Arbeiter brodlos. Die Arbeiter sehen aber der Zukunft ruhig entgegen, da sie sich für unentbehrlich halten. Am SamStag haben bereits 1200 Arbeiter die Arbeit eingestellt.
London, 11. März. Die .Times" meldet aus Washington, daß die Regierung der Bereinigten Staaten gegen diejenigen Länder, welche Einfuhrverbote gegen amerikauischesFleisch erlassen haben, Repressalien au«- üben werde durch Zoller Höhungen auf von den be- treffenden Ländern emgeführre Waaren.
London, 11. März. Nach einer Meldung auö Tokio ist die japanische Kaiserin nach Hiroshima abgereist, wo sie japanische und chinesische Verwundete besuchen wird. — Der japanische Kaiser hat dem General Nodzu für ge- leistete Dienste ein Glückwunschschreiben zugesandt. — Die japanischen Truppen bereiten sich zur Landung auf der Formosainfel vor.
Petersburg, 11. März. Die Krönung des Czaren soll in der zweiten Hälfte des Mai in Moskau statlfinden.
Newyork, 11. März. .World'' veröffentlicht ein Tele. gramm auS Tokio, wonach die chinesische Regierung sich bereit erklärt hat, aus die von Japan gestellten Bedingungen ein. zugehen und den Friedensvertrag zu unterzeichnen.
Brand geboten wurde. Die anregende Wirkung dieser ver- ; anstalrung hat sich sofort durch die sehr erfreulich erhöhte Zahl der Mitglieder in Gießen bethätigt. — Am 1. Januar 1895 betrug die Zahl der dem Verein angehörigen Mitglieder: in Darmstadt 483 Mitglieder mit 513 Antheil- scheinen, Gießen 179 resp. 193, Mainz 128 resp. 128, Offenbach 171 resp. 186, WormS 50 resp. 50, anderen Orten deS GroßherzogthumS 37 resp. 43, Orten außerhalb des Großherzogthums 26 resp. 26, zusammen 1074 Mitglieder mit 1139 Aniheilscheinen (gegen das Vorjahr mehr 67 Mitglieder mit 78 Antheilscheinen). — Die Ausstellungen deS KunsiveretnS in der Kunsthalle zu Darmstadt haben im Jahre 1894, mit einer Unterbrechung vom 15. Juli bis 25. August, in thunlichst rascher Folge stattgehabt, warrn von in- und ausländischen Künstlern ungewöhnlich zahlreich beschickt und von Vereinsmitgliedern und Fremden fleißig besucht. ES waren ausgestellt: 725 Oelgemälde, 90 Aquarelle und Pastellbilder, 54 Zeichnungen, 36 Radierungen, 5 GipS- modeüe, zusammen 910 Nummern. An der Ausstellung der für den Turnus bestimmten Kunstwerke haben nach Maßgabe der verfügbareu AuSstellungsräumlichketten auch die Städte Gießen (mit 160 Oelgemälden und 33 Original- Radierungen), Mainz (mit 152 Oelgemälden und 10 Aquarellen) und der Sunstverein in Hanau mit 287 Oelgemälden, 26 Aquarellen und 33 Original Radierungen) theilgenommen. Bei der am 8. December 1894 stattgehabten Verloosung der im Laufe deS Jahres angekauften Kunstgegenstände find 13 Oelgemälde und 24 Aquarelle, Kupferstiche rc. unter den Mitgliedern verloost worden. Die Anschaffungskosten der verloosten Gegenstände betrugen 3015 Mk. — Als DereinS- blatt für 1894 wurde eine Radierung „Römerin" von Doris Raab nach Kaulbach in 450 Exemplaren unter die Vereins- Mitglieder, mit Ausnahme derjenigen zu Darmstadt und Mainz, vertheilt. Nach der von dem Schatzmeister aufgestellten Rechnung für daS Jahr 1894 stellen sich die Ge- sammt-Einnahmen auf 19,522 Mk. 96 Pf. und die Gesammt- Ausgaben auf 16,751 Mk. 69 Pf., so daß ein Kasseoorrath bleibt von 2771 Mk. 27 Pf. Der Voranschlag für 1895 berechnet sich in Einnahmen und Ausgaben auf 18,550 Mk. Nach § 13 der Statuten haben in diesem Jahre ErgänzungSwahlen zum VerwaltungSrathe stattzufinden und zwar in folgender Weise: in Darmstadt treten auS: Geheimer Staatsrath Hallwachs, Proseffor Hofmann, Ge- heimerath von Marquard, Geheime Commerzienrath Merck, Proseffor Noack- in Gießen treten aus: Provinzialdirector Freiherr von Gagern, Oberbürgermeister Gnauth- in Mainz tritt aus: Director Dr. Belke und ist zu ersetzen Oberbürgermeister Oechsner; in Offenbach treten aus: Fabrikant Ludo Meyer, Baurath Raupp- außerdem ist bis 1899 zu ersetzen der verstorbene Gutsbesitzer Brücks in WormS treten aus: Fabrikant Fritz Dörr und Kreisamtmann von Homdergk zu Vach. Die Mitglieder des Verein« werden zum Besuch der auf Samstag, den 16. März d. I., Nachmittags 3 Uhr, in der Kunsthalle in Darmstadt anberaumten Hauptversammlung eingeladen.
• * Herbstübungen 1895. Nach einer allerdings noch unverbürgten Nachricht werden die diesjährigen Manöver der Großh. Hess. 25. Division (Brigade- und Divisionsübungen) in der Provinz Oberhessen und in Theilen der preußischen Kreise Kirchhain und Marburg (nördlich der Linie Gießen— Schotten) von etwa Mitte September ab statlfinden. Die Corpsmanöver (25. gegen 22. Division) spielen sich zwischen Lauterbach und Fulda ab und endigen am 24. September.
♦ * Fürst Bismarck als Ehrenmitglied der Krieger- । kameradschaft „Hassia". Auf die Anfrage deS Präsidiums I des Landeskriegerverbands „Hassia", ob Fürst Bismarck i die Ehrenmitgliedschaft anzunehmen geneigt sei, ist am | Samstag lt. „D. T." die nachstehende Antwort des Fürsten ; eingegangen: „DaS gefällige Schreiben vom 5. d. M. habe ich mit verbindlichstem Danke erhalten und werde mich durch die Verleihung der Mitgliedschaft deS Landesverbandes Hassia hochgeehrt sühlen. FriedrichSruh, 7. März 1895. gez.: v. Bismarck."
• * Perfoualnachrichteu. In den Ruhestand wurde ver- setzt: der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Nidda Adolf Kuhn auf fein Nachsuchen bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. — Ernannt wurde der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Ortenberg Karl Leonhard Vetzberg er zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Nidda mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts seines Dieustnach-
I folger« an.
* Zur Unterstützung der armen Weber des Vogelsberger I hat, wie auswärtige Blätter melden, daS Großh. Mtnisterium I des Innern und der Justiz Deranlaffung genommen, wegen I Uebertragung von entsprechenden Lieferungen sür die Truppen- I lhetle mit dem Generalkommando deS 11. ArmeecorpS ins I Benehmen zu treten. ~
* Wann schließt das Jahrhundert 1 Angesichts des naher- I rückenden neuen Jahrhunderts hat die Frage, wann ein I Jahrhundert schließt, ein gewiffeS actuelleS Jntereffe. Die I Kopenhagener „Rat. Tidende" erinnert daran, daß am I 31. December 1800 am weimarischen Hof auS Anlaß deS I Schluffes des 18. Jahrhunderts ein große« Fest mit einem I Aufzug in Costüm stattfand. Um Mitternacht zogen sich I Goethe, Schiller, Schelling und Henrik Steffen« in einen I Nebenraum zurück, wo diese großen Geister unter Geplauder I den Champagner sprudeln ließen. Steffen« berichtet hierüber I und erzählt, wie schon am vorhergehenden Jahrestage, am 31. December 1799, verschiedene da« Ende deS Jahrhundert« I gefeiert und mit stimmungsvollen Gefühlen dem mitter- 1 nächtlichen Glockenschlage gelauscht hätten, während sich andere I über diese Fehlrechnung lustig machten. Steffen« sprach I damals qu«, daß man wohl bei jedem Wechsel de« Jahr- I hundert« den Streit darüber erneut hören werde, ob man | nicht mit Null anfangen solle. Es ist doch seltsam, sagt er, j daß man immer von Neuem auf Grund der Veränderung der Zahlen den Schluß für den Anfang betrachtet und ver- * gißt, daß die Rull doch nur durch die Einheit, die voran-
CocaUs und Provinzielles.
Gießen, den 12. März 1895.
•» Das frohe Creigniß, dem man in unserem Fürsten- [ hause, wie im ganzen Großherzogthum Hessen entgegensah, I ist in den gestrigen Abendstunden eingetreten. Ihre I Königliche Hoheit die Frau Großherzogin Victoria Melita ist gestern Abend gegen Va? Uhr von einer [ gesunden Prinzessin glücklich entbunden worden. I Die gewiß im ganzen Vaterlande freudige Theilnahme her- I vorrufende Kunde theilten wir unseren verehrlichen Lesern I in der Stadt bereits durch Extrablatt mit. Aus Darmstadt I wird uns geschrieben: Die hohe Mutter sowie die neu- I geborene Prinzessin befinden sich soweit wohl. Im Hof- I theater, wohin die Nachricht zuerst gebracht wurde, fand das | Hofrnusikconcert bei festlicher Beleuchtung statt- Hoftheater- I Director Werner theilte die freudige Nachricht dem Publikum | mit, und brachte ein dreifaches Hoch auf den Großherzog I und die Großherzogin aus. Die Musik spielte die National- I Hymne, die das Publikum stehend mit anhörte. Allgemeine j Freude herrscht hier in der Stadt über die glückliche Geburt. |
Z Von der Universität. Den Prüfungen für das höhere | Lehramt unterzogen sich im Winterhalbjahr 1894/95 I 16 Candidaten, von diesen haben 7 bestanden, darunter 3 j mit Zeugniß ersten Grade«, 4 haben bedingt bestanden.
♦* Ernennung. Seine Königliche Hoheit der Groß- | Herzog haben Allergnädigst geruht, am 9. März den i Director der höheren Mädchenschule zu Gießen Dr. Friedrich j Landmann zum Director der höheren Mädchenschule — I Dictoriaschule — zu Darmstadt und des damit verbundenen I Lehrerinnenseminars, mit Wirkung vom 8. April l. I. an, I zu ernennen.
•* Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- I Versammlung Donnerstag den 14. März 1895,1 Nachmittags 4 Uhr. 1. Anbringung eines Briefkastens am I Gitter der Koch'schen Hofraithe on der Liebigstraße. 2. Ver- I ttlgung der Blutlaus, hier Wahl der Sachverständigen. I 3. Das Kreisturnfest im Jahre 1895, hier Eingabe des I Festausschusses um Überlassung von Räumen der Stadt. I 4. Errichtung einer regelmäßigen Omnibusverbindung zwischen I den Bahnhöfen und der Stadt zur Personenbeförderung.
"Neues Theater. Frl. Nuscha Butze, die heute I Abend uns mit ihrer Künstlerschaft erfreut, hat während I ihrer Abwesenheit von Berlin eine unangenehme Neber- I raschung erlebt. Frl. Nuscha Butze bewohnt in Berlin in I der zweiten Etage eines Hauses eine größere Dorderwoh- | uung, deren Küche und Rebengelaffe sich in dem anstoßenden | Seitenflügel befinden. Aus demselben Treppenflur des Seiten- I flügelS liegt auch der Eingang zu einer kleinen, auS zwei I Stuben und einer Küche bestehenden Wohnung, die von der I Künstlerin zur Unterbringung ihrer in neun Schränken und I mehreren Eommoden verschlossenen Garderobe gemiethet war. I Als Frl. Butze am letzten Sylvestertage eine längere Gast- I spielSreise antrat, übergab sie ihre gejammten WohnungS- I schlüssel dem Portier deS Hauses, dem 62 jährigen Schuh- wacher ©affte. Freitag Nachmittag bemerkte nun Frau Gaffte, daß sich in der zur Butze'schen Vorderwohnung süh- renden Corridorthür ein nicht gar großes Loch befinde. In I den Stuben waren alle Schränke, deren Schlöffer man ausgeschnitten hatte, erbrochen und ebenso wie die Eommoden I völlig auSgeleert. Nur in der Küche, deren Fenster nicht verhängt war, wurde von den Einbrechern nichts angerührt. Die alsbald benachrichtigte Polizei suchte sich zunächst über die Zeit deS Einbruches einige Sicherheit zu verschaffen. Ein im Hause wohnender Kaufmann erinnerte sich aller- dingS, gesehen zu haben, vor etwa zehn Tagen, daß zwei | Männer, welche blaue Schürzen angelegt hatten, mit großen Säcken am Hellen Nachmittage vom Hose nach der Straße gegangen feien; da aber an demselben Tage neue Miether in daS Hau« cingezogen, so hatte er jene Leute mit diesem Umzüge in Verbindung gebracht. Ein Mädchen hatte etwa um dieselbe Zeit gesehen, daß ein junger Mann baß Delo- ziped des Frl. Butze ebenfalls Nachmittag« auf den Hof brachte, dasselbe bestieg und fortsuhr; man hatte damals geglaubt, daß der Bräutigam der Künstlerin daS Instrument habe adholen lasten, und deshalb dem Vorgang keine weitere Beachtung geschenkt. Der Verdacht der Thäterschaft wird allgemein auf einen jungen Mann gelenkt, dem die sehr wohl- thätige Künstlerin vor ein paar Jahren nicht nur Kleidung, sondern auch für einige Zeit Beköstigung zukommen ließ. Dte Polizei ist in eifrigster Thatigkeit.
•• Vom Knastverein. Im soeben veröffentlichten Rechen- schaftSdericht de« AuSschuffe« gebeult derselbe auch beS Gießener ZweigvereinS, bem mit Ende de« Jahre« 1894 eine bleibende Stätte für feine Ausstellung im Thurmhau« am
geht, Bedeutung erhält. Jetzt, wo sich da« 19. Jahrhundert dem Ende nähert, wird man wieder verschiedene Meinungen darüber hören, wann in Wirklichkeit der neue Zeitabschnitt eintritt. Um Mißverständnissen vorzubeugen, hat die Universität m Kopenhagen in alle dänischen Kalender für 1895 die Bemerkung emgeschaltet, daß da« lausende Jahr „da« 95. im 19. Jahrhundert ist, da« mit dem 31. December 1900 endet." Diese Auffassung sei auch im Srei'e der Chronologen niemals bestritten worden. Da« erste Jahr der chnft.ichen Zeit- rechnung heiße 1 und ein Jahr 0 habe e« nicht gegeben. Folglich gebe da« Jahrhundert auch erst mit dem letzte« Tage de« Jahres 1900 zu Ende. Rechnungsmäßig ist da« durchaus richtig, und dennoch ist eß sehr erklärlich, wenn die wohlbegründete Theorie durch die thatsachliche Erscheinung der neuen Ziffer in den Hintergrund gedrängt wird, wenn also der Beginn befl Jahrhundert« sich in unserer Vorstellung mit dem Hervortreten der Zahl 1900 verknüpft. Am 1. Januar 1901 wird un« baß neue Jahrhundert schon recht alt vorkommen; noch auffallender aber wird e« unsere» Urenkeln sein, wenn sie daß neue Jahrhundert erst beginnen sollen, nachdem sie schon zwölf Monate lang die Jahreszahl 2000 geschrieben haben werden. In der theoretisch richtige» Rechnung steckt etwas ähnliche« wie in summurn jus summa injuria. ____________
E. Echzell, 11. März. Unser Frühjahrsschweine, markt war heute von sonnigem Märzwetter begünstigt. Nun scheint endlich, nach siebzigtägigem Winter, eine Wendung zum Befferen eingetreten zu sein, die um so mehr auf an- haltende Besserung hoffen läßt, alß die gestern vorübergegangenen vierzig Witter mtlbeß Tbauwetter vorfanden. Die Schweinepreise sind in allen Sortimenten um 10 bis 15 Procent gewichen, mitunter noch mehr, denn die Kartoffel- preise gingen seit Anfang dieses Monat« bedeutend aufwärt«. Man bietet 4 Mk. 50 Pfg. biß 5 Mk. pro Doppelcentner gegen 3 Mk. 50 Pfg. btß 4 Mk. zu Ende Februar. Die Frachtpreise sind bei uns noch fast die gleichen wie vor einem Monate.
nn. Darmstadt, 9. März. 5. ebangel. Lande«- synode. Die Verhandlungen beginnen um */,10 Uhr und steht zunächst alß dringl'cher Antrag derjenige der Syno- balen Brand und Genoffen gegen die Wieberzulas - fung der Jesuiten zur Berathung und Beschlußsaffung. Synodale Weiffenbach, dem die Berichterstattung Namen« deS dritten AußschuffcS obliegt, empfiehlt denselben der Synode zur einstimmigen Annahme, indem er daran erinnert wie die Jesuiten dem deutschen Volk und der evangeltschen Kirche ftctß die empfindlichsten Schäden zugesügt haben.' Die (Erinnerung an diese, für bit evangelische Kirche so schwere Zeit werde daher im deutschen Volk niemals verlöschen. Der Antragsteller Synodale Brand erinnert an den gleichen, im Vorjahre gestellten Antrag und besten einstimmige Annahme. Durch bie neuerliche Haltung be« Deutschen Reichstage« i« dieser für baß deutsche Volk so eminent wichtigen Frage sei die Gefahr der Jesuiten im Reiche eine akute geworden, und dagegen müsse mit energischem Protest Front gemacht werden. Der Reichßr egierung müsse durch den Protest de« eoangel. Volke« gezeigt werden, daß daß deutsche Volk und die ganze evangel. Kirche einig sei in dem Kampf gegen den JesuittSmu«. Ei» großer Theil der vorurtheilsfreien Katholiken stehe auf demselben Standpunkt. Synodale Dr. Breidert glaubt, daß der Antrag Brand nicht zur Competenz der Synode gehöre. Der Antrag wird gegen die Stimme de« Dr. Breidert angenommen. Hieraus tritt bie Synode in die Weiterberathung de« Gesetz Entwurf«, betr. die geistliche Wittwen- und Waisen- kaffe. Die Synode nahm sämmtliche vom Ausschuß empfohlene und vom Kirchen-Regiment gebilltgten «bänberuege» an, unb vertagte sich hierauf btß zum Montag.
Verhandlungen des Schwurgerichts.
W. Gieße», 11. März.
vormittag« um 9 Uhr eröffnet der Vorsitzende Herr LandgerichtSrath Dr. Best die Sitzung und wird nach Au«- loofung der Geschworenen in die Verhandlung gegen die Tagelöhner Wilhelm Zimmer, 16 Jahre alt, au« Nieder- Eschbach, beschuldigt beß Meineib« und Hilariu« Wiegand auß Nieder Eschbach, 43 Jahre alt, beschuldigt der Verleitung zum Meineid eingetreten. Die Anklagebehörde vertritt Herr Staatsanwalt Koch. Al« vertheidiger sind für Zimmer Herr Rechtsanwalt Holzapfel, für Wiegand Herr Rechtsanwalt Dr. Stein erschienen.
Der Vorsitzende, Herr LandgerichtSrath Dr. Best, erläutert vor der Vernehmung der Angeklagten zum bestere» verständniß für die Geschworenen kurz den Sachverhalt, an« dem die heutige Anklage zurückzusühren ist. Im vergangene» Jahre machte der Angeklagte Wiegand gegen seine Ehesra» unb seinen Stiefsohn Schüttler von Nieber-Eichbach beim Amtsgericht Vilbel Anzeige, von der nur die Angelegenheit gegen Schüttler heute hier in Frage komme. Im Er- mittlungSversahren wurde Wiegand vernommen unb bestätigte er, indem er sich hierüber auf bafl Zeugniß des heute Mitangeklagten Wilhelm Zimmer bezog, daß fein Stieffoh» Schüttler ihn am 11. Juli 1894 mittel« eine« gefährliche» Werkzeuge« on Brust und Händen verletzt habe. Hierauf kam die Sache gegen Schüttler vor bem Schöffengericht Vilbel zur Verhandlung und soll nun Zimmer, durch Verleitung bei Wiegand dazu bewogen und unter seinem Eide im Termin am 9. Januar 1895 in mehreren wichtigen Punkten wissentlich die Unwahrheit gesagt haben. Der Angeklagte Zimmer ist geständig, einen falschen Eid in Vilbel abgegeben zu habe» unb zwar auf mehrfache« Zureden beß Wieganb, welcher ihm gesagt habe, ber Schüttirr müsse auch ein Mal in« Loch, Wiegand habe ihm eine Uhr versprochen, wenn bie« geschehe, auch habe er ihm mehrere Male eine Wurftstulle gegeben, um ihn gefügig zu machen. Zimmer erklärt, er wäre erst ängstlich gewesen unb hätte Bebenken wegen ber Sache gehabt, boch habe der Verführer ihm gesagt, eß könne ja Nieman« ' baß Gegentheil vo» dem wiffe», »aß er auSsage» fett.


