Nr. 228
Freitag den 30. September
1892
Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Hietzener Anzeiger
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Berlin, 28. September. Der „Natlib. Correspondenz" zufolge üeht der Zusammentritt des Colonialrathes Ende October bevor. Colonialvorlagen an den Reichstag seien nicht zu erwarten, sondern nur geringfügige Erhöhungen des Etats. Die Reichsseuchen-Commission beendigt Ende nächster Woche ihre Arbeiten, die Vorlage stehe bestimmt der nächsten Reichstagssession bevor.
Berlin, 28. September. Der „Reichsanzeiger" theilt mit, daß der Ministerial-Erlaß vom 21. d. M. den Leitern der Schulanstalten ausgegeben hat, die Schüler beim Tragen von Schußwaffen durch Androhung der Verweisung zu warnen und bei Wiederholung unnachsichtlich mit Verweisung zu bestrafen.
Munster, 28. September. Die Generalversammlung der deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine wurde wegen der Choleragefahr auf die nächsten Pfingsten verschoben.
Newyork, 28. September. Der Bericht über die Maisernte in dem Iowa-Staate constatirt, daß die Ernte nur die Hälft - der vorjährigen betrage. Die Berichte aus den übrigen Staaten lauten gleich schl?cht.
Newark, 28. September. Der Weizenexport aus den atlantlschen Häfen Calisorniens und Oregon nach England und dem Kontinente betrug in der letzten Woche 281,000 Quarter gegen 166,000 in der Vorwoche.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
bett. Maul- und Klauenseuche zu Helpershain.
Rach Mittheilung Großh. Kreisamts Schotten ist die Maul- und Klauenseuche zu Helpershain erloschen und Gelöst-, Weide- und Gemarkungssperre aufgehoben worden.
Gießen, den 28. September 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Ga gern.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß ^chuloiener Becker in Gemäßheit des Art. 24 des Volkschulgesetzes arff den Polizeischutz verpflichtet morden ist.
Gießen, den 27. September 1892.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
Gnauth.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. September. Bekanntlich har man mit der w e i j ä h r i g e n D i e n st z e i t im 4. Garbe Regiment, welches ii Spandau steht, einen Versuch gemacht. Wie der „Köln.Ztg." erichlet wird, sind nun soeben Mannschaften, die zwei Jahre m ersten Bataillon des genannten Regiments gedient haben, ntlassen worden und bei der Neueinstellung von Rekruten nll man das Verfahren wiederholen. Weit mehr, als ffcntlich bekannt geworden, haben die maßgebenden militärischen reise, namentlich der Kaiser persönlich, den eingeleiteten versuch mit lebhafter Theilnahme verfolgt, und es darf als cher angenommen werden, daß in der Begründung der neuen Mlitärvorlage die m dieser Richtung gemachten Erfahrungen anz besonders betont werden. Was nun aber hauptsächlich ie beteiligten Kreise überrascht hat, sind die außerordentlich ünstigen Ergebnisse, die in Spandau mit den Mannschaften weijähnger Dienstzeit gemacht worden sind. Dem Kaiser t darüber ein besonderer Bericht erstattet worden.
— Das Programm für den bevorstehenden Besuch aiser Wilhelms am Wiener Hose ist nunmehr, ab- esehen von einigen unwesentlichen Einzelheiten, endgiltig stgesetzt worden. Der deutsche Kaiser trifft am Vormittag s 11. October in Wien ein, wird vom Kaiser Franz oseph vermnthlich aus einer Station nächst Schönbrunn npsangen und nimmt dann seine Residenz gemeinschaftlich it dem österreichischen Herrscher in Schloß Schönbrunn, ier finden auch die Diners, aber weiter keine Festlichkeiten rtt. Der Aufenthalt des deutschen Monarchen am Wiener ofe wird sich bis zum 14. October erstrecken und auch einen agdtag im Lainzer Thiergarten in sich begreifen. Wie man Berliner Hoskreisen versichert, erfolgt dieser Besuch ganz lein aus Anregung Kaiser Wilhelms und entspricht einem reundschaftsbedürsnisse des erlauchten Herrn. Wenn englische lütter bereits wissen wollen, welche politischen Fragen bei r bevorstehenden Zusammenkunst der beiden Kaiser zur rörterung gelangen, so hat man es hiermit selbstverständlich it bloßen Vermuthungen zu thun.
— Die Vorberathungen in Sachen des geplanten eichs-Seuchengesetzes, welche gegenwärtig in der zens zu diesem Zwecke nach Berlin einberufenen Sach- rständigen Commission im Gange sind, werden voraussichtlich ? Grundlage für die betreffende Vorlage im Reichstage affen. Die hervorragendsten Punkte des der Commission ieibreiteten provisorischen Entwurfes, wie die Ermittelung r Menschenseuchen, Schutzmaßregeln im Jnlande, Abwehr- aßregeln gegen das Ausland, das Deslnsectionsversahren, 2 Entschädigungspflicht, die Strasbestimmungen u. s. w., scheinen ganz geeignet, die Basis für das künftige Reichs- euchengesetz zu bilden. Einer erschöpfenden Erörterung der nannten Gesichtspunkte durch die hierzu von der Reichsgierung berufenen Autoritäten darf man gewiß fein und etteidjt steht zu erwarten, daß die Commission das ihr vor- 'gende Berathungs-Programm nach dieser oder jener Seite 1 noch erweitern wird. An die Beendigung der Commifsions- rhandlungen wird sich dann wahrscheinlich die Ausarbeitung r eigentlichen Regierungsvorlage baldigst anschließen.
Neueste Hadert
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 28. September. Bei den gestrigen Stadt- rordnetenwahlen wurden drei socialtstische Kandidaten
Die Cholera.
Der Stand der Cholera-Epidemie in Hamburg wird erfreulicher Weise immer niedriger. In den letzten Tagen schwankten die von 24 zu 24 Stunden vorgekommenen Erkrankungen zwischen 70 und 80, die Sterbefälle zwischen 30 und 45, welches im Vergleiche zu den vorangegangenen Wochen so erhebliche Nachlassen der schrecklichen Seuche wohl den Schluß gestattet, daß die Cholera in Hamburg demnächst gänzlich erlöschen wird. Dagegen hat die Cholera plötzlich in Charlottenburg, welches bekanntlich mit Berlin eng zusammenhängt, einen erschreckenden Anlauf genommen, denn es wurden in ersterer Stadt vom Montag bis Dienstag nicht weniger als 17 Fälle asiatischer Cholera festgestellt. Die Behörden haben die umfassendsten Maßregeln gegen eine Weiterverbreitung der Seuche in Charlottenburg und darüber hinaus getroffen.
— Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 27. bis 28. September, Mittags, gemeldete Cholera-Erkrankungs- und Todesfälle:
Staat und Bezirk
O r t
Hamburg
Hamburg
Preußen
Schleswig
Altona
Sletiin
Fiddichow
Ueckermünde
Mecklen bürg-
Schwerin
Boizenburg
Vereinzelte
24./9. 25 /9. 26 /9.
5
L
81
15
1
49 126 47
9 9
1 2
5 —
Erkrankungen:
Regierungsbezirk Stade: in je einem Orte der Kreise Kehdingen und Jork 1 Erkrankung.
Regierungsbezirk Potsdam: in der Stadt Spandau 1 Erkrankung, 1 Todesfall.
Regierungsbezirk Frankfurt a. O.: in Frankfurt bei einem am 20. September erkrankten zugereisten Schiffer nunmehr Cholera festgestellt.
Regierungsbezirk Magdeburg: in Karlbau bei Tangermünde 1 Todesfall.
Berlin, 28. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bespricht die Ausstellungen der „Hamburger Nachrichten", betreffend das Verhalten der Behörden gegenüber den reisenden Hamburgern während der Choleraepidemie, und betont, sie wolle die etwa vorgekommenen Mißgriffe nicht vertheidigen, müsse aber mit allem Ernste das Gebühren zurückweisen, die Aufmerksamkeit von der Untersuchung der Ursachen der Heimsuchung abzulenken und das größere Uebel nicht in den eigenen Fehlern, sondern in dem Verfahren Dritter zu suchen. Insbesondere springe die Grundlosigkeit der Bezichtigung in die Augen, daß die Reichsregierung eine fortgesetzte Nichtbeachtung der Gesetze durch die localen Be
hörden geduldet habe. Die Reichsregierung habe vielmehr sofort Maßregeln ergriffen, um einer unuöthigen Belästigung
I des Publikums entgegenzutreten. Die „Nordd. Allgemeine I Zeitung" constatirt ferner, daß zwischen der Hamburger Regierung und dem Reiche von Anfang an enge Fühlung und volles Einvernehmen geherrscht habe. Hamburg habe seither keinen Grund gehabt, über zu große Enthaltsamkeit des Reiches in der Bethängung seiner verfassungsmäßigen Rechte und Pflichten zu klagen.
. Hamburg, 28. September. Die Proteste gegen die Unterbringung von Bewohnern der verseuchten Stadtviertel in der früheren Concordia wurden zurückgewiesen. Bereits 300 Personen sind daselbst untergebracht, 500 folgen. — Die Hamburger Polizeibehörde gestattet alle Wvhlthätig- keitsconcerte, die Altonaer verbot dieselben.
Brüffel, 29. September. Die Cholera ist in Belgien im Abnehmen begriffen. In der Provinz Antwerpen sind 31 Gemeinden inficirt. 214 Personen sind bisher gestorben. In der Provinz Ostflandern sind 21 Gemeinden inficirt. In dem Vororte Anderlecht werden Desinfectionsbaracken für aus ausgeräumten Häusern entfernte Ansteckungsverdächtige erbaut. Die inficirten Häuser sollen niebergeriffen werden. Im Borinages, Platurages geht es besser, dagegen tritt eine Typhusepidemie dort auf.
Paris, 29. September. Gestern erfolgten 47 Erkrankungen und 16 Todesfälle.
Cherbourg, 29. September. Hier wurden gestern drei Todesfälle constatirt.
totales uitö provinzielles.
Sieben, 29. September 1892.
— Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberhessen am 28. September. Zur Verhandlung kommt die Strassache gegen Landwirth Georg Zörb von Lützellinden wegen Meineids. Vertreter der Staatsbehörde ist der Großh. Staatsanwalt Theobald, als Vertheidiger sungirt Rechtsanwalt Justizrath Dr. Reatz, als Geschworene wurden ausgeloost die Herren t Johannes Seipp II., Ludwig von Buchenröder, , Johannes Fritzel, Heinrich Römer II., Wilhelm Ries, Jacob Ahring, Bernhard Küchel IV., Heinrich Adami, Eduard Kretschmann, Karl Groß, Christian Werner und August Aßmus I. Georg Zörb ist angcklagt, daß er am 9. Mai 1892 zu Gießen vor Großh. Landgericht der Provinz Oberhessen den vor seiner Vernehmung in Sachen Keßler gegen Keßler als Zeuge geleisteten Eid wissentlich durch ein falsches Zeugniß verletzt habe. Die heutige Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Im April 1890 erhob Johannes Keßler XI. von Großenlinden bei Großherzoglichem Landgericht der Provinz Oberheffen gegen seine Ehefrau Klage auf Herstellung des ehelichen Lebens, gestützt darauf, daß dieselbe während einer kürzeren Abwesenheit des Klägers tm Herbst 1889 die eheliche Wohnung heimlich verlassen habe und die Rückkehr und Fortsetzung des ehelichen Lebens hart- näckig verweigere. Die Beklagte stellte die klägerischen Behauptungen nicht in Abrede, berief sich aber darauf, daß sie zu ihrem Verhalten berechtigt sei, da ihr Ehemann mit Marie Wenzel, einer Dicnstmagd ihres Schwiegervaters Johannes Keßler VI., in dessen Hosraithe die Eheleute Johannes Keßler XI. Wohnung genommen, in unerlaubtem Verkehr gestanden habe, diesen Verkehr auch fortgesetzt habe, nachdem die Magd aus dem Hause gejagt worden sei und daß Kläger der Wenzel sogar nach Amerika, wohin dieselbe später ausgewandert, nachgereist sei. Gestützt auf diese Behauptungen erhob die Beklagte Widerklage mit dem Anträge, die Ehe der Streittheile vom Bande zu trennen und den Kläger für den schuldigen Theil zu erklären. Nachdem bereits zahlreiche Zeugen vernommen waren, wurde auf Antrag der Beklagten in der Verhandlung vom 9. Juni 1891 beschlossen, daß die in Malta in Nord-Amerika sich aushaltende frühere Dienst- magd des Keßler, Marie Wenzel aus Hochelheim, durch das zuständige deutsche Consular als Zeuge zu vernehnien sei. Um diese Zeit erschien der heutige Angeklagte eines Tages in der Wohnung der Schwester der Marie Wenzel, der Heinrich Marlin Ehefrau in Hochelheim, und erkundigte sich bei dieser und deren in der Wohnung anwesenden Ehemann, wie es der Wenzel in Amerika gehe. Die Ehelcuie Marlin erzählten wahrheitsgemäß, das Verhällniß des Keßler zu ihr sei nicht ohne Folgen geblieben und Keßler sei der Vater des Kindes. Zörb äußerte sich theilnehmcnd über das Schicksal der Wenzel, sprach von dem Prozesse der Ehelcutc Keßler und meinte, man könne die ganze Sache in Güle beilegen. Er versprach schließlich der Marie Wenzel 500 Mark, toeun die Sache in Güte geregelt würde und forderte die Eheleute Martin aus, dies nach Amerika zu schreiben und dabei der Marie Wenzel zu bemerken, wenn durch das Gießener Gericht nach Amerika geschrieben und sic als Zeuge vorgc>«den


