Ausgabe 
19.7.1895
 
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Freitag den 19 Juli

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Der Hießener Anzeiger erscheint täglich^ mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener Pamiliendtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Siebener Anzeig er

Kenerat-Unzeiger.

Lierteljähriger Abouncmentsprelsr 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction. Expedition und Druckerei:

Schutstraßc £Zr.7« Fernsprecher 51.

Amts- nttb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

chralisöeikage: Gießener Kamitienbtätier

Zur Erinnerung an den 19. Juli 1870.

Sowohl während des verhängnißvollen Kriegsjahres 1870 als auch in der ganzen Zett nachher bis auf den heutigen Tag haben die Franzosen die wahnwitzige Lüge sich und Anderen einzureden versucht, daß eigentlich Deutschland resp. -Preußen den Krieg vom Zaune gebrochen habe. Am fünf­mdzwanzigjährigen Gedenktage der Kriegserklärung genügt r« eigentlich zur Kennzeichnung dieser französischen Lüge, einfach darauf hinzuweisen, daß am 19. Juli 1870 Frankreich an Preußen und seine Verbündeten den Krieg erklärt hat. Um aber zur Erinnerung an die Schmach, die damals Frankreich Deutschland anthun wollte, aber dafür vom deutschen Schwerte gezüchtigt wurde, noch einmal jene leidenschaftlichen -politischen Vorgänge vor Augen zu haben, so sei daran erinnert, daß nicht nur die Zeitungen der Kaiserlich franzö- fischen Partei, sondern auch die liberale französische Opposition im gesetzgebenden Körper unter der Führung von Adolf Thiers vom Juli 1866 bis zum Juli 1870 fortwährend zum Kriege

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« Agenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Dörfern ganz genau wußte, daß der Franzosenkaiser Louis Napoleon zur Befestigung seines wackeligen Thrones und zur Befriedigung der französischen Großmachtssucht lediglich einen Eroberungsfeldzug gegen Deutschland im Schilde führte. Dank der ausgezeichneten Politik des Fürsten Bismarck und des brüderlichen Zusammenhaltens der deutschen Fürsten und Völker erhob sich damals ganz Deutschland wie ein Manu und warf zur Wahrung der deutschen Ehre und nationalen Freiheit den alten Widersacher zu Boden. So soll eS bei ähnlichen Bedrohungen immer sein!

Deutsches Reich

Berlin, 17. Juli. Obwohl der Kaiser bereits am Montag Nachmittag auf seiner Nordlandsfahrt im Hafen von Wisby angelangt, so hat er doch erst am Dienstag der Stadt WiSby auf der Insel Gotland einen Besuch ge« macht. Einen offiziellen Empfang hatte der Kaiser abgelehnt, und er begab sich zunächst incognito am Wellenbrecher anS Land. Später unternahm er einen Spaziergang durch die Stadt. Nachmittags gab die Capelle derHohenzollern' in den Ruinen der St. Nicolai-Kirche ein Concert. Abends 91/? Uhr hat der- Kaiser einem Feste in den Ruinen bei- gewohnt. Die Stadt war festlich geschmückt. Das Wetter war prächtig.

Die Eingabe desAllgemeinen deutschen Handwerkerbundes" an den Kaiser wird jetzt be­kannt gegeben. Die in Folge des Beschlusses des letzten allgemeinen deutschen Handwerkertages zu Halle a. S. er­betene Audienz bei dem Kaiser wurde nicht gewährt, dagegen die schriftliche Einsendung der Beschlüsie des Handwerker­tages anheimgestellt. Die Eingabe bezeichnet die Lage der Handwerker als eine von Jahr zu Jahr gedrücktere- die alleinige Ursache davon sei die schrankenlose Gewerbefreiheit. Die Verhältnisse des deutschen Handwerkerstandes könnten nur dann zum Seffern sich wandeln, wenn ihm durch Ein­führung der obligatorischen Innung und Handwerkerkammern eine festgefügte Organisat on auf der Grundlage des Befähi­gungsnachweises gegeben würde.

Zu der in Berlin geplanten deutschen Colo- nial-Ausftellung laufen Anmeldungen aus allen Theilen des Reiches ein und wird sie voraussichtlich ein Bild von allen den Jndustrieen geben, die ihre Producte nach den Colonieen liefern. Der Ausstellungsausschuß besteht aus dem Bauinspector im auswärtigen Amt, Schran, der 13 Jahre

Amtlichem Lheil.

Polizei ^Verordnung.

-$etr.: Den Verkehr mit Fuhrwerken uhb Fahrrädern, sowie das Reiten in den Ortsstraßen zu Staufenberg.

Mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 6. Juli 1895 zu Nr. M. 1.19191 .wirb nach Vernehmung der Localpolizeibehörde und der Gemeinde-Vertretung zu Staufenberg auf Grund des Art. 78 des Gesetzes vom 12. Juni 1874die innere Verwaltung «nb die Vertretung der Kreise und der Provinzen" betreffend, Mchstehende Polizeiverordnung erlaffen.

§ 1.

Innerhalb der Ortsstraßen zu Staufenberg darf nur im Schritt gefahren und geritten werden. Das Fahren mit Fahrrädern darf nur mit entsprechend ermäßigter Fahr­geschwindigkeit stattfinden.

§ 2.

Zuwiderhandlungen werden nach Maßgabe des § 366 Ziffer 10 des Reichs-Strafgesetzbuchs bestraft.

Gießen, den 15. Juli 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.

All: Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

gegen Deutschland gehetzt und von einer Niederlage gejammert haben, welche Frankreichs Stellung in Europa durch die Erfolge Preußens im Jahre 1866 erlitten habe. Da bis dahin Preußen und Deutschland nur wünschten, in ihren Einigungsbestrebungen von Frankreich nicht gestört zu werden, so geht aus Frankreichs Haltung hervor, daß nur die verletzte französische Eitelkeit und Großmachtssucht die Franzosen zum Rachekriege gegen Preußen trieb.

Die damalige spanische Throncandidatur deS Prinzen Hohenzollern konnte schon deshalb keine KriegSursache sein, weil der Prinz seine Candidatur zurückgezogen hatte. Uebrigens liegt von zwei französischen Deputirten Glais Bizoin und Arago selbst ein schlagendes Zeugniß dafür vor, daß Frankreich eigentlich schon am 6. Juli den Krieg gegen Deutschland beschloßen hatte. Nach ihrem eigenen Urtheile hatten die beiden genannten Deputirten den Eindruck, daß die Kriegs­erklärung Frankreichs schon in den Vorgängen in dem franzö­sischen Parlamente am 6. Juli 1870 enthalten war, von denen Glais Blzoin und Arago sagten, sie seien keine Ver­handlung, sondern eine Kriegserklärung gewesen, eine Kriegs- erklärung, unterstützt durch eine lärmende officiöse Presse und Massendemonstrationen in der Richtung der bekannten Schlag­wörter:Wir müffen die Preußen unter ein caudinisches Joch bringen!"Wir müffen sie mit dem Flintenkolben im Mcken über den Rhein stoßen!"Wenn uns soviel geboten würde, wie den Preußen in Paris, wären wir längst unterwegs nach der Grenze I" Arago sprach sich dahin auS,das Ministerium habe Frankreich wider den Willen seiner Ver­treter in die Sache hineingezogen und soeben den Krieg erklärt."

ES ist danach nicht zu verwundern, daß preußische Staatsmänner nach Kenntnißnahme dieser Vorgänge den Eindruck hatten, daß angesichts dieser mindestens brutalen Drohungen eine Nachgiebigkeit, auch nicht einen Strohhalm breit, auf preußischer Seite nicht mehr möglich sei und daß selbst der Rücktritt des Hohenzollern'schen Prinzen von seiner spanischen Throncandidatur geschichtlich den Eindruck machen müße, als sei er durch französische Kriegsdrohungen erzwungen worden.

Die Erkeuntniß dieser ganzen Entwickelung war ja auch bereits in jener kritischen Zeit so klar und tief in die öffent­liche Meinung des deutschen Volkes eingedrungen, daß man nicht nur in Berlin, Dresden, München, Stuttgart, Karls­ruhe, sondern überhaupt in allen deutschen Städten und

oMpN WtiN t Kontrolle, addir innahure.

Vor einigen Jahren war ich Leiter einer Zeitung.

Aus dieser reichen Zeit wird mir ein kleines Erlebniß -vvoergeßlich bleiben. ES ist die schlichte Geschichte einer wahrhaft edlen Frau. Ihres Wesens vornehme Eigenart, . h|e anmuthige Bildung ihres Geistes und Herzens gewannen -Aich sofort, als ich sie damals zum ersten Male sah. Gehört hatte ich schon zuvor von ihr. Mit hundert berechtigten Hoffnungen war sie einst in die Welt getreten und hatte in ch nichts gefunden, als ebenso viele bittere Täuschungen, Täuschungen deS Herzens, Täuschungen des Lebens.

Mit ergrauenden Haaren, mit vergrämten Zügen, mit

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Feuilleton.

Armuth.

Ein Bild aus dem Leben. Von Heinrich Förster, Fulda.

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Lnmath zurück, eben jene Stadt, in der ich damals thätig ,D bestens empt* Aus einer unglücklichen, für sie schmachvollen

Ehe brachte sie zwei Kinder mit: einen Sohn und eine Tochter. Aber auch in der Heimath ließ das Unglück nicht , loit ihr. Sie wohnte kaum ein halbes Jahr, still, ganz w zurückgezogen in der Stadt, fürlieb nehmend mit dem Wenigen, das ihr der brutale Gatte von ihrem Vermögen hinterlaßen, «IS der Sohn, der erst vor Kurzem Offizier geworden war, gezwungen wurde, Schulden und unerfreulicher Vorgänge halber aus dem Heere auszuscheiden, und anstatt durch ein vmeS, tüchtiges Leben gutzumachen, was er verschuldet, den trichteren Ausweg feigen Selbstmordes vorzog.

Dieser neue Schlag knickte die unglückliche Frau fast ganz. Wenn ihre Tochter nicht gewesen wäre, wäre sie ge- Niß dem Tode an gebrochenem Herzen, dem Tode aus Kummer verfallen. Aber der Gedanke an die eben erst Con- frmirte hielt sie aufrecht. Was fie irgend noch geben konnte, das letzte Schmuckstück gab sie hin, um deS leichtsinnigen Sohnes Schulden zu tilgen.

In dieser schweren Zeit nun wurde ihre Noth noch ge- steigert durch eine andere Sorge, welche ihr aus ihrem vor-

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nehmen Pflichtgefühl erwuchs. Sie wollte der Tochter neben einer guten Ausbildung ein bischen von dem Sonnenschein geben, welchen die Jugend haben muß, soll fie nicht ver­kümmern und verbittern. Nun hielt eine Bekannte aus besseren Tagen in einer Nachbarstadt ein als vorzüglich ge­rühmtes Mädchenpenfionat. Dort sollte die Tochter Auf­nahme finden. Ob man auch der armen Mutter in etwas entgegenkam, die Ausstattungskosten und das Pensionsgeld waren trotzdem zu hoch, um von ihr ohne Weiteres bestritten werden zu können.

Da kam sie zu mir. Unsere Familien waren von Väter­zeiten her befreundet- sie konnte daher bei mir ein gewißes Wohlwollen vorauösetzen.

Sie begann ganz in ihrer ruhigen, vornehmen Art, ihre Verhältnisse kurz darzulegen und mir von ihrem Vorhaben zu sagen, die Tochter in eine Pension zu geben ... da fie aber hierzu nicht die Mittel habe, . . . müße sie . . . müße sie . . .

Hier brach fie plötzlich ab und wandte sich von mir, so daß ich ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte. Ich fühlte aber, wie sie mit Thränen kämpfte, wie fie sich zum Weiterreden zwingen wollte. Aber die Thränen ließen sich nicht bannen und mit einem Male, wie willenlos sich ergebend, legte .sie den Kopf in die Hände und schluchzte laut auf. Sie weinte in jener erschütternden Art des Weinens, der man das Beiwortbitterlich" zu geben pflegt. Es schnitt mir ins Herz. Jedes Wort des Trostes was hätte ich auch sagen können? schien mir hier banal. Doch aber trat ich zu ihr, und wie uns oft in den ernstesten und feierlichsten Augenblicken nur die alltäglichsten Worte zur Verfügung stehen, sprach ich:Ich bitte Sie, gnädige Frau, was es auch sein mag haben Sie doch Muth und Vertrauen!"

Ich muß es aber wohl weich und mitleidsvoll gesprochen haben, tn einem Tone, in dem meine Ergriffenheit widerklang, denn sie hob den Kopf und während die immer noch schönen, tiefen Augen in Thränen perlten, lachte sie. ES >ar ein Lachen, wie eS die Jugend hat, kindlich, heiter, eigene Thor- heit verspottend, melodisch. ES war wie ein Klang aus ihrer verlorenen Jugend.

Wie dumm, wie kindisch ich bin," sagte fie,ich muß arbeiten! Ist da etwas dabei? Arbeit adelt ja nur. Ich wollte Sie also bitten, mir eine Anzeige aufzusetzen, Sie haben doch die Erfahrung und mir zu sagen, in welches Blatt außer dem Ihrigen, ich meine, in welche Zeitung der Hauptstadt man die Anzeige am zweckmäßigsten einrücken läßt . . . ich möchte nämlich als Hilfe der Hausfrau ... in ein gebildetes Haus natürlich"

Da erstickte ihre Stimme wieder. In ihr lehnte sich etwas gegen diesen ihren Entschluß auf. Ja sie wollte eine Stelle haben fie wollte arbeiten, fie wollte es, wie man nur wollen kann, aber tn ihrem innersten Empfinden wurde e- ihr unsagbar schwer nicht, zu arbeiten an und für sich, sondern eS sich und anderen eingestehen zu müßen, daß ihr Weg so weit herunter gesührt von den sonnigen Höhen jugendlichen Hoffens und einstigen vornehmen Lebensgenusses in das Thal ringender Arbeit, kummervoller Mühen.

Am Abend dieses TageS ertappte ich mich über stillem Philosophiren. Ich hatte den Fluch der Armuth gesehen, der heutzutage mehr vielleicht als jemals empfunden werden mag. Man thut ja alles Mögliche, einer frech sich geberdenden Armuth Concesfione« zu machen, für sogenannte verschämte Arme, die oft recht unverschämt sind, thun WohlthätigkeitS- vereine alles nur Erdenkbare, aber für die Armuth, die furcht­bare Armuth dessen, der zwar auch arm an Gar, weder zu der einen, noch zu der anderen Kategorie der Armen gehört, der zu seiner Armuth auch noch Seelenschmerzen und Wunden zu tragen hat, die daS Leben schlug, o, wie ost fehlt für diese das liebewarme, theilnehmende Herz. Im Gegentheil, des Nächsten Unglück dient wohl gar dem zum vornehmen Naserümpfen, der zur infamen Klatschbaserei . .

Freilich, für diele Armuth kann weder gesetzlich, noch allgemein etwas gethan werden. Da gelten eben nur de ungeschriebenen Gesetze des HerzenS. Und Gottlob auch sie bestehen noch in unserer Zeit der Herzlosigkeit.