Nr. 142
Mittwoch den 22. Juni
1892
Der frit|taer Anzeiger erscheint täglich, wtt Ausnahme bei Montags.
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Hicheiier Anzeiger
Keneral-Anzeiger.
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Amts- und Anzei§sl>lutt föt? den 'Kreis Gieften.
folgenden Tag erscheinenden K \ Hratisbeikage: Kietzen er Kamitienötatter. ! I“e,
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Anrtlichev Theil.
Bekanntmachung,
Amtstage des Großherzoglichen Kreisamts Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird
Samstag den 2. Juli 1892
von Bormittags 8 Uhr an
einen Amtstag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingesessenen aus den Amtsgerichts. Bezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubringen.
Gießen, den 20. Juni 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. __________
Gießen, den 20. Juni 1892. Betr.: Wie vorher.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni. Dem Bundesrathe ist das zwischen )em Deutschen Reiche und der Schweiz abgeschlossene Abkommen, betreffend den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz, nebst der hierzu gehörigen Denkschrift vorgelegt vorden. Die Annahme des Abkommens Seitens des Bundes- :athes ist selbstverständlich.
— In der jüngsten Plenarsitzung des Bundesrathes st der vom Reichstage mit den Stimmen des Centrums und Der beiden konservativen Fraktionen am 20. Januar 1890 angenommene Gesetzentwurf, welcher die Einführung des Befähigungsnachweises.im Handwerk unter gewissen Einschränkungen ausspricht, nach eingehender Berathung abgelehnt worden. Im Anschlüsse hieran wurden die Eingaben, welche die Wiedereinführung des Befähigungsnachweises im Baugewerbe befürworteten, ebenfalls abgewiesen. Mit diesem seinem Votum hat der Bundesrath endlich den genannten Reichstagsbeschluß in Sachen des Befähigungsnachweises, nachdem die genannte Körperschaft die Entscheidung hierüber also beinahe zweiundeinhalbes Jahr vertagt gehabt, definitiv zurückgewiesen. Man darf wohl annehmen, daß angesichts einer solchen bestimmt abweisenden Stellungnahme des Bundesrathes die Bestrebungen, welche dem Handwerke durch solche künstlichen Wiederbelebungsmittel, wie es ohne Zweifel der geforderte Befähigungsnachweis ist, aushelsen wollen, nunmehr für längere Zeit zur Ruhe kommen werden.
Berlin, 20. Juni. Amerikanische Zeitungen veröffentlichen die Schätzung, welche die Behörden der Columbischen Weltausstellung in Chicago neuerdings über die durch Diese Ausstellung voraussichtlich erwachsenden Ausgaben aufgestellt haben. Darnach rechnet man, nach der höheren Schätzung, aus eine Gesammtausgabe von 22476 000 Doll., ö. h. nahezu 95000000 Mk., während eine niedriger gegriffene Berechnung, zu welcher man durch Einschränkungen ruf verschiedenen Gebieten gelangt, eine Gesammtsumme von 19319088 Doll., gleich etwa 82 000000 Mk., ergeben hat.
Neneste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 20. Juni. Abgeordnetenhaus. Am Ministertische die Minister Gras Eulenburg, Bötticher, Miquel, Bosse und Herrsurth. Der Abgeordnete Dr. Sattler begründete zunächst seine Interpellation bezüglich der Hostheater- frage und schilderte die in Hannover, Cassel und Wiesbaden herrschende Besorgniß hinsichtlich der erwarteten Aenderung in der Stellung der dortigen Hostheater, sowie die Bedeutung der letzteren für das Kunstleben der betreffenden Städte. Eine Aeußerung König Wilhelms L, welche sich auf die Erhaltung der Hostheater bezieht, wurde dabei vom Redner :itirt. Die Angelegenheit berühre, hob Dr. Sattler hervor, nicht nur das Hausministerium, sondern auch die Staatsregierung. Die Unzufriedenen in Hannover benutzten nämlich Die Angelegenheit zur Agitation gegen Preußen, indem sie behaupteten, daß die bisherigen Zuschüsse aus dem Welsen- vnds geflossen seien. Die Theatergebäude in Hannover und
Cassel seien überdies im Besitz des Staates. Ministerpräsident Gras Eulenburg erklärte in seiner Antwort, der Regierung sei die Klarstellung der Frage erwünscht. Die jetzigen Zuschüsse überstiegen übrigens, was jemals für diese Theater nöthig gewesen sei. Der Minister des Königlichen Hauses plane die Verhandlungen in wohlwollendstem Sinne in der Richtung zu führen, daß die Verwaltung von den Städten übernommen würde. Die Zuschüsse sollten weitergezahlt werden, soweit es mit den Mitteln der Krondotation in Ver- hältniß stehe. Die Staatsregierung werde die Angelegenheit nicht aus den Augen verlieren, lieber die Antwort des Ministers entspann sich hierauf eine Debatte, an welcher sich die Abgeordneten Enneccerus, Wallbrecht und Lieber beteiligten. Abgeordneter Enneccerus erkannte zwar an, daß nach der Erklärung des Ministerpräsidenten die Gefahren für das Fortbestehen der Theater beseitigt seien, pflichtete im Uebrigen aber den Ausführungen des Abgeordneten Sattler bei und sprach die Hoffnung aus, daß die Regierung ihr Wort von 1875 einlöse und die Theater nicht in Verfall gerathen lasse. Abgeordneter Wallbrecht hofft, daß die Verhandlungen zu einem günstigen Ergebniß führen werden. Auch der Abgeordnete Brandenburg spricht sich im Allgemeinen-im Sinne der Interpellation aus, ohne sich geradezu auf die Seite der Interpellanten zu stellen. Abgeordneter Richter würde es für einen Fortschritt halten, wenn die betreffenden Theater zu selbständigen Instituten gemacht würden. Gras Limburg erklärte sich mit der Interpellation einverstanden, die Erklärungen des Ministerpräsidenten würden beruhigend wirken. Der Abgeordnete Sattler ergriff hierauf noch einmal das Wort und rief den betheiligten Städten zu: „Habt Acht." Der Antrag aus Schluß der Diskussion wurde angenommen und der Gegenstand damit erledigt. ‘ Nach längerer Debatte wurde sodann das Gesetz betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Schulen in der Fassung des Herrenhauses angenommen. Die nächste Sitzung ist noch nicht anberaumt.
Berlin, 20. Juni. Der „Reichsanzeiger" schreibt anläßlich des Besuches des italienischen Königspaares: Möge der Aufenthalt in Potsdam den Majestäten von Neuem die Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit der freundschaftlichen Gesinnungen in Deutschland verschaffen, wie er sicherlich auch bei den Nationen, die den friedlichen Bestrebungen ihrer Monarchen im Innern und nach Außen mit hingebendem Vertrauen folgen, zum Heile gereichen wird.
Berlin, 20. Juni. Der Magistrat bewilligte 10,000 Mk. zur Ausschmückung der Straßen, durch die König Humbert Mittwoch nach der Rückkehr vom Schießplätze bei Jüterbog aus dem Wege vom Anhalter Bahnhose nach dem königlichen Schlosse fährt.
Wildpark, 20. Juni. Zum Empfange des Königspaares von Italien waren auf dem Bahnhose der Kaiser, die Kaiserin, Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold, Prinz Albrecht, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen, der Erbgroßherzog von Baden, der Erbprinz von Hohen- zollern, der Reichskanzler, Staatssekretär Marschall, Botschafter Solms, zahlreiche Generäle, Generaladjutanten und Flügeladjutanten, sowie der Polizeipräsident und der Stadtkommandant von Potsdam anwesend. Um 6 Uhr 52 Min. lies der königliche Sonderzug ein. Der Kaiser in der Uniform des 1. Garderegiments mit dem Annunciatenorden trat an den Wagen heran, dem König Humbert in der Uniform des hessischen Husarenregiments entstieg. Beide Monarchen umarmten und küßten sich zweimal. Sodann entstieg dem Wagen die Königin Margherita- der Kaiser küßte dieselbe zweimal aus die Wange und geleitete sie nach dem Empfangssalon, wo die Kaiserin mit der Prinzessin Friedrich Leopold sich befand. Hier küßte der König Humbert die Kaiserin und die Kaiserin die Königin- ebenso küßte König Humbert die Prinzessin Friedrich Leopold. — Der König von Italien begrüßte sodann besonders herzlich den Herrn Reichskanzler und den Staatssekretär Freiherrn v. Marschall, während der Kaiser sich dem Gefolge des Königs zuwendete. Der Reichskanzler Graf v. Caprivi tauschte mit dem italienischen Minister des Auswärtigen, Brin, die herzlichsten Begrüßungen aus, beide schüttelten sich wiederholt die Hand. Aus dem Bahnhose stand eine Compagnie des Garde-Jäger-Bataillons mit Musik, die bei der Einfahrt des Zuges die Königssansare spielte. Daraus schritt der Kaiser mit dem Könige die Front der Ehreneompagnie unter den Klängen des italienischen Königs- Marsches ab, wobei der Vorbeimarsch erfolgte. Die Kaiserin und die Königin Margherite standen in der Thür des Salons, dort folgte auch die Vorstellung der anwesenden Prinzen. Sodann bestiegen der Kaiser und König Humbert einen offenen Vierspänner. Ein Zug Husaren mit Standarte und dem Trompetercorps an der Spitze eröffnete den Zug. In einem
I zweiten offenen Vierspänner fuhren die Kaiserin und die Königin. Ein Zug des Leibgarde Husaren-Regiments bildete den Abschluß. Das zahlreich versammelte Publikum begrüßte die Herrschaften Mit zahlreichen Hochrufen. Von der Wildparkstation bis zum Neuen Palais bildeten das Lehrinsanterie- Bataillon und die Unteroffizierschule Spalier. Vor dem Neuen Palais stand die Leibcompagnie des 1. Garderegiments, in die der Kronprinz eingereiht ist, mit dem Musikcorps. Im Innern des Neuen Palais war die Galawache des Regiments Gardes- du-Corps mit dem Trompetercorps, der zweite Zug der Leib- gensdarmerie und die Schloßgarde-Compagnie mit der Fahne, sowie Posten der Leibgensdarmerie ausgestellt. Abends 8 Uhr findet Abendtasel statt.
Essen, 20. Juni. Der „Rhein-Westsäl. Zeitung" zufolge lehnte die Beschlußkammer des Landgerichts Essen die Eröffnung des Hauptversahrens gegen Baare und die Ingenieure Bering und Gremme ab.
Aachen, 20. Juni. Eingegangener Meldung zufolge stieß heute Vormittag bei Lindern der Schnellzug nach Berlin mit einem Rangirzuge, vermuthlich in Folge falscher Weichenstellung, zusammen. Mehrere Passagiere wurden erheblich verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend.
Metz, 20. Juni. Bei dem Grenzorte Cheminot landete gestern ein Luftballon mit zwei von Tont kommenden französischen Offizieren, der durch den Wind über die Grenze getrieben worden war. Nach Feststellung des Tatbestandes sind die Offiziere nebst dem Ballon über die Grenze zurück- gekehrt.
Newyork, 20. Juni. Dem „Herald" zufolge sind die Truppen des Präsidenten Palacio in der letzten Schlacht westlich von Caracas gänzlich von den Ausständischen zersprengt und 800 davon gefangen worden. Der Einzug des Generals Crespo in Caracas werde stündlich erwartet.
Chicago, 20. Juni. Palmer von Illinois ist in der Bewerbung um die Präsidentschaft zu Gunsten Clevelands zurückgetreten. Letzterer erhält daher auch die Stimmen von Illinois, was bisher zweifelhaft war.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 20. Juni. Die „Post" erklärt bezüglich der neuen Militärvorlagen, die Verkürzung der gesetzlichen Dienstpflicht bedinge eine Erhöhung des Präsenzstandes um 63000 Mann mit 60 Millionen Mehrkosten. Außerdem eine Vermehrung und Ausbildung des Personals, demnach bei 173 Infanterie-Regimentern eine Neubildung der Stammbataillone mit weiterer Erhöhung des Etats. Das Blatt kündigt fernere Mittheilungen für die übrigen Waffengattungen an.
Berlin, 20. Juni. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht eine Cabinetsordre vom 3. Juni, welche die Farben für die Provinz Hessen-Nassau bestimmt und zwar für die Provinz Roth-Weiß-Blau, »für den Bezirksverband Kassel Roth-Weiß, Bezirksverband Wiesbaden Blau-Orange.
Berlin, 21. Juni. Den „Bert. Pol. Nachr." zufolge haben nur wenige Städte mit Königlicher Polizei, darunter Berlin, bisher von der Besugniß Gebrauch gemacht, eine Wohlfahrtspolizei unter eigener Verwaltung zu erlangen. Sobald einige schwierige Fragen hierüber gelöst sind, soll hierüber mit den betreffenden Stadtgemeinden in Unterhandlung getreten und demnächst die im Polizeikostengesetze vorgesehene anderweite Abgrenzung der Zuständigkeit der Königlichen städtischen Polizei durch Reglements herbeigeführt werden.
München, 20. Juni. Gutem Vernehmen nach tritt im Herbst die Retchscommission zur Vereinbarung der Grundzüge der Reichs-Militär st rafproceßordnung zur Schlnß- berathung in Berlin wieder zusammen.
Wien, 20.Juni. Der Empfang Bismarcks verlief aus dem polizeilich abgesperrten Perron der Nordwestbahn ruhig. Ein Vertreter der deutschen Botschaft war nicht anwesend. Eine unbekannte Dame überreichte dem Fürsten einen Blumenstrauß und verschwand dann sehr eilig. Der Empfang außerhalb des Bahnhofs verlies äußerst lärmend. Durch Absperrung der Straßen versuchte die Polizei Demonstrationen vor dem im Centrum der Stadt liegenden Palais Palffy zu verhindern. Die Demonstranten widersetzten sich der Polizei, worauf diese mit der blanken Waffe einschritt. Bismarck wurde auch in Teschen, Jglau und Znaim lärmend begrüßt. Der Fürst unterhielt sich wiederholt in lebhafter Weise mit dem Publikum.
Wien, 20. Juni. Bismarck lehnte den Empfang aller Deputationen ab. Um Demonstrationen zu verhüten, wird die Fahrt der Hochzeitsgäste nicht korporativ erfolgen. Als Brautführer fungiren: Erbprinz Hohenlohe, Botschaftssekretär


