Der Gesetzesentwurf wäre auf Grundlage deS entsprechenden bayerischen vom 28. Srp tember 1895 und de» badischen Gesetze! vom 26. Juni 1890, sowie nach Maßgabe folgender Grundsätze aufzubauen: Die Verwaltung der Anstalt übernimmt bis aus Weiteres die BrandverficherungSkammer, der Zweck besteht in der Ver­sicherung (bezw. einer Art Rückversicherung der OrtS 'Vieh­kasten) gegen Verluste durch Eingehen, Nothschlachtung, un­heilbare Krankheiten, dauernde Werthverminderung durch überstandene Krankheiten und Währschaftsmängel bei Pferden, Rindvieh und Ziegen. Die gleiche Versicherung von Schweinen und Schafvieh bleibt den freiwilligen Entschlüsten der Orts- Viehkaffen Vorbehalten, deren Anschluß an die LandeSanstalt unter bestimmten Voraussetzungen stattzugeben ist. AuS- geschloffen von der Versicherung sind Luxus- und Lohnfuhr- werkspferde. Die Aufnahmefähigkeit tritt bei Pferden und Rindvieh nach erfolgter normalzeitiger Entwöhung, minde­stens im Alter von 3 Monaten, bei den übrigen Thieren erst im Alter von 3 Monaten ein. Die Anstalt wird durch die nach einem Normalstatut freiwillig beitretenden OrtS- Viehkaffen gebildet. Zu den Entschädigungsbeträgen der letzteren leistet die Anstalt die Hälfte, der Aufwand wird auf sämmtliche Ort! - Diehkasten nach Verhältniß der Ver­sicherungssumme umgelegt. Der Staat gewährt einen ein­maligen Beitrag zur Bildung eines Reservefonds und Jahres­beiträge zur theilweisen Bestreitung des Aufwandes.

* * Sich, 16. November. Sicherem Vernehmen nach ist der Fürst zu Solms-Lich aus dem Oberhessischen Verein für innere Mission, welchem er bisher als Ehrenpräsident angehört hat, ausgetreten. Veran­lassung zu diesem Schritt dürfte die social-politische Haltung deS Vereins, wie sie auf dem letzten Jahresfest zum Ausdruck kam, gewesen sein.

n. Nieder Florstadt, 16. November. Heute Abend um etwa 7 Uhr brach hier schon wieder Feuer auS daS fünfte innerhalb 6 Wochen. Der Dachstuhl der Werkstatt des Schreiners Stelz brannte. Es gelang indeß auch dieses mal, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken.

§ Ober Moos, 15. November. Wie bereits in .diesem Blatte berichtet, durchziehen ganze Banden Zigeuner gegenwärtig unseren höheren Vogelsberg- auch unser Ort wurde gestern mit einem solchen Besuche beehrt. Die einzige hier befindliche Wirthschast vermochte die Quartier begehrende Sippe nicht zu saffen, weshalb die schwarzen Kerle Radau anfingen. Sofort wurde die Feuerwehr alarmirt und schließ­lich die Gesellschaft mit Gewalt in unser Spritzenhaus mit Gewalt einquartiert. 8Z

n Von der Nidda, 16. November. Für die Bäume ist die seit gestern noch bedeutend gestiegene Temperatur jedenfalls nicht sehr günstig, denn bei solchen in einiger- maßen geschützter Lage ist ein bemerkliches Anschwellen der Knospen zu constatiren. Es stehen hier und da Flieder­bäume, die, wenn die Lustwärme so weiter bleibt, in nicht ganz acht Tagen grün find. Bei plötzlich austretender Kälte leiden Bäume mit wieder begonnener Saftcirculation immer Noth. Die Hausschlachtungen haben in diesem Jahre früher begonnen als sonst, weil daS Schweinefleisch eben einen sehr niedrigen Preis hat. Die Metzger zahlen nur 43 bis 45 Pfg. für daS Pfund Schlachtgewicht. An einem Schwein von 2 Centnern bedeutet daS eine Differenz gegen die gleiche Zeit deS Vorjahres von 26 bis 30 Mk. Die zum eigenen Schlachten im December und Januar bestimmten Schweine bleiben zum Verkauf liegen- denn »man hofft für die Zeit nach den Weihnachtsfeiertagen auf eine Preisbeste- rung. DaS alte Sprüchwort:Billiges Fletsch theureS Gemüse" bewährt sich auch in diesem Jahre wieder. Unsere kleinrassigen Landgänse wurden seither zu 2 Mk. 80 Pfg. bis 3 Mk. 50 Pfg. verkauft, wodurch sich daS Pfund auf nicht ganz 40 Pfg. stellt.

A Mainz, 17. November. Der jüngst hier erfolgte Hau sein stürz, bei deffen AbräumungSarbeiten sich eine Reihe Mißstände gezeigt haben, durch welche gefahrdrohende Verzögerungen verursacht werden können, hat den Stadtver­ordneten Wasserburg veranlaßt, zu der neuen Baupolizei­ordnung einen sehr sachgemäßen Zusatz zu beantragen. Derselbe verlangt, daß der Bauunternehmer, Architekt, Werkführer wie jeder an einem Bau beschäftigte Vorarbeiter verpflichtet werde, sobald er an einem Bau eine Gefahr bemerkt, der Baupolizei Anzeige zu machen. Letztere ist berechtigt, die sofortige Ein- stellung der Arbeiten anzuordnen und erst, wie die stattgehabte Untersuchung ergeben bat, daß keine Gefahr vorliegt, dürfen die Arbeiten wieder fortgesetzt werden. Bon dem ein­gestürzten HauS wurde gestern die stehengebliebene Giebel­mauer durch Pioniere umgelegt. Die sehr gefährlich erschei­nende Arbeit ging ohne Unfall von Statten. Erst nachdem die Giebelmauer beseitigt, läßt sich untersuchen, ob der ein gestürzte Bau einen ConstruckionSfehler hatte. Der Mainzer Carnev al ist für daS Jahr 1896 in einer am vorgestrigen Abend stattgehabten Sitzung der jüngst gewählten Eomiteewahlmanner endgültig begraben worden. Bei den gegenwärtigen Zeit- und GeschäftSverhaltniffen hatte Niemand Lust, in daS Comitee einzutreten und so wählten denn die Wahlmänner nur eine Eommisfion, die dte Veranstaltung der üblichen Maskenbälle in derStadthalle" in die Hand nehmen soll.

Ms. Eafsel, 17. November. Der Neubau'der neue. Lutherischen Kirche auf dem alten Todtenhof ist so rüstig vorgeschritten, daß gestern bereits daS Richtefest ge­feiert werden konnte. In der Freitagnacht wurde in der stark belebten Hohenzollernstraße em frecher Einbruch verübt. Die Diebe brach-n tu ein Soubureau ein, erbrachen ein Kaffapult und entwendeten 1100 Mk. Lohngeld.

Ms. Sschvege, 17. November. In Archfeld bei Herleshausen entstand eine große Feuersbrunst. Vor­gestern Abend 10 Uhr brannten in wenigen Stunden vier Gebäude, ein großes Wohnhaus und drei vollgepfropste Scheunen nieder. Der Schaden ist sehr groß, ober versichert.

Ms. Fulda, 17. November. Bei der Station Neuhof der Bebra-Frankfurter Bohn hat sich gestern em trauriger Unglücksfall ereignet. Der Bahnwärter Günther, welcher dienstfrei war, begab sich mit einer Handkarre nach dem unweit der Dahn gelegenen Acker. Er fuhr dicht neben dem Bahngeleise, den Handkarren vor sich herschiebend. Als er zwei Bahnwärterstationen pasfirte, wurde er von den Genoffen auf da! Lebensgefährliche seiner Schiebkarrenfahrt aufmerksam gemacht, er auch aufgefordert, den Bahnkörper zu verlassen. Günther schlug all diese Warnungen in den Wind und fuhr weiter, obschon er wußte, daß der Berliner Schnellzug fällig war. Er hat nun da! Heranbrausen deS Schnellzugel nicht bemerkt, wurde von der Locomotive ersaßt und zermalmt. Günther war ein Dierteljahrhundert Bahnwärter, er hinter­läßt 7 unerzogene Kinder.

Hannover, 16. November. Die Weserfäh.re bei Stolzenau, welche die Post und den PerjonenomnibuS über die stark angefchollcne Weser fetzen wollte, ist infolge Bruches der Kette fortgetrieben worden und an einem Hinderniß zerschellt. Der Kutscher deS Omnibuffe!-und die beiden Pferde desselben ertranken. Die Paffagiere wurden mit knapper Noth gerettet.

* Essen a. d. Ruhr, 16. November. In Oberhausen stürzte gestern Abend ein dreistöckige! HauS ein. Eine Frau wurde verschüttet und schwer verletzt. Die Trümmer geriethen infolge UmstürzenS der Orfen in Brand. 19 Personen konnten rechtzeitig entfliehen. Nur eta Ziehhund wurde erschlagen.

* Brüssel, 18. November. Sin Diebstahl von 21/« Millionen ist heute in der kaffe der Soci^t^ Generale, eines der angesehensten Bankhäuser Brüssels, ent­deckt worden. Der Dieb ist der Hauptkasfirer Dehennin, welcher feit gestern Abend flüchtig ist. Er bat in Börsen- speculation bedeutende Summen verloren. Die gerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Frkf. Ztg.

* Der 1895et in Spanien Das Paradies der Weintrinker ist in diesem Jahre jedenfalls Spanien. Nach derLa Correspondencia de ESpana" ist der Ueberschuß an Wein, der diese! Jahr tn manchen Gegenden von Castilien geerntet wird, so groß, daß e! unmöglich ist, den Wein unter- zubringen. An einigen Orten theilen die Weinbergbesitzer den Ertrag mit denen, welche die Weinlese besorgen. Manche wiederum ziehen vor, die Trauben einfach hängen zu lafje;, da da! Einbringen nicht die Kosten lohnt. In Medina tc Rioseco z. B. wird die Cantora oder Arroba Wein, gleich elf und ein halbe! Liter, zu einem Real, zwanzig Pfennigen angeboten. In Madrid kommt im Kleinverkaufe die Eantara rothen Weines auf fünf bis sechs Pesetas (Francs)- in diesem Preise ist die enorme städtische Steuer mit zwei und einem Halden Pesetas einbegriffen. Die Steuer ist sehr viel höher als der EinkausSpreiS deS Weines. Vom Weinexport wiffen die Weinbergbesitzer nichts, so wenig wie von der Existenz Deutschlands, Dänemarks, Schweden! und Holland!.

* lieber Volkstrachten. Für die Erhaltung und Wieder­belebung der nur in einzelnen Gegenden noch heimischen, malerischen Volkstrachten ist schon Manches geschrieben und gethan worden, ohne jedoch daS allmähliche Verschwinden dieser Trachten, roelrhe früher zum Theil ganzen Länder- strecken ihr charakteristische- Gepräge verliehen, aufzuhalten. Mit recht beherzigenswerthen Worten über diese! Thema beginnt ein, daS letzte VolkStrachtenfeft in München behan- delnder illustrirter Beitrag in der FamilienzeitschristUniversum" (Dresden), dem wir solgende Zeilen entnehmen:Je mehr die straffe Gliederung der einzelnen Stände nachläßt und die verschiedenen Berufsklaffen mit einander verschmelzen, hier der Bürger zum Beamten sich aufschwingt, dort der Bauer zum Industriearbeiter herabsinkt, desto rascher ver­wischen sich die altererbten Eigenthümlichkeiten in Tracht unt Sitte. Schon stehen die Stadter sammt und sonders unter der Herrschaft einer Mode, die der Sammettoilette der Fürstin denselben Schnitt wie dem Cattunkleid bei Kücheamäbchenk vorschreibt, und auch bereit! auf dem Lande hat man in weiten Kreisen angefangen, die angestammte Vo'kltracht mit moderner Kleidung zu vertauschen. Da! ist schade! AuS ästhetischen Gründen nicht nur, auch au! nationalöcouomischen müffen wir eS bedauern, denn mit der gediegenen bildsamen Tracht seiner Väter giedt der Bauer auch daS stolze Standes- gesühl auf, daS dem bäuerlichen Gemeinwesen einen gewiffen aristokratischen Zug zu verleihen Pflegte. Hat er erst einmal da! demFadrikler" abgeguefte Gewand auf dem Leibe, so steigen ihm gar bald besten Ideen zu Kopse, und wie der Rock bei städtischen Arbeiteri ihm leichter und bequemer dünkt, so auch der Verdienst desselben. Daß der eine so schnell zerreißt als der andere zerrinnt, ersähet er meist zu spät und eine Rückkehr zu der alten Tracht und LebenSgewohnheü ist dann kaum mehr möglich. Darum ist jede! Bestreben, dem Volke seine traditionellen Trachten zu erhalten und die Liede zur vaterfitte neu zu erwecken, aus S wärmste zu be­grüßen und dankbar anzuerkennen." Der Wahrheit dieser Worte wird sich Niemand verschließen können, und e! ist deshalb wohl zu hoffen, daß nach dem Erfolg de! Münchner Volk-trachtenfefte! auch weitere Kreise die altererbte Tracht der Väter wieder zu Ehren gelangen lasten werden.