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Der cht,ls«n«r Anzeiger «richrml täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener D»amikiend kälter werden deut Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.
Erstes Blatt.________Donnerstag den 9 Mai______________________189»
Gießener A nzeiger W Kenerat-Mnzeiger. *ät
Anrts- und 2lnzeigeblntt fflt den Kreis Gieren» »T1S: Hratisöeikage: chießener Jamilienötältcr^s
Anrtlwhr»^ Theil.
Bekanntmachung.
Die aus den 3. Juni d. I. entfallenden Zahltage der Kreiskafse Gießen zu Hungen und Lich werden der Pfingstfeiertage wegen nicht an diesem Tage, sondern am 587. Mai abgehalten werden.
Gießen, den 7. Mai 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Am 6. l. Mts. ist auf dem Viehmarkt dahier ein rothgelbes männliches Kalb stehen geblieben.
Der Eigenthümer wird aufgefordert, feine Ansprüche binnen vier Wochen dahier geltend zu machen.
Gießen, den 7. Mai 1895.
4221] Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Deutscher Reichstag.
86. Sitzung. DieuStag, den 7. Mai 1895.
In dritter Lesung wird debattelos der Nachtragsetat für die Feierlichkeit zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Canals genehmigt.
Auf der Tagesordnung stehen sodann die Prüfungen der Wahlen der Abgg. Böttcher (ntl.) und v. DztcmbowSkt (Pole).
Die Commission beantragt bet dem ersteren Ungültigkeitserklärung. Es entsteht nun eine lebhafte Debatte, in der von nattonalttberaler Seite das CsmmissionSversahren gemtßbilltgt und die Wiederaufnahme der Dticusston beantragt wird.
Nachdem der Präsident darauf aufmerksam gemacht hat und ihm von conseroattver, sogar nationalltberaler Seite betgcpfltchtet worden ist, bah nach der Geschäftsordnung kein Mttglied gegen die Wiederaufnahme der Dtscussion protesttren dürfe, wird dieser Antrag verworfen. .
Es folgt die namentliche Abstimmung über den Commifsions- anttag, die mit 214 gegen 93 Stimmen die Ungültigkeitserklärung iber die Wahl b«8 Abg. Böttcher (ntl.) ausspricht.
Auch bei der Wahl de« Arg. v. Dztembowskt (Pole) beantragt die Commission Ungllltigkeitserklätung. Als Grund hierfür giebt sie zwei vom Landrath Grafen Westarp unterzeichnete Wahlaufrufe zu Gunsten Dziembowskis und den damit verbundenen Einfluß an.
Hierzu liegt ein Antrag v. Staudy vor, welcher um nochmalige Prüfung in der Commission ersucht.
Auch hier entstehen lebbaite Dupliken »wischen den einzelnen Fractionsvertretern über die Wirkungen der landräthlichen Erlasie. «ährend vo.i den Conservativen, Polen und Nattonalltberalen den Erlassen eine Tragweite nicht beigemesien wird, ist mau im Centrum und bei den Antisemiten anderer Ansicht. '
Die namentliche Abstimmung ergtebt schließlich mit 201 gegen 112 Stimmen die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Abg. 9. DziembowSkt.
Morgen 1 Uhr: Zweite Lesung der Umsturzvorlage.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Mai. Der Kaiser widmet sich fortgesetzt eifrigst den begonnenen Frühjahrsbesichtiguugeu der Truppen von Berlin, Potsdam und der benachbarten Garnisonen. So unterzog er am Montag Vormutag die Satail» lone deS Garde-Füsilier-Regiments auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin einer eingehenden Besichtigung. Dann begab sich Se. Majestät nach dem Neuen Palais zurück, wo im Kreise der kaiserlichen Familie das Geburtsfest des Kronprinzen gefeiert wurde. Prinz Christian zu Schleswig- Holstein weilt zur Zeit als Gast des Kaiserpaares im Neuen Palais.
— Dem BuudeSrathe ist der angekündigte Entwurf des Zucker st euer-NothgesetzeS zugegangen. Die Vorlage bezweckt bekanntlich im Jntereffe der Landwirthschaft die Aufrechterhaltung der jetzigen Zuckerexportprämien, die am 1. August d. I. herabgesetzt werden müßten. — Im preußischen CultuSministerium wurde der Entwurf einer Verordnung vollendet, betreffend die Einführung deS Aerztekämmer> Ausschusses und die jetzige Organisation der ärztlichen Standesvertretung. ES handelt sich bei diesen Maßnahmen darum, dem Aerztekammer-Ausschuffe, der jetzt eine private Vereinigung ist, einen amtlichen Cha- racter zu geben. Derselbe soll die Aufgabe erhalten, innerhalb der Zuständigkeit der Aerztekammer vermittelnd zu wirken, zwischen dem CultuSministerium und der genannten Standesvertretung der Aerzte, ebenso soll der Ausschuß bei etwaigen Differenzen in der Aerztekammer die Vermittlerrolle auSüben.
— Den Reichstagsabgeordneten sind jetzt die Einladungen zur Theilnahme an der Nordostsee-Canal- Feier zugegangen.
— Im Canton Straßburg-Nord Hal eine Nachwahl zum Bezirkstage deS Unterelsaß stattgefunden. Dieselbe ergab die Wahl deS regierungsfreundlichen Gemeinde- rathS Eißen mit 1145 Stimmen. Der radical-freisinnige Rechtsanwalt Meyer erhielt 1073, der sozialdemokratische Cigarrenhändler Br eh le 758 Stimmen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 7. Mai. Der Kaiser hielt gelegentlich der heutigen Besichtigung des 2. Garderegiments am Schluffe der Kritik eine Ansprache an das Offiziercorps, worin er die hohen Verdienste des verstorbenen Generalobersten v. Pape : um die Armee und die außerordentliche Tüchtigkeit und her- ; vorragende Pflichterfüllung des Verstorbenen, der der älteste Offizier deS Regiments gewesen sei, würdigte. Der Kaiser , befahl, daß daS Begräbniß am Freitag Nachmittag mit allen I einem Generalfeldmarschall zukommenden militärischen Ehren t stattfinde.
Berlin, 7. Mai. Staatssekretär v. Stephan erließ eine Danksagung für die anläßlich der Vollendung seiner : 25jährigen AmtSthätigkeit von Behörden, Corporationen, ; Vereinen und weiten Kreisen der Bevölkerung, sowie von deutschen Landsleuten des Auslandes übermittelten Glückwünsche und sonstigen Zeichen freundschaftlicher Theilnahme. Der Staatssecretär ist sich wohl bewußt, daß, wenn seine Bestrebungen von einigem Nutzen für daS Gemeinwohl gewesen sind, der Haupttheil daran lediglich der großen Zeit zufalle, die wir durchlebt haben, in welcher der germanische Geist wiederum seine mächtigen Schwingen als historischer Träger einer culturhistorischen Mission entfaltete. Auch an die Beamten und Unterbeamten der ReichSpoft- und Tele- ; graphen-Verwaltung richtete dec Staatssecretär eine Dank- > sagung.
Berlin, 7. Mai. Die „Post" erfährt, die Conferenz ; von Sachverständigen zur Besprechung der Vorlage, betreffend ■; die Gründung einer centralen Ausgleichs stelle für ; den Credit für landwirth sch aftli ch e und klein-! gewerbliche Genossenschaften, trete am 18. Mai i unter dem gemeinsamen Vorfitze des Finanzministers und des LandwirthschastSministerS zusammen. Inzwischen habe die < Seehandlung für drei Monate gegen Hinterlegung sicherer; marktgängiger Werthe den landwirthschaftlichen Genossen- : schäften Beträge gegen einen niedrigen Zinsfuß zur Verfügung . gestellt, die zusammen 100,000 Mk. nicht übersteigen.
Berlin, 7. Mai. Prinz Arenberg erklärte in der ; gestrigen Sitzung derDeutschenColonialgesellschaft,, Abtheilung Berlin, den Vorsitz wieder behalten zu wollen, j Die Deutsche Colonialgesellschaft gibt am 14. Mai zu Ehren Wtßmanns ein Diner.
Rom, 7. Mai. Wie die Abendblätter melden, unter- ( zeichnete der König daS Decret, wodurch die Kammer auf gelöst wird. Die Neuwahlen werden am 26. Mai, die ■ Stichwahlen am 2. Juni und die Eröffnung der neuen Kammer [ am 8. Juni stattfiuden.
Petersburg, 7. Mai. Der „RegierungSbote" schreibt: Die Meldung der Blätter, daß die Bildung einer zeitweiligen Commission zum Studium des Baues der Sibirischen Eisenbahn an Ort und Stelle hervorgerufen sei durch die j nicht ganz erfolgreiche Ausführung der Arbeiten an dieser Bahn, erklärt daS Verkehrsministerium als jeder Begründung entbehrend. Die Arbeiten schritten durchaus befriedigend fort. Die Bildung einer Commission sei hervorgerufen durch die Nothwendigkeit, sich an Ort und Stelle mit den besonderen Bedingungen der Verwirklichung des Werkes bekannt zu machen, welches so ernsthaft cowplicirt sei, weil es in weiter Ferne auSgeführt werde und für welches bedeutende \ Summen angewiesen seien.
Depeschen deS Bureau .Herold'
Berlin, 7. Mai. (Wiederholt.) Generaloberst v. Pape ist heute früh 3*/, Uhr au Altersschwäche hier gestorben. BiS zum Januar dieses Jahres war Generaloberst v. Pape Oberbefehlshaber in den Marken und Gouverneur von Berlin. Damals wurde er unter Ablehnung seines Abschiedsgesuches von seinen Stellungen entbunden und zu den Offizieren von der Armee versetzt, v. Pape befand sich im 83. Lebensjahre.
Berlin, 7. Mai. Die Abtheilung Berlin der deutschen Colonial-Gesellschaft gibt zu Ehren deS MajorS von Wiß- ’ mann am 14. Mai ein Fe st banket. Wißmann hat sein Erscheine« zugesagt.
Berlin, 7. Mai. Heute Nachmittag hielten die Berliner Bäckereiarbeiter eine zahlreich besuchte Versammlung ab, in welcher der Maximalarbeitstag von 12 Stunden besprochen wurde. Referent Abg. Molkenbuhr mußte absagen, weil inr Reichstage die Umsturzvorlage auf der Tagesordnung stand. Sämmtliche Redner forderten den Zmölfstundentag für die Bäckereiarbeiler. Zahlreiche Klagen wurden darüber laut, daß die Arbeitgeber vielfach die Sonntagsruhe nicht Inne» halten. Am Schluffe der Versammlung wurde eine Resolution angenommen, den Reichskanzler und den BundeSrath zu ersuchen, dahin zu wirken, daß für die Bäckereiarbeiler der Zwölfstundentag und an Sonn- und Festtagen eine Arbeitszeit von acht Stunden eingeführt werde.
Berlin, 7. Mai. Die CentrumSfraction des Reichstages hat gestern mehrere Stunden die Umsturzvorlage berathen und sich dahin geeinigt, eine abwartende Stellung einzunehmen. In der Sitzung machte sich eine starke Stimmung für Ablehnung der Vorlage geltend.
Berlin, 7. Mai. Die nationalliberale Fractiou des Reichstages hat heute die Umsturzvorlage berathen und in der CommtssionSfafsuug abgelehnt.
Berlin, 7. Mai. Die „Nordd. Allg. Z'g." weist heute daraus hin, daß die erste Antwort, die Japan auf die gemeinsamen Vorstellungen der drei Mächte ertheilt hatte, insofern nicht befriedigt gewesen sei, als darin der Anspruch auf Port Arthur noch aufrecht erhalten roar. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, hat die japanische Regierung ihrer ersten Antwort alSbald die vom vergangenen Sonntag weitergehende Erklärung folgen lassen, noch bevor von den drei Mächten ein weiterer Schritt in Tokio unternommen worden war.
Berlin, 7. Mai. Die „Nat.-Ztg." schreibt zu der Mit- theilung, daß auf dem Kreuzer Kaiserin Augusta ein abermaliger Masch-Vnenzusammenbruch stattgefunden hat, die Angelegenheit scheine zu einer Anfrage im Reichstage angethan, um festzustellen, wo die Schuld liege und ob dafür gesorgt sei, daß daffelbe nicht auch bei anderen Schiffsbauten vorkomme.
Berlin, 7. Mai. Wie es heißt, soll den früheren Chef» der Admiralität, den Generalen von Stosch und Grafen Caprivi eine Einladung für die Feierlich keiten in Kiel zugehen.
Berlin, 7. Mai. Der „Vorwärts" meint, es fei voreilig, optimistische Schlüsse bezüglich des Schicksals der Umsturzvorlage zu ziehen. Centrum, Conservative wie Nationalliberale seien bereit, einzelne Theile der Vorlage zu bewilligen. Es werde verwickelte Abstimmungen mit wechselnder Majorität geben, sodaß man mehr als je auf der Hut sein müsse.
Berlin, 7. Mai. Die 60 Schneiderversammlungen, welche gestern Abend auf Veranlassung der Agitationscommission in allen ConfectionSorten Deutschland» tagten, haben sämmtlich eine Resolution angenommen, in welcher von den ConfectionsgeschästS-Jnhabern gefordert wird, bis zum 2. Februar 1896 Betriebswerkstätten einzurichten. Im Weigerungsfälle soll an die gesammte Arbeiterschaft Deutschlands appellirt und eine Lohnerhöhung in Scene gesetzt werden. In den nächsten öffentlichen Versammlungen der Schneider sollen die Namen derjenigen Inhaber von Con- sectionsgeschäften bekannt gemacht werden, in denen die die Sachen abliefernden Schneiderinnen unmoralischen Reden und Angriffen auOgesetzt find.
Frankfurt a. M., 7. Mai. Heute Morgen gegen 5 Uhr fuhr auf der Station Soden eine Maschine gegen den Zug Nummer 652. Ueber 20 Personen wurden, jedoch meist unerheblich, verletzt. Der Materialschaden ist nicht erheblich.
Triest, 7. Mai. Der „Piccolo" meldet, daß am Sonntag in Grado nächtliche Exce sse gegen die städtischen und geistlichen Behörden ftattgefunden haben. Die Demonstranten zerstörten das städtische Wachlocal und schlugen die Thüren und Fenster im Pfarrhaus und Bürgermeisteramt ein. Die Ursachen der Tumulte sind noch nicht aufgeklärt. Eine starke GenSdarmerieabtheilung wurde nach Grado abgesandt und dort alle öffentlichen. Locale gesperrt.
Paris, 7. Mai. Der Gouverneur von Obeck hat sich gestern nach dem Pantheon begeben, um im Namen de» Königs Menelik einen prachtvollen Kranz auf dem Grade de» ehemaligen Präsidenten Carnot niederzulegen.
Paris, 7. Mai. AuS St. Denis wird gemeldet, daß infolge der Gemeiuderath»-Wahlen, in welchen die Socialisten durch Republikaner ersetzt wurden, große Aufregung herrscht. Die Republikaner wurden mit tausend Stimmen Mehrheit gewählt. Ernste Unruhen werden befürchtet.


