Ausgabe 
16.10.1895 Erstes Blatt
 
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von ihm geliebte Mutter mißhandelte. Da reifte der Ent­schluß in der Seele deS jungen Mannes, den Stiefvater zu beseitigen. Bei günstiger Gelegenheit streckte St. den Peiniger seiner Mutter durch einen Gewehrschuß nieder und beendete die Leiden des verwundeten durch einen Stich in den Hals. Das Schwurgericht verurtheilte den jungen Mann zum Tode, auf dem Gnadenwege wurde das Todes- urtheil in lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt, welche St. im GerichtSgefänguiß zu Hannover verbüßte. Dort ge­wann er sich die besondere Zuneigung sämmtlicher Beamten und auf ein von der Direction befürwortetes Gesuch wurde er vom Kaiser begnadigt. Am Freitag wurde der einst zum Tode Verurtheilte der Freiheit und der Mutter zurück- gegeben.

* Hannover, 14. October. In letzter Nacht erschoß in der Nothwebr mit seinem Dienstrevolver ein Crimtnal- schutzmann den 21jährigen Hausdiener Heinemeyer. Der letztere und vier Genossen hatten die Aufforderung deS Criminalschutzmanncs, sich von dem Platze zu entfernen, wo sie Scandal gemacht hatten, mit einem Angriff auf den Be­amten beantwortet.

* Heimgelemhtet. Primaner:Gnädige Frau, Sie sind doch die schönste Blüthe in dieser herrlichen Früh- lingSlandschaft." Dame:Auch ich muß Ihnen das Com- pliment machen, daß Sie vorzüglich in die grüne Um gebung hinetnpaffen."

Universität- * Nachrichten.

Jena, 14 October. Der Staatsrechtslehrer Professor Brock- hauS ist heute gestorben.

Citeratar und Knnft.

Russisch - polnische Beziehungen. Ein Abriß von Graf Leltwa. AutortstrteUeberfetzung von Arthur C. Arnold. Preis 1 Mk. 50 Pf. -Der Titel eines Buches ist das Schicksal desselben", hat einst Jemand gesagt. Sollte dieser Ausspruch über alle Zweifel erhaben sein, so ist damit diesem Werke ein bösrS Prognosttkon gestellt, zum Nachtheile der Polen, deren Interessen eS so warm vertritt, zum Nachtheile der Deutschen, denen es einen Einblick in die inneren Verhältnisse Rußlands bietet, die aber so, da ihnen der Titel zu wenig verräih, vielleicht achtlos vorübergehen, zum Nachtheile der Unzufriedenen diesseits der Grenze, welche über Unterdrückung bitter klagen, nach Durchsicht dieser Schrift jedoch sich sagen müssen;wie gut haben wir's, wie frei sind wir", und endlich zum Nachtheile deS Autors, der Jmmermanns AusspruchFreund, tm wüsten Marktgedrange braucht man seine Elnbogen" nicht kennt oder zu wenig beherzigt, obgleich er als Pole und Katholik in Ruß­land die Elnbogen Anderer oft genug fühlt. Schade wäre es um feine Worte, die edle Begeisterung, ächte Vaterlandsliebe und Mitleid mit den geknechteten Stammes- und Glaubensgenossen dictirt haben, schallten sie nicht so weit hinaus, wie jeder Freund deS Gülen und

Feind des schlechten es wünschen muß. Mancher deutsche Pratestant wird das Buch vielleicht mit den Wortenwas gehen mich die Polen, was geht mich der Katholicismus an?" bet Seile legen. Er thäte koppelt Unrecht daran, denn in Rußland giebt eS keinen Herrscher, dem man das volnische KönigSwortSam rex popaiorum, eed non conecientiaruml in den Mund legen könnte, und mit dem Schicksale der russischen Polen hat das der russischen Balten, der Nachkommen braver Hanseaten, Westphälinger, Mecklenburger, Pommern und Preußen verzweifelte Aehnlichkeit. Abgesehen von denjenigen Stellen, wo sich der Pole als Slawe fühlt und dem­entsprechend handelt und spricht, darf man in Leliwa« Abriß meistens getrost stattPole"Balte"^und stattKatholik" Protestant" lefen."

Gastspiels unkerma nn. Anläßlich des b*.erstehenden Gastspiels des berühmten Reuter-DarstellerS und Komikers Augsusi Junkermann, Kgl. Württ. HofschauspielerS, wollen wir nicht Unterlasten, auf das von Herrn Junkermann herausgegebene »Humoristtkum^ aufmerksam zu machen. Eine prächtige Gabe herzerfrischenden HumorS hat Junkermann, der in Europa wie in Amerika gletchbeltebte Komiker und Reuter-Interpret, mit diesem nun schon in vierter, verbesserter Auflage erschienenen Buche ge­schaffen. Er hat darin eine Fundgrube köstlicher Perlen deS Vor­trags zusammengetragen, von denen jede ein Treffer ist. Ebenso wird sich aber auch Jeder, der sich auf bloße Lectüre des BucheS beschränkt, daran erfreuen und erquicken, sodaß wir das Humoristtkum als ein gewiß überall willkommenes Geschenk bezeichnen dürfen. Junkermann trägt jedem Geschmack Rechnung und bietet sehr viele Original-Beiträge, manches bisher ungedruckte Stück. Man kann nicht sagen, daß wir Ueberfluß hätten an guten humortschen Sammel­werken, die dem Bedürfniß des Vortrags entgegenkommen. Oft genug hört man die Frage aufwerfen: Können Sie mir nicht eine Sammlung komischer Gedichte und flotter Profascherze nennen? Wer bisher in Verlegenheit war, dem ist nun geholfen. Die Ant­wort lautet: JunkermannS Humoristtkum. Möchte sich das Buch auch in jenen Kreisen, wo nach des Berufes ermüdender Pflicht ein Bedürfniß nach erheiternder Lectüre besteht, noch viele Freunde er­werben, und es sei daSHumoristtkum" noch besonders jenen unserer Leser empfohlen, welche sich der dankbaren Aufgabe deS declamatorischen Vortrags unterziehen- sie werden vorzüglichen Stoff zu diesem Zweck darin finden. DaS Buch ist bei Levy <t Müller In Stuttgart erschienen und kostet nur Mk. 3., gebunden Ml. 4.

Technische Fortschritte.

Prüfung feucht«« Wohnung««. Hierzu gibt die Fach­zeitschrift derBau" folgendes einfache Verfahren an: Man stellt in jedem Zimmer eine ganz genau abgewogcne Menge frisch ge­brannten und fein zerstoßenen Kalk auf, darauf verschließt man jedes Zimmer gut. Nach 24 Stunden wiegt man den Kalk wieder ab und stellt den Unterschied fest. Beträgt die Gewichtszunahme mehr als 1 pCt, so find die Zimmer wegen der großen Feuchtigkeit der Luft für die Gesundheit der Menschen nachtheilig und sollten nicht bewohstt werden, oder es müssen Vorkehrungen getroffen werden, um diesen Feuchtigkeitsgehalt;ber Luft zu verminter. Nicht ganz wtstenschastlch, aber höchst einfach und praktisch, wird die gesundhetts- bedrohende Feuchtigkeit einer Wohnung bewiesen durch daSBeschimmeln deS Schuhwerks. L-Zig.

verfahren ittt Herstellung von künstlichem Sand­stein. Nach einem I. Pfeiffer in Kaiserslautern hierzu ertheiltrn Patent wird der für die jedesmalige nächste Mörtelbereitung er­forderliche gebrannte Kalk im unteren Theil eines Druckkefiels auf- geschichtet, indem sich auch die in Kunstsandstein überzuführenden Gegenstände, die auS plastischem Mörtel gefertigt werden, befinden. Durch Zuleiten von Wasser wird der Kalk abgelöscht, wodurch |M gleicher Zeit durch die dabei entstehende höhere Temperatur und die Spannung der Waffe, dämpfe tm Innern de« Kessel« die in Gerüsten liegenden Formffücke in feste« Gestein verwandelt werden.

Briefkasten.

Oe. in B. 50 Pfg. für den Abonnenten.

Verkehr, Land- nnd Volkswirthfchaft.

»iestm, 15. October. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter vr. Psd. 0,800,90, Hühnereier pr. St. 67 4, 2 St. 00 H, Enteneier pr. St 00 H, GLnse- eier pr. St. 00-00 H, Käse pr. St. 5-8 A, Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 15 A- Linsen pr. Liter 26 A- Tauben pr. Paar 0,60 bis 0,60, Hühner pr. Stück 0,90 bis 1,00, Hahnen pr. Stück X 0,50 -0,75, Enten pr. Stück JL 1,60-2,00, Gänse pr. Pfund X 0,45-0,56, Ochsenfletsch pr. Psd. 72-76 H, Kuh- und Rindfleisch pr. Pfd. 66 - 68 H, Schweinefleisch pr. Psd. 60 di« 70 A. Kalbfleisch pr. Dfd. 64-68 H, Hammelfleisch pr. Pfd. 60-70 A, Kartoffeln pr. 100 Kilo 4,00 - 5,00 X, Weißkraut pr. Stück 8 16 H, Zwiebeln pr. Gentner JL 4,004,50, Milch pr. Liter 1620 A- Zwetschen pr. Gentner vM 2,003,00.

Witterungsbericht vom 14* Oktober.

Während der Norden deS Erdthetls bis zu dem deutschen Küstengebiete unter dem Einfluß deS niederen Druckes steht, deffen Centrum vor der mittel-norwegischen Küste liegt, zieht sich von Frankreich durch Central-Europa ein Rücken hohen Drucke«. Sein Kern lagert über den Alpen. Im Westen Frankreichs macht sich aber vom Ocean her das Nahen einer neuen Depression bemerkbar und ist daher eine längere HerrschastS-Dauer des barometrischen MaximumS in Frage gestellt.!

voraussichtlich« Witterung r

Zunächst noch heiteres, tagsüber warmes Wetter, jedoch ohne Aussicht auf längeren Bestand.

Verfälschte schwarze Seide.

Man verbrenne ein MÜsterchen deS Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu läge: Aechte, rein gefärbte Seide träufelt sofort zusammen, verloscht bald und hinter­läßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, nament­lich glimmen dieSchußfäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff er­schwert), und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegen­satz zur ächten Seide nicht kräuselt, sondern krümmt. Zerdrückt man die Asche der ächten Seide, so Zerstäubt sie, die der verfälschte« nicht. Die Seidenfadrtt«« G. Henneberg (k. u. k. Hoflieferant) Zürich versendet gern Muster von Ihren echten Seidenstoffen an Jedermann und liefert einzelne Roben und ganze Stücke Porte- und steuerfrei In die Wohnung 197

Bekanntmachung.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der städtische Friedhof in der Zeit vom 16. October 1895 bis 15. März 1896 von Morgens 8 Uhr bis Abends 5 Uhr geöffnet bleibt und daß die auf dem Friedhof Verweilenden eine Viertelstunde vor Schluß desselben durch ein Glockenzeichen aufmerksam gemacht werden.

Gießen, den 14. October 1895.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

8549 _______________Gnauth.____________________________

Bekanntmachung.

Vom 16. October l. I. ab sind die Versicherungs-Prämien für Schweine von Mk. 1.50 auf Mk. 1 herabgesetzt.

Die Schlachtvieh-Versicherungs Gesellschaft.

8581 L. Vogt.

Erweiterte Handwerk ersehnte in Giessen.

Das Wintersemester beginnt am 21. October d. I Vor­mittags 8 Uhr, und schließt Ende März k. I.

Die Anstaltsleitung:

8589 _______________________________Traber._________

Kaufmännische Aachfchnle.

Wir machen hiermit darauf aufmerksam, daß Anmeldungen zum Besuch des diesjährigen Winter-Cursus nur noch im Laufe dieser Woche bei Herrn C. Orbig, Bahnhofstraße 30, erfolgen können. 8570 Der Vorstand.

Versteigerung.

Meine an der Plockstraße gelegene Bretterhalle lasse ich Samstag den 19. October, Nachmittags 2 Uhr, ver­steigern. [8587] Ernst Bloedner.

Submission.

Für die psychiatrische Klinik soll die Lieferung nachbenannter Ver- jehrungS- und Verbrauchsgegenstände tu f. w. auf dem öffentlichen Sub­missionswege vergeben werden und |a>ar:

I Einmalige Lieferung:

6 Ctr. Aepsel,

160 gute Speisekartoffeln (mag- num bonum),

3 untererdige Kohlraben, iyt obererdige Kohlraben, 2'/, , Zwiebeln,

3/t rothe Rüben,

/t Meerrettig,

3 Gelberüben,

11 Weißkraut,

40 Stück Rothkraut,

100 Stück Wirsing, 50 Lauch, 90 ,, Sellerie;

II. Lieferung für den Rest des Etatsjahres 1895/96: 1. von Backwaaren, 2. Fleischwaaren, 3. Specereiwaaren, 4. Milch, 5. Butter und Eier, 6. Bier, 7. Wein, 8. Eis,

9. sog. Verbrauchsgegenftänden (Putzmaterialien, Schrupp- lappen, Bürstenwaaren rc.), 10. H Schreibmaterialien,

11. ca. 5000 Ctr. Coaks, 12. ca. 600 Ctr. Kohlen, 13. ca. 40 rm Holz,

14. das Reinigen der Wäsche für die Kranken und das Personal,

15. das Reinigen des Küchenheerdes, 16. das Reinigen der Senkgruben und das Fortschaffen des Keh­richts rc.,

17. die Abgabe von Knochen und Gespül,

18. die Abgabe von leeren Flaschen. Die Bedingungen liegen an den Wochentagen, Vormittags von 9 bis 11 Uhr, auf dem Büreau der psy­chiatrischen Klinik (neben dem Bau büreau der psychiatrischen Klinik Frankfurterstr. 103) offen.

Offerten sind versiegelt und mit genauer Aufschrift und Angabe der­jenigen poa., auf welche submittirt wird, versehen, bis zum

Montag, 21. October 1895, Nachmittags 3 Uhr,

auf genanntem Büreau einzureichen.

Zuschlag erfolgt am 26. Ok­tober 1895.

Gießen, den 10. October 1895. Großh. Verwaltungs - Direction der psychiatrischen Klinik.

________Sommer._____8430

Mittwoch den 16. Dct. L I.,

Nachmittags 2 Uhr,

werden im Biet«r'schen Saale Neu­stadt 55 versteigert:

Sophas, Commoden, GlaS- u. Kleider, schränke, Tische, Spiegel, Bilder, Re­gulateure, 1 Nähtisch, 1 Nähmaschine, 1 Partie Kupferstiche, Oelbilder, Bilder­rahmen, Porzellan- und Glaswaarrn, Siet trüge, 10 Eichenstämme, 10 Buchen­bohlen, 2 Hobelbänke, 1 Ladeneinrich­tung, 1 Schwein u. a.

Versteigerung theilweise bestimmt. 8573 StiBUt, Gerichtsvollzieher.

Donnerstag d. 17. M. L I.,

Nachmittags 2 Uhr,

im und beim zu Gießen ver­

steigere ich öffentlich gegen Baarzahlung:

2 Schweine, 1 Partie Nutzholz, eine Partie Heu, 1 Handkarren, 2 Hobel­bänke, 1 Musikautomaten, Ladenein­richtung, 1 Bett, mehrere Sophas, Bettstellen, 1 Silberschrank, 2 Com­moden und sonstige Mobilien, ferner eine Anzahl Regulateure, eine Anzahl Bilder, diverses SUberzeug, 1 Posten Cigarren rc.

Unmittelbar darnach an Ort und Stelle (Zusammenkunft im Adler):

«in e&8«W«tt.

Versteigerung vorauss.tbeilw. bestimmt. 8590________Gerichtsvollzieher.

6535] Ein« Ladenthek« und »w«i WertbLnk« tu verkaufen.

M. Vogt Wwe., Wallthorstr. 8, UI.

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und Wintersaison.

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