Nr. 74
Der Gießener Anzeiger trfdftuu täglid), mit Ausnahme bc8 Montags
Die Gießener Pl«mifien ö tatter werden dem Anzeiger wöchentlich drei nial beigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 27. Mälz__________________
KichencrAn,zeiger
Kenerat-^(nzeiger.
1892
Vierteljähriger Avonncmeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Rebaction, Expedition und Druckerei:
SchntSratze 3tr.7.
Fernsprecher 51.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
•* dte «rstzh. Vürgermeiftere-em deS AceiM,
Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Bei den diesjährigen Frühjahrs'Controlversammluugen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde- ttnt Gießen gehörigen:
1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.
2) Reservisten, sowie die zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen.
3) Wehrleute I. Aufgebots, die vom 1. October 1879 ab eingestellt worden.
4) Ersatz-Reservisten, geübte und nicht geübte.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:
A. Zu Gießen
am 4. April 1892 im Oswaldffchen Garten für die Be- wohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchelheim, Kleinlinden, Oppenrod.
1. Appell Vormittags 9 Uhr: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften der Infanterie.
2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Min.: Offiziere, Samtäts- offiziere und Beamte der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, sowie sämmtliche Wehrleute I. Auf- gebots der Infanterie.
3. Appell Nachmittags 2 Uhr: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehör- den entlassenen Mannschaften und sämmtliche Wehrleute I. Aufgebots der Garde, Jäger, Cavallerie, Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sani- täts- und Veterinärpersonals, Büchsenmachergehülfen,
Oeconomiehandwerker, sowie alle übrigen der Reserve und Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mannschaften.
4. Appell Nachmittags 3 Uhr: Sämmtliche Ersatzreservisten. 5. Appell Nachmittags 4 Uhr für die Bewohner von Allen- dorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen, sämmtliche Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatzreservisten.
B. Zu Lollar
am 5. April 1892, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedeihausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.
1. Appell Vormittags 8 Uhr 30 Minuten: Reservisten, so- wie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.
2. Appell Vormittags 9 Uhr 15 Min.: Wehrleute I. Auf- gebots aller Waffen.
3. Appell Vormittags 10 Uhr: Sämmtliche Ersatzreservisten.
C. Zu Grünberg
am 5. April 1892 am Bahnhof für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Keffelbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strelles-Mühle und Walk-Mühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bolln- bach, Veitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainerhof, Winnerod.
1. Appell Nachmittags 12 Uhr 30 Minuten: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.
2. Appell Nachmittags 1 Uhr 30 Minuten: Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatz-Reservisten.
D. Zu Hungen
am 6. April 1892 am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.
1. Appell Vormittags 9 Uhr 30 Minuten: Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.
2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten : Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen, sowie sämmtliche Ersatz-Reser- visten.
E. Zu Lich
am 6. April 1892 am Bahnhof für bie Bewohner von ■ Wach, Birklar, Dorf-Gull, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüninge», Holzheim, Lich mit Albacher- Hof, Kolnhausen und Muhlsachsen, Münster, Nieder,Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.
1. Appell Nachmittags 3 Uhr: Reservisten, sowie diezur Dis- Position der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.
2. Appell Nachmittags 4 Uhr: Wehrleute I. Aufgebots aller Massen, sowie sämmtliche Ersatz-Reservisten.
Befreiungsgesuche sind längstens acht Tage oor'm Appell auf dem Dienstwege durch das Hauptmeldeamt einzu- reichen und müssen durch die Bürgermeisterei beglaubigt sein — werden aber nur im dringendsten Rothfalle genehmigt.
Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an: Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher abzulegen.
Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müssen zur Stelle sein.
Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganzen Controltages bis einschließlich Mittemacht unter dem Militärgesetz.
Gießen, den 12. März 1892.
Caspary, Oberstlieutenant z. D. und Bezirks-Commandeur.
Aints- und Anzeigevkntt für den 'Kreis Gieren.
folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. r Hratisßeitage: Hießener Kamitienötätter. I -Bureaux deS Iir- und Ausländer nehm«
—————————____________I ° ________________ Anzeige« für den „Gießener Anzeiger- entgege«.
Amtlicher Theil.
Gießen, am 14. März 1892.
Betreffend: Frühjahrs-Controlverfammlungen.
Feuilleton.
Hygiene nnd Wohnungs- Einrichtung.
Von Ida Barber.
(Aus der „Zeitschrift für Innen - Decoration", Darmstadt.)
Frau Commerzienrath Felder hatte die Einladungen zu Ihrem ersten Empfangslage, zu deutsch „jour“, ausgesendet. Wie freute sie sich, ihre stilvolle, mit großem Kostenaufwand hergestellte Wohnungs-Einrichtung bewundert zu sehen! Das war ja alles so gut und zweifelsohne, daß selbst der Kritiker von Beruf, der gute Doctor Rolf, der an Allem etwas auS- zusetzen fand, mit dem Zoll der Bewunderung nicht kargen durste. — Einer der ersten Gäste war auch thatsächlich Dootor Rolf, ein alter, streng blickender Herr, der schon seit Jahrzehnten im Elternhause der jungen Frau als Hausarzt sungirte. Nachdem er die Frau Räthin begrüßt und sie ihn in der angenehmen Erwartung, eine Anerkennung über ihre geschmackvoll eingerichtete Wohnung zu hören, durch Speise-, Empfangs-, Spiel-, Schlaf-, Fremdenzimmer rc. geführt, sagte rr, im Lehnsessel Platz nehmend: „Dacht ichs doch! Biel Geld habt Ihrs Euch kosten lassen, aber" — „Aber?" fragte die junge Frau in gespannter Erwartung. „Aber herzlich unpractisch seid Ihr gewesen!" ergänzte der alte Herr stir»runzelnd. Die junge Frau glaubte nicht recht gehört zu haben und sah ihn fragend an. „Ja, ja," fuhr Doctor Rolf fort, „Sie können e's mir glauben, Lieschen, — ich darf Sie doch noch so nennen? — daß Sie Fehler über Fehler gemacht haben, und wenn es geht, rathe ich Ihnen, sofern Sie gesund bleiben wollen, den ganzen Schnttzkram zurückzugeben, die Staubfänger — er wies aus die reich drapirten Portiören — abzunehmen, statt der staubsangenden Plüsch-Bezüge derb leinene zu wählen und" — „Sie scherzen, Doctor", unterbrach ihn die junge Frau verdrießlich, „was wäre denn eine Wohnung ohne geschnitzte Möbel, Portieren und Plüsch-Bezüge?" „Was sie wäre? Das will ich Ihnen bald sagen, Frauchen," erwiderte der alte Herr, „sie wäre
Ausenthalt für Menschen, die gesund bleiben wollen, sich M Hygiene verstehen, alle keimhegenden, Bacillen erzeugenden
staubdurchtränkten Möbel meiden!" „Sonderbar," meinte die junge Frau, „Sie sind doch sonst ein so braver, pflichttreuer Mensch, aber wo es gilt, Einem eine Freude zu verderben, da thun Sie redlich das Ihrige." „Gerade well ich brav und pflichttreu bin," nahm der Doctor das Wort, „rüge ich Fehler, suche ich Euch die Augen zu öffnen, stimme ich nicht in den allgemeineu Chorus ein, der alles Neue schön, entzückend, reizend findet. Für mich gilt nur das, was einen practischen Werth hat- alles, was der Gesundheit schadet, ist mir verpönt!" „Aber, bester Doctor," nahm die junge Frau das Wort, „wie können denn meine harmlosen Möbel der Gesundheit schaden?" „Das will ich Ihnen bald sagen, Frauchen," sprach Doctor Rolf, bedächtig sein Monocle putzend. „Sehen Sie beispielsweise" — er deutete aus die reich geschnitzte altdeutsche Garnitur im Salon — „diese mit dem Aufgebote aller Kunst hergestellten Staubfänger an! Tausende krankmachende Pilzkeime finden hier bequeme Wohnung; Lust und Licht sind — auch ganz unverzeihlich — durch Butzenscheiben abgesperrt, darüber Stores-, Tüll-, Sammt>Vorhänge, Passementerien, am Boden schwere Teppiche, die den Staub festhalten, die Polstermöbel auf so niedrigen Füßen ruhend, daß Besen und feuchte Lappen kaum drunter weg geführt werden können'- mit der Zeit wird sich in den Gurten unter den Polstermöbeln, in den Vorhängen, Teppichen, Plüsch- Bezügen ein solches Gewölk von Staub sestsetzen, daß Sie in einer Staub-AtmoSphäre leben, ohne es zu ahnen- das nennt man dann modern, stilvoll!" „Aber bester Doctor," erwiderte die junge Frau unwillig, „reinigt man denn feine Wohnung nicht? Werden denn Teppiche und Polstermöbel nicht geklopft, gebürstet, die geschnitzten Möbel nicht ge—" „Ach, das kennt man!" fiel Doctor Rolf unwillig ein. „Wenn morgen die Reinemacherci losgehl, nachdem heute zwanzig bis dreißig Personen hier ihre schmutzigen Füße abgewetzt, ja, da gibt es riesige Staubwolken, jedes einzelne Staubkeimchen wird aus seinem Versteck ausgescheucht- etliche entkommen auch wohl durch Fenster und Thüren, die meisten aber, glauben Sie mir, Frauchen, setzen sich, ehe sie noch an die Lust gelangen, irgendwo in einem Schuitzwerk, in den Falten der Vorhänge fest- man dar sie nur ausgestört, aber
nicht entfernt, und da führen sie dann bis zum nächsten „jourtt ein beschauliches Dasein. — Das liebe Himmelslicht darf selbstverständlich nicht täglich in die bem\jourtt geweihten Hallen eingelassen werden, es würde ja die himmelblauen Atlas-Vorhänge bleichen, die Stores schließen die Fenster fast ganz ab, Lust und Licht sind aus Ihren Salons gebannt, was Wunder, sagen Sie ausrichtig, Lieschen, wenn der Staubgebilde unheimliches Heer hier trotz Reinmachen und Klopsen sich einnistet und eine Atmosphäre erzeugt, die Sie in täglich feucht gewischten Zimmern, in die das liebe Himmelslicht einscheint, nicht wie hier, trüb durch bemalte Scheiben bricht, nie finden." „Sie übertreiben, Doctor!" sagte die junge Frau unwillig, „bei Mama war die Einrichtung gerade so, und Jedes sand sie schön und zweckentsprechend. „Jeder?" sagte Doctor Rolf geringschätzend, „als ob Jeder wüßte, wie man eine Einrichtung vom hygienischen Standpunkte zu beurteilen hat! Erinnern Sie sich aber auch, da Sie gerade die Einrichtung in Ihrem Elternhause als Norm ansühren, wie viel Krankheitsfälle es da gab, wie ost ich der Mama sagte: „Lüsten! Den Sonnenstrahlen Zutritt gewähren, die Fenster nicht verhängen, keine Staubsäulen auswirbeln!" Wann dann Jahr für Jahr Krankheiten kamen, bald der Karl an Diphtheritis, Leuchen am Scharlach, die Toni am Keuchhusten darniederlag, da hieß es immer: „Doctor Rolf wird Helsen!" Sie hätten daheim, liebe junge Frau, gar keinen Hausarzt gebraucht, wenn Sie rationeller gelebt hätten! Ja, ja! Und nun wollen Sie in Ihrem neuen Heim dieselben Thorheiten begehen und Bacillen züchten, die Lust absperren, Ihre Zeit damit »erbringen, den Staub and den altdeutsch geschnitzten Möbeln zu säubern!"
Dr. Rolf hatte kaum seine Strafpredigt beendet, als Besuch gemeldet wurde - froh, dem Sermon entrinnen zu können, eilt die junge Frau mit auSgebreiteten Armen ihrer Herzensfreundin Lvcic entgegen. „O, wie schön, daß Du kommst, Lncie!" sprach sie, die hübsche Frau in den Salon führend. „Und wie schön eS bei Dir ist!" rief Frau Lucie, '«dem sie bewundernd ihren Blick über die reich geschnitzten Möbel, die kostbaren Draperien fchweifen ließ. „Wunder-


