Nr. 272 Erstes Blatt
Dienstag den 19. November
189»
Gießener Anzeiger
Kenerak-Mnzeiger
Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
^chratisöeitage: chießener Kamikienötütter.
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Die Gießener A»amtkien SkLIIer werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal drigrlrgt.
Der ^lehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de« Montag«.
All: Annoncen-Bureaux de« In« und Auslände« nchmea Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, 16. November 1895.
Betref fend: Die Vertilgung der Feldmäuse.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Da allenthalben Klagen über daS Urberhandnehmen der Feldmäuse bei der ungewöhnlich milden Witterung etnlausen, beauftragen wir Sie, in Ihren Gemarkungeu zu veranlassen, daß die Mäuse durch Vergiftung vertilgt werden. Wie be« reitS früher angeordnet, dürfen die zur Vergiftung bestimmten Fruchtkörner nicht auf die Erde gestreut, sondern müssen möglichst in die Mäuselöcher hineingelegt werden. Es ist dteS sehr mühsam und wird, wenn dieö Verfahren mit der Hand auSgeführt wird, auch weil mehr vergiftete Frucht verbraucht, als dies zu dem zu erreichenden Zwecke norhwendig ist.
Diesen beiden Mißständen wird abgrholfen, wenn sich bei dem Giftlegen eines Apparates bedient wird, der uns in dem landwirthschaftlicken Localverein dahier von einem praktischen Landwirthe oorgezeigt wurde und dem der ungeteilte Beifall sämmtlicher anwesenden Landwirthe gezollt wurde. ES ist dies der Mäusevergiftungsapparat von Brookmann, Leipzig-Eutritzsch, Preis 3 Mk.
Zum Vergiften wird am besten der bet der gleichen Firma zu bestellende
geschälte und gesüßte Strychninhafer
verwendet, von welchem 10 Kilogr. 5 Mk. kosten.
Sollte auch in Folge kalier und nasser Witterung demnächst daS Verschwinden der Mäuse auf freiem Felde zu er« warten stehen, so empfiehlt sich doch das Vergiften derselben an den Rainen und in den Baumstücken, weil erfahrungsgemäß dieselben immer an solchen Plätzen überwintern und von dort auS das Feld wieder bevölkert wird.
Indem wir Ihnen nochmals dringend die Anschaffung deS obenerwähnten Apparates, der bei Verwalter Schuch ar dt auf dem Neuhofe bei Lang GönS befichtigt werden kann, zur Vornahme der alsbald zu beginnenden Mäusevergiftung empfehlen, sehen wir Ihrem Berichte über das Veranlaßte bis zum 15. December l. I entgegen.
v. Gag ern.
Nr. 40 des Reichs«Gesetzblattes, ausgegeben den 14. d. MtS., enthält:
(Nr. 2274.) Bekanntmachung, betreffend die Anzetge- pflicht für die Schweinesruche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Vom 12. November 1895.
Gießen, den 18. November 1895.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. G ag ern.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. November. Der „Deutschen Sonntagspoft" zufolge wird daS bürgerliche Gesetzbuch voraussichtlich Anfangs der zweiten Hälfte deS Monat» Januar eingebracht.
Berlin, 16. November. Gegenüber der Meldung der Wiener „Neuen freien Presse", es sei möglich, daß Deutsch, land keine Kriegsschiffe nach dem Orient entsenden werde, vernimmt daS „Tageblatt", daß dies ein Jrrthum sei, Deutschland werde in den türkischen Gewäffern ebenso wie alle anderen Großmächte seine Flagge entfalten.
Berlin, 16. November. Eine größere Lohnbewegung der Brauer ist in Deutschland, wie der „Post- geschrieben wird, im nächsten Frühjahr sicher zu erwarten, nachdem dem Vorschläge des HauprvorstandeS des Brauerverbande», zur Schaffung eines größeren Strikefonds Sammellisten auszugeben und auf sie regelmäßig in allen Brauereien zeichnen zu laffen, von sämmtlicheu Zahlstellen deS BerbandeS zugestimmt worden ist. Außer der Lohnerhöhung wollen die Brauer für Verkürzung der Arbeitszeit und Beseitigung des Schlafens in den Brauereien, wo solches noch üblich ist, eintreten.
Altona, 16. November. Anläßlich der Ernweihungs- feter des hiesigen Bahnhöfe» fand Abends im BürgeivereinS Locale ein Festdtner statt, an welchem der Minister Thielen, Oberpräfident Steinmann, die Spitzen der Eivtl- und Militärbehörden, der Magistrat, Vertreter der Stadtverordneten und der Handelskammern von Kiel, Flensburg, Hamburg und die hohen Beamten der Eisenbahn- directionen, im Ganzen etwa 120 Personen, theilnahmen. Der Saal war schön drcorirt- daS Diner nahm einen glänzenden Verlauf.
Hamburg. 16. November. Wie die „Hamb. Börsen- .Halle" meldet, beschloß die Direktion der Hamburg-Amerika
Linie, ihre sämmtlichen Zwischendeckpretse um 10 Mark zu erhöhen.
Ausland.
Neapel, 16. November. Die „Agencia Stefani" meldet: Die ersteDivision des italienischen Geschwaders geht heute Abend nach den türkischen Gewäffern ab.
Petersburg, 16. November. Die Geburt der Großfürstin wurde gestern noch spät Abend» der Bevölkerung durch Kanonenschüffe verkündet. Die Nachricht wurde noch vor dem Schluß der Theater bekannt und rief in den Theatern patriotische Kundgebungen hervor. Die Nationalhymne mußte dreimal gespielt werden. Sämmtliche Zeitungen bringen heute schwungvolle Artikel.
Petersburg, 15. November. Ein auS Anlaß der Geburt der Großfürstin Olga veröffentlichtes kaiserliches Manifest besagt: „Indem wir eine solche Vermehrung unseres kaiserlichen Hauses als ein Zeichen deS über uns und unser HauS reich ergossenen Segens aufnehmen, rhun wir dieses freudige Ereigniß allen unseren treuen Unterthanen kund und erheben mit ihnen heiße Gebete zum Allerhöchsten um das glückliche Hrranwachsen und Gedeihen der hohen Neugeborenen.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Straßburg i. 8., 17. November. Der Statthalter Fürst zu Hohenlohe-Langenburg ist heute Mittag 12 Uhr 15 Minuten von Stuttgart hierher zurückgekehrt. Heute Nachmittag 5 Uhr 20 Minuten trafen auch die Herzogin von Sachser-Cobürg und Gotha und die Prinzessin Alexandra von Sachsen-Coburg und Gotha, die Braut des Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, hier ein.
Sofia, 17. November. Die Prinzessin Ferdinand wurde heute 12 Uhr Mittags von einem Prinzen entbunden. — Der neugeborene Prinz erhält den Namen Cyrill und den Titel eines Prinzen von PreSlav.
New York, 17. November. In Cleveland stürzte gestern Abend infolge falschen Signals ein electrischer Motorwagen der Straßenbahn, als er über die Zugbrücke eines ViaducteS fuhr, aus einer Höhe von 100 Fuß in den Cuyahojaflusse hinab. Der Wagen enthielt 20 bis 30 Personen - mehrere Personen, darunter der Motorbeamte, sprangen ab, die übrigen Jnsaffen nebst dem Conducteur ertranken. 13 Leichen sind bisher geborgen. Der Motor- Beamte wurde verhaftet.
des anti-
Depesche« de» Bureau .Hersld".
Wien, 17. November. Der Wahlaufr uf
semitischen Central-Wahlcomitvs wurde auf Ber- anlaffung deS Staatsanwalts in seiner ganzen Auflage beschlagnahmt. Wtz
Koustautivopel, 17. November. Im Palaste deS Sultans herrscht andauernd eine äußerst gedrückte Stimmung, da sich fortgesetzt da» Gerücht erhält, die Großmächte beabsichtigten die Absetzung des Sultans, als einziges Mittel, um die Türkei vor einer Zerstückelung zu retten. Die Palastpartei bestürmt den Sultan, sich aufzuraffen und den heiligen Krieg zu erklären. Die Ausrüstung der einberufenen Reserven geht nur langsam vor sich, da bei der Pforte großer Geldmangel herrscht.
WB. Hannover, 18. November. Bei dem Bau des Corpshauses der „Hannovers" zu Göttingen stürzte ein Thetl des Bauwerkes etn. Sech» Maurer wurden unter den Trümmern begraben, einer ist gestorben, die andern find schwer verletzt.
Der Krieg von 1870|71,
geschildert durch Ausschnitte «us Zeitung»-Nummern jener Zeit.
(Nachdruck verboten.)
19. November.
Im weiteren Verfolg der wahnwitzigen Maßregel, welche einige französische Logen des franzöfischen und schottischen R-tuS gegen die BBr. Wilhelm, König von Preußen, und Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen, genommen, theilen wir mit, was der „Rappel" salbadert: „Br. Wilhelm ist künftig vogelfrei. Alle Freimaurer sind autorisiert, auf ihn zu fahnden und ihn zu ermorden." — Es fragt sich nur, wie dieser Urtheilsspruch ausgeführr werden wird . . . Ein Freimaurer, vor dem ich mir erlaubte einige Zw ifel in den Ernst eines solchen DerdicteS zu setzen, erwtederle mir:
„„Lachen Sie nicht! — DaS Unheil deS maurerischrn Tribunals ist derartig schrecklich, daß Bonaparte den italienischen Krieg nur auS der alleinigen Ursache unternommen hat, um sich der gegen ihn von den Logen in Neapel und Mailand ausgesprochenen Excommuniccttion zu entziehen. Pianori und Orsini, die Attentäter Napoleons, waren Freimaurer!""
Gieße», den 18. November lt&6.
♦* Stadtverordneten Wahl. Die unter rühriger Agitation zu Gunsten einer bisher nicht dagewesenen großen Anzahl von Candldaten eingeleitete Wahl von 11 Mitgliedern zur Stadtverordneten-Versammlung ging am SamStag vor sich. Der Agitation entsprach auch die Spannung, mit welcher man dem Ausgange der Wahl eotgegensah. DaS AuSzählen der Stimmen war gegen ^12 Uhr NachtS beendet. Zunächst ist zu conftatiren, daß die ausscheidenden Mitglieder ausnahmslos wiedergewählt wurden. Nachstehend theilen wir die Namen der Gewählten nebst der Zahl der Stimmen, die sie nach vorläufiger Feststellung erhielten, mit:
1) Wilh. Wallenfels, Rentner, 1114 Stimmen (wiedergewählt),
2) Dr. Gutfleisch, Rechtsanwalt, 1086 St. (wiedergew), 3) H. E. Aughardt, Kaufmann, 972 St. (wiedergew.), 4) Louis Petri II., Wcißbinder, 930 St. (wiedergew.), 5) Dr. Ploch, Arzt, 878 St. (wiedergew.),
6) Sigm. Heichelheim, Bankier, 828 St. (neugew.),
7) Jean Kirch, Bahnhofsrestaurateur, 676 St. (neugew.), 8) Carl Loos, Kaufmann, 673 St. (neugew.),
9) Theodor Haubach, Kaufmann, 673 St. (neugew.),
10) Dr. Gaffly, Professor, 654 St. (neugew.),
11) Carl Faber, Spenglermeister, 640 St. (wiedergew.). Es sind sonach die von dem Vorstande des freisinnigen Verein- und des nationalliberalen Vereins gemeinsam vorgeschlageneu Candidaten (man geht wohl nicht fehl, wenn mau Herrn Heichelheim ebenfalls als von Wählern beider Parteien gewählt bezeichnet) gewählt worden. — Von den weiteren vorgeschlagenen Candidaten erhielten die nächste größte Stimmrn- zahl folgende Herren: Ed. Hanau 626, Eduard Krumm, Kaufmann, 603, Julius Bräutigam, Colonialwaaren- händler, 519, Johannes Diehl, Schneider, 416, Samuel Pascoe, Bergwerksdirector, 350.
** Coucertverein. Bor nahezu ausverkaufiem Hause fand gestern im Clubsaal daS erste diesjährige Concert des ConcertvereinS statt. Herr Musikdirector Krauße, der an Stelle des erkrankten Universitäts-MufiktirectorS Herrn Felchner den Dtrigentenstab führte, hatte auf daS Studium der zum Vortrag gebrachten Orchesterwerke große Mühe verwandt und sowohl die C-dur Symphonie von Schubert, wie das Vorspiel zu Hänsel und Gretel von Humperdink wurden unter seiner ruhigen und ztelbewußten Leitung der verstärkten hiesigen Militärcapelle vorzüglich wiedergegeben. Sämmtliche Einsätze wurden mit großer Präctsion gebracht und der Vortrag war bis in die kleinsten Details auf'S Feinste ausgearbeitet, sodaß der Zuhörer sich eines ungetrübten KunstgenuffeS erfreuen konnte. Lobend seien vor allen D'ngen die Holzbläser erwähnt, die namentlich im zweiten Satze der Symphonie Vorzügliches leisteten. An solisttschen Kräften waren zwei Damen gewonnen worden, von denen die Violinvirtuosin Fräulein Minna Rode auS Frankfurt von früherem Auftreten her bei dem hiesigen Concerrpublikum noch in bester Erinnerung stand. Wenn wir auch die Wahl der beiden Concertsätze von VieuxtempS für keine besonders glückliche halten, so müssen wir doch bekennen, daß Fräulein Rode ihre Aufgabe glänzend gelöst und durch ihr reines Spiel, sowie durch ihren feinsichtigen Vortrag das Publikum hoch entzück: hat. Die Wiedergabe des Air von Bade und der Tareutella von WieniawSkt fanden so stürmischen Be.fall, daß sie sich zu einer Zugabe, Andante religiöse von Thome, bequemen mußte. In Fräulein Hermine Hayden aus Mannheim lernten wir sodann eine liebenswürdige jugendliche Sängerin kennen. Ihre Stimme ist zwar nicht groß und für die hiesigen Concerträumlichkeiten kaum ausreichend, aber was ihr in dieser Hinsicht fehlt, ersetzt sie durch eine vorzügliche Textaussprache, die selbst beim zartesten Pianiffimo im entferntesten Saalwinkel verständlich ist und durch einen tief innigen, zu Herzen gehenden Vortrag. Sowohl die Lieder von Schumann, sowie diejenigen von Medel und Goetz brachte Fräulein Hayden wundervoll zu Gehör und es war dem Publikum nicht zu verdenken, wenn es auch ihr eine Zugabe (B umenorakel von Mascagni) abnöthigte. Die Begleitung der Lieder sowie der Tareutella und der Andante religiöse führte Herr Trautmann aus Frankfurt in gewohnter musterhafter Weise auS. Pr.


