Nr. 174
Freitag den 29. Juli
1892
Der Gieße«« >*|d<«r erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
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Gießener Anzeiger
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folgenden Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. | ijr<-UtIpVvllU^C» ^lipvlIXV ^UUUUCnPlUUU» Anzeigen für den „Gießener Ä«|tiger* entgegen.
Amtlichem Theil.
Gießen, 26. Juli 1892. Betr.: Die Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, hier den Gewerbebetrieb bei Kirchweihfesten.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Groftherzogl. Bürgermeistereien und die Gensdarmerie des Kreises.
Aus mehrfache Anfragen eröffnen wir Ihnen zur Bedeutung des Aufsichtspersonals, daß der Gewerbebetrieb der Besitzer von Caroussels, Schießbuden, Schlagmaschinen und ähnlicher Lustbarkeiten unter das in rubr. Betreffe erlassene neue Reichsgesetz vom 1. Juni 1891 nicht fällt und daher nur der Beschränkung des Art. 229 des Polizeistrafgesetzes unterliegt, wonach diese Art von Gewerbebetrieb an Sonntagen erst nach beendigtem Nachmittagsgottesdienste beginnen darf.
Hinsichtlich des Feilbietens von Lebkuchen, Zuckersachen und geringwerthigen Gegenständen bestimmen wir auf Grund des § 55a der Gewerbe-Ordnung, daß dieser Gewerbebetrieb an Kirchweih-Sonntagen nach beendigtem Nachmittagsgottesdienste, oder wo solcher nicht stattftndet, nach 1 Uhr beginnen und bis 11 Uhr Nachts stattfinden darf.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Aufhebung der Heegzeit des Dachses für die Gemarkung Langd.
Nackdem begründete Klagen über die durch den Dachs in der Gemarkung Langd angerichteten Beschädigungen bei uns vorgebracht worden sind, heben wir die Heegzeit dieses Wildes für die bezeichnete Gemarkung bis einschließlich September d. I. hierdurch auf.
Gießen, den 27. Juli 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Erledigung.
Unser Ausschreiben vom 18. d. M. bezüglich des Emil Maus hat durch Verhaftung seine Erledigung gefunden.
Gießen, den 26. Juli 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
J. V.: Bischoff.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juli. Der Stand der Berliner Weltausstellungsfrage ist noch fortgesetzt ein unsicherer und schwankender. So weiß jetzt die „Nat.-Ztg." zu melden, es sollen von verschiedenen Bundesregierungen, darunter von einer der größten, ablehnende Antworten auf die von Berlin aus ergangenen Anfragen bezüglich des Weltausstellungs- projectes erfolgt sein, während bislang von anderen Seiten gemeldet wurde, daß der eingeholte Bescheid der Einzel- cegierungen dieser wichtigen Frage fast überall zustimmend ^aute. Weiter berichtet das genannte Blatt, daß aus den Kreisen der deutschen Industriellen ebenfalls mehrfach ungünstige Rückäußerungen hinsichtlich des Berliner Welt- auSstellungsprojectes eingegangen seien, andere, zustimmende Antworten seien lediglich durch nationale Erwägungen begründet. Angesichts eines solchen ungewissen Standes der Dinge darf man mit um so größerer Spannung der Entscheidung des Kaisers entgegensetzen, die bereits in den nächsten Tagen erwartet wird. Inwieweit die Mittheilung eines anderen Berliner Blattes, diejenige größere Bundesregierung, welche bezüglich der Berliner Weltausstellung eine ungünstige Antwort ertheilt haben soll, sei die sächsische, zutrifft, muß noch dahingestellt bleiben.
— Die schon angekündigte Bekanntmachung im „Reichsanzeiger", betreffend die Abwehrmaßregeln in Deutschland gegen die Choleragefahr, ist nunmehr erschienen. Die Kundgebung weist aus den Erlaß der Reichsregierung gegen ^ie Cholera vom 15. Juli 1884 hin und betont ferner, es ^ündc eine den neuesten Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung entsprechende Anleitung zur Desinfection bei der Cholera unmittelbar vor der Vollendung. Diese Anleitung verde nebst einer populären Belehrung über das Wesen der Lholera und über das Verhalten während des Herrschens derselben veröffentlicht werden.
— Gras Waldersee, der commandirende General es schleswig-holsteinischen Armeecorps, welcher bekanntlich ls ein besonderer Günstling und Vertrauter des Kaisers gilt,
i hat sich in seiner gegenwärtigen Sommerfrische Engelberg in der Schweiz von einem Mitarbeiter der Londoner „Times" und des „Newyork Herald" vornehmlich über die Bismarckfehde „interviewen" lassen. Graf Waldersee soll in dieser Unterredung u. a. erklärt haben, er stehe dem ganzen Streite zwischen dem Altreichskanzler und dem jetzigen Kanzler absolut fern, er sei eben nur Militär, nicht aber auch Politiker. Auch dementirte Graf Waldersee die Zeitungsgerüchte, welche ihm nahe Beziehungen zum Fürsten Bismarck zuschreiben; er versicherte, daß er im vergangenen Juni lediglich deßhalb beim Fürsten Bismarck gewesen sei, um demselben einen Gruß des Czaren zu überbringen. Im Uebrigen soll sich Gras Waldersee dahin geäußert haben, er halte den Bismarckstreit noch lange nicht für beendigt.
Arr-larrd.
— In Paris hat sich ein französisch-russisches Comite zur Unterstützung der durch .die Hungersnoth und die Cholera in Roth geratenen Bevölkerung Rußlands gebildet. Es soll zunächst mit Hilfe der großen Creditgenossen- schaften eine Lotterie veranstaltet und aus diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" vorläufig eine Million Francs zu- sammengebracht werden, welche man alsdann „pünktlich" nach Rußland absenden will. Ministerpräsident Loubet hat seine Mitwirkung bei dem Plane zugesagt, zugleich aber den Wunsch ausgedrückt, es möchte mit diesem Werke der Barmherzigkeit zu Gunsten der russischen Armen auch ein ähnliches für die Nothleidenden in Frankreich verknüpft werden. Gewiß eine seine Zurechtweisung an die Adresse der französischen Ruß- landsschwärmer!
— Im freien Amerika muß man sich ebenso mit Nihilisten herumschlagen, wie in Europa. Das gegen Frick, den Director der Carnegie-Werke in Honestead, begangene Attentat wird als das Werk einer weitverzweigten nihilistischen Verschwörerbande bezeichnet, wie eine solche bereits im Jahre 1887 in Chicago entdeckt wurde. Der berüchtigte Anarchist Most soll bei dem Attentat auf Frick die Hand mit im Spiele haben.
HeMcjte NachrsHts».
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 27. Juli. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht mehrere Berichte über die jüngsten Vorgänge im Kili- mandjaro-Gebiete, welche die bekannten Meldungen bestätigen. In einem Berichte des Gouverneurs Freiherrn v. Soden heißt es, die englischen Missionare waren stets bemüht, die Beschwerden der deutschen Beamten über die zunehmende feindliche Haltung der Eingeborenen als unbegründet hinzustellen und betheuerten die Unschuld und die deutschfreundlichen Gesinnungen ihres Schützlings, des Sultans Meli.
Wilhelmshaven, 27. Juli. Der Stapellauf des Panzerfahrzeuges U ging glücklich von Statten. Seine Majestät der Kaiser taufte dasselbe „Heimdal".
Königsberg, 27. Juli. Eine Sonderausgabe des Regierungsamtsblatts veröffentlicht das Verbot der Durchfuhr gebrauchter Leib- und Bettwäsche, Kleidern, Hadern, Lumpen, Obst, frischem Gemüse, Butter, weichem Käse aus Rußland.
Versailles, 27. Juli. Heute begann vor dem hiesigen Schwurgerichte der Prozeß gegen die vier des Dynamitdiebstahls in Soisy sous-Etioles angeklagten Anarchisten. Der Angeklagte Etievant, der sich weigerte, aufzuftehen und seinen Namen anzugeben, versuchte die Theorien der Anarchisten darzulegen, wurde aber vom Präsidenten zum Schweigen gebracht. Die Vernehmung der Angeklagten erfolgte ohne weitere bemerkenswerthe Zwischenfälle.
Huelva, 27. Juli. Ein Boot, welches mit sechs deutschen Matrosen eines nach Hamburg gehörigen Dampfers besetzt war, kenterte. Vier wurden durch Matrosen eines französischen Handelsschiffes gerettet, zwei ertranken.
Petersburg, 27. Juli. Die für die Aushebung des Roggenausfuhrverbots angesetzte Sitzung der Getreide- Commission ist verlegt worden. Ein Termin ward nicht bestimmt, jedoch sind die Vorarbeiten fertiggestellt.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 28. Juli. Der Kaiser ist von dem Reichskanzler von Caprivi in Spandau empfangen worden und um 10 Uhr gestern Abend in Potsdam eiugetroffen.
Berlin, 28. Juli. Den „Berl. Pol. Nachr." zufolge schließt der Finalabjchluß des letzten Rechnungsjahres mit einem Minus von 44 Millionen.
Essen a. Ruhr, 27. Juli. Stempelproceß. Schmied Quantius macht gravirende Aussagen betreffs des Schienenflickens. Der Zeuge wird nicht vereidigt- er nennt die betrogen sein sollenden Bahnen. Die Vertheidigung beantragt die Ladung Rosendahls aus Savona. Quantius sagt aus, er habe die Ankunft der Controleure durch besondere Schellensignale angezeigt. Bering bestreitet derartiges, dies könne vor dem Amtsantritt der Fall gewesen sein. Hierüber werden zwei Portiers des Bochumer Vereins zur Vernehmung geladen.
Wilhelmshaven, 27. Juli. Bei prächtigstem Wetter und unter dem Salut der Küstenbatterie lief um 63/< Uhr früh die Kaiserhacht aus der hiesigen Rhede ein und dampfte nach der neuen Schleuse und alsdann zur Besichtigung der Kreuzercorvette „Sophie" weiter. Der Kaiser kehrte nach der Besichtigung der Corvette Sophie nach der Werft zurück und taufte um 11^ Uhr das Panzerfahrzeug mit dem Namen „Heimdall". Der Stapellauf erfolgte sehr glücklich. Nach dem Schluß frühstückte der Kaiser im Casino.
Tilsit, 27. Juli. Die „Tilsiter Allg. Ztg." meldet aus Eydtkuhnen, daß ein aus Rußland eingetroffener Reisender, welcher cholerakrank war, wieder über die Grenze zurückbefördert worden sei.
München, 27. Juli. Der czechische Turnverein Slovan erhält am 14. und 15. August den Besuch des Prager Gesangvereins Tovacovsky, was zu einer großen Czechenseier und zu gleichzeitiger Gründung eines Turnvereins ausgebeutet werden soll. Die öffentlichen Turnanstalten verweigern ihre Locale. Die „Neuesten Nachrichten" sagen, für die czechischen Hetzereien und Wühlarbeiten sei München kein Boden, die Behörden sollten wachen. Es sei eine Keckheit, in einer kern- deutschen Stadt ein Czechenfest abhalten zu wollen.
Paris, 27. Juli. Dle Dhnamitpanik scheint wiederum zu beginnen. Die Polizeicommissare Dresch und Garvelle, sowie Scharfrichter Deibler wurden aus ihren Wohnungen gewiesen und vermochten keine andere Wohnung zu findend
Paris, 28. Juli. Ein Arbeiter fand auf dem Concordienplatze eine Höllenmaschine und wurde bei dem Versuch dieselbe zu öffnen, im Gesicht verwundet.
Paris, 28. Juli. Das Verbot des Congresses der socialistischen Gemeinden wurde beschlossen.
Newyork, 27. Juli. Eine Wasserhose zerstörte in der Bay City vier Hotels, zwei Kirchen, 54 große Kaufhäuser und Waarenlager und 300 Privathäuser. Dieselbe verwüstete den ganzen westvirginischen District, zerstörte vier Eisenbahnbrücken und mähte den großen Virginiawald vollständig nieder.
Cocales unö ^provinzielles,
Gießen, 28. Juli 1892.
h Regatta. Für morgen Freitag haben bereits die entfernt liegenden Rudervereine ihre Ankunft angezeigt, um Freitag und Samstag Abend die Probefahrten beginnen zu können und die Rennstrecke kennen zu lernen. Die Gießener werden keinen leichten Standpunkt haben, um die theilweise großartig ausgefallenen Preise mit Erfolg zu vertheidigen. Das große Comite tritt Freitag Abend nochmals im Boothause zusammen und dürfte sich Freitag bezw. Samstag Abend bereits ein reges sportliches Treiben am Festplatz an der Woog entwickeln- an beiden Abenden findet
Restaurationsbetrieb statt. — Der von Herrn Juwelier C. Brück gelieferte „Universitäts - Preis" (ein matt- silberner werthvoller Pokal) ist gestern mit Widmung versehen dem Regatta-Comite überwiesen worden. Nicht nur bei den Sportsmännern, sondern bei der ganzen Einwohnerschaft Gießens hat gerade diese Stiftung lebhafte Freude erregt- ist es doch ein Zeichen, daß die Mitglieder und Vertreter unserer alma mater nicht nur für ihren Kreis und Beruf, sondern auch für weitere Kreise und Gesellschaften, die sich aus der Bürgerschaft Gießens recrutiren und für körperliche Kräftigung und Heranbildung unserer Jugend wirken, Jntereffe entgegenbringen, welches in so glänzender Weise hiermit bethätigt wird. — Sämmtliche bei der Regatta zur Ver theilung kommenden Ehrenpreise und Ehrenzeichen werden von Freitag ab in den Schaufenstern der Möbelfabrik des Herrn W. Reiber ausgestellt sein.
O Kruse Eoucert. Vorigen DienStag Abend fand die erste Abonnements-Soiree des Kruse schen Stretch- quartetts statt. Herr Kammermusiker H. Kruse aus Kassel zeigte sich in dem Vortrage des 0 caro memoria von Servais als Cellist ersten Ranges. Seine staunenerregende Fertigkeit auf dem schwer zu behandelnden Instrument, die Weichheit des Tones, vor Allem aber die Wärme und der Ausdruck seines Spiels haben das Publikum förmlich begeistert. Iw


