Ausgabe 
16.10.1895 Erstes Blatt
 
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des turnerischen Lebens in Gießen zur Folge haben. Der Rechnungsabschluß drS DerrinSrechnerS ist ein sehr günstiger- dte Rechnung des KreiSsesteS ist noch nicht abgeschlossen. Mit­gliederbestand und Turnhallenbesuch find gut. Bor der Bor- standSwahl erklärten einige Mitglieder, infolge äußerer Gründe (Mangel an Zeit rc.) eine Wiederwahl ablehnen zu müssen. AuS der Wahl gingen dann hervor als 1. Sprecher Lehrer Backes, 2. Revisor Franz, 1. Schriftführer Gerichts- fchreiber-Aspirant D o f ch, 2. Kaufmann C. Wenzel, 1. Turn- wart Kaufmann L. Frech, 2. Dr. Spohr, Zeugwart Mester- schmied Reinig, Rechner Stations-Assistent Margolf, Con- troleur Revisor G e r ch, Beisitzer Bauunternehmer W. Seipp und Straßenmeister i. P. Bischof. Der ganze Verlauf der Versammlung legte Zeugntß ab von dem regen BereinS- intereste und echt turnerischen Sinne der Mitglieder, der dieselben mit dem Bande der Freundschaft umschlingt. Möge der Männer-Turnveretn unter seinem neuen Vorstände in gleicher Weise weiter streben, wachsen, blühen und gedeihen! Gut Heil!

** Befitzwechsel. Herr Baumann von Lollar erwarb durch Vermittelung des Agenten KleeS dte in der Garten- straße gelegene Villa des Bauunternehmers Keßler für den Preis von 29,000 Mk.

Der Gießener Cigarrendieb und Einbrecher vor Gericht. Gestern begannen vor der Strafkammer zu Darmstadt die Verhandlungen gegen den Bergmann Johann Peter Pütz von Rümpen und 8 Genoffen wegen Diebstahls und Hehlerei rc. Allein 24 Diebstähle stehen in Frage, auch sind etwa 130 Zeugen geladen, so daß für die einzige Sache so ziemlich die ganze Woche drauf gehen wird. Matador unter den die Anklagebank Zierenden ist der genannte Pütz, der schon eine Reihe von Vorstrafen wegen Diebstahls auf sich geladen hat. Dte letzte Verurthetlung ist am 29. März 1894 in Essen gegen ihn erfolgt und zwar auf 12 Jahre Zuchthaus. Die Hoffnung, daß der Verbrecher jetzt aus längere Zeit kalt gestellt sei, erfüllte sich nicht, denn bereits am 4. April entsprang Pütz beim Transport nach Pader­born. Außer diesem hat der Schlosser Michael Adam Hock von Kostheim auch bereits eine schöne Strafliste aufzuwetsen, darunter mehrere Diebstahls- und Wildereistrafen. Dte sehr umfangreiche heutige Anklage richtet sich tn erster Linie gegen Pütz, Hock und den Schlosser Joseph Zimmermann, zuletzt in Kostheim. Diese drei sollen und zwar zum Theil gemeinschaftlich eine ganze Reihe schwerer Diebstähle be­gangen haben. Dem Pütz wird ein solcher tn der Nacht vom 19. zum 20. October 1894 tn Darmstadt bet Fabrikant Heinrich Jakob Lampe zur Last gelegt, bet welchem der Thäter für 350 bis 400 Mk. Cigarren erbeutete. Vom 2. zum 3. November soll er schon in Gießen gewesen sein und dem Cigarrenfabrikanten August Ackermann einen näcbt'tchen Besuch gemacht haben, wobei 320 Mk. baareS Gelo, Cigarren im Werthe von 200 Mk. und Kleidungs­stücke tn seine Hände fielen. In der Nacht vom 7. zum 8. November soll er wieder in Darmstadt gearbeitet und auS der Werkstätte deS Zimmermanns Julius Briddigkett einen Rock und ein Stemmeisen geholt haben. In derselben Nacht mußte nach der Anklage auch der Ctgarrenfabrikant Simon Laubenheimer dran glauben. Diesem stahl Pütz Cigarren in größerer Menge. In der Nacht vom 24. zum 25. November erhielt Herr Ackermann in Gießen den zweiten Besuch, der ihn abermals 9850 Cigarren kostete. In der Nacht vom 3. zum 4. December soll Pütz tn Bingen Cigarren im Werthe von 202 Mk. und ein Paar Stiefel gestohlen haben. Der folgende vom 5. zum 6. Januar d. I. in Wiesbaden begangene Diebstahl wird dem Pütz und Zimmer- mann gemeinschaftlich zur Last gelegt. Damals wurde dte Kleinigkeit von 30 Schinken einem Metzger entwendet. Beide sollen auch zusammen vom 11. zum 12. Januar in Kastel für etwa 35 Mk. Wäsche und in der Nacht vom 26. zum 27. Januar verschiedene Gegenstände geholt haben. Zwei Diebstähle tn Bischofsheim, in der Nacht vom 11. zum 12. Februar, wöbet dte Diebe Hühner davon trugen, werden ebenfalls diesen Beiden auf die Rechnung gesetzt. In der Nacht vom 13. zum 14. Februar wurde die Firma Friedrich August Wenk in Darmstadt um etwa 1800 Cigarren und andere Sachen bestohlen, dieser That wird Pütz allein be­schuldigt, der auch vom 9. zum 10. März in RüdeSheim auS dem dortigen Rathhause einen geringen Geldbetrag und Briefmarken holte. Pütz und Hock sollen vom 16. zum 17. März in Mainz gemeinschaftlich der Firma Emil Humana etwa 450 Mk. weggenommen haben, während Pütz allein vom 20. zum 21. März in Offenbach ins AmtSgerichtS- gebäude eingebrochen sein soll, wo jedoch nicht viel in seine Hände fiel. Dem Pütz und Hock werden dann Einbrüche tn Biebrich und Amöneburg, Ersterem allein ein vom 26. zum 27. März im AmtSgerichtSgebäude Groß-Umstadt verübter Einbruch aufs Kerbholz gesetzt, bei welchem hauptsächlich die Zeugengebühren- und GerichtSkostenkasse in seine Hände fiel. In ähnlicher Weise soll Pütz auch daS Amts- gerichtsgebäude in Dieburg und das AmtSgerichtSgebäude tn Friedberg heimgesucht haben. In Friedberg ver- schwanden in derselben Nacht auS einem Metzgerladen 15 Pfund Blut- und 15 Pfund Fletschwurst. Von Friedberg soll Pütz nach Gießen gegangen sein, wo auS dem städtischen GaS- und Wasserwerk und auS dem DirectionS- gebäude der Oberhessischen Eisenbahnen Geld und Geldes- werrh weggenommen wurden. Pütz ist weiter angeklagt, daß er am 5. April bl. IS. den Polizeidienern in Kostheim Widerstand leistete und dieselben mit Todtschießen bedrohte, auch wird ihm zur Last gelegt, daß er sich hier längere Zeit für den Albert KrauS auS Rohrmund auSgab. Die außer Pütz, Hock und Zimmermann Angeklagten, nämlich: die Büglerin Catharina Frohnhöser von Mainz, der Schneider Franz Frohnhöser von da, dessen Ehefrau, die Dienstmagd Katharina Hock in Kostheim, die Ehefrau des Musketier! Heinrich Brandscheid und der Taglöhner Johann Zimmer­mann in Kostheim find der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Hehlerei beschuldigt. Im GerichtSsaale sind gestohlene

Gegenstände in solcher Anzahl auSgebreitet, daß man meinen sollte, el habe sich wiederum ein WaareuhauS aufgethan. Die Anklagebank bildet einen eigenthümlichen Anblick, indem zwischen den einzelnen Angeklagten Gendarmen Platz ge­nommen haben. Dem Pütz, einem schmächtigen Menschen, scheint kein besonderes Vertrauen geschenkt zu werden, der­selbe ist auch kunstgerecht gefesselt. Zur Sache vernommen, erklärt Pütz, er gebe die bereits zugeftandeuen Diebstähle zu, im Uebrigen gebe er keine Erklärung ab, man glaube ihm ja doch nicht. Aus Befragen, waS er getrieben habe, als er entsprungen war, sagte der dreiste Bursche, er habe sich die Welt angesehen. Auf weiteres Befragen, wovon er gelebt habe, sagte erüom Essen und Trinken-. Die Diebstähle bei Lampe in Darmstadt, Bingen, Biebrich und im AmtSgerichtS­gebäude in Offenbach gesteht Pütz zu. Als er verhaftet wurde, führte Pütz einen geladenen Revolver bei sich. Interessant ist, daß Pütz kurz nach seinem Entweichen tn Mainz verhaftet war, aber wieder laufen gelassen wurde. Damals führte er den Namen Kreuz. Mit Hock scheint er nicht gut Freund zu fein, denn auf diesen sucht er abzuladen. In Mainz sollte nicht bei einem Bankier, sondern bei dem Notar Gaßner gestohlen werden. Pütz gab zu, denselben mit Hock begangen zu haben. Zimmermann 'und Hock sind im Wesentlichen geständig. N. Hess. VolkSbl.

** Neue Tausendmarkscheiue. In der nächsten Zeit werden, wie amtlich bekannt gegeben wird, neue Tausend- mar ksch eine der RetchSbank zur Ausgabe gelangen, welche vom 1. März d. Js. datirt sind. Diese unterscheiden sich von den zuletzt ausgegebenen dadurch, daß auf der Vorder­seite der Noten der rothe Controlstempel zweimal und zwar recht! und links von den Unterschriften angebracht ist- so­dann sind die Nummern der Noten auch auf die Rückseite gedruckt und zwar am oberen und unteren Rande. Zur Herstellung der Noten ist ein dünneres Pflanzenfaserpapier als bisher verwendet. Im Uebrigen ist die Ausstattung der neuen Noten die gleiche, wie der bisher auSgegebenen.

H. Garbeuteich, 13. October. Heute feierte der schon 29 Jahre auf dem Gießener Gaswerk beschäftigte Peter Weigand mit seiner Ehefrau Maria Katharine Weigand, geb. Schmandt, im SVreife seiner Familie daS Fest der silbernen Hochzeit.

Grünberg, 10. October. Gestern Nachmittag wurde auf die hiesige Bürgermeisterei ein angeblich ausgesetztes etwa zweijähriges Kind gebracht, welches Bahnarbeiter in der Nähe ihrer Arbeitsstelle gefunden hatten. Glücklicherweise stellt sich jedoch später die Mutter deS Mädchens ein, um dasselbe wieder in Empfang zu nehmen, wobei sich die Sache folgendermaßen aufklärte: Die Frau, welche aus Ober- Ohmen stammt, war mit der Bahn von Mücke auS hierher gefahren, um ihrem Manne, der hier als Knecht thätig ist, Kleider zu bringen. Jedenfalls in der Hitze des Zungen- gefechtS hatte sie jedoch ihr Bündel im Warteraum zur Mücke liegen lassen, und erst hier beim AuSfteigen bemerkte sie den Verlust. Kurz entschlossen, eilte sie mit ihrem Kinde die Bahnstrecke entlang, um daS Vergessene zu holen. Unter­wegs war ihr tooil daS Kind hinderlich, weßhalb sie eS an ein verstecktes Plätzchen setzte, wo daS arme Würmchen ihre Rückkunft abwarten sollte. Die Langeweile veranlaßte dieses wohl, auf Entdeckungsreisen auszugehen, wodurch eS von den Arbeitern bemerkt wurde. Wer beschreibt den Schrecken der Mutter, al! sie, voll Freude über ihr wiedergefundenes Bündel, zurückkam und daS Kind in seinem Versteck nicht mehr vorfand. Doch dürfte die auSgestandene Angst die ge­rechte Strafe für ihren Leichtsinn gewesen fein.

Friedberg, 13. October. Heute Nacht um 21/i Uhr brach tn der Maschinenwerkstätte des Mechaniker! Reuß in der Haagkstraße Feuer au!, welche! tn kurzer Zeit da! Gebäude und die darin befindlichen Wagen und Geräthe zer­störte. Die Feuerwehr war rasch am Platze und löschte den Brand nach einstündiger Arbeit.

n. Friedberg, 11. October. Die Actien-Zuckerfabrik Wetterau" hat schon vor einiger Zeit ihren Betrieb er­öffnet. ES besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den angelieferten Rüben von diesem und vorigem Jahr. Die diesjährigen kommen sehr rein hierher, während vorige! Jahr biS zu 70 pCt. Schmutz abgezogen wurden, auch find sie kleiner als die vorigjährigen, aber zuckerhaltiger. ES wurden schon Rüben mit 16 pCt. Zuckergehalt hierher gebracht. Da dte Fabrik bei 12 pCt. Zucker 60 Pfg. für den Cenrner, für jede! weitere pCt. 10 Pfg. mehr bezahlt, so macht da! in diesem Falle 1 Mk. für den Centner und einschließlich der Frachtvergütung 1 Mk. 3 Pfg. Außer diesem Betrag er- hält der Accordant auch noch an Futterschnitzeln 40 pCt. deS Reingewichtes der gelieferten Rüben gratis. Der Geld­ertrag ist also doch besser, als man annahm. Der dies­jährige Erlös wird indessen wegen der geringeren Quantität hinter dem vorjährigen zurückbleiben.

BN. Bon der Bahnlinie Beienheim-Salzhaufen-Nidda, 14. Octoder. Nun ist eS auch auf unserer neuzuerbauenden Linie lebendig geworden. Alle Hindernisse sind beseitigt, einige hundert Arbeiter befinden sich auf der Strecke, deren Anzahl im Frühjahre bedeutend vermehrt werden soll. Da man nicht wissen kann, welche Winterwitlerung eintreten wird und wie die Leute beschäftigt werden können, sieht man zu­nächst von einer größeren Anzahl ab. Bi! jetzt, bei dem trefflichen Octoberwetter, fördern die Arbeiten ungemein. Eine größere Anzahl Leute sind auS Bayern, auS dem Fichtel­gebirge, ein anderer Theil stammt auS der Wetterou und dem Vogelsberge- eS sind vorzugsweise Bauhandwerker: Maurer, Zimmerer, Pflasterer, Weißbinder, welche in der Bauzeit nach Frankfurt gehen und dort Geld verdienen, im Winter aber zu Hause sind. Diese können jetzt auch im Herbste und Winter ihre Zeit gut verwerthen, waS bei den jetzigen Zeiten sehr gerne geschieht. Die Leute werden nicht in Taglohn, sondern tn Stundenlohn genommen. Die Arbeits­stunde wird mit 25 Pfg. berechnet. Damit bei den kurzen Tagen nicht zuviel Zeit mit dem Hin- und Herlansen zum

Essen verloren geht, haben sich die Arbeiter zusammen getban und eine gemeinschaftliche Küche errichtet, wo eine gute und billige Kost hergestellt wird. Man sieht, daS Genossenschafts­wesen äußert auch bei den Arbeitern feine gute Wirkung. Zwei Ingenieure, welche die Linie Beienheim Salzhausen- Nidda bauen, haben sich in Reichelsheim einquartirt. Tal Anfahren von Steinmaterial hat begonnen. Diejenigen Land­leute, welche Gespanne haben, können während deS Winter! Geld verdienen. Man freut sich in der ganzen Gegend, baß die wichtige Sache angefangen hat unb einen so flohen Fortgang zeigt.

n . Büdingen, 14. October. Im hiesigen Rathhaulsaal wurde am 9. b. MtS. eine außerorbentliche General- Versammlung bet Spar- und Leihkasse abgehalten, in der eine Commission, bestehend au! dem Vorstand unb- drei weiteren Mitgliedern, gewählt wurde, welche die vor­bereitenden Arbeiten, insbesondere Ankauf be! Bauplatzes, für den am 24. August beschlossenen Neubau eines Dienst- gebäubeS für bie Kaffe vorzunehmen hat. Die Bausumme würbe in Höhe von 42,000 Mk. bewilligt.

- k- AuS Starkenburg, 14. October. Daß sich da! Fahrrab schon längere Zeit bei bem Militär eingebürgert hat, ist eine bekannte Sache. Nun ist eS aber auch bei ben bürgerlichen Behörden dienstfähig geworden, denn die Mini­sterien haben dies ausdrücklich gestattet. Sowohl das Zweirad wie da» Dreirad darf benutzt werden- für Benutzung eine» solchen, einerlei ob eS gemietet, ober Etgenthum be» Fah- renben ist, wird Vergütung geleistet. Diejenigen Beamten, welche Pferbefouroge haben, ober lür ihre Reisekosten aver- fionirt finb, erhalten nichts, wenn sie ein Fahrrad benutzen.

Lampertheim, 12. October. Gestern Nachmittag brach im Hause be! Herrn Dr. med. Feldhofen sen. abermals Feuer aus, welches sofort wieber gelöscht wurde. Die begleitenden Umstände veranlaßten die Verhaftung deS fünf­zehnjährigen Dienstmädchens Anna Heckmann von Ludwigs­hafen, welche denn auch im ersten Verhör gestand, die Brände durch Fahrlässigkeit verursacht zu haben. ES gehört schon mehr als Leichtsinn dazu, innerhalb weniger Tage drei Brände zu verursachen und herrscht bie allgemeine Ansicht, baß fie bie Brände in böswilliger Absicht angelegt hat. Die eingeleitete Untersuchung wirb hoffentlich L cht in die Sache bringen. Heute Morgen wurde die Brandstifterin in da! Gesängniß nach Lorsch abgeführt.

DermiWes.

Hanau, 11. October. Auch im südlichen Rur* Hessen ist die Maul- und Klauenseuche unter dem Rindvieh, Schweinen rc. in heftiger Weise ausgebrochen, namentlich in Großkrotzenburg und umliegenden Ortschaften, so daß das LandrathSamt für den Umfang des Amtsgerichts* bezirk» Hanau Stadt und Land GemarkungSsperre angeordnet hat. Ferner ist der auf nächsten Mittwoch, den 16. d. M., anstehende große Hanauer Herbstviehmarkt amtlich verbotet» worden.

Ms. Saffel, 14. October. Der gestrige Nach tcouri e r- zu g Berlin-Kreiensen bezw. Hamburg-Bremen-Cassel-Frank- furt, welcher fahrplanmäßig 5 Uhr 25 Minuten Morgen! hier eintreffen muß, erlitt auf freier Strecke zwischen ben Stationen Dranöfelb unb Münden einen Unfall, inbem die Achse an einem Durchgangswagen, worin sich die Restauration befindet, brach. Zum Glück passirte weiter nichts, als daß eine längere Verspätung eintrat. Der befecte Wagen würbe auf ber nächsten Station ausgesetzt.

Ms. Cassel, 15. October. Bei der hiesigen Kgl. Eisen- bahndlrection ist nunmehr auch bie sogenannte englische Arbeitszeit eingesührt, b. h. eS wirb von Morgen» 8 Uhr bis Nachmittags 3 Uhr burchgearbeitet unb bie Nach- mittagS-Büreanstunben fallen auS. Hier wurden falsche Ein-Markstücke angehalten. Die Herkunft ist noch n'cht ermittelt. Vermißt wirb hier feit einigen Wochen ein zwölf Jahre alter Junge auS einer hiesigen Hanbwerker- familie. Der Junge hat sich ohne Grunb von Haufe ent- fernt unb ist fettbem nicht wieber gesehen worben. Er trug braunen Anzug, graue Hose, Strohhut, rothe Cravatte.

* Zur Waruuug für Mütter kann eine Verhandlung wegen fahrlässiger Tödtung bienen, welche kürzlich vor ber ersten Strafkammer beS LanbgerichtS I (Berlin) gegen bie Schuhmachersehefrau Clara Hermann stattfand. Die tief­gebeugte Frau gab folgende Schilderung von den der Anklage z» Grunde liegenden Tharsachen: Sie hatte weibliche Zwillinge besessen. In der Nacht zum 9. Juni, gegen 2 Uhr, sei sie aufgewacht. Sie habe nach ben Rinbern gesehen, bie bamall sieben Wochen alt waren unb nebeneinanber in ihren Bett- chen lagen. Als sie sich davon überzeugt hatte, daß die Händchen ber Kinber kalt waren, weil sie mit den Armen oberhalb der Decke lagen, legte bie Angeklagte die Arme unter bie Decke unb zog diese bis zum Munbe ber Kinber hinauf. Dann legte sie sich wieber nieber. Al» fie am andern Morgen erwachte, machte die Frau dte traurige Entdeckung, daß die Zwillinge entseelt in ihrem Bettchen lagen, fie waren unter die Decke geglitten und dort erstickt. SanitätSrath Dr. Mitten zweig begutachtete, daß die Kinder zweifellos ben Erstickungstod» erlitten hätten, man könne aber schwerlich ber Mutter einen Vorwurf machen, ba sie vielmehr recht sorgsam habe handeln wollen. Daß die Decke keinen Widerstand gegen baß Hinabgleiten mehr bieten würbe, habe bie Mutter, die ja außerdem wohl noch halb im Schlafe sich befunden habe, schwerlich überlegen können. Der Staatsanwalt beantragte aus Grund diese! Gutachten! die Freisprechung der unglücklichen Ange­klagten, auf welche der Gerichtshof auch erkannte.

Begnadigt. Bor zehn Jahren wurde der Studiosus St- au» Sarstedt vom Schwurgericht zu Hannover wegen Er- morbung feine» Stiefvater» zum Tobe verurtheilt. Der junge Wann hatte zum Besuche bei seiner in zweiter Ede wieber verheiratheten Mutter geweilt und war wiederholt Zeuge gewesen, wie sein Stiefvater, ein brutaler Mensch, die