Ausgabe 
29.3.1892 Erstes Blatt
 
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Berliner Tumulte mit den Agitationen der Socialdemokcaten. Sie hätten sich angeknüpft an den Vortrag des Socialdemokraten Keßler und das Nichtauslegen desVorwärts" in einer Wirthschaft bildete den Anlaß zur Zerstörung derselben.

Abg. Richter: Der Vorredner lasse unerwähnt, daß auch die von den Herren Stöcker und Liebermann von Sonnenberg erregten Antisemiten die Hand im Spiele gehabt. Es sei nicht Alles so, wie es sein solle, das sei daS allgemeine Gefühl und er vermöge die Lösung der Mintsterfrage nur für ein Provisorium anzusehen.

Abg. Graf Kanttz (cons.) wendet sich gegen v. Bennigsen und spricht sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß ein activer Staats­beamter Arm in Arm mit Richter als Führer der Opposition aus­getreten sei. Wenn der Parlamentarismus im Zunehmen sei, so sei die Forderung nach einem Retchsmtnisterium das allerungeeignetste Mittel dagegen.

Abg. v. Bennigsen findet es begreiflich, daß sich der Aerger der Herren Graf Kanttz u. Gen. Luft mache. Männer aller Parteien hätten in dem Volksschulgesetz eine schwere Schädigung unserer ganzen Inneren Entwicklung erblickt und man habe ihm Dank dafür gewußt. Auch an höherer Stelle werde man es für kein Unglück halten, wenn es auch in hervorragenden Be^mtenstellen Leute gibt, die rechtzeitig auf sich entwickelnde Gefahren Hinweisen und falsche Schritte zu ver­hüten suchen. (Beifall.)

Abg. Stöcker (cons.) verwahrt sich und die Antisemiten da­gegen, in die Tumulte hineingezogen zu werden. Wenn der Ruf fiel: Juden raus!" so beweise dies nur, daß die Erkenntntß von der Gemetnschädltchkeit des Judenthums eben in alle Kreise dringe. Leider mache sich jetzt eine Verrohung und Verthierung im Volke bemerkbar, die eine Folge der socialdemokratischen Hetze und des Hasses gegen die Religion sei. Wenn sich das liberale Bürgerthum des Herrn v. Bennigsen nicht mehr um die moralische Verseuchung kümmere als bisher, so sei es um das deutsche Volk schlecht bestellt. Wenn Lieb­knecht die Annexion Elsaß-Lothringens als Frevel htnftelle, so könne allerdings nichts Schlimmeres geschehen, um die Franzosen in ihren Ansprüchen zu ermuthigen. Die Bewegung gegen das Volksschul­gesetz sei eine Mißachtung gegen die Regierungs-Autorität und die Autorität der Parlamentsmehrheit gewesen. Im großen liberalen Bürgerthum seien allerdings die materiellen Interessen erheblich ge­fördert worden, aber es habe auch den Mammonismus gefördert, während es in religiöser und moralischer Beziehung nichts gethan habe, um die Volksseele zu heben. DieKöln. Ztg." sei ebenso un­monarchisch als unchristltch ausgetreten. Wenn von einer Moral- Religion gesprochen werde, so sollte das liberale Bürgerthum wissen, daß Religion und Moral zwei verschiedene^Dtnge seien. Den Schaden von dem vermeintlichen (Liege hätte der (Staat, das Reich und die Autorität der Krone. (Beifall rechts, Widerspruch links.)

Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antisemit) verwahrt die Antisemit, n gegen den Vorwurf, an den Berliner Tumulten be- thetligt gewesen zu sein; wohl aber hätte die Börse dahinter gesteckt, wie bet allen Revolutionen die Juden eine Rolle gespielt.

Abg. Prinz Earolath (fractionslos) wendet sich zunächst gegen den Antisemitismus; der Thron würde ihm leid thun, der sich darauf stützen müßte. Graf Kanitz habe seiner Partei keinen Dienst gethan. Preußen dürfe stolz darauf sein, Beamten wie Bennigsen zu besitzen. Wie solle man in Zukunft Beamte wählen können, wenn sie nicht das Recht haben sollen, ihre Meinung frei zu äußern.

Abg. Singer polemisirt gegen Abg. Stöcker.

Abg. Richter: Bei den Berliner Tumulten seien die Anti­semiten der That im Gegensatz zu den Antisemiten der Phrase aus­getreten. Wenn den Conseroativen die etngetretene Wendung nicht passe, sollten sie doch die Regierung zur Auflösung des Parlaments veranlassen; das ließen sie fein sein, sie fürchteten die Neuwahlen.

Abg. v. Kardorff (Rp.) constattrt den Angriffen Stöckers auf das liberale Bürgerthum gegenüber, daß seine Partei im Ab­geordnetenhause einstimmig gegen das Volksschulgesetz gestimmt habe.

Die Generaldebatte wird geschlossen. Montag 12 Uhr: Etat.

Neueste 27acbrichten.

fSoifrS MegraphilLtS tl'rrespoudmz-Bureau.

Berlin, 27. Mürz. Der Kaiser und die Kaiserin nahmen Vormittags am Gottesdienste im Dome Theil und später empfing der Kaiser im Schloß den früheren Cultus- minister Zedlitz.

London, 27. März. Gestern haben fünf Schleppdampfer den Versuch gemacht, den SchnelldampferEider" abzu­bringen, jedoch vergeblich. Die Bemühungen sollen morgen Vormittag IO1/» Uhr bei der Hochfluth wiederholt werden, wenn der Wind günstig ist. Die Taucher haben den Haupt­leck verstopft.

Darmstadt, 28. März. Der Kaiser ernannte den Großherzog Ernst Ludwig zum Obersten ä la suite des 1. Garderegiments z. F.

Berlin, 28. März. Im Abgeordnetenhaufe er­klärte der neue Ministerpräsident Eulenburg, daß sich gegen das Volksschulgesetz im ganzen Lande unverein­bare Gegensätze geltend gemacht hätten. Ebenso fei in der Commission keine Verständigung erzielt worden. (Lebhafter Widerspruch bei dem Centrum und rechts). Da unter diesen Umständen ein befriedigendes Ergebniß der Verhandlungen nicht zu erwarten, verzichte die Staatsregierung auf die Fortsetzung der Berathung des Gesetzentwurfs. (Lebhaftes Bravo links, Zischen rechts und im Centrum). Die Re­gierung behalte sich vor, wann und wie gelegentlich auf die Angelegenheit zurückzukommen sei. (Lebhafte Unruhe im Hause)._____________________________________________________

totales unö ^provinzielles,

Gießen, 28. März 1892.

Von der Universität. Se. Kgl. Hoheit der Groß- herzog haben Allergnädigst geruht, am 23. März den Pro­fessor am Karls-Gymnasium zu Stuttgart Lic. theol. Max Reischle zum ordentlichen Professor in der theologischen FacuÜät mit Wirkung vom 1. April d. I. an zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen.

An der am Samsrag Mittag Vs 12 Uhr in der großen Aula der Universität veranstalteten akademischen Trauerfeier zum Gedächtniß an Se. Königl. Hoheit den Großherzog Ludwig IV. nahmen der gesammte Lehrkörper der Uni' versität, die Spitzen der Civtlbehörden, des Militärs, die Geistlichkeit, Vertreter der Studentenschaft und besonders ge­ladene Gäste, worunter viele Damen, Tbeil. Die Aula war der Feier entsprechend decorirt, die Büste des verewigten Großherzogs von Pflanzengruppen und Trauerschmuck umgeben, die aufgestellten Fahnen der studentischen Verbindungen mit schwarzen Schleifen behangen. Während der die Feier em- leiienden Trauermusik betraten unter Vorantragen der Uni- versitätsscepter die Herren Professoren die Aula. Nach dem vom Akademischen Gesangverein vorgetragenen Trauerchor von Reichard hielt Herr Geh. Hosrath Pros. Dr. Oncken iic Gedächtnißrede. Der Herr Redner bemerkte einleitend,

daß er keine Lebensbeschreibung des verewigten Grobherzogs bieten könne, sondern nur eine Trauerbetrachtung, nicht das, was stirbt, sondern das, was von dem Großherzog Ludwig fortlebt in unseren Herzen, sei der Betrachtung geweiht. Die Theilnahme des verewigten Großherzogs an der Ver­wirklichung des deutschen Einheitsgedankens in Krieg und Frieden lasse ihn als Patrioten der That erscheinen, Hessen war die Brücke über den Main, welche den Süden mit dem Norden verband, so daß das deutsche Volk einig sich erheben konnte, als es galt, im Jahre 1870 den von einem über- müthigen Nachbar heraufbeschworenen Kampf aufzunehmen, welcher bewiesen, daß das deutsche Volk nicht nur ein tapferes, sondern auch ein Volk der Treue ist. Der Schilderung der Heldenthaten des damaligen Prinzen Ludwig, der Fürsorge für die Verwundeten durch seine Gemahlin, die unvergeßliche Prinzessin Alice, schloß sich eine Betrachtung über die nach 1870 folgende Thätigkeit des Prinzen Ludwig besonders auf militärischem Gebiete und über die im Jahre 1877 erfolgte Thronbesteigung des Großherzogs Ludwig IV. an. Einer der ersten Regierungsacte fei es gewesen, in einem besonderen Schreiben der Landesuniversität sein Wohlwollen und die Pflege des bisherigen Verhältnisses zwischen Regierung und Universität zuzusichern. Wer Zeuge davon gewesen, welche Sparsamkeit in früherer Zeit der Universität gegenüber ge­übt und nun vergleiche den sich besonders in den Neubauten zeigenden Aufwand reicher Mittel, dem offenbare sich die landesherrliche und staatliche Fürsorge für die Hochschule. Gleichbedeutend mit den Universitätsbauten seien aber auch die Reformen zum Wohle der Universität, deren eine, der Erlaß einer neuen Promotionsordnung, besonders hervorzu­heben sei und die dankbare Anerkennung seitens der Uni­versität darin gefunden, daß die philosophische Facultät die Herren Staatsminister Starck und Staatsrath von Knorr zu Ehrendoctoren ernannte. Als Zeugniß seines Vertrauens zur Wissenschaft fei es zu betrachten, daß der verewigte Groß- Herzog seinen Sohn, den Erbgroßherzog und nunmehrigen Großherzog, der Universität Gießen anvertraute- die An­wesenheit Sr. Kgl. Hoheit stehe noch in frischer Erinnerung, er habe Alle begeistert, die mit ihm verkehren konnten. Nach­dem Herr Geh. Hosrath Prof. Dr. Oncken noch hervorgehoben, daß die deutschen Universitätslehrer dankbar anerkennen den Geist der deutschen Studenten, die sich fern hielten von bei anderen Nationen hervortretenden anarchistischen und nihi­listischen Bestrebungen, schloß er seine eindrucksvolle Ge- dächtnißrede mit der Aufforderung, das Andenken an den verstorbenen Großherzog zu ehren durch Festhalten an dem Spruche:In Wissen und Waffen getreu bis in den Tod". Der derzeitige Rector der Universität, Herr Prof. Dr. Siebeck, bemerkte in seiner Ansprache, daß, wenn irgend- wo im Lande eine Gemeinschaft verpflichtet fei, dem Danke für die landesväterliche Huld und Fürsorge Ausdruck zu geben, dies die Alma mater Ludoviciana sei. Der Herr Rector hob ferner besonders hervor das zwischen Universität und dem Landesherrn bestehende gesunde Verhältniß, der Hoffnung Ausdruck gebend, daß es auch fernerhin Bestand haben möge; es werde Aufgabe der Universität fein, dasselbe zu er­halten - mit der frohen Gewißheit auf das Fortbestehen der landesväterlicken Huld und im Hinblick auf den neuen Rector magnificentissimus gehe die Universität wieder an die Arbeit; eine lange, gesegnete Regierung wünsche sie Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog Ernst Ludwig. Chorgesang (aus der Matthäuspasfion" von Bach) und Musik (von der Capelle des Regiments Kaiser Wilhelm) schlossen die Feier.

Die Coudoleuz. Adresse, welche von der Landes- Universität an Se. Königl. Hoheit den Großherzog abgesandt wurde, lautet:

Allerdurchlauchtigfter Großherzog, Allergnädigfter Fürst und Herr!

Ew. Königliche Hoheit wollen allergnädigst geruhen, seitens der Großh. Landesuntversität dm ehrfurchtvollsten und tiefgefühlten Ausdruck des Schmerzes über die schwere Heimsuchung entgegen zu nehmen, die soeben Ew. Königl. Hohett, Höchstderen Familie, fowte das ganze Land betroffen hat. Sie thut dies im Andenken an alle die unvergeßlichen Beweise landesväterlichen Wohlwollens, deren sie sich von jeher von Seiten des Höchstseligen Großherzogs zu erfreuen hatte, insbesondtre in dem dankbaren Gefühle der nahen Beziehung, welche der verewigte Fürst durch die Annahme der Würde eines Rector magnificentissimus zu der Ludoviciana herzustellen geruht hatte. Und die Trauer, welche ste empfindet, ist um so größer, als es ihr noch in froher und dankbarer Erinnerung ist, wie es ihr noch vor einem Jahre vergönnt war, Ew. Königl. Hohett in gnädiger und freudiger Theilnahme an ihrer Arbeit und ihrem Ergehen in ihrer Mitte zu sehen. In dem wehmüthtgen und doch zugleich stolzen Gefühle, in dem gütigen Herrscher zugleich ihr eigenes Haupt betrauern zu dürfen, naht sie sich beute dem neuen Landesherrn in gehorsamster Huldigung und mit der unterthäntgsten Bitte, daß e8 Ew. Königl. Hoheit gefallen möge, sie des beglückenden Bandes, welches von jeher und neuerdings in verstärktem Maße zwischen der Universität und ihrem Schirmherrn bestanden hat, auch ferner sich erfreuen zu lassen. Es wird unser stetiges Bestreben sein, unS dieses hohen Wohlwollens und Vertrauens durch treuen Gehorsam, sowie durch angelegentliche und gewissenhafte Förderung aller uns oblie­genden, zum Wohle des Vaterlandes dienenden Interessen allezeit würdig zu erweisen.

Wir schließen mit dem innigsten Wunsche, daß unserm neuen Landesherrn durch Gottes gnädige Fürsorge eine lange, ihn selbst beglückende und für sein treues Hessenland segensreiche Regierung beschicden sein möge.

Ew. Königl. Hoheit verharren u. s. w.

Hierauf ist unter dem 21. d. M. folgende Allerhöchste Kundgebung ergangen :

Mein lieber Rector!

Für die von Meiner Landes-Universität bei Meinem schweren Verlust gezeigte warme Theilnahme sage Ich Ihnen als dem Haupt und Vertreter derselben herzlichen Dank. Es gereicht Mir in Meinem Schmerz zur Genugthuung, daß Sie das Hinscheiden Ihres der Landes-Universität mit so warmem Wohlwollen und väterlicher Fürsorge zugethanen Rector magnificentissimus, Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, als einen eigenen Verlust empfinden.

Indem ich Sie versichere, daß Ich alle Bonde, welche Meinen Hochs-ligen Vater mit der Landes-Universität so innig verknüpften, gerne aufnehme und daß Ich Schutz und Förderung dieser Mir lieb gkwordenen Pflanz und Pflegstätte Deutscher Wissenschaft wie der Hohe Entschlafene als eine heilige Pflicht betrachten werde, verbleibe Ich Ihr allezeit wohlgeneigter

, c t Ernst Ludwig.

Darmstadt, den 21 März 1892

Turnerisches. Vor 14 Tagen sand unter großer Betheiligung der auswärtigen Vereine in Steins Garten der 5 9. Turntag des GauesHessen statt, aus dessen Ver­handlungen wir nachträglich berichten wollen, daß zum Gau­vertreter Herr Fritz Helm (Männerturnverein Gießen) und zum zweiten Schriftführer Herr Karl Stohr (Turnverein Gießen) gewählt worden sind. Die diesjährige Gauturnfahrt soll am 22. Mai nach Usingen stattfinden und zwar ist ein gemeinschaftlicher Gang aller Vereine des Gaues von Bahnhof Butzbach bis Usingen geplant, woselbst dann das übliche Turnen abgehalten werden wird. Als Zeitpunkt für das Gaufest in Grünberg ist der 3. Juli bestimmt worden, der wohl gerade aus Gießen nach dem schönen Grünberg, das alles anstrengt, um ein herrliches Fest vorzubereiten, viele Gäste bringen wird. Von allgemeinem Interesse gerade für Gießen dürste wohl fein, daß die Vorstände der beiden hiesigen Turnvereine in gemeinsamer Sitzung beschlossen haben, bei dem am 10. April in Mainz abzuhaltenden 53. Turntage des Mittelrheinkreises zu beantragen, daß das im nächsten Jahre abzuhaltende 20. Mittelrheinische Turnfest in Gießen stattfinden soll. Außer Gießen hat sich noch Darmstadt als Festort gemeldet.

Stenographisches. DemJournal für Stenographie" entnehmen wir nach dem Mertens'schen Stenographenkalender folgende Zusammenstellung über die Verbreitung der bekanntesten deutschen Stenographiesysteme. Darnach zählte:

Gabelsberger .

. 777

Vereine mit 20767 Mitgliedern

Neustolze . .

. 451

u

ft

11352

n

Arends . . . .

. 139

3781

Roller . . . .

. 177

H

3064

Schrey . . .

. 137

ft

ft

2935

tt

Stenotachygraphie

. 111

n

//

2147

H

Merkes. . .

. 34

n

//

488

Velten . . . .

. 26

H

//

636

tf

Faulmann . . .

. 20

//

ft

1776

tt

Brauns . . .

4

n

n

114

Daraus ergiebt

sich, daß die Gabelsberger'sche Stenographie

die weitaus verbreitetste ist, daß sie in ihren Vereinen fast soviel Mitglieder hat, als alle anderen Systeme zusammen- genommen, ganz abgesehen von der coloffalen Menge Gabels- bergianern, die bis jetzt keinem Vereine beigetreten sind. Welches System soll sich ein angehender Stenograph da wählen? Angesichts dieser Zahlen hat er doch nur von dem­jenigen den größten Nutzen, das am weitesten verbreitet ist, sonst sitzt er da mit seiner Stenographie und kaum Jemand kann sie lesen.

Wie bereits in diesem Blatte (im amtlichen Theile) mitgetheilt worden, tritt die Polizei-Verordnung, betr. die $e- Zeichnung der Fuhrwerke, am 1. April in Kraft. Da ein Außerachtlassen der Verordnung für die Fuhrwerksbesitzer Strafe nach sich zieht, theilen wir, um den Betreffenden Unannehmlichkeiten zu ersparen, an dieser Stelle nochmals den Wortlaut mit:

S 1. Jedes Fuhrwerk, welches seiner Natur nach nicht ausschließlich zur Beförderung von Personen bestimmt ist, muß an beständig sichtbarer Stelle, wenn thun- lich auf der linken oder Hinteren Seite, mit dem Namen (Firma) und Wohnort des Eigenthümers und wenn Letzterer mehrere derartige Fuhrwerke besitzt, auch mit fortlaufenden Nummern versehen fein. Diese Bezeichnung muß in durchaus deutlicher Schrift mit Buchstaben von nicht unter 3 cm Höhe ausgeführt fein.

S 2. Ausgenommen von dieser Verpflichtung sind die Kaiserlichen Posten und die städtischen Sprengfäffer.

S 3. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Anordnungen werden mit Geldstrafen bis zu 30 Mark oder mit entsprechender Hast bestraft.

S 4. Diese Polizeiverordnung tritt mit dem 1. April 1892 in Kraft.

Verhaftet wurde am Samstag ein Metzgerbursche, der seinem Meister zwei Schinken gestohlen und an einen hiesigen Wirth verkauft hatte.

Zu dem am 26. l. Mts. gemeldeten Einbruch können wir mittheilen, daß man den Thätern aus der Spur ist. Es scheinen dieselben Gauner zu sein, die in der Nacht vom 18. zum 19. l. Mts. in Stuttgart ebenfalls einen Uhren­laden ausräumten.

Amnestie. Wie verlautet, sei in der nächsten Zeit ein Amnestie-Erlaß des Großherzogs zu erwarten. Jedoch soll sich die Begnadigung nur auf solche Personen erstrecken, die rechtskräftig zur Strafe verurtheilt sind oder solche zur Zeit verbüßen. Der Oberstaatsanwalt hat die ihm unter­stellten Behörden angewiesen, diejenigen Personen zu bezeich­nen, die der Wohlthat des Gnaden-Erlasses würdig erscheinen.

Ein erfahrener Gartenfreund schreibt: Unter all den befiederten Sängern muß auf ein kleines bescheidenes Vögelchen aufmerksam gemacht werden, das besonders den Obstgärten ein Freund und Beschützer ist: es ist die Meise. Kohl­meise sowohl wie Blaumeise sind die eifrigsten Jnsecten- vertilger, die bei uns heimisch sind- kein Gartenbesitzer sollte es versäumen, durch Aufhängen von Nistkästen sich diese un­ermüdlichen Jäger nach schädlichem Gewürm entgehen zu lassen. Die kleine Ausgabe für Beschaffung der Kästen wird durch Mehrertrag der Obstbäme reichen Nutzen bringen.

-r. Lollar, 27. März. Die Aachen-Münchener Feuer­versicherungs-Gesellschaft, welche bekanntlich jeder­zeit für die Feuerwehren der Orte, in welchen sie mit Ver sicherungen beteiligt ist, eine offene Hand hat, unterstützte auch in diesen Tagen wieder die freiwillige Feuerwehr Lollar behufs Anschaffung einer mechanischen Sch ebeleiter mit der ansehnlichen Summe von 150 Mk. Es ist dieses um so mehr anzuerkenuen, als die Lollarer freiwillige Feuer­wehr schon zweimal mit Beträgen von der genannten Gesell­schaft bedacht wurde: im Jahre 1877 mit 100 Mk. und im Jahre 1882 mit 200 Mk. An dieser Stelle mag seitens der freiwilligen Feuerwehr Lollar der Direction der Aachen-