Aufruf
Die bittere Noth, welche die Cholera und mehr noch deren wirthschastlichc Folgen über Hamburg, nicht minder aber auch über Altona und deren Vororte gebracht, fordert dringend schleunige Hülfe.
Wohl wird diese am besten durch volle Wiederaufnahme der geschäftlichen Beziehungen mit den bedrohten Orten geleistet, und wohl tritt der Hamburger Staat mit Energie ein für die Erfüllung seiner Aufgaben im Gebiet der Gesundheits- und Armenpflege", daneben aber kann doch nicht entbehrt werden das Eingreifen der Privatwohlthätigkeit, wenn anders ungezahlte Existenzen sollen aufrecht gehalten werden, wie jeder Tag nnd jede Nachricht aus den unglücklichen Städten von Neuem uns bestätigt.
Im Bewußtsein unserer Pflicht, ein so großes nationales Unglück auch zu unserem Theile zu lindern und eingedenk der vielfachen Beziehungen gerade unserer Stadt zu dem schwer gebeugten Hamburg sind die Unterzeichneten zusammengetreten, um auch hier die Sammlungen für Hamburg, Altona und deren Vororte zu fördern, und sic richten an die Einwohnerschaft der Stadt Gießen hierdurch die herzliche und dringende Bitte um gütige Zuwendung zahlreicher Liebesgaben für die Bedrängten.
Jeder der Unterzeichneten, sowie die Expedition - dieses Blattes ist gerne bereit, solche Gaben in Empfang zu nehmen, vorbehaltlich des späteren Nachweises über die Höhe und die Vertheilung derselben.
Gießen, am 27. September 1892.
v. Wägern, Provinzialdirector. Gail, Wilhelm, Fabrikant. Georgi, Beigeordneter. Gnauth, Oberbürgermeister. Grünebcrg, Beigeordneter, vr. Gutfleisch, Stadtverordneter. Heichelheim, Bankier. Heß August, Rentner. Hcyligenstaedt, Stadtverordneter. Koch» Präsident der Handelskammer. Metz, Landtagsabgeordneter. Perthes, Oberst und Regiments-Commandeur. Dr. Ploch, Stadtverordneter. Frhr. v. Rico», Landgerichtsprasident. Ritsert, Postdirector. Scheel R., Stadtverordneter. Scheyda, Redacteur. Schlosser, Pfarrer. Siebest, Rector der Landesuniversität. Wortmann, Bank-Vorstand.
M dir llDltilciöcnöen in.Hnrnbnrg und Altm f)0t nunmehr auch Grotzherzogl. Ministerium der Finanzen, Abtheilnng für Eisenbahnwesen für die Qberhess. Visenbahnen sowie die Directionen der preußischen Staatsbahnen freie Fracht für Sendungen von Kartoffeln u. s. w. gewährt. Dank dieser Vergünstigung können diejenigen unserer Leser, sowie sonst mildthälige Menschen, welche ein Scherflein zur Milderung der großen Noth beitragen wollen, dieses dadurch bcthätigen, daß sie von dem Ueberfluß, welchen Gott ihnen in diesem Jahr an Früchten bescheert hat, eine Gabe hiervon für ihre vom Schicksal so hart betroffenen Mitmenschen in Hamburg und Altona abgeben. Herr Oeconom Louis Flctt im „Schwanen" zu Gießen hat sich gerne bereit erklärt, Kartoffeln in Empfang zu nehmen, in seinen Lagerräumen auszubewahren und auch solche nach Hamburg zu spediren. Wir werden auch hier jede einzelne Gabe mit Dank quittiren.
An die Herren Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer in den Landgemeinden richten auch wir die Bitte, sich einen Gotteslohn zu verdienen, indem sie unsere Idee unterstützen und ihre Gemeindeangehörigen ersuchen, von ihren Borräthen an Kartoffeln für obigen Zweck etwas abzulaffen und nach hier an die Sammelstelle bei Herrn Flett gelangen zu lassen.
Würde diesen Sendungen ein Verzeichniß der Geber beigefügt, dann wäre es im Interesse der Sache sehr zu begrüßen.
Für diejenigen Gemeinden, welche an den Oberheff. Bahnen gelegen sind, dürfte es sich empfehlen, allenfallsige Waggonsendungen direct nach Hamburg zu dirigiren. Die Adreffe würde dann auf dem Frachtbriefe lauten: „An das Nothstands-Eomitö in Hamburg, freiwillige Gaben für die nothleidende Bevölkerung betr." Vielleicht sind die betr. Herren Stationöbeamten so liebenswürdig und füllen die entsprechenden Frachtbriefe aus. Wir hoffen, mit Anregung dieser Sammlung keine Fehlbitte gethan zu haben, indem wir fest überzeugt sind, daß der Wohlthätigkeits- sinn der Bewohner von Stadt und Land sich auch hier glänzend bewähren wird.
ikbarfion des „Gießener Anzeiger"
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