H erauf zog die Menge in daS Judenviertel und demolirte mehrere Häuser.
Pari!, 4. December. Die Blätter bezeichnen die Nachricht von der Abreise Herbettes auf seinen Posten nach Berlin al- einen Beweis dafür, daß die Gerüchte von dessen Rücktritt durchaus unbegründet find.
Pari», 4. December. Die Kammer hat gestern den Ausschuß zur Prüfung der Gesetzesvorlage, betreffend die Ausstellung von 1900, gewählt. Die Vorlage hat wider Erwarten einen heftigen Widerstand erregt. Von den e f Mitgliedern des Ausschusses find nur drei der Vorlage günstig gestimmt. Drei find jeder Ausstellung feindlich und fünf nehmen die Vorlage nur unter gewiffer Reserve an.
Paris, 4. December. Das „Journal des DebatS" gibt der Ansicht Ausdruck, daß man beim Sultan keine weiteren Schritte in Betreff der zweiten Stativ ns schiffe thun solle. — Tin Redacteur deS „GaulotS" hat eine hochgestellte türkische Persönlichkeit interwievt, welche erklärte, daß die Lage in der Türkei keineswegs derart sei, daß sie einen europäischen Krieg herbeiführen könnte.
London, 4. December. „Morning Post" schreibt: Der Sultan müsse den Großmächten gute Gründe angegeben haben, um die Durchfahrt der zweiten Station-- schiffe durch die Dardanellen zu verweigern, da die Großmächte bisher auf die Weigerung keine Antwort ertheilt hätten.
Warschau, 4. December. In Bilgorah ist das Haus des BeztrkSchefS, in welchem der auf einer Dienstreise befindliche militärische Adlatus des General Gouverneurs Schuwalow, Geueral-Lieutenant BodeSko, übernachtete, angezündet worden. Der General, sowie ein Kosaken-Oberst, dessen kranke Frau und vier Kinder konnten nur da» nackte Leben retten.
Constantinopel, 4. December. Infolge der von der Pforte ergriffenen Maßregeln hat sich die Situation seit mehreren Tagen gebessert. In Betreff der Verhandlungen über den Ferman, welcher die Zulassung der zweiten Sta- tionSschiffe behandelt, wird in Kreisen der Pforte behauptet, t-aß demnächst eine Verständigung erzielt werden wird. Der Sultan werde den Ferman ertheilen, die Botschafter werden aber solange von dem ausgefertigten Passtrschein keinen Gebrauch machen, al- nicht von Neuem Unruhen ausbrechen.
Constantinopel, 4. December. Die Nachricht von einem Attentat auf den Sultan bestätigt sich nicht.
WB. Essen, 5. December. Stichwahl im Reichs« tagswahlkreise Halle-Herford. Der „Rhetnisch- Westsäl. Zeitung" zufolge fiegte in der Stichwahl Bürgermeister Quentin (natl.) mit 8812 Stimmen über Amts- gerichtSrath Weihe (cons.) mit 7916 Stimmen.
Schwurgericht.
W. Gießen, den 5. December 1895.
Die heutige Sitzung wird von Herrn LandgerichtSrath vr. Schäfer um 9 Uhr eröffnet. Zur Anklage steht die Sache gegen den Maurer Heinrich Glück aus Vilbel wegen versuchten TodtschlagS. Die Großh. Staatsbehörde wird von Herrn GerichtS-Affeffor Dr. Gläfftng vertreten, die Vertheidigung liegt in den Händen des Herrn Rechtsanwalt Metz. — ES sind 20 Zeugen zu vernehmen. — Nach AuS- loosung der Geschworenen werden die übrigen vom Vorsitzenden entlassen (die für morgen vorgesehene Sache fällt also aus). Der Angeklagte, 21 Jahre alt, ist unbestraft. Am 19. August d. I. war in Vilbel Markt und ginge schon am Vormittag in der Wirthschaft „Bayerscher Hof" hoch her- auch Glück hatte hier Einkehr gehalten und will bis Mittag 10 Glas Bier getrunken haben. Da kamen in die Gaststube Musikanten, die unter sich in Differenzen gertethen. Der angetrunkene Glück wischte sich in diesen ihn eigentlich gar nichts angehenden Streit. Einer der Leute forderte den ihnen Lästigen auf, seinen Mund zu halten. Der Musiker Scheid, welcher diese Aeußerung gethan, ging hierauf auf die Straße, wohin ihm Glück folgte. Er versetzte dem Scheid einen Schlag ins Gesicht, worauf der Musiker mit dem Mundstück seines Instrumentes feinem Gegner eins auf den Kopf versetzte, sodaß dieser blutete- der Musiker entfernte sich eiligst. Glück will nun später, nach 2 Uhr, auf dem Marktplatz in baß WirthSzelt von Müller eingekehrt sein, dort in einer Viertelstunde weitere drei GlaS Bier zu sich genommen haben, dann sei er auf den Markt gegangen, um den Musikanten, an dem er sich rächen wollte, aufzusuchen. Am Steg, der die Nidda zwischen Markt und Stadt überbrückte, traf der Angeklagte sein Opfer und hier führte er die That aus, indem er ihm mit dem bereit gehaltenen Taschenmesser in dem Rücken 5 Stiche beibrachte. Nach dem ersten Stich fiel der Musiker zu Boden und blind hieb der Thäter auf den wehrlos daliegenden Mann ein. Herr Dr. med. Maleh-Vtlbel erkärt, die Wunden, welche der Verletzte hatte, waren Fetschwunden, die nach drei Wochen gut verheilt sind- sie waren außerordentlich tief. Ein Glück für den Verletzten war eS, daß er die Stiche nicht von vorn bekommen hat, denn dann wären die Verwundungen lebensgefährlich gewesen. (Fortsetzung folgt.)
- mnt> ptMttwjidto.
Gießen, dm 5. December 1895
Militardienstnachricht. Prof. Dr. Gaffkh, Ober- stab-arzt 2. Klaffe vom Landwehrbezirk Gießen, der Charaeter al» Oberstabsarzt 1. Klaffe verliehen.
*• Handelskammer Wahl. Wie aus der in vorliegender Nummer enthaltenen Bekanntmachung ersichtlich, wurden die Herren F. C. ® Koch, Commerzienrath W. Gail und Commerzienrath Gg. Wort mann wieder gewählt.
** Ehrung. Der Veteranen Verein Gießen hat in seiner letzten Versammlung Herrn Commerzienrath Heichelheim auS Anlaß und in Anbetracht der Bedeutung seiner
jüngsten hochherzigen Stiftung zum Ehreumitgliede ernannt, welche Auszeichnung von demselben in dankenSwerther Weise angenommen worden ist. Die die Ernennung bestätigende, aber noch in Ausführung begriffene Urkunde wird Herrn Heichelheim demnächst vom Vorstand überreicht werden.
** Lahnthal Zitherbund. Die Veranstaltung de» nächsten Sonntag in „Steins Saalbau" stattfindeuden Zither- ConcerteS bietet außer der Eigenart des hier gewiffer- maßen Ungewöhnlichen und Eigenartigen noch das Interesse für die Wirkung dieses Instrumentes im Concertsaale. Wie auS dem uns vorliegenden, reichhaltigen Programm zu ersehen, gelangen außer zwei Gesammtchöreu, welche von ungefähr 40 Zithern zur Ausführung gebracht werden, auch eine Anzahl Einzelchöre, sowie SoliS zum Vortrag, welche die Namen bedeutender Zither-Componisten aufweisen, und somit einen außergewöhnlichen Genuß bieten. Ja vortheil- Hafter Weise find in beiden Abtheilungen Ltederoorträge mit Zitherbegleitung eingeschaltet, welche von einem dafür gewonnenen Künstler, Herrn D. Emge, zu Gehör gebracht werden. Es ist unbestreitbar, daß da» Zitherspiel in den letzten Jahrzehnten einen mächtigen Aufschwung genommen, umsomehr als viele unserer größten Musiker und Componisten, u. A. Franz LiSzt, dem Zitherspiel ihr Lob dargebracht. In allen größeren Städten, so ganz besonder- in München, wo das Zitherspiel durch die Protection deS Herzogs Max eifrig gefördert und gepflegt wird, werden Zitherconcerte mit zu den beliebtesten musikalischen Darbietungen gerechnet und mit Freuden begrüßt. ES steht außer allem Zweifel, daß auch hier die Veranstaltung eines solchen ZitherconcerteS in allen Kreisen gewürdigt und die Betheiligung aller Interessenten an demselben eine allgemeine sein wird.
*’ Zur SehallSfrage der BolkSschullehrer. Der geschäftS- führende Ausschuß deS LandeS-LehrervereinS hat bezüglich deS Gesetzentwurfs, die Gehalte der Volksschullehrer betreffend, eine Petition an die Zweite Kammer der Stände gerichtet, in welcher dem Dank für die in dem Gesetzentwurf angebahnte Verbefferung der öconomischen Verhältnisse deS Volksschullehrerstandes Ausdruck gegeben, zugleich aber gebeten wird, den Gesetzentwurf dahin abzuändern, daß daS Gesetz mit dem 1. April 1896 (statt 1. April 1897) in Wirksamkeit trete. Ebenso wird die Zweite Kammer gebeten, den in dem Entwürfe bei Bestimmung der Wohnung--Vergütungen zwischen verheiratheten und unverheiratheten Lehrern ausgestellten Unterschied fallen zu lassen.
* Magdeburg, 3. December. Vom hiesigen Schwurgericht wurde heute die 46 jährige verehelichte Arbeiterin Elisabeth Hintze, geb. Schmidt, au- Gr.-AmmenSleben, welche daS am 19. Juni d. I. außerehelich geborene Söhnchen ihrer Tochter durch wiederholte- Eingeben von Schnaps bereits am 30. d. Mts. „zum Engel gemacht" hatte, wegen vorsätzlichen und mit Ueberlegung vollführten Mordes zum Tode verurtheilt. Da- entmenschte Weib nahm den Spruch ruhig und kalt entgegen.
* Neisse, 1. December. Nicht geringes Aufsehen erregt hier die Gefangennahme des Raubmörder- Joseph Ludwig, der am 2. November d. I. den Bauer-Auszügler Georg Rieger in Altenwald im „Tiefen Grunde" ermordete und beraubte. Ludwig hat ein umfassende- Geständniß abgelegt. AuS demselben sind folgende interessanten Einzelheiten her» vorzuheben. Der 24jährige Mann war in der Cellulose- Fabrik in Ziegenhals beschäftigt, verließ aber die Arbeit, um am Allerseelentag über Altcnwalde nach Heidau zu gehen. Da er nur 5 Pf. besaß, reifte in ihm der Entschluß, den ersten besten, den er antreffen würde, niederzuschlagen und zu berauben. Im Busche hatte er sich, einen Feldstein in der Hand haltend, verborgen und alsdann den Invaliden Rieger todtgeschlagen. Als Beute find ihm 84 Mk. in die Hände gefallen. Nach der Mordthat begab er fich über Görlitz nach Dresden, wo er den Rest des Geldes verbrauchte. Mittellos ist er dann nach Neiffe zurückgegangen.
* Auch ein Jubiläum. Tausend Jahre schon wird von den Menschen Blutwurst gegcffen. Interessant ist die Entstehung dieser Speise insofern, als sie damals ein strenges Verbot hervorrief, da- jedoch nicht vermochte, der Blutwurst den eroberten Platz streitig zu machen. Es war der morgenländische Kaiser Leo IV. (886 bis 911), der im Jahre 895 folgende Verordnung gegen die Blutwurst erließ: „Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Menschen so toll geworden sind, theilö des Gewinnes, theils der Leckerei willen, Blut in eßbare Speise zu verwandeln! ES ist uns zu Ohren gekommen, daß man Blut in Eingeweide wie in Säcke einpackt, und so al- gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Wir können da- nicht länger dulden, und nicht zugeben, daß die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung blo» aus Schlemmerei freßlustiger Menschen geschändet werde. Wer Blut zur Speise umschafft, er mag nun dergleichen kaufen oder verkaufen, der werde hart gegeißelt, und zum Zeichen der Ehrlosigkeit bis auf die Haut geschoren. Auch die Obrigkeit der Städte find wir nicht gesonnen, frei au-- gehen zu lassen, denn hätten fie ihr Amt mit mehr Wach- samkeit geführt, so wäre eine solche Unthat nicht begangen worden. Sie sollen ihre Nachlässigkeit mit zehn Pfund Goldes büßen." Da» wäre also eine amtliche Nachricht, nach der wir in diesem Jahre daS tausendjährige Jubiläum der Erfindung der Blutwurst begehen könnten. Doch gab eS bereits im alten Rom ähnliche Gerichte- die vom römischen Wursthändler hergestellten Würste waren jedoch mit allium (Knoblauch) gewürzt. Heute hält allerdings wohl Niemand mehr die Staatsehre durch die Blutwurst für gefährdet. Im Gegentdeil sind einige Staaten eigentlich nur durch ihre Wurst berühmt. Volksrundschau.
• Von den bei Ceberei verunglückten Soldaten de» Zwickauer 9. Jnfovt:rie-Regiment» toioen 47 im Ehern- nitzer Garnison-Lazareth untergebracht. Bon diesen starb
einer, 25 wurden entlassen- 11 sollen in nächster Zeit ent. lassen werden und die übrigen Ende Januar. Bon diese« z. Z. noch kranken 22 Mann wird voraussichtlich nur einer wieder militärdienstpflichtig werden.
e Der Andrang seelustiger Knaben zum Eintritt ii die Schiffijaogea «btheilnttg der kaiserlichen Marine hat fich in den letzten Jahren, besonder- au- den süddeutschen Bunde», ftaaten, dermaßen gesteigert, daß in der Regel Hunderte von Eintrittsgesuchen nicht berücksichtigt werden können. Da die Einstellungsbedingungen besonder- im Binnenland weniger oder gar nicht bekannt find, bringen wir dieselben in Nach, stehendem in gedrängter Kürze zur allgemeinen Kenntniß: Der einzustellende Junge soll in der Regel 16 Jahre alt fein, darf jedoch da- 18. Lebensjahr noch nicht überschritten Haden. Nur bet großer Körperftärke ist die Einstellung de- reit» im Alter vom vollendeten 15. Jahr ab gestattet. Der Einzustellende muß eine Größe von mindesten- 1,47 m und einen Brustumfang von mindesten» 0,73 m, nach dem Au», athmen gemessen, befitzen. Nach Ablauf von zwei Jahren werden die Schiff-jungen, sofern fie auf einem der Schul- sHtsse der „Moltke"-Klafle die genügende seemännische Ausbildung erlangt haben, zu Matrosen ernannt, in die Matrosen- D.vifion eingestellt und vereidigt. Die weitere Beförderung ist von der Führung und Befähigung jede» Einzelnen abhängig. Wer die Aufnahme in die SchiffSjungen-Abtheilung wünscht, hat sich persönlich bei dem Commandeur de» Land« Wehrbezirks seiner Heimath (oder, wer dazu Gelegenheit hat, persönlich bei dem Commando der SchiffSjungen-Abtheilung in FriedrichSort bet Kiel) zu melden. An Papieren find erforderlich: 1. Geburtsschein, 2. schriftliche, von der OrtSbe- Hörde bescheinigte Einwilligung de» Vaters oder Vormunde». Ist die vorgeschriebene militärärztliche Untersuchung, sowie eine Prüfung im Lesen, Schreiben und Rechnen günstig au»- gefallen, so werden die von den BezirkScommando» angemeldeten Jungen von der SchiffSjungen-Abtheilung in eine Anwärterliste eingetragen. DaS Commando der Marineftatton der Ostsee hat auf Grund der von der Sch ffSjungen Abtheilnng vorzulegenden Anwärterliste spätesten» AnsangMärz zu verfügen, welche Jungen eingestellt werden sollen. Die Einstellung erfolgt Anfangs April bei der SchiffSjungen-Abtheilung in FriedrichSort, wohin die definitiv angenommenen Jungen durch die BczirkScomrnandoS inftradirt werden. Bei dem, wie erwähnt, großen Andrang können wir den auf Einstellung Reflectirende» nur zu möglichst frühzeitiger Anmeldung rathen, zumal da, wie man hört, im April 1896 nur 220 Jungen zur Sin- stellung gelangen werden.
♦ Die Arbeit eine» Briefträgers. Mit Hilfe eine» Schritt- mefferS hat man kürzlich die Schritte gezählt, die ein Briefträger täglich macht. ES wurden sechs Normaldiensttage dazu ausgesucht, und eS ergab sich dabei ein Mittel von 51,900 oder rund 52,000 Schritten, indem der angestrengteste Tag 53,000 Schritt verlangte, der gemächlichste 46,895. Ein Tag mit anschließendem „Abenddienst" ergab sogar 58,500 Schritte. Nun mißt unser deutscher Militärschritt 0,8 Meter, das heißt 9375 Schritt machen eine deutsche Meile aus- somit würde der Briefträger täglich im Durch, schnitt einen Weg von 5i/2 Meilen zurückgelegt haben- und ein Tag mit Abenddtenft würde sogar 6»/, Meilen Weg- von ihm verlangen. Ein halber Dtensttag ergab 29,800 Schritte, daß wären also stark 3 Meilen. Wenn man bedenkt, wie viel von diesem halben Hunderttausend täglicher Schritte auf Treppensteigen zu verwenden sind, diese 5—6 Meilen Weg» also gewissermaßen „Bergpartien" sind, so wird man begrei- fen, daß der Beruf des Briefträgers nicht zu den leichtesten gehört. Aber auch nicht zu den schwersten, da ein Schweizer Arzt, der die Schritte, die er täglich machte — bei einem Jahresdurchschnitt von saft zehn Millionen —, auf 26,740 berechnete, er also genau halb so viel Schritte ging wie ein Briefträger an einem angestrengten Arbeitstage. Und ei* * Arzt hat ja schließlich noch viel mehr zu thun, al» bloß Wege zu machen.
* Großvater, Vater und Sohn sämmtlich gleichzeitig im Parlament — daS kommr selten vor. Diese» ist der Fall, seitdem Lord Warkworth im Londoner Stadtdistrict Süd- Kensington al» Abgeordneter gewählt ist. Sein Großvater ist der 85jährige Earl von Northumberland und sein Vater Earl Percy, der den Wahlkreis Berwick im Unterhause vertritt. Lord Warkworth ist 24 Jahre alt.
* Staatlich angestellte Diebe. Da» afrikanische König, reich Adamana fällt bekanntlich zum größten Theil in die Interessensphäre des deutschen Schutzgebietes in Kamerun. Eine der vielen merkwürdigen Einrichtungen in diesem Neger« ftaat ist die der staatlich angestellten Diebe. Die Sultane baden eine Anzahl von Dieben in ihren Diensten, die direkt für den Staatsschatz arbeiten und dafür vom Gewinn Tantieme erhalten, und zwar stehlen diese StaaiSdiede sowohl im eigenen Lande, wie auch in den Nachbarstaaten. So läßt der Sultan von Aola speciell Sclaven und Elfenbein stehlen, während andere StaatSdiebe wieder den Pferdediebstahl zur Specialität machen. Eine ähnliche Auffassung von berech« tigten Gewerben, die für die europäische Recht-anschauung der Jetztzeit schwer verständlich ist, macht sich in Bezug auf daS Räuberhandwerk geltend. Das Rauben wird al» richtige Profession betrieben, und die Räuber, Badawere, führen nicht etwa ein verborgene- Leben, sondern bekennen fich offen zu ihrem Gewerbe, ohne daß darum gegen fie eingeschritten wird. Einzeln und in Trupp- lauern sie an den Straßen Karawanen und einzelnen Wanderern auf. Al- Stande»« -eichen und zugleich al» Schreckmittel tragen fie ein richtige- Struwwelpeterhaar, während sich sonst die Männer den Kopf ganz zu rafiren pflegen. Sie leben dabei ohne jegl'che Verfolgung in den Städten und werden nur Der» haftet, wenn fie auf frischer That ertappt find. Ihr Gewerbe schafft ihnen Überall Achtung, und bei der Damen- welt erfreuen sich diese „ritterlichen" Badawere außerordcnt- licher Beliebtheit und werden mit Geschenken und Zärtlich- ketten Überhäuft- sie revanchiren sich dafür ihrerseits mit Schenkungen von erbeuteten Schmucksachen. Die Duldung


