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Darmstadt.

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Nr. 232

Donnerstag den 3 October

189*

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger

Stbaction, ExpkbitiüL und Druckerei:

K4»rstraße?rr.7.

Fcrnsprechcr 51.

Die Virßener

MsmilieuvtLIIer werden dem Anzeiger wSchrntlich dreimal beigelegt.

vierteljähriger s AöonncmcntspretF« 2 Mart 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge»

2 Mark 50 Psg.

Der chlehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Aints- und Zlnzeigeblntt fnv den Kreis Gieren.

Hratisöeikage: Hießener Kamikienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für btw folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Lheil.

Gießen, den 1. October 1895. Betrf: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Nach § 101 Absatz 4 der Ausführungsverordnung vom 1. Februar 1882 ist uns durch Sie von der erfolgten Rauh­baurevision genehmigungspflichtiger Bauten und der Feuerungs­anlagen Anzeige zu erstatten und dabei zu bemerken, ob die Ausführung vorschriftsmäßig erfolgt ist, oder ob und welche Anstände sich bei der Revision ergeben haben und binnen welcher Frist der Bauherr diese Anstände beseitigen will.

Da bezüglich einer großen Anzahl von Bauwesen, deren Revision nach Mittheilung der Bezirksbauaufseher bereits erfolgt ist, Ihre nach Vorstehendem zu erstattenden Berichte noch nicht eingelaufen sind, erinnern wir Sie an alsbaldige Vorlage derselben.

Zur Vermeidung von Verwechselungen ist hierbei jedes­mal das Datum des Baubescheids anzuziehen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.

Dem Vorstand des Gewerbehallevereins in Darmstadt ist auf sein Nachsuchen durch Verfügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 21. September d. I. die Erlaubniß ertheilt worden, zu Weihnachten l. I. eine Verloosung von Jndustriegegenständen veranstalten zu dürfen, und zwar unter der Bedingung, daß nicht mehr als 20 000 Loose, zu 1 Mk. das Stück, ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Procent des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­wenden sind.

Zugleich wurde der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet.

Gießen, den 1. October 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

o. Gagern.

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Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 1. October. Dem gestern im Reichstagsgebäude eröffneten Longreß für internationale Erdmessung wohnten u. A. bei: Cultusminister Dr. Bosse, Geheimer LegationSrath Dr. Kayser, Wirkt. Geheimer Legalionsrath Dr. Hamann, Contreadmiral v. Senden-Bibran, General v. d. Goltz, Geheimerath Neumayer und der Decan der philosophischen Facultät, Profeffor Hertwig. Frankreich ist vertreten durch den Akademiker Faye und Professor Tisserano, Preußen durch die Profefforen Förster, Helwart, Albrecht, Loew, Westphal und Generallieutenant Oberhofer als Chef der Landesaufnahme. Die übrigen großen Bundesstaaten haben gleichfalls Vertreter gesandt. Cultusminister Dr. Bosse begrüßte die Versammlung mit einer Erläuterung über die Entwickelung der internationalen Erdmeffung. Redner schloß mit der Hoffnung, daß die in dieser Weise angebahnte Ver­einigung der Völker zum gemeinsamen Culturfortschritt sich auch als ein starkes Band deS internationalen Friedens er­weisen möge. Dr. Bosse gedachte ferner des verstorbenen Mitgliedes General Bayer und deS hochverdienten lang­jährigen Präsidenten der Conferenz, General Ibanez, und betonte, der Kreis der Staaten, welcher sich der Convention angeschloffen und diese mehr und mehr erweiterten, werde an Organisation zunehmen und an innerer Ausgestaltung ge­winnen. Faye gedachte hierauf ebenfalls mit warmen Worten des Generals Bayer, der den Plan gefaßt, die civilifirten Nationen zu einem gemeinsamen Werke zu vereinigen. Durch ihn sei die Geodäsie der gesammten Wiffenschaft dienstbar ge­macht worden. Förster übernahm daS Präsidium und ent­wickelte den Plan der Geschäfte der Conferenz.

Berlin, 1. October. Auch die officiöseBerliner Sorrespondenz" erklärt nunmehr die Nachricht, daß der Minister für Medicioalangelegenheiten die Arzneitaxe um 25 pCt. zu ermäßigen beabsichtige, als auf Erfindung beruhend.

Berlin, 1. October. Adolf Menzel wird anläßlich seines am 8. December dss. Js. stattfiudenden 80. Geburts­tages zum Ehrenbürger von Berlin ernannt werden. ES gibt deren zur Zeit nur drei: BiSmarck, Rudolf Virchow mb Robert Koch.

Rendsburg, 1. October. Staatsminister Bötticher traf, von Brunsbüttel kommend, heute Nachmittag hier ein und wird heute Abend die Reise nach Kiel fortsetzen.

München, 1. October. Dem Vernehmen nach wird der Reichskanzler Fürst Hohenlohe heute Abend auf der Rückreise von Alt-Auffee in seinem hiesigen Palais erwartet.

Paris, 1. October. DasEcho de Paris" veröffent­licht die Briefe, welche Pasteur 1871 anläßlich der Rück­sendung deS DoctordiplomS an die medtcinische Facultät der Bonner Univerfität richtete.

Depeschen de« Burean .Herold".

Berlin, 1. October. Die Ankunft deS Reichskanzler- in Berlin dürfte derPost" zufolge kaum vor Ende dieser Woche zu erwarten sein.

Berlin, 1. October. Der BundeSrath wird, soweit sich bis jetzt übersehen läßt, in der nächsten Woche seine Plenarsitzungen wieder aufnehmen. Die Meldung derKreuz- zettung", wonach die erste Sitzung schon im Laufe dieser Woche stattfinden soll, dürfte sich, wie diePost" auS zuver- lässiger Quelle erfährt, nicht bestätigen.

Berlin, 1. October. Die von einigen Blättern gebrachte Meldung, der Kaiser werde bereits morgen mit der K a i s e r t n in Eberswalde zusammentreffen und beide Majestäten sich von dort nach dem Jagdschloß HubertuSstock begeben, ist derNordd. Allgem. Ztg." zufolge dahin richtig zu stellen, daß endgültige Bestimmungen über die Abreise des Kaisers von Rominten noch nicht getroffen find, diese auch kaum vor Freitag erfolgen dürfte.

Berlin, 1. October. Sicherem Vernehmen nach wird der Viehtransport von Dänemark durch den Kaiser- Wilhelm-Canal in allernächster Zett freigegeben werden.

Berlin, 1. October. DieKreuzzeitung" erklärt an einer Stelle ihres Leitartikels der heutigen Abendausgabe, daß die Nachricht, der Hofprediger a. D. Stöcker sei als conservativerCandidatim ReichStagswahlkreise Herford an Stelle des Freiherrn v. Hammerstein aufgestellt, lediglich auf Vermuthung beruhe, da ihres WiffenS in der Candidaten- frage noch nichts festgestellt sei.

Beulheu i. Oberschl., 1. October. Der Raubmörder S o b c z y ck wurde heute zum Tode und zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Karlsruhe, 1. October. Die Kaiserin Friedrich trifft in der ersten Hälfte des October zu kurzem Aufenthalt auf Einladung des Großherzogs in Baden-Baden ein.

Paris, 1. October. König Leopold hat während seines Aufenthalts in Paris der Wittwe CarnotS einen Besuch abgestattet. Dieselbe war abwesend und befand sich auf Schloß Presle. Frau Carnot war sehr gerührt über diesen Beweis der Freundschaft. König Leopold ist gestern Abend 11 Uhr 20 Min. wieder in Brüffel eingetroffen.

Paris, 1. October. Zwei hohe Offiziere der russischen Armee haben die Nord-Departements Frankreichs besucht. General Bogolubow hat daS Lager von Maubeuge und dessen Garnison besichtigt, Oberst Obolebef, General- stabschef der Abtheilung von Kiew, hat die Garnison von Lille besichtigt. Armee und Bevölkerung haben den beiden Offizieren einen herzlichen Empfang bereitet.

Madrid, 1. October. Die in den letzten Tagen herr­schenden Stürme haben große Verheerungen an» gerichtet. Der Eisenbahn- und Telegraphen-Verkehr ist voll­ständig gehemmt.

Petersburg, 1. October. Der Czar empfing gestern den Flügel-Adjutanten des deutschen Kaisers, Oberst v. Moltke, um von demselben ein Handschreiben Kaiser Wilhelms ent­gegenzunehmen.

Konstantinopel, 1. October. Gestern hat Hierselbst Seitens der Armenier eine Demonstration stattgefunden, welche in einen blutigen Kampf zwischen Armeniern, Moha- medanern und GenSdarmerie ausartete. Ueber zwanzig Armenier und mehrere Gensdarmen wurden getödtet- auch ein Gendarmeriecapitän befindet fich unter den Tobten. Zahlreiche Verwundungen kamen vor. Die Zahl der vor­genommenen Verhaftungen beträgt mehrere Hundert. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung, sodaß neue Ren­contres zwischen Armeniern und Mohamedanern zu erwarten find.

Newyork, 1. October. Nach Meldungen auS Bogota verhinderten die daselbst wohnenden Franzosen die deutsche Colonie, daS Sedanfeft durch einen Umzug festlich zu begehen. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre es zu einem blutigen Zusammenstoß gekommen.

Rio be Janeiro, 1. October. Das deutsche Packetboot Uruguay" ist in der Nähe von Calo Rio gescheitert.

Der Krieg von 187VP1,

geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS-Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.)

3. October.

Die in TourS refidirende französische Regierung will wirklich Ernst machen mit dem öfter angekündigten Massen- Aufgebot. Außer den Freiwilligen sollen alle Männer vom 21. bis 40. Jahre in die Mobilgarde treten und auch die gedienten Soldaten vom 25. bis 35. Jahre fich dieser anschließen, bis der Kriegsminister sie in die Linie ein­gereiht.

Der alte, 73jährtge ThierS ist am Ende feiner Bitt- fahrt angekommen. Von den Herren Favre und Genossen hatte er den Auftrag erhalten, die Herzen der Neutralen zu bewegen, damit diese um Barmherzigkeit willen zu Gunsten des gedemüthigten Frankreichs vermitteln und vor allem ver­hüten sollen, daß Frankreich nicht um eine oder zwei Pro­vinzen verkleinert werde! In dieser seiner Bettelfahrt liegt fürwahr ebenso große poetische Gerechtigkeit, wie in der Fahrt Napoleons nach WtlhelmShöhe. ThierS bringt nicht- heim, als Körbe, trotzdem er den Frieden gegen 2500 Millionen Kriegsentschädigung, gegen die Schleifung von Straßburg und Metz und gegen die Abtretung der halben Flotte und nöthigen- falls einer Colonie erkaufen wollte.

Schwurgericht.

W. Gießen, den 1. October 1895.

In der Sache gegen die Familie Ring von Friedberg wurde bis heute Nachmittag 4 Uhr verhandelt. Der Ehe­mann Joseph Ring wurde wegen räuberischer Erpressung auS § 255 des R.-Str.-G. in einem Fall, wegen des Versuch- der räuberischen Erpressung, wegen Erpressung aus § 253 des R. - Str. - G., sowie wegen Kuppelei aus §180 des R.-Str.-G. zu einer GesammtzuchthauSstrafe von 6 Jahren verurtheilt. Die Ehefrau Ring erhielt wegen räuberischer Erpressung auS § 255 des R. - Str. -G, wegen des Versuch- zu diesem Verbrechen, wegen Erpressung aus § 253 deS R.-Str.-G-, sowie wegen falscher Anschuldigung, § 164 des R.-Str.-G., 3 Jahre 9 Monate Zuchthaus. Der Sohn Wilhelm Ring wurde der Beihülfe der räuberischen und einjachen Erpressung auS §§ 255, 253, 49 deS R.-Str.-G. für schuldig erklärt und in eine Gefängnißstrafe von 1 Jahr 6 Monaten verurtheilt. Gegen die Eheleute wurde der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren ausgesprochen und ferner wegen der Gemeiugefährlichkeit ihrer Handlungsweise auf Polizeiaufsicht erkannt. Dem Ioseph Meyer von Friedberg, gegen welcheu die Rtng'sche Ehefrau die falsche Anzeige wegen Verbrechens aus § 177 des R.-Str.-G. (Nothzucht) erstattet hatte, wurde die Publtcationsbefugniß desjenigen Thetls der UrtheilS zuge­sprochen, welcher diese Materie üetrifft.

Aus den UrtheilSgründen, welche der Vorsitzende, Land- gerichtsrath Jung, verkündete, ging hervor, daß das an­geklagte Ehepaar bet Begehung der Strafthaten einen hohen Grad sittlicher Verkommenheit an den Tag gelegt, daß man durch den Erpressungsversuch vorübergehend daS Glück einer Familie zerstört hat- daß besonders der Angeklagte Joseph Ring ein brutales und gewaltthätiges Verhalten an den Tag gelegtund daß erhebliche Vermögensschädtgungen, in einem Falle bis zu 4000 Mk., vorgekommen seien. Für den Ehemann ist noch besonders erschwerend, daß er die Ehre seiner eigenen Frau zum Opfer gebracht. Die Angeklagten er­kannten die Rechtskraft deS UrtheilS sofort an.

Gießen, den 2. October 1895.

Heute Vormittag wurde verhandelt gegen den Schmied Julius Krämer von Auma, 20Jahre alt, wegen Diebstahl und Bettelns vorbestraft, und dessen Bruder, den Schuhmacher Wilhelm Krämer von Stedten, 22 Jahre alt, wegen Bettelns vorbestraft. ES handelt sich um daS Verbrechen der Nothzucht, welches am Morgen des 17. Juni d. I. von dem einen der Angeklagten unter Beihilfe des andern an einer Fabrikarbeiterin auf der Straße zwischen Gießen und Lollar versucht worden ist. Die Anklage vertritt StaatSanwalt Zim m e r m a n n, die Vertheidigung führt Rechtsanwalt W ei d i g.

Die Angeklagten find im Allgemeinen geständig, weshalb nach Vernehmung von drei Zeugen auf wettere Beweis­aufnahme verzichtet wurde.

Die Geschworenen (Obmann Trapp-Friedberg) be­jahten die an sie gerichteten Schuldfragen und verneinten das Vorliegen mildernder Umstände.

Die Anklagebehörde beantragte gegen Julius Krämer 2 Jahr, gegen Wilhelm Krämer 1 Jahr 6 Monat Zuchthaus und gegen beide Angeklagte Verlust der bürgerlichen Ehren-