Ausgabe 
31.3.1892 Erstes Blatt
 
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Rr. 77. Erstes Blatt. Donnerstag den 31. März

1892

Der Lietzener Znzetger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener Da«ikte«StLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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2lmtlid?cr Theil.

Gießen, am 14. März 1892.

Betreffend: Frühjahrs-Controlversammlungen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

«r die «rotzh. Bürgermeister eie« de- Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Frühjahrs-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde­amt Gießen gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.

2) Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen.

3) Wehrleute I. Aufgebots, die vom 1. October 1879 ab eingestellt worden.

4) Ersatz-Reservisten, geübte und nicht geübte.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gießen

am 4. April 1892 im Oswald'schen Garten für die Be­wohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffen­berg und Herrnwald, Heuchelheim, Kleinlinden, Oppenrod.

1. Appell Bormittags 9 Uhr: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Be­hörden entlassenen Mannschaften ber Infanterie.

2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Min.-. Offiziere, Samtäts- Offiziere und Beamte der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, sowie sämmtliche Wehrleute I. Auf­gebots der Infanterie.

3. Appell Nachmittags 2 Uhr: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehör­den entlassenen Mannschaften und sämmtliche Wehr­leute I. Aufgebots der Garde, Jäger, Cavallerie, Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffer­truppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sani- täts- und Veterinärpersonals, Vüchsenmachergehülfen, Oecouomiehandwerker, sowie alle übrigen der Reserve und Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mann­schaften.

4. Appell Nachmittags 3 Uhr: Sämmtliche Ersatzreservisten.

5. Appell Nachmittags 4 Uhr für die Bewohner von Allen- dorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leih­gestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen: Reser­visten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen, sämmtliche Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatzreservisten.

B. Zu Lollar

am 5. April 1892, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heiberttzhausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

1. Appell Vormittags 8 Uhr 30 Minuten: Reservisten, so­wie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 9 Uhr 15 Miu. Wehrleute I. Auf- gebots aller Waffen.

3. Appell Vormittags 10 Uhr. Sämmtliche Ersatzreservisten.

C. Zu Grünberg

am 5. April 1892 am Bahnhof für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmuhle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bing­mühle, Georgenhammer, Strelles-Mühle und Walk-Mühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bolln- bach, VeitSberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainerhof, Winnerod.

1. Appell Nachmittags 12 Uhr 30 Minuten. Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Nachmittags 1 Uhr 30 Minuten: Wehrleute I. Auf­gebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatz-Reser­visten.

D. Zu Hungen

am 6. April 1892 am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langs­dorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhosen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

1. Appell Vormittags 9 Uhr 30 Minuten: Reservisten, so­wie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten: Wehrleute I. Auf­gebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatz-Reser­visten.

E. Zu Lich

am 6. April 1892 am Bahnhof für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettings­hausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher- Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Nieder.Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

1. Appell Nachmittags 3 Uhr: Reservisten, sowie diezur Dis­position der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Nachmittags 4 Uhr Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatz-Reservisten.

Besreiungsgesuche sind längstens acht Tage vor'rn Appell auf dem Dienstwege durch das Hauptmeldeamt einzu­reichen und müssen durch die Bürgermeisterei beglaubigt sein werden aber nur im dringendsten Nothfalle genehmigt.

Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an: Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher abzulegen.

Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müssen zur Stelle sein.

Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganzen Controltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Militärgesetz.

Gießen, den 12. März 1892.

Caspary, Oberstlieutenant z. D. und Bezirks-Commandeur.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. März. Der Schluß des Reichstags steht in die en Tagen bestimmt zu erwarten. Dagegen wird der preußische Landtag noch längere Zeit versammelt bleiben müssen, wenngleich mit dem Scheitern des Volksschul­gesetzes ein sehr wesentlicher Theil seines Arbeitsprogramms weggesallen ist. Aber es giebt doch noch eine ganze Menge von Vorlagen von immerhin gewisser Bedeutung und größerem Umfange zu erledigen, u. A. das Secundärbahngesetz, das Tertiärbahngesetz, die Landgemeindeordnung für Schleswig- Holstein, die Novelle zum Berggesetz- außerdem gehören hier­her das Welsenfondsgesetz und die Vorlage, betr. die Ent­schädigung der ehemals reichsunmittelbaren Familien für den Verlust ihrer Steuerfreiheit, mit welch' letzterer Vorlage sich das Abgeordnetenhaus am Montag zum ersten Male be­schäftigte. Wahrscheinlich wird darum wohl Ende Mai heran­kommen, ehe auch für den preußischen Landtag die Erlösungs­stunde von angestrengter Thätigkeit schlägt.

Berlin, 29. März. Mit einer bedeutsamen Er­klärung hat sich am Montag der neue preußische Ministerpräsident Gras Eulenburg in beiden Häusern des Landtags eingesührt, zuerst im Abgeordneten­hause, dann im Herreuhause. Die Erklärung hängt mit der nunmehr wieder beschworenen Minister- und Kanzlererisis eng zusammen, und setzte der neue Cabinetsches in ihrem ersten Theil nochmals die äußeren Gründe für die stattge­fundene Abtrennung des preußischen Ministerpräsidiums vom Reichskanzleramte auseinander, hierbei auf die Nothwendig- keit hinweisend, den Reichskanzler dienstlich möglichst zu ent­lasten und ihm zugleich eine freiere Stellung gegenüber den rein preußischen Angelegenheiten zu geben. Wichtiger aber war der zweite Theil der Erklärung, in welchem der Minister­präsident auf die Frage des Volksschulgesetzes überging. Gras Eulenburg machte die officielle Mittheilung, daß die Staats­regierung auf die Weiterberathung des Volks schul- gesetzes verzichte, sich jedoch Vorbehalte, wann und in

welcher Weise innerhalb des verfassungsmäßig gegebenen Rahmens zurückzukommen sein werde. Die Begründung dieses Schrittes erfolgte in knappster, jedoch klarer und un­zweideutiger Form, indem Graf Eulenburg betonte, daß die in der Frage des Volksschulgesetzes sowohl im Abgeordneten­hause als auch im Lande hervorgetretenen scharfen Gegensätze noch unüberbrückt seien, daß ferner auch die Eommissions- berathungen zu keiner Verständigung geführt hätten, auch eine bezügliche Aussicht nicht erkennen ließen, es stehe darum von einer weiteren Berathung kein befriedigendes Ergebniß zu erwarten. Mit dieser Erklärung hat also die preußische Regierung auf den Zedlitz'schen Entwurf des Volksschulgesetzes offieiell verzichtet, was nach den jüngsten Ereignissen aller­dings zu erwarten stand, und völlig unbestimmt ist es noch, wann und wie in Preußen ein neuer Versuch zur gesetzlichen Regelung des Volksschulwesens gemacht werden wird- in der gegenwärtigen Landtagssession dürfte dies schwerlich geschehen. Im Abgeordnetenhaus wurde die Verzichtserklärung auf das Volksschulgesetz vom Centrum und den Conservanven mit Aeußerungen lebhaften Unwillens ausgenommen, von den Liberalen dagegen mit rauschenden Beifallsbezeugungen be­grüßt.

Reichstag.

206. Plenarsitzung. Dienstag den 29. März, 12 Uhr.

Neu etngetreten Abg. Hoffmann (Soc.).'

Die dritte Berathung des Reichshaushaltsetats wird fortgesetzt.

Zum Marineetat beantragt Abg. Lingens (Ctr.), die ver­bündeten Regierungen zu ersuchen, darauf htnzuwtrken, dah den Offizieren und Mannschaften des Reichsheeres und der kaiserlichen Marine an Sonntagen nicht nur möglichste Ruhe verschafft, sondern auch Zett gelassen werde, regelmäßig am Morgen-Gottesdienste theilzunehmen.

Generallteutenant v. Spitz erklärt, daß der Antrag ganz den Anschauungen der Regierung entspreche. (Bravo!) In den preußischen Vorschriften sei schon das enthalten, was die Resolution wünsche.

Staatssecretär Hollmann theilt mit, daß für die Marine analoge Vorschriften bestehen.

Die Resolution wird mit der Einschaltungsoweit der Dienst es nickt verbietet" angenommen.

Bei den einmaligen Ausgaben begründet Abg. Frhr. v. Man­teuffel (cons.) den von ihm gemeinsam mit den Abgg. Grafen Behr (Rp.) und Dr. v. Bennigsen (natl.) eingebrachten Antrag, zum Bau der Kreuzercorvette K, erste Rate 2 Millionen Mark, zu bewilligen, lieber die Nothwendigkett, die Corvette K zu bauen, bestehe keine Metnmrgsversckiedenheit; es bandle sich nur darum, ob das Schiff schon in diesem Jahre begonnen werden soll. Das sei schon mit Rücksicht auf die an dem Bau betheiligten Arbeiter, die sonst brodlos würden, dringend wünschenswerth.

Abg. v. Bennigsen (natl.) befürwortet die Bewilligung ins­besondere mit der Nothwendigkett, unfern Handel zu schützen. In dieser Hinsicht ständen wir hinter anderen Nationen zuiück. Die Kreuzer, welche dazu zur Verfügung ständen, seien älteren Datums und nicht schnell genug.

Abg. Graf Ballestrem (Ctr.): Die Vertreter der Marine hätten die Forderung in der Commission mit großer Sachkenntntß vertreten; es scheine, daß Herr v. Bennigsen dies noch beredter gethan, da dessen politische Freunde, die erst gegen die Forderung stimmten, sich nunmehr dafür entschieden hätten. Das Centrum habe die vom Reichskanzler in der zweiten Lesung vorgebrachten neuen Momente geprüft und sei zu dem Entschlüsse gelangt, an dem ursprünglichen ablehnenden Votum fesizubalten. Der Bericht des Oberpräsidenten von Pommern über die Arbeiteroerhältnisse habe sich als zu schwarz gefärbt erwiesen.

Staatssecretär Hollmann: Die verbündeten Regierungen legten auch heute noch den höchsten Werth auf die Bewilligung dieser Forderung. Das Schiff sei im Flottengründungsplan vorgesehen. Kreuzer und Kreuzercoroetten gedopten zu den unentbehrlichsten Be- standtheilen einer Flotte. Der Reichstag habe s. Z. 20 solcher Schiffe vorgesehen; thatsächlich hätten wir deren nur 10, wovon 8 den heutigen Anforderungen nicht entsprächen.

Abg. Dr. Barth (dfr.) erklärt, daß seine Freunde einstimmig gegen die Forderung stimmen würden. Für diesen Entschluß sei die Thatsache mit maßgebend, daß mit der neuen Vorlage über strategische Bahnen erhebliche Anfo» derungen im Interesse der Landesverthetdigung an die Steuerzahler gestellt würden, denen man sich nicht entziehen könne.

Abg. Graf Arnim (Rp) legt eingehend die Nothwendigkett des Baues von Kreuz-rschiffen dar. Es handle sick um die Sicherung der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes zur See. Man könne unsere Seesoldaten nicht auf alte Kasten setzen.

Abg. Dr. Dohrn (dfr.) erklärt als Vertreter Stettins, daß dort kein Nothstand unter den Arbeitern bestehe; im Gegentheil herrsche Arbeitermangel So sei es nicht möglich gewesen, den Schnee von den Straßen zu schaffen, da sich keine Arbeiter hierfür fanden. Das Bekanntwerden des Berichts des Oberpräsidenten babe Insofern prooocatorisch gewirkt, als eine Ansammlung von ca. 100 Personen stattgefunden, die sich als die Arbeitslosen von Stettin vorstellten. Die Vu'kanwerft bei Stettin beschäftige etwa 400 Arbeiter. Wenn ein Theil derselbrn enilassen würde, so würden die Betroffenen leicht anderwärts Unterkommen

Abg. v. KoScielSki (Pole) erklärt die einmülhige Zustimmung seiner Freunde zu dem Anträge Manteuffel, indem er e ngehend die Notwendigkeit von Kreuzersch ffen für unsere Marine erörtert. Die Kreuzer seien die Ulanen zur See. (Heiterkeit)

Abg Rickert (brr.) begreift den patriotischen Lärm nicht, der zu Gunsten der Bewilligung erhoben werde; in der Commission sind Mitglieder aller Parteien für Ablehnung gewesen. Mit der Ab-