Ausgabe 
26.10.1892 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 250 Erstes Blatt

Mittwoch den 26. Oktober

1892

Vierteljähriger

Kenerat-Anzeiger.

Die Gießener ^««itienStälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei: Kchutstraße Ar.7. Fernsprecher 51.

Zlints- und Anzeigeblatt für den Areis Giehen.

Anitli^ev Theil

hinter jenen

Depeschen des BureauHerold".

Berlin,

Feuilleton

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

des gegenwärtigen Finanzjahres sind an birect en (Steuern üodi Bauernstände 28,591,000 Rudel eiugegangen, gleich 317/io ?6t. des 114,724,000 Rubel betragenden Jahres- Voranschlages. Die Eingänge von anderen Ständen be-

24. October. DerReichsanzeiger" erklärt zur Veröffentlichung der Militärvorlage durch dieKöln. Ztg.", dieselbe könne nur auf unrechtmäßige Weise Kenntniß von der Vorlage erhalten haben. DieNordd. Allg. Ztg." gibt die Mittheilung derKöln. Ztg." wieder.

Berlin, 24. October. Dem Bundesrath ging ein Gesetzentwurf über die Abzahlungsgeschäfte, sowie ein Entwurf betreffend eine Ergänzung der Bestimmungen über den Wucher zu. Der Bundesraths-Ausschuß für Handel und Ver­kehr berieth heute Vormittag unter Anderem die neuen Be­stimmungen über die Statistik tfer Krankenkassen. Dieselben werben zur Annahme empfohlen.

trugen in dem gleichen Zeiträume 7,516,000 Rubel, gleich 382/i0 pCt. des 19,664,000 Rubel betragenden Jahres­voranschlags. Verglichen mit den Eingängen der nämlichen Periode des Vorjahres sind die diesjährigen Eingänge wenig fu-x i t zurückgeblieben.

Deutsches Seich.

.Berlin, 24. October. Bei der am Samstag im Neuen Palats stattgefundenen Taufe des Töchterchens des der Kaiserin hat dasselbe die Namen Victoria Luise Adelheid Mathilde Charlotte erhalten.

Am Montag ist der Colonialrath zu einer neuen (Sitzungsperiode in Berlin zusammengetreten und es steht zu vermuthen, daß im Verlaufe der Session auch die heutige ^.age m Deutsch-Ostafrika zur eingehenden Erörterung gelangen wird. Es ist zweifellos, daß sich die Verhältnisse in dieser wichtigsten der deutschen Colonien keineswegs in der wünschens- werthesten Weise entwickelt haben, seitdem Herr v. Soden an der Spitze der Verwaltung der ostasrikanischen Colonie steht. Man braucht ihm die directe Verantwortung für all die mißlichen Vorgänge, die sich feit seinem Amtsantritte auf deutsch-ostafrikanischer Erde ereignet haben und von denen das unglückliche Gefecht von Kilossa der jüngste ist, keineswegs in jedem einzelnen Falle in die Schuhe zu schieben, aber offenbar lst fern ganzes System Schuld, wenn es mit der Entwickelung

Heirathsantrag erhielt, einen Antrag, der ihr Stellung, Reichihum und Glanz verheißt und zu dem sie nur das Ja­wort zu geben hat. Vor ihrer Seele steigt die Heimath auf mit all ihren Lieben, dem Vater, der Mutter, Jack, ftreb Unb ~ ®E°r8' 3°' fie sieht ihn vor sich stehen wie damals am Ubfchiedstage. Noch einmal hallt die Wonne und der Schmerz jener Stunde in ihrem Herzen wider, noch einmal horte sie seine in Leidenschaft zitternden WorteiNellv, Dich vergessen?!" Sie fühlt seinen heißen Athem ihr Ge- P *J<rnlfcn' fc,ner. Küsse brennen auf ihren Wangen. Schn- suchtsvoll breitet sie ihre Arme aus, der Brief entgleitet ihrer Hand- die herausbeschworenen Bilder einer süßen Vergangen, heil sind entflohen, - die Wirklichkeit umsängt Nelly, welche, aus ihren wachen Träumen erweckt, bitterlich weint

Nicht lange mochte sie so ihren Gefühlen Raum gegeben haben, als em Klopfen ertönte und Herr Davidson herein- trat, ebenfalls einen Brief von Nellys Freier in der Hand haltend Auf seine Frage, welchen Entschluß sic gefaßt, be- deckte brennende Röche ihre Wangen. Sollte sie ihm von lt>m' der die Frauen keines tiefen Gefühls LUr s»'9 ?er Sv Reicht verspotten und auslachen würde? Nem, das konnte sie nicht, darum erklärte sie denn mit kurzen Worten, es thäte ihr leid, Herrn Crawford, ihren Bewerber, durch abschlägige Antwort betrüben zu müssen, allein sic habe keine Neigung zu ihm und werde auch solche niemals für ihn hegen können. Hier begannen ihre Thränen von Neuem zu fließen, war es doch gerade so, wie sie gc- r$t- Jay^er3'9e °lte Mann zog cm bitterböses Ge­sicht, rieb sich ärgerlich die Hände und schnupfte stärker als je. Oft nach dieser Zeit sand sie seine Augen auf ihr ruhen, wahrend ein sonderbares Lächeln seinen Mund umspielte

Im September besuchten sie Schottland, Herrn David­sons innig geliebte Heimath. Hier wurde er gesprächiger und ve«r°usicher. Ost erzählte er Nelly von seinen verlebten ^ugendtagen, holte auch manches romantische Ritter- und

Eine Herzensgkschichte.

Nach bem Englischen von M. I.

(3. Fortsetzung).

$errn Davibson sagte sie nichts bavon, weiß sie boch, er wurde sie belachen und verspotten, so gütig er sonst auch gegen sie handelt. Ueber das schöne Geschlecht machte er stets seine Glossen unb bezweifelte höchlichst besten thätiaen, häuslichen Sinn. Oft zeigte er ihr in ben großen Hotels Damen, deren Lebenslauf aus Putz, Vergnügen unb Eitelkeit zusammengesetzt ist, wie er versichert. Nelly behielt baher alle ihre süßen, warmen Gefühle fest verschlossen, damit kein Hauch des Spottes sie entweihen möge. Am selben Tage

^me erste, vortreffliche Proberebe hielt, befindet sich Nelly in Ouchy und der Zufall will es, daß beide leb­haft an einander denken.

Georg malt sich nach seinem Erfolge aus, wie hell und r- erglänzen würden, wenn sie bei ihm wäre:

plötzlich faßte der Gedanke- in seiner Seele Raum:Wenn sie Dir nun nicht angehören wollte, wenn Du ihr Dein Leben mcht weihen könntest, was würde dasselbe Dir dann noch werth sein?" Ein so scharfer Schmerz durchschnitt dabei sein ^erz, daß er fühlte, er könne ohne sie das Dasein nicht ^tragen. Wäre sie jetzt hier, gewiß, sie würde ja sagen, er fern, bewundert von vielleicht bedeutenderen Männern als er, würde sie standhaft bleiben?

selben Zeit sitzt Nelly in ihrem Zimmer am geöff- n Fenster unb schaut firmend in die blauen, glänzenden Au'hcn des Genfer Sees, der sich weit, weit funkelnd im sonnenttcht vor ihren Blicken ausbreitet. Sie hat der groß- rrtigen Schönheit der sic umgebenden Natur heute nicht Acht, ®nb ^aIt bebend einen Brief, durch den sic ihren ersten

I der ostasrikauifchen Colonie nicht recht vorwärts gehen will. I Die schweren Vorwürfe, welche Rochus Schmid, früher Offizier in der osiafrikaniichcn Schutztruppe, in seinem kürzlich ver­öffentlichten Merkchen über Deutsch.Ostafrika demSystem Soden" macht, decken sich nur zu sehr mit den Urthcilcn, welche schon bisher auch andere erfahrene Afrikakenner hin­sichtlich der Wirksamkeit des Herrn v. Soden in Deutsch­ostafrika gefällt haben. Der Colonialrath wird sich daher schwerlich einer Erörterung der Frage entziehen können, ob es nicht endlich Zeit sei, einem Regime, welches die ganze I Zukunft Deutschostafrikas fraglich zu machen droht, ein Ende I zu bereiten.

2le«tcftc Hadert cBta*.

Wolffs telegraphisches Eorresvondenz-Bureau.

Berlin, 24. October. DieNordd. Allg. Ztg." bcstä- I tigt, daß der Botschafter v. Schweinitz mit Rücksicht auf I feine Gesunbheit ein Abschiebsgesuch eingereicht har. I fr Berlin, 24. October. In ber heutigen Sitzung bes Colonia trat he s würben bie Localetats für Kamerun, Togo uno Sübwestafrika berathen. Bei bem Etat für j Kamerun würbe ber neu eingeführte Zoll auf Gewebe unb ^e Hebung ber Rechtspflege eingehenb erörtert. Bei bem Erat für Sübwestafrika würbe bie neu erhaltene Concession berSouth West Asrikan Company" von verschiebenen Seiten angegriffen. Eingehenb soll bies im Ausschüsse erörtert werben, ^u besten Mitgliebern Fürst Hohenlohe, Hofmann, Scharlach, I lange unb Pallizeux ernannt sinb. Bei bem Etat für Kamerun

| würbe festgestellt, baß bie Sickerung ber Grenze bes Hinter- I lanbes infolge einer Vereinbarung mit Frankreich zweifellos I sei. Die nächste Sitzung ftnbet Donnerstag statt.

Berlin, 24. October. Den Abenbblättern zufolge ist I öte Hochzeit der Prinzessin Margarethe mit dem Prinzen Friedrich Carl von Hessen auf den 25. Januar 1893 I festgesetzt worden.

, A'°"k°»burg. 24. Octobcr. Der Kaiser traf hier um 5 Uhr 25 Minuten, vom Prinzregenten aufs Herzlichste em­pfangen, ein und begab sich durch die festlich geschmückte und illumimrte Stadt nach dem Schloß, wo offizieller Empfang, dann Diner und Abends eine Vorstellung im Schloßtheater stattfand. Morgen früh 9 Uhr erfolgt der Ausbruch zur Jagd. Das Wetter ist prachtvoll. Nachmittags 3 Uhr sind der Herzog von Altenburg und der Erbgroßherzog von Weimar eingetroffen.

r S 241 Octobcr. Von gestern bis heute Abend

find 19 Personen an der Cholera erkrankt und fünf gestorben. 1 '

Liebesabenteuer aus dem Schatzkasten seines Wissens hervor, so daß sein Schützling nicht begriff, wie die Jahre ihn so buter, einsilbig und menschenfeindlich machen konnten.

So verging in raschem Flug die Zeit und crwartunqs- voll begann Nelly die Wochen bis zum Christfest zu zählen, das sie mit ben Esdailes vereinigen sollte. Ob bie Mutter fte wohl verändert finben würbe? Freilich, sie war noch etwas gewachsen unb trug sich viel eleganter tn Haltung unb Kleibung. Unb wie wollte sie bieselbe burch manche Kunst, fertigfeit überraschen, welche sie währenb bes Jahres gelernt gatte. Einen Tag nach bem anbern hoffte sie von Herrn Davidson um ihren Entschluß befragt zu werben. Sie waren längst nach Cheltenham zurückgekehrt unb Weihnachten rückte tn wenigen Tagen heran. So faßte denn Nelly ben Ent- i^lu§, ihm ihre Entscheibung kunbzuthun. Zagenb ging sie tnjein Arbeitszimmer hinunter. Da saß er, eifrig lesend, während ein bunter Shawl seine hagere Figur einhüllte. Er schaute nicht auf. Ihr Herz schlug stärker. Endlich zum Fenster gehend, begann sie:Em schöner Morgen heute, Herr Davidson?" Keine Antwort erfolgte.Vielleicht hat er mich nich! gehört," entschuldigte ihn Nelly,weiß ich doch, wie taub er manchmal ist." Dcßhalb wiederholte sie noch einmal:

Ein schöner Morgen heute."

Wirklich?" klang es zurück.

Das schien ihr doch zu arg. Schnell verließ sie das Fenster unb stellte sich entschlossen zu ihm an ben Tisch.

//Ach, Herr Davidson, nächsten Dienstag ist Heiliaabeod und da wollte ich Ihnen für all Ihre Güte danken und Sie bitten, mich nach Hause zu senden."

Langsam hob er sein Antlitz hoch, sie fragend anschauend:

. *3$ glaube nicht verstanden zu haben. Waö wünschen Sie?"

, , "Daß ich zum Weihnachtsfeste zu ben Esbailes zurück- kehren will." 0

Tagesordnung für die Sitzung der Stadverordneten Donnerstag ben 2 7. October 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Gesuch des Gabelsberger Stenographenvereins um Ueberlassung eines Saales im Realschulgebäube zur Ab­haltung eines Unterrichtscurses. 2. Gesuch ber Juliane Miller um Erlaubniß zum Bauen am Schiffenbergerweg.

Vetersbura 24 rvtnfipr I ^such &er Firma Phil. Lübeking um Erlaubniß zur

g' $n ben ^sten acht Monaten I Wasserabführung. 4. Gesuch des H. Hettler um Concessions-

«Hna^me von Anzeigen zu der Nachmittags für den I X* P ----

htgenbm Ta, ersch-m-nd-n Nummer bl, Norm. 10 Uhr. J Hratisoeilage: Die^ener Aamilienölüller.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Ettingshausen.

Nachdem die in drei Gehöften zu Ettingshausen auSge- brochen gewesene Maul- uiro Klauenseuche wieder erloschen ist, haben wir die über dieselben verhängte Sperre aufge­hoben. Zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine ist indeß die Großh. Bürgermeiste­rei Ettingshausen vorläufig noch nicht befugt. Sollen Thiere dieser Art ausgeführt werden, so ist vielmehr bis auf Weite- res em thierärztliches Gesundheitszeugniß erforderlich.

Gießen, den 24. October 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

__3- V.i Jost.__

Bekanntmachung,

betreffend Markt zu Ruppertenrod.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß wir die Abhaltung des auf den 27. l. M. anstehenden Viehmarktes zu Ruppertenrod mit Rücksicht auf die Verbreitung der Maul- rind Klauenseuche in den umliegenden Orten untersagt haben Alsfeld, den 18. October 1892.

Großherzogliches Kreisamt Alsfeld.

v. Grolmann.

Hamburg, 24. October. Gestern wurden 2 Erkrank­ungen und 2 Todesfälle angemeldct.

Karlsruhe, 25. October. Die pfälzischen Tabak­bauern votinen eine Zollerhöhung von 30 Mark als annehmbar.

Gothenburg, 24. October. Die Großherings­fischerei ist sehr reich. Samstag Nacht wurden bei Mar- strand 2000 Hectoliter gefangen. An Käufern ist großer Mangel. Ganze Wagenladungen werden über Dänemark nach Deutschland versandt.

Petersburg, 23. October. Von Ende Juli bis Ende September wurden 3919350 Hectoliter Weizen sacacn 6 335 920 im Vorjahre), ferner 1 817 720 Hectoliter Hafer (gegen 2803140 im Vorjahre) exportirt.

Locales and ^provinzielles.

Gießen, 25. October 1892.