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Nr. 254 Erstes Blatt

Sonntag den 30. Oktober

1892

Gießener A nzeiger

Henerat-Anzeiger.

Die Gießener AlavlittenVkLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Der chleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Vierteljähriger Aöonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Brrngerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Zchntstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.

Hratisöeikage: Hießener Jamikienötätter.

Annah me von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Muschenheim.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in einer größeren Anzahl von Gehöften zu Muschenheim ausgebrochen ist, haben wir die Sperre der Gemarkung Muschenheim verfügt. Neben der durch unsere Verfügung vom 8. l. M. bereits getroffe­nen Bestimmung, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine nur zur sofortigen Abschlachtung und nur auf Grund eines thierärztlichen Gesundheilsscheines ausgeführt werden dürfen, besteht hiernach die Anordnung, daß das Ausfahren mit Rindviehgespannen aus der Gemarkung Muschenheim und das Durchtreiben von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen durch dieselbe verboten ist.

Gießen, den 28. October 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Derttfcher Reich.

Berlin, 29. October. Die vorzeitige Ausplauderei des wesentlichsten Inhalts der neuen Militär-Vorlage ist auch in der jüngsten Wochenplenarsitzung des Bundesrathes zur Sprache gekommen. Staatssecretär Dr. v. Boelticher theilte mit, daß wegen der bekannten Veröffentlichungen in derKöln. Zig." Untersuchung eingeleitet worden sei. Herr v. Boelticher knüpfte hieran die fernere Mittheilung, daß fortan aus Anordnung des Reichskanzlers sämmtliche Druck­sachen des Bundesrathes, auch die Tagesordnungen, als geheim zu behandeln seien. Unzweifelhaft sind diese Er­klärungen aus die Audienz zurückzuführen, welche Reichs­kanzler Gras Caprivi am vergangenen Mittwoch beim Kaiser behuss Erstattung eines Jmmediatvortrages in Sachen der stattgefundenen Jndiscretion gehabt hat. Der Monarch soll sich hierbei über das ärgerliche Vorkommniß sehr ungehalten gezeigt und die strengste Untersuchung zur Ermittelung des oder der Schuldigen angeordnet haben. Ob durch diese Nachforschungen die eigentlichen Urheber des begangenen Ver- rathes sich ermitteln lassen werden, bleibt freilich recht zweifelhaft- es ist mehr als wahrscheinlich, daß sich dieselben durch ihre amtliche Würde und durch gewisse Verbindungen zu decken vermögen. Im Uebrige.i bleib: es bedauerlich, daß die verfrühten Veröffentlichungen den Anlaß zu der von Herrn v. Boetticher angekündigten Geheimhaltung sämmtlicher Druck­sachen des Bundesrathes gegeben haben, denn das Publikum wird alsdann hinsichtlich der Verhandlungen dieser maßgebenden Körperschaft künftig wohl nur aus das angewiesen sein, was man an osfizieller Stelle hierüber mitzuheilen sür gut befindet.

Die Elwägungen in Regierungökreisen über eine stärkereHeranziehung des Tabaks zur Mitbestreitung der aus der neuen Militärvorlage erwachsenden Kosten sollen dem Abschlüsse nahe sein. Es heißt, Steuer wie Zoll sollen erhöbt werden, der Zoll aber stärker wie die Steuer. In den Kreisen der Tabakproducenren giebt sich darum eine be­greifliche Erregung kund, welche Stimmung bereits in den scharfen Resolutionen der kürzlich zu Speyer abgehaltenen zahlreich besuchten Versammlung badischer und pfälzischer Labakbauer bezeichnenden Ausdruck gesunden hat.

DieHamburger Nachrichten" hatten u. a. über den Inhalt der neuen Militärvorlage Folgendes geschrieben: Der Ansporn, durch besondere Tüchtigkeit bie Entlassung nach zwei Jahren zu erlangen, fiele künftig fort und ander­seits treten an Stelle des gewichtigen Elements gedienter drei­jähriger Leute die, diezur Strafe" nachdienen müssen. Die Vorlage rechtfertigt sonach alle Befürchtungen, die wir in dieser Beziehung ausgesprochen haben." Dazu bemerkt die Norddeutsche Allgemeine Zeitung":Die an die eventuell dreijährige Dienstzeit Bestrafter geknüpften Befürchtungen sind unbegründet. Die Behauptung, daß nach Maßgabe der neuen Vorlagean Stelle" desgewichtigen Elements" ge­dienter soll wohl heißendienender" Dreijährigerzur Strafe" Nachdienende träten, ist irrthümlich. Während zur Zeit, analog § 14b der Heerordnung, nach welcher für die Auswahl der zur Disposition des Truppentheils zu ent­lassenden Mannschaften neben Lebensalter Rücksicht auf gute Führung und Ausbildung maßgebend sind, Leute von schlechter Führung und Ausbildung, also auch disziplinarisch bestrafte ohne Rücksicht auf die Strafdauer eine Maßregel, welche, so weife sie ist, doch nicht zur Erhöhung derQualität" des stehenden Heeres beitragen dürste ein drittes Jahr zurück behalten werden, dürfen nach dem ausdrücklichen Wortlaut der fraudulös veröffentlichten neuen Militärvorlage nur

. Leute in den Fällen des § 18 des Militär-Strafgesetzbuches ein- ! tretenden Falles bis zum Ablauf des dritten Jahres im * Dienst zurückbehalten werden. Dieser seit über 20 Jahren | in Wirksamkeit gewesene Paragraph nun lautet:Die Zeit einer Freiheitsstrafe von mehr als sechs Wochen wird auf die gesetzliche Dienstzeit im stehenden Heere nicht ange­rechnet." UnterFreiheitsstrafe" im Sinne dieses Gesetzes ist nach § 16 aber zu verstehen: Gefängniß, Festungshaft oder Arrest!"

newcflc Uacbtfcbtoi».

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. October. Der Colonialrath berieth in seiner heutigen Schlußsitzung die Damaraland-Concession. Er stellte eine Reihe von Punkten aus, durch die bei der Ausführung der Concession die Rechte der deutschen Inte­ressenten zu wahren seien. Der Colonialrath berieth ferner über die Erfolge der Expedition nach dem Kilimandjaro, die Grenzcommission Peters, sowie die Concessionirung des Kara- Khoma-Syndicats für Südwestasrika und stimmte den bei letzterer vorhandenen Abweichungen von den Beschlüssen des Colonialraths über das Gesellschastsrecht zu.

Berlin, 28. October. An der Montag stattfindenden Einweihung der restaurirten Schloßkirche in Wittenberg nehmen der Kaiser und die Kaiserin Theil. Sie werden sich früh von Potsdam in Begleitung des Kron­prinzen von Schweden, des Herzogs Dort, des Großherzogs von Hessen und anderen evangelischen Fürstlichkeiten dorthin begeben.

Depeschen des Bureau£>crolbN.

Berlin, 28. October. Bei dem gestrigen Empfange Virchows äußerte der Kaiser, er halte an feinen Ideen zur S ch u l r e f o r m fest und hoffe, dieselbe bald in der Praxis durchgeführt zu sehen.

Berlin, 28. October. DerReichsanzeiger" meldet: Die Einnahmen der preußischen Staatsbahnen betrugen im Monat September 5,900,000 Mk. weniger als im letzten Jahre.

Berlin, 28. October. Das Comitö für die internatio­nale Ausstellung in Berlin beruft einen Congreß aller Ausstellungsfreunde Deutschlands auf den 19. November nach Leipzig ein.

Berlin, 28. October. Für das preußische Staats­gebiet wurde das Durchfuhrverbot für Warensendungen aus seuchenfreien Gegenden, welche von Hamburg tranfitiren, auf gehoben.

Wernigerode, 28. October. Es verlautet, der Kaiser treffe am 16. November hier zur Jagd ein.

Wilhelmshasev, 28. October. Anfangs November wird der Kaiser hier zur Vereidigung der Rekruten erwartet.

Hamburg, 28. October. Der Kaiser lud den Senats- präsidemeu und Bürgermeister Münckeberg zur Theilnahme der Wittenberger Feierlichkeiten ein.

Hamburg, 28. October. Gestern erkrankten sieben Personen, zwei starben.

Mühlhausen, 28. October. Die Auszahlung der Lotterie­gewinne wurde soeben inhibirt.

Leipzig, 28. October. Die Beerdigung des Professors Wind scheid findet Samstag statt. Zahlreiche ausländische Deputationen werden erwartet.

Köln, 28. October. Gegenüber der Blättermeldung, gegen die Redacteure derKölnischen Zeitung" würde ein Zeugnißzwang eingeleiter, sagt dieKöln. Ztg.":Wir sehen der Entwickelung der Angelegenheit mit großer Gemüths- ruhe entgegen. Unser Fall bietet für das Verfahren des Zeugnißzwanges keinerlei Handhabe." Es fei unmöglich, den Beweis zu erbringen, daß die Veröffentlichung der Militär­vorlage nur durch den Bruch des Amtsgeheimnisses erfolgt fei. Es gäbe zahlreiche Möglichkeiten des Herganges, die jedes Disciplinarverfahren ausschließen würden. Eine zwangs­mäßige Aufforderung an die Redacteure würde dieKöln. Ztg." als einen in die Formen der Rechtspflege eingekleideten Rechtsbruch betrachten.

Darmstadt, 29. October. Das Großh. Ministerium hob die Maßregeln zur Einschleppung derCholera durch den Verkehr mit Hamburg aus.

Lissabon, 29. October. Der englische Postdampser Roumania", von Liverpool nach Bombay bestimmt, schei­terte bei Foz Atrelho. Von 55 Passagieren und 67 Mann Bemannung wurden nur neun gerettet. Unter den Ertrunkenen befindet sich der Capitäu Lotha.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Wir erhielten nachstehende Zuschrift:

Südwest und Nordost.

Vor wenigen Tagen fragte der bekannte Civis in diesem Blatt, wie sich die eidliche Pflicht der Stadtverordneten, das Gefammtwohl der Stadt zu fördern, mit der Mitgliedschaft der die Sonderinteressen vertretenden Bezirksvereine vertrage. Daraus hat ein unbekanntes Mitglied des Vereins Südwest pathetisch geantwortet, auch dieser Verein bezwecke nach § 1 seiner Statuten das Gesammtwohl der Stadtdurch Auf­deckung und Förderung der berechtigten Interessen der zum Verein gehörigen Stadttheile in deren Verhältnissen zum Staats- und Gemeindewesen".

Wir glauben, der Mann, der fragte, ist nicht so dumm, als er sich stellt, und die Antwort, die ihm wurde, ist nicht so gescheidt, wie sie aussieht. Es ist aber jetzt der richtige Augenblick, um über diese Frage und Antwort ein freies Wort zu unserer Bürgerschaft zu reden.

Als vor Jahren unsere Gemeindevertretung beschloß, die Stadtverordnetenwahlen nicht nach Bezirken vorzunehmen, war sie von der richtigen Ueberzeugung durchdrungen, daß Stadt und Bürgerschaft ein Ganzes sei, dessen Trennung nach zufälligen Stadtbezirken unnatürlich wäre. Dieser Be­schluß, demzufolge bis zur Stunde jeder Wähler zur Wahl sämmtlicher städtischen Vertreter befugt ist, hat den Beifall aller Einsichtigen erhalten; ihm ist es mit zu verdanken, daß wir neben fast unvermeidlichen Unvollkommenheiten bei unserer städtischen Vertretung in erfreulicher Weise wahrnehmen, tote sie sich immer mehr loszuringen sucht von dem kleinen Winkel­patriotismus, der in früheren Jahren so häufig den städtischen Fortschritt lahmlegte. Die großen Fragen unserer modernen Communalverwaltung: Herstellung und Entwickelung eines wohl durchdachten, Lust und Licht und leichten Verkehr bringenden Bauplanes, Förderung des Straßenwesens, Wirken für Gesundheit und Reinlichkeit, gute Beleuchtung, Wasserleitung und durchgehende Kanalisation, Sorge für Schulen, Beschaffung billiger und gesunder Wohnungen, För­derung des Armenwesens, diese und hundert andere Fragen haben ganz und gar nichts mit der Beschränkung aus einzelne Stadtbezirke zu thun- sie unterliegen der gleichmäßigen Auf­merksamkeit jedes verständigen Einwohners, wo derselbe auch wohne. Alle diese städtischen Aufgaben aber finden in zahl­reichen Fällen die stärksten Hemmnisse in den entgegenstreben­den Wünschen Einzelner oder ganzer Stadttheile, und wir in Gießen zumal sollten ein Gedächtniß haben für die mancher­lei Schädigungen, die bis in eine nicht ferne liegende Zeit hinein namentlich in baulicher Hinsicht die Exceffe des Son- derinteresses, der Eigennutz Einzelner und einzelner Jnte- ressentengruppen oder auch engherzige Kirchthurmspolitik unse­rer Stadt zugefügt haben.

In anderen Städten ist es längst erkannt, daß ein auf­strebendes Gemeinwesen keinen schlimmeren Feind zu fürchten hat, als den Widerspruch der privaten und Gassenintereffen gegen das Gemeinwohl. Ueberall wo in anderen Städten Bezirksvereine sich bilden, da geschieht dies nur wegen der Größe der Stadt, weil sonst die Vereine zu groß würden und kein Saal zu finden wäre, der die Mitglieder alle faßt. In diesem Sinne hat man beispielsweise in Frankfurt und Berlin Bezirksvereine, die ein doppelt, ja zehnmal so großes Einwohnergebiet umfassen, wie unsere ganze Stadt. Dies sind aber in der That allgemeine Bürgervereine, die man nur aus äußeren Gründen localisirt hat, Vereine, die neben gewissen Bezirksaugelegenheiten alle Fragen von allgemeinem städtischen Interesse erörtern und sich bewußt sind, daß Bezirksintercssen nur insoweit Ansprüche an den Stadtsäckel erbeben dürfen, als sie auch als Gemeinintereffen erscheinen. Die direct gegenteilige Entwicklung sucht man feit einigen Jahren unserer Stadt, die doch noch so weit entfernt ist von der Größe, welche eine Bezirkseintheilung rechtfertigen könnte, aufzudrängen. Ein langjähriger, an Verhältnissen, über welche die Stadt nicht Herr war, liegender Mißstand beim Ueber- gang der Oberhefsischen Eisenbahnen an der katholischen Kirche bot den äußeren Anlaß zur Gründung eines Seltersberg­vereins - sofort erzeugte die Besorgmß vor der Zurücksetzung des nördlichen Stadttheiles, der überdies unter der Ungunst unserer geschichtlichen Entwickelung zu leiden hat, die Gegen- schöpfung eines Nordostvereins, und nicht zufrieden damit, einen gefährlichen Keil in die Einigkeit unserer Bürgerschaft getrieben zu haben, dehnt nun jüngstens der SelterSberg- verein sein Gebiet aus die ganze südwestliche Hälfte der Stadt aus, den Gegensatz zum Nordosten in dieser Art vertiefend und verschärfend.

Characteristisch für diese Vereine namentlich im Süd- westeu ist, daß sie zur lebhafteren Thäligkeit immer erst electrifht werden durch die städtischen Wahlen - ebenso charac- teristisch ist ihre seitherige völlige Unfruchtbarkeit in commu-