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Amtlicher Theil.
Gießen, 11. September 1895.
Betreffend: Die Beschäftigungsverhältniffe der in Ziegeleien beschäftigten Arbeiter.
Da- Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Bei der Revision der Ziegeleien Seitens der Gewerbe- aufstchtsbeamten hat sich ergeben, daß in einer erheblichen Anzahl solcher Anlagen, in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, der in § 138 Abs. 2 der Gewerbeordnung bezw. unter III der Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 27. April 1893 (ReichSgefetzblatt S. 148) oorgeschrtebene Aushang fehlte. Wir weisen Sie deshalb darauf hin, daß in allen Ziegeleien, in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, der fragliche AuShang zu erfolgen hat und daß die Durchführung dieser Anordnung von Ihnen zu überwachen ist.
Demgemäß werden Sie sich von Zeit zu Zeit ver- gewtsiern, ob in den in Ihren Dienstbezirken belegenen Anlagen der fraglichen Art, in denen Arbeiterinnen oder fügend- ltche Arbeiter beschästigt werden, der vorgeschriebene Aushang sich vorfindet und vernetnendenfalls den Arbeitgeber ver- anlaffen, denselben an der Arbeitsstätte, und zwar an einer in die Augen fallenden Stelle, anzubringen.
Den Befolg ihrer Anordnung wollen Sie dann gleichfalls überwachen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Durchführung der Versicherung der unständigen Arbeiter nach dem Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetz.
Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 31. Januar 1895 (Gießener Anzeiger Nr. 31) bringen wir hiermit zur allgemeinen Kenntniß, daß für den Controlbezirk des diesseitigen Kreises, welcher die südlich der Linie Holzheim, Grüningen, Dorf-Gill, Lich, Nieder- und Ober-Bessingen, Röthges (diese Orte einbegriffen) gelegenen Orte des Kreises Gießen umfaßt, an Stelle des Bürgermeistereigehilfen Rotte in Lich der Kreisbote Guld an zu Gießen zum Controlbeamten bestellt worden ist.
Gießen, den 11. September 1895. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Zur Frage der Renteneonverfion.
Wieder einmal sind Gerüchte über eine bevorstehende Umwandlung der vterprocentigen preußischen Staatsanleihen (ConsolS) und der vterprocentigen Reichsanleihen in ver- muthltch dreiundeinhalbprocentige Schuldverschreibungen im Gange. Sie lasten sich zwar noch nicht auf ihre Genauigkeit hin prüfen, aber es scheint kaum mehr zweifelhaft zu sein, daß mau an den leitenden Finanzstellen diese ConversionS- projecte ernstlich erwägt.
Ihre Verwirklichung ist wohl nur noch eine Frage der nächsten Zeit, denn allerdings drängen die Verhältnis des Geldmarktes die Reichsregierung und die preußische Regierung immer mehr zu einem solchen wichtigen finanzpolitischen Schritte, obwohl gegen denselben auf der anderen Seite mancherlei gewiß nicht zu unterschätzende Gründe sowohl volkSwirthschaftlicher als auch socialer und ethischer Natur sprechen. Aber wie nun die Dinge infolge des fortgesetzten Sinkens des Zinsfußes einmal liegen, muß eben doch mit der baldigen Herabsetzung der vterprocentigen Schuldtitel deö Reiches und Preußens gerechnet werden und vor Allem wird daher die kleine Capitalistenwelt, in deren Reihen jene Anleihen zum guten Theile untergebracht find, gut thun, sich mit dem Converfionsgedanken vertraut zu machen.
In Preußen sind nun zwar schon rund 2 Milliarden ConsolS alS dreiundeinhalbprocentige auSgegeben worden, doch circuliren daneben noch immer vierprocentige Schuldtitel im Gesammtwerthe von ca. 3500 Millionen Mark, während die vterprocentigen Reichsanlethen eine Summe von ca. 450 Millionen Mark repräsentiren. Cs würde demnach bei einem RäckzahlungSangebote Preußens und des Reiches die gewaltige Summe von 4 Milliarden Mark mobilisirt werden, eine Umwälzung, die mit Naturnothwendigkeit auch eine Herabsetzung des Procentsatzes bei den anderen Staatsanleihen, ferner bei den Communalanleihen, bei den Anleihen von Actien-Gesellschaften usw. zur Folge haben müßte. ES wäre
dies also eine förmliche Revolution auf finanziellem Gebiete und Pflicht der betheiligteu Regierungen ist es darum, eine derartige tiefgreifende Operation vorher noch einmal gründlichst zu prüfen und deren Folgen nach den verschiedenen Richtungen hin ernstlich inS Auge zu fasten. Andernfalls müßte eine Herabsetzung solcher erstklassiger Categorien auf dem Rentenmarkte, tote eS die vterprocentigen Reichs- und preußischen Staatsanleihen sind, wenn verfehlt in Angriff genommen, den gesammten Capitalmarkt tief erschüttern und zu den ver- hängnißvollsten Consequenzen führen.
Vor Allem jedoch müßten neben den finanziellen Jn- teresten des Staates diejenigen der Kleincapitalisten berücksichtigt werden, welche ihr Vermögen ausschließlich in den vterprocentigen Reichs- und Staatsanleihen angelegt haben. Hierzu gehören sowohl zahlreiche Geschäftsleute, als auch Beamte, kleine Rentiers, Staatspensionäre usw., für welche Staatsbürger die geplante Zinsherabsetzung natürlich eine mehr oder weniger empfindliche Schmälerung ihres Einkommens bedeuten würde.
Stellte man maßgebenden Ortes nicht die möglichst günstigsten Bedingungen für die Convertirung, so stünde zu befürchten, daß sich große Massen der Besitzer vierprocentiger staatlicher Renten derselben überhaupt entäußern und andere, vielleicht unsicherere, aber höhere Zinsen gebende Papiere erwerben würden, der Effect hiervon wäre dann die Umwandlung eines erheblichen TheileS der ZinSersparnisie des Reiches und Staates in Verluste für das Nationalvermögen. Anderseits darf aber bet der geplanten Convertirung daS fiskalische Jntereste nicht allzusehr in den Vordergrund treten, dies würde jedoch der Fall sein, wenn die Reichsregierung die umlaufenden 450 Millionen Mark ihrer vterprocentigen Anleihen in eine dreiprocentige Reichs-Prämienanleihe zum Zwecke einer einmaligen außerordentlichen Einnahme von 90 Millionen Mark umwandelte, welcher Operation der officiöse „Hamb. Corresp." das Wort redet. Das würde also im Grunde weiter nichts als eine auf die Spielsucht berechnete Lotterieanleihe des Reiches sein, eine Form deS Schuldenmachens, die aus verschiedenen Erwägungen ent- schiedene Zurückweisung verdiente.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. September. Die Kaisermanöver in Pommern haben den denkbar besten Verlauf genommen und erneut die allen Anforderungen gewachsene Schlagfertigkeit und Tüchtigkeit des deutschen Heeres in glänzendstem Sinne gezeigt. Die erlauchten Manövergäste des Kaisers, vor Allem der Kaiser von Oesterreich und der König von Sachsen, bekundeten das lebhafteste Jntereste an den einzelnen Phasen der dreitägigen Manöver, Kaiser Wilhelm selbst aber kehrte stets als der letzte der Fürstlichkeiten aus dem Manöoer- gelände nach Stettin zurück. Ueberaus herzlich sind der Kaiser und seine fürstlichen Manövergäste von der Einwohnerschaft Stettins wie von der Bevölkerung des Manövergebiets begrüßt worden, und namentlich dem Kaiser Franz Joseph wurden immer wieder jubelnde Ovationen bereitet, waS im österreichischen Kaiserstaate tiefste Genugthuung hervorgerufen hat. Ein specielleS politisches Moment ist bei den Stettiner Kaisertagen nicht hervorgetreten, bemerkens- werthe Trinksprüche sind bet den Diners, welche die Fürstlichkeiten am Abend, resp. Nachmittag jedes Manövertages im Stettiner Schlosse vereinigten, von keiner Seite aus« gebracht worden, doch steht ja auch ohne derartige Aeußerlich- keiten die politische Bedeutung der Kaisermanöver und Kaisertage in Pommern als einer abermaligen Bekräftigung des Dreibundes fest. Eine Anzahl hoher österreichischer Würdenträger erhielten preußische Ordensauszeichnungen und umgekehrt wurden verschiedene hochgestellte deutsche Persönlichkeiten mit österreichischen Orden decorirt. Kaiser Wilhelm führte an den beiden letzten Manövertagen persönlich das Obercommando, am Mittwoch commandirte er die aus dem Gardecorps, einer Reservedivision und dem 3. Armeecorps zusammengesetzte Südarmee und drängte die aus dem 2. und 9. Corps bestehende Nordarwee aus ihren Stellungen. Dagegen hatte die Nordarmee am letzten Manövertage, am Donnerstag, die Ehre ibrer Führung durch den Kaiser.
Metz, 10. September. Noch auf Jahrzehnte hinaus wird die Frage, wie der deutschen Sprache innerhalb der heute noch im französischen Sprachgebiet liegenden LandeS- theile Eingang zu verschaffen sei, im Vordergründe stehen. Bei deren Lösung wird selbstverständlich die Volksschule die Hauptarbeit zu verrichten haben und eS ist daher selbstverständlich, daß die Lehrerbildungsanstalten bei der Ausbildung der jungen Lehrer eine ganz besondere Ausbildung in Bezug auf den zweisprachigen Unterricht geben. Die Er
fahrung hat nun gezeigt, daß die auS dem französischen Sprachgebiet stammenden Lehrer, deren Muttersprache also französisch ist, die Gewandtheit im Deutschsprechen wieder verlieren und mehr oder weniger verwelschen, weil ihnen eben in der rein französischen Umgebung jede Gelegenheit zur Uebung im Deutschreden fehlt. ES ist daher nothwendig geworden, daß innerhalb deS französischen Sprachgebiets deutsche Sprachcurse eingerichtet wurden, bei denen sich die Lehrer an schulfreien Donnerstagen versammeln, um unter Leitung eines des Deutschen vollständig mächtigen Collegen theoretische und practische Sprachstudien im Deutschen zu betreiben. Da die Betreffenden oft größere Strecken zurückzulegen haben, so werden ihnen entsprechende Tagegelder auSgezahlt. Leider ist bis jetzt für die Weiterbildung der Lehrerinnen noch nichts geschehen. Der Mehrzahl nach find sie Ordenspersonen, die von Haus auS das Französische bevorzugen. Wenn daher bei der Heranwachsenden weiblichen Jugend daS Deutsche nur ganz geringe Fortschritte aufweist, so braucht man sich weiter nicht zu wundern.
Netteste
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 12. September. Der „ReichSanzeiger" schreibt anläßlich der Abreise des Kaisers von Oesterreich: Tausende erblickten in den letzten Tagen die ritterliche Gestalt gleich einer Verkörperung der treuen Bundesgenossen- schäft, worin Oesterreich-Ungarn mit dem Deutschen Reiche sich zu einem Bollwerk deS europäischen Friedens zusammengeschloffen hat. Die Begeisterung deS Empfanges möge den hohen Gast überzeugen, daß die Anhänglichkeit an das befreundete Nachbarland in den Herzen aller guten Deutschen unzerstörbar festgewurzelt ist und daß die Deutschen des Reiches mit den Brüdern in Oesterreich Ungarn eins sind in Liebe und Verehrung für den Kaiser Franz Josef.
Berlin, 12. September. Anläßlich der diesjährigen großen Berliner Kunstausstellung wurde verliehen: die große goldene Medaille für Kunst: den Malern Prof. Graf Harrach - Berlin, Wilhelm Deibl-Aibling (Bayern), Ferdinand Rohbet-Paris, Bildhauer Jules Element Chapelin- Paris- die kleine goldene Medaille: den Malern Giovanni- Coldint Paris, Paul Schröter-München, Otto Reichert-Düffel« dorf, Wilhelm Feldmann-Berlin, Alexander Harison-PariS, Raubaud-München, John S.Sargent-London, Arthur Ferraris- Wien, Bildhauer Emil Pisi>Matland.
Stettin, 12. September. Unter den sehr zahlreichen von dem Kaiser von Oesterreich decorirten Persönlichkeiten erhielten der commandirende General deS 9. Armeecorps, General der Cavallerie Graf Waldersee, das Großkreuz deS StefansordenS, die commandirenden Generale des GardecorpS und deS 2. ArmeecorpS, Generäle der Infanterie v. Winterfeld und v. Blomberg, daS Großkreuz deS LeopoldordenS und der Oberbürgermeister von Stettin, Geh. RegierungS- rath Haken den Orden der Eisernen Krone 2. Kl. Diesem verlieh auch der König von Sachsen das Comthurkreuz 2. Kl. des Albrechtordens. Der Kaiser von Oesterreich spendete für die Stettiner Armen 4000 Mk.
Stettin, 12. September. Kaiser Wilhelm begleitete Kaiser Franz Josef zum Bahnhofe, wo auch der König von Sachsen erschien. Kaiser Wilhelm trug österreichische Husarenuniform und Kaiser Franz Josef die Uniform deS Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment-, der König von Sachsen die Uniform seines Garde-Ulanen-RegimentS. Nach herzlicher Verabschiedung bestieg Kaiser Franz Josef den Sonderzug zur Rückreise nach Wien. Dann nahmen Kaiser Wilhelm und der König von Sachsen in inniger Weise von einander Abschied. Der letztere reiste um 5 Uhr 50 Min. nach Dresden ab, während sich Kaiser Wilhelm sofort an Bord der „Grille" begab und nach Swinemünde fuhr. In der Begleitung des Kaisers befanden sich der Graf von Turin und die Prinzen Leopold und Arnulf von Bayern, sowie die Prinzen Albrecht und Friedrich Leopold von Preußen.
Swinemiinde, 12. September. Die „Grille" mit dem Kaiser an Bord traf um S1/»Ul)t hier ein. Der Monarch wurde vom Commandanten Arnim begrüßt und begab sich unter den begeisterten Zurufen der trotz des Regens harrenden Menge auf die „Hohenzollern". Die Abfahrt zum Geschwader erfolgt früh 1 Uhr.
Pofen, 12. September. Der Handelüminister Freiherr v. Berlepsch traf heute Nachmittag in Begleitung des UnterftaatSsecretärs Lohmann von Berlin hier ein und begab sich in Begleitung deS Oberpräsidenten Frhrn. v. Wilawowitz- Möllendorf und deS Regierungspräsidenten v. Jagow nach


