Nr. 134 Erstes Blatt. Dienstag den 11. Juni
Der
-ießeaer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
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Amtlicher T heit.
________Bekanntmachung.
Die laudwirthschaftliche Ausstellung in Gießen vom 19. bis 22. September 1895 umfaßt die Abteilungen: 1. Thier- Haltung- 2. Landwirthfchaftliche Gewerbe incl. Molkereiwesen; 3. Products des Pflanzenbaues; 4. Landwirthschaft- liche Hilfsstoffe; 5. WiffenschaftlicheS; 6. Landwirthfchaftliche Geräthe und Maschinen; 7. Bienenzucht; 8. Fischzucht, 9. Forstwirtschaft. In den Abtheilungen 1 bis 3 und 7 bis 9 werden — außer bei den Geräthen in diesen Abtheilungen — nur Bewohner des Großherzogthums Hessen als Aussteller zugelassen. Anmeldungen zur Ausstellung haben längstens bis 15. Juli bei dem geschäftsführenden Ausschüsse in Gießen zu erfolgen. Geld- und Ehrenpreise sind im Betrage von über 10000 Mk. ausgesetzt, außerdem Medaillen und Ehrendiplome. Das Nähere besagt die Aus- stellungs- und Prämiirungs-Ordnung, welche von dem ge- schäftssührenden Ausschüsse in Gießen, sowie von den Bureaus der landwirthschaftlichen Provinzial- und Bezirks-Vereine unentgeltlich bezogen werden kann.
Gießen, den 4. Juni 1895.
Der geschäftsführende Ausschuß.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni. Der Kaiser und die Kaiserin ließen heute auf dem Sarge des Polizeipräsidenten von Richthofen durch den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Nasse je einen prachtvollen Kranz niederlegen.j
Berlin, 8. Juni. An der morgigen Huldtgungs- fahrt deS Gesammtausschuffes deS Bundes der Land- wirthe nach Friedrichsruh werden etwa 120 Personen theil- nehmen.
Berlin, 8. Juni. Zu der Blättermeldung über den bevorstehenden Rücktritt des CultuSministerS Dr. Bosse schreibt die „Kreuzzeitung" : Daß Dr. Bosse an seinen Rücktritt denke, ist auch uns mitgetheilt worden. Für völlig unglaubwürdig halten wir dagegen das Gerücht, daß in Herrn von LucanuS sein Nachfolger zu erblicken sei. DaS dürfte doch der politischen Situation in keiner Weise entsprechen.
Berlin, 8. Juni. Dem Abgeordnetenhause ist heute der Gesetzentwurf, betreffend die Aufhebung eines Abschnittes der Apothekerordnung, zugegangen.
Berlin, 8. Juni. Der „Retchsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung deS Großkreuzes des Rothen Adlerordens mit Eichenlaub an den deutschen Botschafter in Petersburg, Fürsten . Radoltn.
Berlin, 8. Juni. Wie der „Localanzeiger" aus angeblich guter Quelle erfährt, hat der Handelsmintster Freiherr v. Berlepsch nach einem halbstündigen Besuch, den ihm vorgestern der Chef des Civilcabinets, Herr v. Lucanus machte, sein Entlassungsgesuch eingereicht. Eine Entscheidung über das Gesuch steht noch aus.
Weimar, 8. Juni. In der zahlreich besuchten Versamm- lung der Goethe-Vereinigung, der auch der Groß- Herzog und die Großherzogin beiwohnten, erstattete Ruland den Jahresbericht. Sodann hielt Friedrich Spielhagen einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über epische Dichtkunst und Goethe. Professor Suphan machte Mittheilung von der Auffindung des für Anette Tschönkopf bestimmten Büchleins mit gedichteten Erzählungen Goethes aus der Zett seines Leipziger Aufenthalts. Der Neubau des Goethe-Archivs wird im nächsten Jahre vollendet werden.
Leipzig, 8. Juni. Das „Leipziger Tageblatt" meldet: Eine heute Vormittag hier stattgehabte Versammlung der ausständigen Maurer beschloß, im Ausstand zu verharren, etwaige Vermittelungsvorschläge der Gemeindebehörden aber nicht zurückzuweisen.
Stuttgart, 8. Juni. Das Comite des FrühltngsfesteS zu wohlthätigen Zwecken hat beschlossen, das Fest bis Sonntag zu verlängern und den Ertrag dieses Tages den im Oberamt Balingen so schwer Betroffenen zu überweisen.
München, 8. Juni. Der Maler Wilhelm v. Linden- schmit, Professor an der hiesigen Akademie, ist heute Mittag gestorben. - _____________________________
Arr-land.
Budapest, 8. Juni. Die Briefträger hielten gestern eine Versammlung aV in welcher sie den Aus st and beschlossen. Nach Schluß der Versammlung wollten sie in corpore nach einem Vergnügungsorte marschtren- die Polizei zersprengte jedoch den Trupp. Als die Briefträger Nachts 12*/2 Uhr von ihrem Auöfluge zurückkehrten, kam es auf der Straße zu einem scharfen Zusammenstoß mit der Polizei, welche von der blanken Waffe Gebrauch machte. Mehrere Personen sollen ziemlich schwer verletzt sein. Zahlreiche Verhastungen wurden vorgeuommen.
Budapest, 8. Juni. Die heute in den Strike eingetretenen Postbedi en steten sind durch aus der Provinz herbeigerusene ersetzt worden, so daß der Postverkehr keine Unterbrechung erleidet. Wenn die Ausständigen nicht spätestens morgen ihren Dieust wieder antreten, sind dieselben entlassen und werden außerdem noch wegen Nichterfüllung ihrer Amtspflichten angeklagt.
Paris, 8. Juni. Unter dem Titel: „Unsere Tobten von 1870" veröffentlicht das „Petit Journal" einen Leitartikel,
in welchem es heißt: Kaiser Wilhelm erweckt häufig die Erinnerungen au das Jahr 1870. Es ist deshalb auch unsere Pflicht, an unsere Todten zu denken und ihnen ein Denkmal zu errichten. Wir sind zwar besiegt worden, aber wir sind entschlossen, uns nicht mehr besiegen zu lassen, wenn fatale Umstände uns zwingen sollten, unsere Unabhängigkeit zu ver- theidigen. Das deutsche Heer ist nicht nur ein Paradewerkzeug, denn seit 1887 ist der deutsche Krtegsetat um 268 Millionen erhöht worden. Im Jahre 1896 wird das deutsche Heer das wunderbarste Angriffsobject sein, welches jemals exiftirt hat. Das Blatt erinnert ferner an einen Artikel der „Hamburger Nachrichten", in welchem es heißt, ein Angriff sei die beste Vertheidigung.
Paris, 8. Juni. Die gestern auf dem Bergarbeiter- Congreß angenommene Resolution, in welcher verlangt wird, daß die Verantwortlichkeit der Arbeitgeber bei allen Grubenunglücken proclamirt werden soll, gestattet Ausnahmen nur dann, wenn klar bewiesen ist, daß der Bergarbeiter einen Selbstmord begangen hat.
Rom, 8. Juni. Aus der Provinz wurden drei Bataillone Infanterie berufen, um die hiesige Garnison am Tage der Parlamentseröffnung zu verstärken.
Rom, 8. Juni. Gestern wurden zwei Anhänger des Deputirteu Defelice von ministeriellenParteianhäugern im Streite erstochen.
Loudon, 8. Juni. Das Kanonenboot „Iltis" hat bei der Beschießung von Kobe 13 Chinesen getödtet.
Belgrad, 8. Juni. Die Königin Natalie hat nunmehr beschlossen, in Serbien dauernden Aufenthatt zu nehmen.
Sofia, 8.Juni. Die erste Klasse der Reservisten der Feldarmee ist einberufen worden und zwar angeblich zu dreiwöchentlichen Uebungen. Die Reservisten werden den Divisionen Sofia, Philippopel und Sliano zugetheilt.
Nerrefte nacktem
Wolff» telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Friedrichsruh, 9. Juni. Der Centralausschu ß des Bundes der Landwirthe, im Ganzen etwa 120 Herren und Damen, traf heute Mittag halb 12 Uhr hier ein. Kurz nach 12 Uhr wurde derselbe im Park vom Fürsten empfangen. Der Vorsitzende des Centralausschusses, v. Ploetz, hielt eine Ansprache, die mit einem Hoch aus den Fürsten schloß. Bismarck erwiderte in längerer Rede, in welcher er lebhaft auf die Nothwendigkeit hinwies, bei den Wahlen nur für Diejenigen zu stimmen, die unentwegt entschlossen find, für die Landwirthschaft einzutreten. Die Ansprache klang in einem Hoch auf den Kaiser aus als den größten Grundbesitzer und den berechtigten, sowie verpflichteten
LeriMeton.
Aus itn Ennncrungcn eines HMchen Kriegers.
Der letzte Gravelotte-Tag rief in mir die Erinnerungen an die Erlebnisse eines Kriegers wach, der als Stabsordonnanz am 18. August 1870 bei Gravelotte sich durch einen todes- mulhigen Ritt das eiserne Kreuz erwarb. In schmuckloser Darstellung lassen wir den Krieger erzählen:
Am Abend des 16. August bezogen wir (Stab der 50. Jn- fanterie-Brigade) mit dem 1. und 2. Reiterregiment und der Artillerie bei Gorze Biwak. Die Nacht über herrschte Todten- stille. Schon in aller Frühe des 17. weckte mich mein General v. Lyncker. Nämlich unter einer dichten Hecke im Walde schlief ich ausgezeichnet. Vom französischen Lager her vernahmen wir Lärm. Gegen Morgen brachen alle Regimenter auf und marschirten über das Schlachtfeld vom 16. in der Richtung nach Rezonville, wo sich, nach dem Befehle des Generals von Manstein, die ganze hessische Division sammeln sollte. Je näher wir Rezonville kamen, desto grausiger wurde der Anblick, der sich uns bot. Verwundete und Leichen lagen noch massen- hast umher, dazwischen todte Pferde, gräßlich anzusehen. Den Nachmittag bezogen wir auf dem Schlachtfeld Biwak. Aus einem nahegelegenen Gehölz holten wir Reiser und bauten für unseren General eine Hütte; die Mannschaft lagerte selbstverständlich im Freien. Hier war es, wo mein Bruder zu jyir kam und mich flehentlich bat, ihm doch etwas zur Stillung seines Hungers zu geben, was mir aber bei dem besten Willen nicht möglich war, denn selbst im ganzen Brigadestab fand sich nicht das Geringste vor. Mein General, der sich in der Hütte ausruhte und den es selbst hungerte, hörte das Gespräch mit an. Er gab mir einen Fünfguldenschein mit dem Auftrage, in dem nahen Rezonville Brot. zu holen. Einige unserer Soldaten, die früher ausgegangen waren, halten
solches bekommen. Für einen halben Leib bot ich den Fünfguldenschein, allein umsonst. Nichts war aufzutreiben, das unsere hungrigen Magen hätte stillen können.
Gegen Abend hörten wir Hurrahrufe, es galt dies dem König Wilhelm von Preußen, der zu uns geritten kam. Bald hörte ich von meinem General, der sich mit dem Obersten Zwenger unterhielt, daß uns am morgigen Tage, als dem 18., eine große Schlacht bevorstünde. Die Nacht über verbrachten wir auf dem Schlachtselde. Mich überkam ein unheimliches Grausen, die gehörten Worte beschäftigten mich während des unruhigen Schlafes fortwährend.
Um 2 Uhr in der Frühe wurde ich wach und gewahrte zwei unserer Pferde, die sich losgemacht hatten. Ich fing sie auf und band sie wieder an den eingeschlagenen Psählen fest. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, ging ich vor dem Lager auf und ab und beobachtete die uns gegenüber liegenden französischen Biwakfeuer. (Wir hatten auf Befehl diese Nacht kein Feuer anzünden dürfen.) Währenddem kam ein preußischer Husar angesprengt und fragte nach dem Quartier des Prinzen Ludwig (t Großherzog Ludwig IV.). Da der ganze Divisionsstab nahe beisammen biwakirte, konnte ich ihn sogleich zurechtweisen. Hierbei fragte ich, was er Wichtiges bringe. „Lieber Kamerad", sagte er ernst, „vorgestern hatten wir eine harte Schlacht, heute aber scheint es noch schlimmer zu werden!" Mit den Worten: „Alle Straßen sind voll Geschütze!" sprengte er davon. Nicht lange dauerte es, da waren auch schon alle Befehle ausgefertigt. Ich hatte dem 3. Regiment den Befehl zum Vorrücken zu überbringen. Gegen 7 Uhr marschirte die ganze Division in der Richtung nach Verneville zu, unsere beiden Reiter-Regimenter gingen voran und suchten die feindlichen Stellungen auf. Mein Chef commandirte die Avantgarde, welche aus dem 2. Jägerbataillon, dem 4. Infanterie-Regiment i und 2 Batterien Artillerie bestand. Gegen 10 bis 11 Uhr I wurde, da Alles ruhig blieb, an einem Gehöft, das einen
reichen Viehvorrath aufwies, Halt gemacht und schnell em Lager zum Abkochen hergerichtet. In kürzester Zeit war das requirirte Vieh abgeschlachtet, das Fleisch brodelte bereits in den Feldkesseln, und wir stellten uns aus die reiche Mahlzeit, die uns nach tagelangem Hungern in Aussicht stand. Aber es kam anders. Während der eifrigen Beschäftigung mit der Zubereitung der Speise kam ein Ordonnanz-Offizier herangesprengt und brachte meinem Chef, Herrn von Lyncker, den Befehl zum sofortigen Vormarsch.
Die Leibcompagnie des 3. Infanterie-Regiments übernahm die Spitze. Während des Vormarsches wurde ein in der Compagnie als Flügelmann stehender Landsmann meiner ansichtig und rief mir zu: „Adieu, ich glaube, wir sehen uns nicht wieder- besorge einen Gruß an meine Frau und Kinder!" Der Marsch ging über eine Wiese nach einem Gehölz. Schon in der Nähe von Anoux la Grange empfing uns ein heftiges Granaten- und Schrapnellfeuer. Unsere gesammte Artillerie wurde vordirigirt, um das feindliche Feuer zu erwidern. Bei der Infanterie hieß es: „Nur vorwärts!", da sie der großen Entfernung wegen noch außer Stande war, den Feind mit Erfolg zu beschießen. Auch drangen wir durch das Gehölz vor. Aber kaum hatten wir dasselbe hinter uns, als uns die Franzosen aus ihren Laufgräben mit einem mörderischen Gewehrfeuer überschütteten. Unser Adjutant Krömmelbein wurde schwer verwundet. Die Schlacht war in vollem Gange - es mochte ungefähr 12 Uhr sein. Auf beiden Seiten donnerten ununterbrochen die Geschütze der Artillerie. Der Tod hielt reiche Ernte. Das 2. Jägerbataillon suchte den Bahndamm auf der linken Seite zu behaupten, die übrigen Regimenter mußten auf flachem Felde Stellung nehmen. Wir selbst standen unmittelbar hinter der Artillerie. Gegen 2 Uhr überbrachte ich an das 3. Infanterie-Regiment den Befehl, gegen Amanweiler vorzurücken, wo sich die Franzosen festgesetzt hatten. Oberstlieutenant Stamm, aus mehreren Wunden blutend,


