Str. 221 Erstes Blatt Donnerstag den 22. September
1892
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Verwaltung des Rentamts Gießen.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, Daß durch Verfügung Großh. Ministeriums der Finanzen, Abtheilung für Forst-und Cameralverwaltung vom 12. d. M. dem Großh. Steuer-Assessor Welcker die Verwaltung des Großh. Rentamts Gießen während deffen Erledigung mit Wirkung vom 16. d. M. übertragen wurde.
Gießen, den 19. September 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Neueste
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 20. September. Wie die „Nationalzeitung" hört, hat das Aeltesten-Collegium der Berliner Kaufmannschaft in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, in den Börsensälen Sammellisten für Hamburg aufzulegen und die eingebunden Beträge dem Berliner Hilfs - Comite, welches vom Bürgermeister Zelle ins Leben gerusen wurde, zu überweisen.
Haag, 20. September. Die Königin-Regentin eröffnete die General st aaten mit einer Thronrede, in welcher betont wird, 8ic Beziehungen zum Auslande seien die freundschaftlichsten. Die Ernte sei eine gute, der Stand der Landwirthschast ein günstiger, .der Stand des Handels,
Deutscher Reich.
Berlin, 20. September. Der Kaiser beabsichtigt, am Donnerstag Abend von Potsdam aus^Aach seinem Jagdschlösse Rominren in Ostpreußen abzureisen, um daselbst einen mehrtägigen Jagdausenthalt zu nehmen. Genau ist jedoch der Tag der Rückkehr nicht bekannt.
— Sultan Abdul Hamid erhielt anläßlich seines 50. Geburtstages (22. September) vom Kaiser Wilhelm ein eigenhändiges, sehr herzlich gehaltenes Glückwunschschreiben.^ Der Vorgang bekundet erneut die Innigkeit der zwischen den beiden Herrschern bestehenden persönlichen Beziehungen, die durch den Besuch Kaiser Wilhelms in Constantinopel an- geknüpst wurden.
— Die Comödie der Irrungen in den Zeitungs- mcldungen über die neue Militärvorlage geht noch immer listig weiter. Das allerneueste Verwandlungsstück in dieser Angelegenheit ist die „authentische" Meldung des ,,Berl. Tagebl.", wonach sämmtliche über das Schicksal der Militärvorlage verbreiteten Nachrichten, soweit es sich um die jüngste Berathung des preußischen Staatsministeriums handelte, ungenau seien. Das Staatsministerium habe sich in dieser Sitzung hauptsächlich mit den Einzelheiten der weiteren Steuerreform beschäftigt und dieselben schließlich einstimmig genehmigt. lieber die neue Militärvorlage jedoch sei im preußischen Staatsministerium noch gar nicht verhandelt worden, sie sei überhaupt noch nicht weit gediehen, so daß man bisher nicht einmal die Vorverhandlungen in dieser Frage zum Abschluß habe bringen können. — Es scheint allerdings, daß die so lange angekündigte Militärvorlage keineswegs schon fast bis zum „Tipserl aus dem i" fertig ist, wie viele Zeitungen wissen wollen. Vielmehr muß man anoehmen, daß der Entwurf bis zu seiner Vorlegung im Bundesrathe noch bedeutende Schwierigkeiten zu überwinden haben wird, die eben so wohl nach der milttärisch-technischen, wie nach der .finanziellen Seite hin liegen. Unter solchen Umständen muß die Frage, wann der Entwurf wohl an den Reichstag gelangen werde, bis aus Weiteres noch als müßig gelten.
— Eine Neuerung tritt diesen Herbst beim deutschen Heere in Kraft. Es soll bei jedem der 18 Armeecorps eine größere Anzahl Offiziere und Jntendanturbeamten als Dolmetscher für den Kriegsfall ausgebildet werden. Für die Heerestheile östlich der Elbe wird Russisch und Polnisch angestrebt, für die übrigen in erster Reihe das Französische. Jedes General-Commando erhält einen unter die verschiedenen Garnisonen zu vertheilenden „Sprachstudieusonds", um die Kosten des Unterrichts der künftigen Dolmetsch Offiziere zu bestreiten. Ende März jedes Jahres bestimmt der Ches des Großen Generalstabes die Prüsungsaufgaben, die in einem Aufsatz und einer Übersetzung in die betreffende Fremdsprache bestehen, woraus dann das mündliche Examen in Converscuion folgt. Alle fünf Jahre ist die Prüfung von allen Dolmetschern zu wiederholen. Hervorragend begabte Dolmetscheroffiziere können eine Reisebeihilfe für das Ausland beanspruchen.
der Schifffahrt und der Industrie ein mittelmäßiger, der Gesundheitszustand ein zufriedenstellender, da die asiatische Cholera bisher keine große Ausbreitung erlangt habe. Die Thronrede kündigt dann Wahlreformen für die General- und Provinzialstaaten an, sowie Reformen, betreffend die Gewerbesteuer, und Gesetzentwürfe, betreffend die Organisation der Armee und die Verstärkung der Marine, ferner sociale Reformen, für Indien Reformen, betreffend die Finanzen, und Maßnahmen, betreffend den Kaffeeanbau und die Ausbeutung der Bergwerke.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 20. September. Das „Berl. Tagebl." meldet, in Preußen werde eine nicht unerhebliche Vermehrung des Richter st andes vorbereitet.
Berlin, 21. September. Sicherem Vernehmen nach trifft die Nachricht von einer mehrtägigen Reise des Kaisers nach Wien zu.
Berlin, 21. September. Der „Voss. Ztg." zufolge sollen die von Sachverständigen abgegebenen Urtheile sich gegen eine stärkere Besteuerung des Börsenverkehrs richten, weßhalb letztere vorläufig von Seiten der Regierung abseits gelegt worden sei.
Wien, 20. September. In Folge der Ermordung des Tarnopoler Gymnasial-Prosessors durch einen Schüler wurden vorläufig die römisch-katholischen und griechisch-katholischen Religionslehrer pensionirt.
Wien, 20. September. Kaiser Wilhelm wird hier zu einem mehrtägigen Besuch am 10. October erwartet. Der Kaiser soll das Schönbrunner Schloß bewohnen. Der Besuch hängt von dem Gu r.^beitszustande in Deutschland und Oesterreich ab.
Rom, 21. September. Die Feier anläßlich des Jahrestages der Befreiung Roms ist glänzend verlaufen. Am gestrigen Nachmittag legten der Gemeinderath, Offiziere und Deputationen Kränze auf das Grab Victor Emanuels im Pantheon nieder. Hieraus fand ein Empfang der Deputationen an der Porta Pia statt. Der Bürgermeister hielt eine Rede und verlas ein Telegramm des Königs, worin es heißt: „Noch freudig bewegt von den Festen in Genua, erhalte ich den Gruß von Rom, der an seine Befreiung erinnert. In den vergangenen Festen sah die Nation wie ich nicht nur eine Huldigung für das junge Italien, sondern die Weihe der unauflöslichen Einheit Italiens, das Unterpfand des Friedens, welcher durch den Austausch loyaler Gefühle gekräftigt werde."
Alexandria, 20. September. Der Nil steigt besorgniß- erregenb; er durchbrach Dämme an mehreren Stellen. Der Eisenbahnverkehr ist theilweise unterbrochen.
Darmstadt, 21. September. Die „Darmstadter Ztg." meldet die gestern stattgehabte Vermählung des Prinzen Heinrich mit der bisherigen Hossängerin Milena. Die Neuvermählten werden außerhalb Hessens ihren Wohnsitz nehmen.
Die Cholera.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht in seiner Nummer vom Montag Abend ein sehr bemerkenswerthes Gutachten der Choleracommission des kaiserlich en Gesundheitsamtes. Nach demselben ist die Cholera, wie die bisherigen Erfahrungen hierüber lehren, noch niemals durch andere Maaren als diejenigen verbreitet worden, deren Einfuhr aus verseuchten Gebieten schon jetzt regierungsseitig verboten worden ist. Auch bei der gegenwärtigen Hamburger Choleraepidemie habe man bislang die gleichen Erfahrungen gemacht. Unter Hinweis auf dieses Gutachten bezeichnet der „Reichsanzeiger" die Versuche, sich von dem Waarenverkehr mit Choleraorten abzusperren, als durchaus ungerechtfertigt und meint, die wirksamste Hilfe für Hamburg würde darum in der Wiederaufnahme der alten Handelsbeziehungen in ganz Deutschland bestehen, man solle dieselben doch nicht durch eingebildete Gefahren noch mehr schädigen.
Da noch immer Verschleppungen der Cholera aus Hamburg nach verschiedenen Punkten des Reiches durch vereinzelte Personen stattfinden, so sind verschiedene größere Festlichkeiten der nächsten Zeit mit voraussichtlich starkem Menschenandrang in Frage gestellt. Dies gilt namentlich von dem großartigen historischen Festzug, der in Weimar am 9. October anläßlich der goldenen Hochzeit des Groß- herzoglichen Paares in Scene gehen soll. Da aber in Erfurt und auch in Weimar Cholerafälle vorgekommen sind, so ist der Wegfall des Festzuges bestimmt worden, sobald sich noch weitere Cholerasälle im Großherzogthum Weimar oder in den angrenzenden Gebieten ereignen sollten. Andererseits indessen wird doch das Münchener Octoberfest stattfindeu, ebenso ist
das für das Königreich Sachsen aus Anlaß der Choleragefahr ergangene Verbot des Abhaltens von Kram- und Viehmärkten wieder aufgehoben worden. Es machen sich sogar Stimmen laut, nun auch die Abhaltung der Leipziger Michaelismesse vom 3. October ab zu gestatten und sind die Leipziger Meßinteressenten in diesem Sinne bereits vorgegangen. Hoffentlich vergißt man an den leitenden Stellen aber nicht, daß gerade der September mit zu den gefährlichsten Choleramonaten gehört.
— Dem Kais erlichen Gesundheitsamt vom 19. bis 20. September, Mittags, gemeldeie Cholera-Erkrankungs- und Todesfälle:
Staat und Bezirk
O r t
Datum
16./9.
17./9.
18/9.
19./9.
- 5
- 5
erkrankt
gestorben
erkrankt
gestorben
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L | cx>
L a
Hamburg
Hamburg
276 136
286 127
241
115
206
105
Preußen
Schleswig
Altona
10 3
10 4
20
7
17
8
Wandsbeck
3 2
1 1
—
—
2
2
Stettin
Stettin
1 -
1 1
—
1-
4
1
Vereinzelte Erkrankungen:
Regierungsbezirk Lüneburg: in der Stadt Harburg und in drei Orten des Landkreises Harburg und Lüneburg 4 Erkrankungen, 1 Todesfall.
Regierungsbezirk Stade: in einem Orte des Kreises Kehdingen 1 Todesfall.
Berlin: 2 Erkrankungen, 1 Todesfall (älterer Bruder Woytkowski und Pohl, bezw. Trempler).
Regierungsbezirk Potsdam: in Wittenberge 1 Erkrankung.
Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin: in der Stadt Ludwigslust 1 Todesfall.
Berlin, 20. September. Im Lause des Nachmittags bis zum Abend sind acht sehr Choleraverdächtige in Moabit eingeliefert. Davon ist ein Kind gestorben.
Berlin, 20. September. Das Eisenbahnministerium erwägt die Frage, ob es nicht nöthig sei, angesichts der Choleragefahr auf den Bahnhöfen die Trinkbrunnen zu schließen.
Hamburg, 20. September. Der Gesammtbetrag der bisherigen Sammlungen für die Nothleidenden Hamburgs übersteigt 1200000 Mark.
Hamburg, 21. September. Bis jetzt sind insgesammt über 7000 Menschen an der Cholera gestorben. — Das Wasser der Elbe bei Wittenberg enthält nach Untersuchung des Kreisphysikus Dr. Haustein Kommabacillen. — Nach Erklärung des Ministers des Innern ist Harburg nicht verseucht.
Hamburg, 20. September. Sämmtliche hierher beorderte Militärärzte haben die Krankenhäuser verlaßen. Die Feldlazarethe wurden geräumt, weil sie bei der rauhen Witterung für die Cholerakranken ungeeignet erscheinen.
Swinemünde, 21. September. Nachdem in Ueckermünde ein Todesfall infolge Cholera asiatica amtlich festgestellt ist, macht der hiesige Magistrat bekannt, daß hier bis heute zwei Personen unter verdächtigen Symptomen erkrankt und zwei gestorben sind.
Brüssel,21. September. Eine fortschreitende Besserung ist eingetreten. Die noch in den Hospitälern liegenden Kranken sind außer Gefahr.
Paris, 21. September. Es ist eine erhebliche Besserung eingetreten.
Locale» «nd provinzielles.
Gießen, 21. September 1892.
— Von der Universität. Herr Professor Dr. Gassky hat sich, einer Aufforderung des Reichskanzlers Folge leistend, mit Bewilligung Großh. Ministeriums gestern für längere Zeit nach Hamburg begeben, um dem Senate daselbst in Bekämpfung der Epidemie und Assanirung der Stadt zur Seite zu stehen. — Der außerordentliche Professor der Chemie Dr. Beckmann hat einen Rus als ordentlicher Professor nach Erlangen erhalten.
— Die Lehrer und die Jagd. Das Großherzogliche Ministerium hat Anweisung gegeben, den Volksschullehrern nur dann Jagd Pässe auszustellen, wenn die Kreisschulvisitatoren .bei den Prüfungen nur sehr günstige Resultate festgestellt haben und wenn die familiären Verhältnisse der betreffenden Lehrer wohlgeordnete sind.


