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Mittwoch den 9. Oktober
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Erstes Blatt.
M. 237
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
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Die Gießener MamictenVtäUer werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelrgt.
Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei MontagS.
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Deutscher Reich.
Berlin, 7. October. Die feierliche Einweihung des neuen Reichsgerichts gebäudes tu Leipzig erfolgt, wie nunmehr endgilttg bestimmt worden ist, am 26. October und in Gegenwart des Kaisers und des Königs von Sachsen. Die beiden Monarchen treffen am genannten Tage in der zwölften VormittagSstunde auf dem Dresdener Bahnhofe in Leipzig ein, und begeben sich zu Wagen nach dem Festort, woselbst alsbald nach Ankunft der Majestäten die Schlußsteinlegung im Kuppelbau der neuen Halle vor sich geht. Nach Beendigung deS feierlichen ActeS, bei welchem auch die StaatSsecretäre im Reichsamte deS Innern und im RetchSjuftizamte, sowie selbstverständlich der Präsident deS Reichsgerichtes, v. Oehlschlägel, ferner Ver« treter des BundeSrathes, daS ReichstagSpräfidium, die Spitzen der Reichsbehörden in Leipzig, Vertreter der sächsischen Staats- behörden und der Leipziger städtischen Behörden, die Mit« glieder des Reichsgerichtes, sowie noch andere Ehrengäste zugegen sein werden, nehmen die Majestäten ein Frühstück iit den Repräsentationsräumen deS ReichSgerichtS-Präfldenten ein. Um 2 Uhr Nachmittags erfolgt die gemeinschaftliche Wtederabretse des Kaisers und des Königs Albert und zwar vom bayerischen Bahnhofe auS.
— Die Frage der Errichtung einer deutschen Niederlassung von Retchswegen tm chinesischen Küsten« gebiet auf dem Wege einer Kron-Conzession scheint bereits entschieden zu sein. Nach einem Telegramm aus China ist in der chinesischen Hasenstadt Hankow zwischen dem zu diesem Zweck dort eingetroffenen General Consul Deutschlands in Shanghai und den zuständigen chinesischen Behörden ein Abkommen wegen Errichtung einer deutschen Niederlassung in Hankow getroffen worden. ES handelt sich aber keineswegs um die Gründung einer wirklichen deutschen Colonie an der chinesischen Küste, denn das betreffende Gebiet wird auch fernerhin China gehören, aber daS deutsche Reich wird das ausschließliche und selbstständige Nutzungsrecht besitzen.
Münster, 6. October. Die hier wegen der Polizeiverordnung, betreffend die Schließung der Gastwirthschaften um 11 Uhr Abends, vorgekommenen Rnhestörungen wiederholten sich gestern in verstärktem' Maße. Zahlreiche weitere Verhaftungen find vorgenommen worden.
Ausland.
Petersburg. 6. October. Der gestern von hier nach Schorfheide abgereiste Flügeladjutant des Deutschen Kaisers, Oberst v. Moltke, überbringt ein eigenhändiges Antwortschreiben deS Kaisers von Rußland. Herr v. Moltke erhielt eine prächtige goldene Tabattäre mit dem Namenszug des Zaren.
Neueste rNrchrlchteiu
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Darmstadt, 7. October. Freiherr Schenck v. Schmitt- burg ist hochbetagt gestorben.
Köln, 7. October. Die beiden hier wegen Landes- öerrath verhafteten Franzosen wurden unter starker polt« Mcher Bewachung nach Leipzig übergeführt, nachdem hier ' die Voruntersuchung abgeschloffen worden. Ueber das Er« gebniß der letzteren wird immer noch.Stillschweigen bewahrt.
Münster, 7. October. In vergangener Nacht haben grobe Ausschreitungen stattgefunden. Die Polizisten wurden mißhandelt, sie hieben darauf mit blanken Waffen ein.
CreBlflU, 7. October. Socialdemokratifcher Parteitag.' Die Anträge auf Abschaffung der Nacht« und «ccordarbeit, sowie ein Antrag, daß diejenigen Parteibeamten, ,die ein Mindestgehalt van 3000 Mk. erhalten, als Abgeord« rete keine Diäten erhalten sollen, veranlaßte eine sehr lange unb lebhafte Debatte. Fischer-Berlin verwahrt sich dagegen, daß er von den Arbeitergroschen lebe; er arbeite für die Partei und bekomme dafür seinen Lohn. Man könne nicht verlangen, daß die Abgeordneten ihrer Pflicht ohne Ent« schädigung genügen. Wenn die geschmacklosen Angriffe gegen He Parteibeamten nicht aushörten, dann verzichte er auf seine Stellung. — Heil-Heidelberg beantragte, den badischen Land« laaSadgeordneten Dr. Rüdt aus der Partei auSzuschlteßen, weil er, obwohl zum Delegirten gewählt, nicht erschienen sei und erklärt habe, „mit dieser Gesellschaft fertig zu sein".
BreSlau, 7. October. In der heutigen Sitzung des socialdemokratischen Parteitages kam ein Antrag der Hamburger Genoffen zur Berathung, in den Parteidruckereien die Nachtarbeit abzuschaffen.
Wien, 7. October. Der König von Sachsen ist gestern Abend 9 Uhr 30 Min. nach Dresden zurückgeretft.
Wien, 7. October. Die „Polit. Corresp." veröffentlicht den Text der am 2. d. M. vom Doyen der Botschafter an die Pforte gerichteten Verbalnote. Die Note lautet: Der Doyen der Botschafter und seine Collegen erhielten theilweise von Augenzeugen Nachrichten über die gestrigen und vorgestrigen Vorfälle in Stawbul, aus denen hervorgeht: 1) daß Privatpersonen von Polizeiagenten geführte Gefangene geschlagen und getreten haben, ohne daß die Polizeiagenten sich solchem Vorhaben widersetzten, 2) daß Privatpersonen vollständig ruhige Leute angegriffen haben, 3) daß verwundete Gefangene in den Höfen der Polizeistationen und Gefänguiffe kalten Blutes getöbtet worden find. Da die Botschafter befürchten, daß die Fortdauer derartiger Exceffe zu einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit und für die ihnen anvertrauten Jntereffen werden könnte, glauben sie die ernsteste Aufmerksamkeit der kaiserlichen Regierung auf diese Zustände lenken zu müssen und ihr, da eS aus« schließlich Sache der Behörden ist, Unruhen zu unterdrücken, zu rathen, Privatpersonen die Theilnahme an der Erregung von Ruhestörungen und an Waffenexcessen zu verbieten, sowie die nothwendigen Maßregeln zu ergreifen, um so rasch als möglich die Ordnung wieder herzustellen, damit unnützes Blutvergießen vermieden werde.
Konstantinopel, 7. October. Bis vorgestern Abend wurden von der Polizei 38 Leichen, darunter eine Frau, dem armenischen Patriarchate Übergeben. Während von armenischer Seite behauptet wird, daß die Zahl der Opfer 700 betrage, wird auf Grund genauer Nachforschungen versichert, daß die Zahl der Opfer 200 bis 300 nicht über» steige. Bei dem Patriarchate sind eine beträchtliche Zahl Familienangehöriger als vermißt crgemcldet. DaS Portal der Kathedrale in Kum-Kapu ist im Auftrage des Patriarchen schwarz umflort.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 7. October. Ueber den Tag der Einberufung des Reichstages find, wie die „Voff. Ztg." hört, end« gültige Bestimmungen noch nicht getroffen. Alle darüber verbreiteten Mittheilungen seien willkürliche Vermuthungen.
Berlin, 7. October. Der mit den Borberathungen des bürgerlichen Gesetzbuches betraute Ausschuß des Bundesraths ist heute zusammengetreten. Die Plenarsitzungen des Bundesraths werden, wie bereits gemeldet, Donnerstag beginnen.
Berlin, 7. October. Der Criminal-Jnspector v. Mersch ei dt-Hüll esse m ist in amtlichem Auftrage nach Paris gereist, um sich mit einigen Einrichtungen der dortigen Polizei, insbesondere mit dem Bertilon'schen Verfahren der Feststellung von Verbrechern, bekannt zu machen.
Berlin, 7. October. Mit Bezug auf die Behauptung der „Nation", Herr v. Hammerstein habe aus seinem Archive 200 Briefe zur Characterifirung seiner Freunde und Parteigenoffen hinterlassen und daß diese Briefe wohl im Reichstage zur Sprache kommen würden, schreibt heute das „Volk", es wären nicht 200, sondern 387 Briefe, von denen die meisten mit den schärfsten Majestätsbeleidigungen angefüllt seien.
Berlin, 7. October. Die „Voss. Ztg." bezeichnet die Meldung der „Berliner Neuesten Nachrichten", eS sei eine Aenderung des preußischen Vereinsgesetzes nach dem Muster deS bayrischen geplant, als unzutreffend. Auch für den Fall, daß sich der Mtnisterrath für eine Verschärfung des VeretnSgesetzes entschließen sollte, dürfte daS bayrische Vereinsgesetz kaum als Muster dienen.
Berlin, 7. October. Dom 1. October d. I. ab ist Seitens des ReichSpoftamtS zunächst versuchsweise ein Aus« tausch von (geschlossenen Briefposten mit einer Anzahl von in ausländischen Gewässern befindlichen Schiffen der deutschen Kriegsmarine nach Maßgabe der bezüglichen Bestimmungen des Wiener WeltpostvertrageS und der Voll- zugSordnung hier wie seewärts eingerichtet worden.
BreSlau, 7. October. S o c i a l d e m o k r atischer Parteitag. In der Versammlung, welche gestern Abend stattfand, waren sämmtliche Parteiführer, darunter die Abgeordneten Bebel, Liebknecht und Singer anwesend. Die Erschienenen wurden durch Singer und Kuhnert-Breslau begrüßt. Die Eröffnungsrede hielt Liebknecht. Schlesien, so sührte er aus, sei die Stätte der ersten Klaffenkämpfe, indem er auf den Weberaufstand hinwieS. Ferner gedachte Redner Laffalles, deffen Grab in BreSlau sei. Unter Anknüpfung an die letzten Ereignisse und die Bestrebungen, daS allgemeine Wahlrecht abzuschaffen, sowie ein Umsturzgesetz einzuführen, wies Liebknecht auf die Erfolglofigkelt eines solchen Kampfes hin. Nicht die Socialisten würden dadurch gestürzt, sondern
viel eher andere. Es folgte darauf die Bureauwahl. Zu Vorsitzenden wurden Singer und Segltz-Fürth gewählt. Ja der heutigen VormittagSsttzung wurden Begrüßungsreden von auswärtigen Gästen gehalten und der Rechenschaftsbericht erstattet.
BreSlau, 7. October. Die Anzahl der zum socialdemo- kratlschen Parteitage eingegangenen Anträge ist eine ganz gewaltige. Die Socialdemokraten sämmtlicher sechs Berliner Wahlkreise und deS Kreises Teltow beantragen, der Parteitag möge den Parteibeamten und Redacteuren, welche 3000 Mk. und mehr Gehalt beziehen, keine Diäten bewilligen. Die Altonaer Parteigenoffen beantragen: Personen, die in der Partei ein auskömmlich besoldetes Amt bekleiden, dürfen einen zweiten Posten in der Partei nicht annehmen und auch für weitere Geschäfte, die sie für die Partei besorgen, Extra- honorirung nicht beanspruchen. Ein weiterer Antrag betrifft die Druckerei deS „Vorwärts". Ferner soll die Parteiliteratur ausschließlich in Parteigeschäften gedruckt werden. AuS dem zweiten Berliner Wahlkreise wird beantragt, § 13 deS Organisationsstatuts wie folgt abzuändern: Die Parteileitung besteht aus 15 Personen und zwar aus zwei Vorsitzenden, drei Schristführern, einem Kasfirer, zwei Beifitzern und sieben Controleuren. Die Wahl der Parteileitung erfolgt durch den Parteitag mittelst Stimmzetteln. Das Amt der Beisitzer darf Niemand länger als zwei Jahre bekleiden. In der gestern Abend 7 Uhr im Congreßlocale stattgehabten Vorversammlung wurde die Tagesordnung endgültig festgestellt.
Rom, 7. October. Obgleich die Nachricht von der bevorstehenden Verlobung deS Prinzen von Neapel mit der Prinzessin von Montenegro als sehr glaubwürdig bezeichnet wird, scheint man dieselbe doch mit großem Mißtrauen aufzunehmen und zwar wegen der zwischen beiden Ländern bestehenden Antipathien. Italien hat nämlich seine Rechte auf Albanien und Dalmatien nicht aufgegeben.
Brüssel, 7.October. Ein schreckliches Eisenbahnunglück fand, wie bereits kurz gemeldet, gestern Abend 7 Uhr in der Nähe von Ottignies statt. Ein Personenzug wurde von einer Locomotive angerannt, wobei sechs Wagen und die beiden Locomotiven total zertrümmert wurden. Unter den Trümmern find bisher 14 Todte und 41 Verwundete hervorgezogen worden. 6 Leichen, darunter die eines Heizers und eines Maschinisten, find im Wartesaale von Ottignies untergebracht worden. Unter den Trümmern find wahr« scheinlich noch 2 Leichen und 41 Verwundete, darunter mehrere Schwerverwundete. Der Zusammenstoß erfolgte 2 Kilometer von OttginieS. Der Personenzug hatte Verspätung und die Locomotive des Gürerzuges war auS Versehen auf die ein- geleisige Strecke abgelassen worden. Ein Extrazug brachte aus Brüffel Aerzte und Hilfsmannschaften.
«rüffel, 7. October. Bei der gestern stattgehabten Eisenbahn-Katastrophe in Ottignies sind, wie jetzt festgestellt ist, 18 Personen getöbtet und 50 verletzt worden. In dem Zuge befand sich der Kammerpräsident Beernaert mit seiner ganzen auS 7 Personen bestehenden Familie; Alle wurden leicht verwundet. — Die gejammte Presse sowie das Publikum ist sehr erregt über den Eisenbahnminister, durch den die Katastrophe herbeigeführt worden sei, weil durch seine Einführung der Sonntagsruhe der Eisenbahnverkehr vollständig desorganisirt worden ist.
G. Darmstadt, 8. October. Die am vorigen Mittwoch wegen Meineid zu 9 Monat Gefängnlß verurtheilte Gräfin von Waldeck ist heute Nacht gestorben.
Schwurgericht.
W. Gießen, den 7. October 1895.
Heute wird in die Verhandlung gegen die 19 Jahre alte Dienstmagd Schad von Ruppertsburg wegen Meineid und gegen die Gutspächterin Jacob Schultheis Wtwe. von Wiffelsheim bei Bad-Nauheim, am 17. Februar 1840 geboren, wegen Anstiftung zu diesem Verbrechen eingetreten. Die Angeklagte Schultheis ist wegen Milchverfälschung 1886 zu 20 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Die Anklage vertritt an Stelle des erkrankten Ersten Staatsanwalts Herrn Dr. Güngerich Herr Staatsanwalt Koch. Die Bertheidigung für die Angeklagte Schad führt Herr Rechtsanwalt Metz. Die Wittwe Schultheis wird von Herrn Rechtsanwalt Grünewald-Gießen und von Herrn Rechtsanwalt I ö cke l - Friedberg vertheidigt. Circa 70 Zeugen sind erschienen. Die Verhandlung wird voraussichtlich drei Tage m Anspruch nehmen.
Gegen die Wittwe Schultbeis war eine Anzeige wegen Milchverfälschung gemacht worden und kam diese Sache in Folge deffen zur Verhandlung vor daS Schöffengericht zu Bad-Nauheim. Die Wittwe Schultheis gab dort zu, daß


