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MiWoch den 8 Mai
Nr. 107
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Lag rrscheinenden Nunimer bi- Dorm. 10 Uhr.
wir Gegner des Coaltttonsiechtes seien. Das ist eine Unwahrheit. Wir sind stets für das CoalNionSrecht der Arbeiter eingetreten, in der Presse und auch sonst. So auch mit Thaten bei dem großen Berga.betterstrtke. Wir sind auch der Ansicht, daß das Reich verfassungsmäßig die Pflicht hat zu einer solchen Regelung. Und wenn jetzt etwa Preußen beabsichtigte, sein Vereinsrecht reactionär umzugestalten, io würde ich hoffen, daß das Reich sein Veto einlegt, wett das Reich die Pflicht hat, aus diesem Gebiete regelnd vorzugehen. Man hat hier Klagen über Boyern, Sachsen erhoben, aber ich glaube, abgesehen etwa von Elsaß-Lothringen, wo ja geradezu ein Dtctaturgesetz herrscht, ist es nirgends schlimmer mit dem Vereinsrecht bestellt, als in Preußen. Eine große Hauptsache fehlt ganz in dem socialdemokratischen Entwurf; der Entwurf geht nicht auf das polizeiliche UeberwachungS- und ÄuflöfungSrecht ein. Die Polizei würde nach wie vor auf Grund ihrer allgemeinen polizeilichen Befugnisse nach dem Ermesien ungeeigneter Organe auflosen. Unsere Fractton hat sich mit der Frage des Coalitionsrechls auch der Frauen noch nicht beschäftigt, aber ich perfönlich bin dafür.
Abg. v. Czarlinskt (Pole) klagt über die Behandlung der Polen und erklärt dann, seine Partei billige durchaus die Tendenz dieses Gesetzes, aber nicht nur im Interesse der Arbeiter, wie das die Antragsteller thäten, sondern im Jntereffe aller Bevölkerungs- klasien. Die Frauen dürften nicht aus ihrer natürlichen Sphäre in die politischen Leidenschaften hineingerisfen werden. Ebenso wenig die Minderjährigen. Bei aller Billigung der Tendenz würden sie alfo nicht für $ 1 stimmen, dagegen würden sie für eine Resolution stimmen, falls eine solche eingebracht werde, in der die Regierung zur Vorlegung eines Gesetzes aufgefordert werde.
Abg. Pa chnicke (frf. Vg.) schildert die oeretnsrechilichen Zustände in Mecklenburg als besonders verbesserungsbedürftig, aber dem vorliegenden Entwurf kännten seine Freunde nicht ohne Amendement zustimmen. Ein Bedürfniß für ein Eoalitionsrechi der Frauen können wir nur in wirthschastlicher Beziehung, aber nicht auch in politischer anerkennen.
Abg. Stolle (Soc.) tritt für $ 1 detz Entwurfs ein, da' ei besonders aus die Zustände in Sachsen — in einem einzigen Jahre 2000 ausgelöste Versammlungen — eingehend.
Sachs. Bevollmächtigter Gras HohentHal lehnt, mie schon bei der ersten Lesung, e- ab, hier auf die Handhabung des sächsischen Vereinsgesetzes einzugehen, da das nicht vor den Reichstag gehöre. Glaube der Vorredw-r etwa, >-atz in Sachsen Rechtsoerwrige' ungen vorgckommen feien, fo stehe es demfetben ja anheim, sich, wie das die Verfassung zulass-, mit Beschwerden über die sächsische Justizverwaltung an den BundeSralh zu wenden. Die Behauptung, baß der beantragte Gesetzentwurf nichts sei, als die Sanctionirung des Anarchismus, halte er aufrecht. Wenn es in Sachsen bisher noch nicht zu Aufruhr gekommen sei, so liege das nicht an der Socialdemokratie, sondern nur an dem gesunden, besonnenen Sinne der Bevölkerung. t
Abg Förster (R .formp.) stimmt der Tendenz d s Antrages zu, will aber nicht, daß F.auen als Mitglieder politischer Vereine zugelassen roc den und wünscht, daß die Rrgierung einen Entwurf einbringe.
Abg. v. Elm (Soc.) hält seine Vorwürfe gegen die freisinnige Partei aufiecht und beschuldigt namentlich die „Freis. Zig." einer ausgesprochen arbeiterfeindlichen Tendenz.
Abg. Richter (frf. 53p.): v. Elm hat die Anführung des Abg. Lenzmann einfach verdreht, die eine gefetzliche Regelung der lieber: wachung und Auflösungtzbefugniß verlangt. Den Bergarbeiterstrike hat die freisinnige Partei gebilligt, dm Buchdruckerstrike nicht; dieser Hai den Buchdruckern Millionen gekostet und der Ausfall bewies, daß der Strike nur infeenirt war, um dem Agitationtzb-dürsniß einiger sociaiisttscher Führer zu genügen.
Abg. Zubetl (Soc.) führt einzelne Fälle an, in denen angeblich polizeiliche Uebergriffe bei der Abhaltung von Verfammlungen seitens der Polizei siattgetunden haben.
Minister v. Köller verweist den Redner aus den Beschwerde
weg; da wird ja dann die Angelegenheit auch an mich kommen (Abg. S'nger ruft: Wenn Sie dann noch Minister ftnbl)
Abg. Bebel (Soc.) bestreitet dem Abg. Richter gegenüber, daß die Führer des Buchdrucker • Strikes Socialdemokraten waren. >n der Oigani'ation der Buchdrucker fei sorgfältig All-s vermiede» worden, was als Stellungnahme zu einer politischen Partei gedeutet werden könnte. _
Abg. Richter (frf. 93p.): Daß die Führer der Buchdrucker überzeugte Socialisten waren, ist mir aus ihren Erklärungen und aus ihrem Verhalten zur Gewißheit geworden.
Damit fchließt die Debatte.
Die ersten beiden SS des Antrages werden gegen die stimmen der Socialdemokraten und Freisinnigen abgelehnt, worauf der Abg. Singer den Rest der Vorlage zurückzieht.
Sodann vertagt sich das Haus.
Morgen: Nachtragsetat, Wahlprüfungen, Umsturzvorlage.
Deutsche- Reich.
Berlin, 6. Mai. Ueber die in Reichs tags kreis en jetzt viel erörterte Frage, ob nächstens ein formeller Schluß der ReichStagSsefsion oder bloße Vertagung bis zum Spätherbste eintreten werde, ist offenbar noch keine Ent- scheidung getroffen. Wenn jetzt ein offizieller Schluß bei Reichstages erfolgt, fo müßten alle Entwürfe, welche noch in den Commissionen stecken, wie die Novellen zu den Justiz- Gesetzen und zur Gewerbeordnung, dann besonders auch die Retchsfinanz Reform-Vorlage, unter den Tisch fallen, ebenso die meisten der noch nicht erledigten Initiativanträge. Bet einer Vertagung dagegen können dann später die Berath» ungen hierüber einfach an den Punkten wieder ausgenommen werden, an welchen sie einstweilen abgebrochen worden sind, ein Verfahren, das ja, unter gewissen Gesichtspunkten betrachtet, seine unverkennbaren Vortheile aufweist. Jndeffen hat man sich maßgebenden Orts noch nicht völlig schlüssig gemacht, ob der Reichstag nach Erledigung seiner dringend« sten lausenden Geschäfte zu schließen, oder nur zu vertagen sei, vermuthlich dürften die betreffenden Entschließungen aber nicht mehr lange auf sich warten lasten.
Bekanntmachung, betr. die Veranstaltung von Verloofungen innerhalb des Großherzogthums.
Der Ausschuß für die landwirthfchaftliche Ausstellung zu Gießen 1895 beabsichtigt mit der anläßlich der General- verfammlung der drei landwirthschaftlichen Provinzialvereine des Großherzogthums im September l. I. zu Gießen stattfindenden landwirthschaftlichen Ausstellung eine Verloosung von Thieren, Maschinen und landwirthschaftlichen Geräthen zu verbinden.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 60 000 Loose zu 1 Mark das Stück, au-gegeben werden dürfen und mindestens 60 % des Bruttoerlöses einschließlich der Reichsstempelabgabe aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden find. Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, den 6. Mai 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
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Versucher Reichstag
85. Sitzung. Montag, den 6. Mai 1895.
Eingegangen sind die Gesetzentwürfe: bdr. Marine- und Militär- Relictenwesen vom Feldwebel abwärts und betr. gegenseitigen Beistand der Bundesstaaten bei Vollstreckungen in das Vermögen.
Auf der Tagesordnung steht die zweite Berathung des Antrages Auer: Gesetzentwurf, betr. das Vereins- und Ver- sammlungS- und Coaliiionsrecht.
Abg. v. Elm (Soc.) beleuchtet, auf der Tribüne nur schwer verständlich, namentlich das sächsische VereinSrecht. Man fei in Sachsen bemüht, jede Organisation der Arbeiter, gleichviel ob sie politisch fei oder nicht, zu zerstören. Schon die große Verfchieden- heit in den vereinsrechtlichen Bestimmungen, welche gegenwärtig in Deutschland herrsche, macke eine ctnheiiliche Regelung zu einem dringenden Ersordernih. Ganz besonders empfindlich sei es für die wirthschastlichen Vereine, baß dieselben fast durchweg als politische angesehen und daher den Frauen die Theilnahme an solchen ab- gefchnitten werde. Tas Hamburger Vereinsgesetz fei fo streng, daß eS geradezu ein Umstuizgefetz ersetze. Die Arbeitgeber jedoch laffe man auch in Hamburg unbehelligt tagen. In Preußen sei es gegenwärtig zwar noch etwas besser, allerdings zeige ja aber das Auftreten des Polizeiraths Witschet in Tilsit, was auch in Preußen möglich sei. Jetzt werde die C«litionssreiheit nicht einmal mehr von der freisinnigen Volkspartei entschieden vertreten, wenigstens wolle diese von den politischen Rechten der Frauen nickts rotff en. Gehe die Umsturzvorlage in ter Fassung der Commission durck, bann — sei es aus mit der Eoalitionsfreiheit der Arbeiter.
Bäuerischer Bundesbevollmächtigter von Hermann stellt aus Anlaß einer Aeußerung des Vorredners in Abrede, daß in Bayern die gewerkschaftlicken Vereine als politische behandelt und ihnen alS solchen Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden.
Abg. Lenzmann (ftf. Vp.): Der College von Elm hat maßlose Angriffe gegen uns gericktet, er hat es so dargestellt, als ob
Ausland.
Genf, 6. Mai. Carl Vogt war seit fünf Wochen schwer krank. Am Samstag, 4 Uhr Nachmittags, hatte er einen starken Fieberanfall. Abends 8 Uhr sagte er seinen Angehörigen die letzten Abschiedsworte und befahl dann eine Morphiuminjection. Sogleich schlief er ein und erwachte nicht roicber, er starb sanft Sonntag Nachmittag 5 Uhr. Nicht einen Augenblick war er vor SamStag geistig ermüdet gewesen, am Samstag hatte er noch heiter einen Besuch empfangen. Die Bestattung erfolgt wahrscheinlich morgen im Züricher Crematorium.______________________Fr. Ztg.
Neueste Nachrichten.
Wolff» telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 6. Mai. Wie die „Post" vernimmt, wird am 13. dfs. Mts. im Handelsministerium die Commission zur
Fenilleton.
Den Manen Earl Vogts.
(Originaldericht des „Gießener Anzeiger*.)
Dr. M. Rüstig und unermüdlich in seiner Wissenschaft, thätig bis zu den letzten Tagen war der Mann, der nun auch als hoher Siebziger daS Zeitliche gesegnet hat. Immer enger hatte sich schon in den letzten Jahren um Carl Vogt der Kreis der Freunde und Gesinnungsgenossen zusammen gezogen, immer kleiner war die Zahl derjenigen geworden, mit welchen der berühmte Naturforscher „Jugenderinnerungen" und „Universitätserlebnisse" austauschen konnte.
Das Hinscheiden Moritz Carriöre's in diesem Winter, der ihm im Alter am nächsten, in der Weltanschauung allerdings am entferntesten stand, empfand Carl Vogt, mochte er's auch den Seinen nicht einräumen, doch als eine Art Mahnruf. Die letzte feuilletonistifche Arbeit, die von ihm in die große Oeffentlichkeit gedrungen ist, galt dem Andenken der mit Moritz Carriöre getheilten Jugendeindrücke.
Von dem Dreigestirn Jacob Mole schort, Carl Vogt und Ludwig Büchner, an welches man die Entwickelung des wissenschaftlichen Materialismus in Deutschland zu knüpfen pflegt, 'ft jetzt nur noch Einer übrig, der letztgenannte. Es kann hier nicht unsere Aufgabe fein, zu untersuchen, bis zu welchem Grade der Materialismus als Weltanschauung noch heute ernstlich in Betracht kommt, denn nicht sowohl die Conseq lenzen dieser wiffenschaftlichen Methode als vielmehr die Voraussetzungen, auf welchen sie beruht, find cs, welche der Arbeit von Männern wie Molcschott, Vogt und Büchner ihr charocte«
ristisches Gepräge und ihre Bedeutung geben. Diese Voraus | setzungen sind Experiment und Analogie, die einzigen verläßlichen Arbeitsmittel deS Naturforschers, der vom Gegebenen ausgeht. Der Naturforscher überwiegt auch in Carl Vogl bei Weitem den Philosophen. Wo der letztere sich in seinen Schriften zu Wort meldet, kann der Genfer Denker jene Einseitigkeit nicht ganz verleugnen, welchen von den französischen Encyclopädisten an bis aus die Neuzeit allen Vertretern einer rein mechanischen Weltanschauung anhaftet.
Aber von grundlegender Bedeutung für die moderne Wiffenfchaft werden bleiben Werke wie: sein Lehrbuch der Geologie und Petrefactenkunde, seine zoologischen und physiologischen Briefe, das Buch über „Mikrokephalen oder Affenmenschen" rc. rc.
Den weitesten Leserkreis hat Carl Vogt sich unstreitig mit dem Buch „Köhlerglaube und Wissenschaft" erworben (der Titel hat sofort die Giltigkeit des „geflügelten Worts"bekommen), obwohl es das wiffenschaftlich unbedeutendste ist und neben den anderen Werken Vogt's etwa so dasteht, wie David Strauß „Alter und Neuer Glaube" neben besten „Leben Jesu".
Die Voltaire'sche Ader, die entschieden in Vogt lebendig war, regt sich besonders stark in diesem Buche, welches daher im Lager der Frommen und kirchlich Gesinnten einen Sturm der Entrüstung erregen mußte. Auch wer nicht auf ausgesprochen confesfioitellem Standpunkt steht, wird sich von vielen Ausfällen Vogt's gegen die Glaubenswahrheiter, des Christen- thums im höchsten Grade unsympathisch berührt fühlen und dem Theologen Gerhard von Zegschwitz Recht geben, wenn
dieser in seiner „Apologie des ChristenthumS" (S. 168, 7. Vorlesung) eine derartige Angriffsmethode verwirft.
Aber glücklicherweise kann dieser negative Zug im Bilde Carl Vogt's dieses selbst doch nicht verdunkeln, denn in dem verstorbenen Gelehrten steckte ein so reiches Maß positiven Wissens, lebte ein so starkes Bewußtsein von den Cultnr- aufgaben der Wiffenfchaft, eine so ehrliche Ueberzeugungstreue, daß sein Einfluß auf alle Diejenigen, welche Gelegenheit gehabt, sich durch seine Collegien und Schriften zu bilden, nur ein segensreicher gewesen sein kann.
Die glückliche Gabe der Popularifierung verband Carl Vogt mit einem fo anschaulichen, klaren deutschen Stil, wie ihn auch heute noch keineswegs alle Gelehrte schreiben, obwohl die Macht der lateinischen Satzconstruction längst gebrochen sein dürfte.
Die Stadt Gießen hat einen doppelten Grund, sich liebevoll Carl Vogt's und seiner Verdienste zu erinnern, denn einmal hat dieser zu ihren academischen Bürgern gezählt, und außerdem hat bet Genfer Professor seiner Vaterstadt auch im Auslande stets treue Sympathieen bewahrt, und als ihn zuletzt in den achtziger Jahren sein Weg wieder durch die alte Heimath führte, da kam ihm im alten, lieben Gießen noch alle« so unverändert, so traut und bekannt vor, daß er jenen Aufsatz über daS „Studeutendorf" schrieb, der mit Unrecht vielfach anders aufgefaßt worden ist als des Autors Meinung war, denn thatsächlich lag Carl Vogt nichts ferner, als das Stückchen Welt, an daS sich für ihn eine Reihe unvergeßlicher Eindrücke banden, irgendwie herabsetzen zu wollen.


