Nr. 120
Dimstag den 24. Mai
1892
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger
Aints- ttnb 2(nj«tgeHatf für den 'Kreis <5ief$en.
Hratisöeikage: Hießener Jamikienbkätler
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Die Gießener
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Der Oießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MoniagS.
Amtlicher The»!.
Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatt-, ausgeaeben den 14. d. M., enthält i
> (Nr. 2031.) General-Acte der Brüsseler Antisclaverei- Conferenz nebst Declaration. Vom 2. Juli 1890.
Nr. 30 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 17. d. M., enthält:
(Nr. 2032.) Gesetz, betreffend die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen einberusenen Mannschaften. Vom 10. Mai 1892.
(Nr. 2033.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 7. Mai 1892.
Gießen, den 23. Mai 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 21. Mai 1892.
Betr.: Die Lebensversicherungsgesellschaft „Equitable“ in Newyork.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
O» die Grptzh. Bürgermeiftereie» des Sreises.
Wir sehen Ihren Berichten darüber entgegen, ob die rubr. Gesellschaft in Ihren Gemeinden Lebensversicherungsverträge abgeschloffen hat.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Mai. Der Kaiser unternimmt von seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte Schloß Schlobitten in Westgreußen aus täglich größere und kleinere Jagdausflüge. Der Gesundheitszustand des hohen Herrn ist trotz der Anstrengungen, welche für ihn die Festtage von Stettin und Danzig mit sich brachten, ein ganz vorzüglicher. Von Schlobitten gedenkt sich der Kaiser nach seinem neuerbauten Jagdschlösse Rominten zu begeben- die Rückkehr von Rominten nach Potsdam -dürste dann direct erfolgen.
— Die Meldungen über den angekündigten Besuch des italienischen Königspaares am Berliner Hose lauten noch immer verworren und widerspruchsvoll. Bald heißt es, der Besuch werde doch noch im Juni statt- findeu, bald wird versichert, er sei bis zum Herbst verschoben worden- ebenso widersprechen sich die Angaben über die politischen Persönlichkeiten, welche die italienischen Majestäten auf ihrer Berliner Reise begleiten sollen. Inwieweit die neulich von der „Pol. Corresp." gebrachte Berliner Meldung, wonach die Abreise des Königs Humbert und seiner Gemahlin nach Deutschland einige Tage nach dem 5. Juni, dem Tage des Versaffungsfestes der Italiener, erfolgen würde, sich als zutreffend erweist, muß offenbar auch noch abgewartet werden.
— Der Bundesrath genehmigte in seiner Plenarsitzung vom 19. d. Mts. die Beschlüsse des elsaß-lothringischen Landesausschusses, betr. den Gesetzentwurf über die Verbesserung der reichsländischen Kanäle und über die Erhebung der Schisffahrtsabgaben auf denselben, sowie betr. den Gesetzentwurf über das Notariatswesen in Elsaß- Lothringen.
— Das Pfingstfest rückt allmälig näher und hiermit wird die Frage für den preußischen Landtag: ob Sessionsschluß zu Pfingsten, ob nochmalige Vertagung, immer brennender. Weder in den Reihen der Abgeordneten, noch in den Kreisen der Herrenhausmitglieder zeigt sich eine besondere Neigung, die parlamentarischen Arbeiten noch über das Pfingstfest hinauszudehnen, aber anderseits ist noch ein recht erheblicher Arbeitsstoff zu erledigen. Namentlich ist man in den Commissionen des Abgeordnetenhauses mit den Vorberathungen der den Ausschüssen überwiesenen Vorlagen theilweise noch zurück, so daß das Plenum, um die Commissionsverhandlungen möglichst zu fördern, in voriger Woche nur zwei Sitzungen abhielt. Dabei kommt die Regierung dem Landtage noch immer mit neuen Vorlagen, u. A. ging dem Abgeordnetenhause ein abermaliger Nachtragsetat zu, welcher 286 500 Mk. als erste Rate zur Herstellung einer Wasserleitung für den Westen des oberschlesischen Industriegebietes fordert. Sonderbarer Weise tritt das Herrenhaus trft am 27. Mai zu seiner ersten Sitzung nach Ostern wieder zusammen, also wenig mehr als eine Woche vor dem Pfingst- seste, und ob da noch ein Schluß der Session vor dem Feste möglich sein wird, bleibt doch noch recht abzuwarten. Was die übrigen zur Zeit versammelten Volksvertretungen der Ginzelstaaten anbelangt, wie die Landtage von Bayern, Baden,
Braunschweig usw., so steht deren Verabschiedung bis Pfingsten wohl allseitig zu erwarten.
— Die deutschconservative Gesammtpartei ist durch das Hinscheiden Herrn v. Kleist-Retzows, des bekannten Parlamentariers, von einem empfindlichen Verluste betroffen worden, denn der nun Dahingeschiedene war einer der entschiedensten Vorkämpfer dieser Partei, zugleich aber auch eine der typischsten Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens. Herr v. Kleist-Retzow war auf seinem Stammgute Kickow in Pommern schon seit einiger Zeit erkrankt, seine Umgebung glaubte aber, daß die zähe Natur des Greises die Krankheit wieder überwinden würde, aber nun ist er derselben doch erlegen, im Alter von 78 Jahren. Hans Hugo v. Kleist- Retzow wurde am 25. November 1814 auf dem genannten Stammsitze der Retzows geboren und trat nach Beendigung seiner Studien in den preußischen Staatsdienst ein. 1844 zum Landrath des Kreises Belgard ernannt, trat er 1848 an die Spitze der streng-conservativen Partei, deren Grundsätze Kleist-Retzow 1849 bis 1852 im Abgeordnetenhause energisch verfocht. 1851 bis 1858 war er Oberpräsident der Rheinprovinz. Beim Eintritt der Regentschaft in Preußen wurde Kleist Retzow sofort seines Oberpräsidentenpostens enthoben, was ihn bewog, sich trotz feiner Berufung in das preußische Herrenhaus vom öffentlichen Leben zurückzuziehen. Erst 1877 trat er in demselben durch seine Wahl in den Reichstag seitens des Wahlkreises Halle-Herford wieder hervor und im Reichstage hat sich Kleist-Retzow bis zur letzten Stunde als ein ungebeugter Kämpe für den konservativen Gedanken erwiesen.
— Die nun erfolgten einleitenden Schritte zur Förderung des Berliner Weltausstellungs-Unternehmens scheinen das Gerücht gezeitigt zu haben, es sei nunmehr in allernächster Zeit eine Kundgebung der Regierung im Sinne des Unternehmens zu erwarten. Wie indessen aus zuverlässiger Quelle verlautet, sind die Dinge doch noch nicht so weit gediehen, die Regierung verhalte sich in der ganzen Frage vorerst neutral- erst wenn die Bildung des Garantiesonds gesichert sei, sollen Aeußerungen von maßgebender Seite in der Angelegenheit zu erwarten sein. Um so erfreulicher ist es, daß trotzdem die sondirenden Vorbereitungen zu der Ausstellung weitergehen- so hat der Berliner Architecten-Verein beschloffen, nunmehr ein Programm aufstellen zu laffen, welches für die Bewerbung um den Situationsplan einer Weltausstellung bestimmt ist.
Berlin, 21. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." theilt ein vom 20. ds. Mts. aus Karlsbad datirtes Schreiben vom Reichskanzler Grasen Caprivi als Antwort aus die Eingabe des Vorstandes des Berliner Vereins zur Förderung des Gewerbefleißes betr. derBerlinerWeltausstellung mit, worin es heißt: „Zunächst erscheine es fraglich, ob die Großindustrie überall geneigt sei, die für eine Ausstellung erforderlichen Opfer zu tragen. Auch die finanzielle Sicherung durch Privatleute und die Stadt Berlin leiste bisher nicht genügend Gewähr, um für ein Unheil be“ Regierung hinreichende Unterlage zu bieten. Die Weltausstellung würde nur dann den deutschen Export fördern, falls dieselbe glückte, während im anderen Falle der Rus der deutschen Industrie gefährdet würde. Eine Rückwirkung der Weltausstellung auf den deutschen Export ist erst dann klar übersehbar, wenn die deutschen Kaufleute aus Chicago zurückkehren werden. Die Weltausstellung fei nur zu unternehmen, wenn die Aussicht auf vollen Erfolg möglichst gesichert wäre."
Schlobitten, 21. Mai. Seine Majestät der Kaiser hat sich heute Vormittag in Begleitung des Vize-Oberjägermeisters Grasen Richard zu Dohna nach Pröckelwitz begeben, wo Allerhöchstderselbe noch einige Zeit zu verweilen gedenkt.
Köln, 21. Mai. Die „Kölnische Volkszeitung" meldet, der Gesammt-Ueberschuß der Saarkohlengruben vom 1. April 1891 bis zum 1. April 1892 betrage 7,946,417 Mk. gegen 12,839,387 Mk. des Vorjahres. Der Durchschnitt der Kohlenpreise sank von 11.20 auf 9.80 Mk. pro Tonne.
In der Strafsache
gegen den Redacteur Adam Scheyda zu Gießen und den Schriftsetzer Hermann Elle daselbst wegen Beleidigung hat das Großherzogl. Schöffengericht zu Gießen am 22. April 1892 für Recht erkannt: die Angeklagten 1) Adam Scheyda zu Gießen, geboren zu Ehrenbreitstein am 8. October 1846, verheirathet, katholisch, Buchdruckereibefitzer und verantwortlicher Redacteur des „Gießener Anzeigers", 2) Hermann Elle zu Gießen, geb. zu Raitzhain in Sachsen-Altenburg am 31. Mai 1854, verheirathet, evangelisch, Schriftsetzer, werden des Vergehens der Beleidigung im Sinne des § 185 des Strafgesetzbuchs schuldig erkannt und deshalb verurtheilt: Scheyda in eine Geldstrafe von 20 Mark, welche im Falle der Uneinbringlichkeit mit vier Tagen Gesängniß zu verbüßen ist,
Elle in eine Geldstrafe von 15 Mark, welche im Falle der Uneinbringlichkeit mit drei Tagen Gesängniß zu verbüßen ist, sowie beide in die Kosten des Verfahrens unter Gesammt- verbindlichkeit für die Auslagen. Zugleich wird der beleidigten Militärbehörde die Besugniß zugesprochen, den entscheidenden Theil dieses Urttzeils binnen vier Wochen nach Eintritt der Rechtskraft auf Kosten der Angeklagten im „Gießener Anzeiger" bekannt zu machen.
gez.: Kullmann, Marx.
Die Richtigkeit der Abschrift der Urtheilssormel wird beglaubigt und die Vollstreckbarkeit des Unheils bescheinigt.
Gießen, den 19. Mai 1892.
Glässing, Gerichtsschreiber des Großherzogl. Amtsgerichts.
2luslanö.
Paris, 21. Mai. Der Kriegsminister Frey einet hat dem Ministerrathe eine Vorlage unterbreitet, nach welcher die Dauer des Dienstes in der Reserve der activen Armee von sieben auf zehn Jahre erhöht, die Dauer des Dienstes in der Territorialarmee aber um drei Jahre verringert wird, während bezüglich der Uebungszeiten keine Aenderung eintreten soll. Die Maßregel bezweckt, die gemischten Regimenter, welche gegenwärtig aus einem Bataillon der activen Armee und zwei Bataillonen der Territorialarmee zusammengesetzt sind, künftighin aus Soldaten der activen Armee und der Reserve der activen Armee zu formiren.
New York, 21. Mai. Die Hochwässer in den Thälern des Missisippi und des Missouri haben zu fallen begonnen. In St. Louis und den benachbarten Gegenden allein wird der angerichtete Schaden aus 11 Millionen Dollars geschätzt.
Neueste Uacbricbten.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 22. Mai. Das „Tageblatt" hört auß sicherer Quelle, daß die Ernennung des Geheimen Oberfinanzraths und Mitglieds des Reichsbankdirectoriums v. Könen zum Präsidenten des Reichspatentamtes in kürzester Frist bevorstehe.
Berlin, 22. Mai. Die „Post" hält ihre im vorigen Monat gegebenen Mittheilungen über die in Ausarbeitung begriffene Militärvorlage aufrecht. Das Blatt hat Grund zur Annahme, die Behandlung der Sache sei bereits bei Feststellung der Einzelheiten und der damit unumgänglich verbundenen Confequenzen angelangt. Die Vermehrung um- saßt nur taktische Einheiten der Fußtruppen, diese aber im umfangreichsten Maßstabe, entsprechend den Andeutungen deS Reichskanzlers im Reichstag über die Ausnützung der steigenden Bevölkerungsziffer zur Stärkung der Wehrkraft. Jede Aus- stellung höherer Stäbe unterbleibt. Von Bildung neuer Armeecorps sei keine Rede. Der allmälige Uebercang zur zweijährigen Dienstzeit mit Ausschluß der berittenen Waffen steht in Aussicht, jedoch ist es nicht ausgeschloffen, daß für Leute mangelhafter Führung oder ungenügenden Ausbildungsgrades ein Retentionsrecht für das dritte Jahr aufrecht erhalten bleibt. Die Folgen der in Aussicht stehenden Maßnahmen erstrecken sich über das ganze Reich.
Eisenach, 22. Mai. Nationalliberales Parteifest. Die Feier des 25jährigen Bestehens der Partei ist zahlreich besucht, viele Abgeordnete, darunter Bennigsen, werden für heute erwartet. Die Stadt ist festlich geschmückt. Gestern Nachmittag 5 Uhr sand die Enthüllung der Gedenktafel für die Gründung des Nationalvereins am 14. August 1859 in der „Phantasie" statt. Nach einer Ansprache Weele- manns-Eisenach hielt Eckard-Mannheim die einleitende Festrede. Dieselbe wurde begeistert ausgenommen, namentlich der Bismarck feiernde Theil der Rede. Breithaupt-Gotha brachte das Hoch auf das Vaterland aus. Gestern Abend sand ein Commers statt. Die Festversammlung tagt heute.
Mannheim, 23. Mai. Der heute hier stattfindende Parteitag der deutsch-freisinnigen Partei Süd- Westdeutschlands war aus Baden, Hessen, der Pfalz, Frankfurt und Naffau stark besucht. Viele Reichstags- und Landtagsabgeordnete waren erschienen. Unter stürmischem Beifall hielt Eugen Richter in einer öffentlichen Versammlung einen politischen Vortrag.
Paris, 23. Mai. Die Untersuchung ergab, daß die letzten Brände böswillig angelegt waren. In Lacn zerstörte eine Feuersbrunst die Wersten.
Melbourne, 23. Mai. Der Frauenmörder De em ing wurde vorgestern Morgen hingerichtet.
Eisenach, 23. Mai. Spät Abends kam von Seiner Majestät dem Kaiser aus Pröckelwitz an Marquardseu


