Ausgabe 
22.4.1892
 
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Nr. 93

Freitag den 22. April

1892

Jltttis« und Anzeigeblutt für den 'Kreis Gie^eir.

HratisSeitage: Hießener JamilienMtter.

Amtlichev Theil

Alle Annoncen-Vureaux M Ja- und Auslandes nebmeu Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für bee folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn, 10 Uhr.

urkunden können die Wir empfehlen büchern gemäß dem

zu bestreiten fein werden. Rechnungs- Buchführung nicht ersetzen.

Ihnen daher die Führung von Kaffe- oben angeführten Ministerialamtsblatt.

v. Gagern.

Vierteljähriger Aöonnemeulspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchnkstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Neueste Nachrichten.

L)oiffS telegraphÜcheS Lorre^pondmz-Bureau.

Berlin, 20. April. DerReichsanzeiger" publicirt das Uebereinkommen zwischen dem Reich und den amerika­nischen Unionsstaaten über den Schutz der Urheber­rechte.

Berlin, 20. April. Der Colonialrath ist heute zusammengetreten. In der Berathung wurde die Nothwendig- keit anerkannt, Einheitlichkeit bezüglich der Sprechweise und Schreibweise der geographischen Namen schleunigst herbeizu- sühren. Der Colonialrath entschied mit geringer Mehrheit, die Regelung sei von einer besonderen, durch den Reichs­kanzler zu berufenden Sachverständigen Commission zu treffen.

Berlin, 20. April. Der Colonialrath beschäftigte sich im Fortgang seiner Sitzung mit der Sclavereifrage und hielt eine umfassende Darlegung der in den Schutzgebieten thatsächlich bestehenden Zustände für erforderlich. Die Be­hörden in den Schutzgebieten sollen zu dem Ende an der Hand eines Fragebogens, unterstützt von den Missionen, zu erschöpfender Berichterstattung veranlaßt werden. Die Fest­stellung des Fragebogens soll durch den Ausschuß des Colonial­raths erfolgen. Morgen wird das Zollwesen in Deutsch- ostafrika berathen werden.

Berlin, 20. April. Heute ,'wurde im evangelischen Missionshause der Dritte evangelische sociale Con- greß eröffnet. An der Feier nahmen 300 Personen Theil, welche Oeconomierath Robbe aus Riedertopsstädt begrüßte. Professor Adolf Wagner wurde wieder zum Ehrenpräsidenten gewählt. Während der Erörterung des ersten Gegenstandes

Gießen, 20. April 1892.

Betreffend: Die Vertilgung der Raupennester.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofth. Bürgermeistereien bezw. Local­polizeibeamten des Kreises.

Soweit Sie unserer Verfügung vom 6. Februar l. I. Krersblatt Nr. 34 noch nicht entsprochen haben, er­innern wir Sie an baldige Erledigung.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. April. Das Präsidium des deutschen Handels tag es trifft Vorbereitungen zur Bildung eines Webtausstellungs-Comites, indem es demnächst Ein­ladungen an Notable des deutschen Handelsstandes'erlassen wird.

Gießen, 14. April 1892. Betreffend: Die Buch- und Rechnungsführung der Kranken­kassen und örtlichen Stellen bei der JnvaliditätS- und Altersversicherung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an sämmtliche mit Erhebung der Beiträge be­trauten Stellen des Kreises.

Da wir die Wahrnehmung gemacht haben, daß Ihrerseits vielfach eine Kaffenbuchführung der Jnvaliditäts- und Alters­versicherung (vergl. Amtsblatt Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 12. December 1890 unter Ziffer 3, abgedruckt im Anzeiger Nr. 301 von 1890) nicht stattfindet, sind wir veranlaßt, Ihnen Folgendes zu eröffnen: Jedes Rechnungswesen setzt die Führung von Büchern

Depeschen deSBureau Herold".

Görlitz, 21. April. DerNeue Görl. Anz." meldet aus Waldenburg, im niederschlesischen Kohlenrevier stehen Arbeiterentlassungen bevor- eine Grube beschloß die Lohnreducirung.

Bremen, 20. April. Nach einer Meldung aus St. Vincent sind aus dem bremischen DampferBrema", von SantoS nach Hamburg bestimmt, 12 Personen, darunter der erste Offizier, am gelben Fieber gestorben.

München, 20. April. Es wurde die Jury der inter­nationalen Kunst-Ausstellung dahier gebildet. Für Malerei: Braith, Czachorski, Delung, Echtler, Marr-München, Hausmann-Berlin, Oehme-Dresden, -Böckelmann-Düsieldorf, Mayer-Karlsruhe, Hagen-Weimar. Für Bildhauerei: Denner- lent-München, Kruse-Berlin, Henze-Dresden. Baukunst: Thiersch - München, Schwechten-Berlin, Lambert-Stuttgart. Graphische Künste: Obermeyer, Schultheiß-München, Forberg- Düsseldorf. Die Ausstellungscommission für Malerei besteht aus Bodenmüller, Kowalski und Schleich- für Bildhauerei aus Gamp- für Baukunst aus Oberhosbaurath Hofmann- für graphische Künste aus Deiniger, jämmtlich von hier.

Augsburg, 20. April. Die 17. Generalversamm­lung des bayrischen Gymnasiallehrer-Vereins wurde unter Director Wierschinger heute von Studienrector

der Tagesordnung über das Christenthum in der Familie erschienen Handelsminister v. Berlepsch und Ministerialdirector Lohmann. Reichskanzler Gras von Caprivi und Minister Herrsurth hatten sich aus die Einladung hin mit dienstlicher Verhinderung entschuldigt- letzterer ließ sich durch den Unter- staatssecretär Braunbehrens, der Cultusminister durch den Geheimrath Schwartzkops vertreten. Den Oberkirchenrath vertrat der Consistorialrath Huber.

Paris, 20. April. Ein hier eingegangenes amtliches Telegramm von gestern besagt, der König von Dahomey hätte an den französischen Gouverneur von Portonovo ein herausforderndes Schreiben gerichtet, in welchem erklärt wird, der König fei vollständig gerüstet, jeden fran­zösischen Posten, welcher seine Besitzungen berühren sollte, zu vernichten. Zahlreiche Truppenabtheilungen der Dahomeer zögen sich zusammen und näherten sich den französischen Posten.

Der ><e|ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener -amitienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Spiegelscheiben eines Boulevard- Cafes durch Pflastersteine. Bei seiner Verhaftung erklärte er Anarchist zu sein. Ein Kellner wurde leicht verletzt.

Paris, 20. April. Ein junger Bursche zerschmetterte heute Nachmittag drei

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Ausland.

Rom, 19. April. Das neue Ministerium ist aus I der Basis militärischer Ersparnisse folgendermaßen reconstruirt: Rudini: Präsidium, Aeußeres- Nicotera: Inneres- Luzzatti: Schatzverwaltung- Cadolini: Finanzen- Branca: Arbeiten- Ricotti: Krieg- Saintbon: Marine- Genala: Unterricht- Chimirri: Justiz.

voraus, in welche von dem Rechner alle auf seine Geschäfts­führung bezüglichen Handlungen einzutragen sind und welche unter sich sowie der Kaffe gegenüber eine Controls bilden müssen. Eine solche Buchführung, welche gleichmäßig für das Staats-, wie für das Communal- und Kirchen- 2c. Rechnungswesen vorgeschrieben ist, liegt sowohl im Interesse des Rechners selbst, wie derjenigen Organe, welche berufen sind, das gesammte Rechnungswesen im Staat zu revidiren.

Die Grundlage der ganzen Rechnungsführung hat das Kassebuch zu bilden. Bei Weglassung desselben würde diese Grundlage nur im Markenvorrathsbuch (lediglich für die Marken in natura) und in einem Rechnungsbelege, der nur die Beiträge der Arbeitgeber und Versicherten enthält, bestehen, während der Kaffe doch auch andere Einnahmen zufließen, sowie Aus­gaben aus derselben

Feuilleton.

Zwei Bstermorgrn.

Crimlnalnovelle von Th. Schmidt.

(4. Fortsetzung.)

Draußen lagert Heller Sonnenschein über den Dächern und eine lachende und schwatzende Gesellschaft wogt aus den Straßen es ist ja Frühling und den Sonnenschein braucht auch der Städter. Aber die köstliche Frühlingsluft har heute keinen Reiz für die Leute hier im dumpfigen, überheizten Saale, leise plaudernd und gestikulirend unterhält man sich über denFall" und wie das Ende desselben ausfallen wird. Doch plötzlich verstummt das Gemurmel und alles blickt nach vorn, wo die Geschworenen wieder erscheinen. Und nun sasse dich, Mutterherz! Noch einmal sei stark und leere auch diesen Leidenskelch! Still ist's im weiten Saale, nur der Bogen Papier in der Hand des Präsidenten knistert und eine sonore Stimme verkündet alsdann den Wahrspruch der Geschworenen, welcher über den Angeklagten dasSchuldig" ausspricht.

Kaum ist das Unheil, nach welchem das Verbrechen mit zehn Jahren Zuchthaus geahndet wird, verkündet, so fluthet die Menge hinaus aus dem Saale. Niemand achtet aus das, was sich aus der Zeugenbank ereignet. Kemer hat den schmerzlichen Ausschrei einer weiblichen Stimme gehört und das dumpfe Stöhnen einer breiten, wogenden Mannesbrust. Roch einmal halten sie sich eng umschlungen, die so manches Jahr Freude und Leid miteinander getragen, und kein Auge bleibt trocken. In Männerthränen liegt etwas Erschütterndes, das mag auch der alte Gerichtsdiener fühlen, denn er wendet sich von dem Bilde vor ihm fort, und erst dann, als die Frauen und der ernste Herr langsam mit unsicheren Schritten den Saal verlassen, tritt er auf den Verunheilten zu und fordert ihn auf, ihm zu folgen. Schwankenden Schrittes

geht auch die alte, treue Kathrine durch die Straßen, den Sitz im Wagen des Dr. Fischer hat sie abgelehnt, und ver­wünscht den Tag, da ihre Herrschaft nach der trügerischen, großen Stadt" zog. Sie kann sich in den Wirrnissen dieser letzten Zeit mit ihrem schlichten Sinn nicht zurecht finden. Nur das Eine kommt ihr zum klaren Verständniß, daß es so nicht weitergehen kann in der Familie, daß sie fort aus Berlin müssen, da sonst die Sorge um das tägliche Brod stündlich ihr Gast sein wird. Erst wieder in der Heimath, will sie allein schon Rath schaffen, so überlegte sie. Die gute Seele sah in dieser Hinsicht nur allzu klar.

IV.

In der Straße, in welcher die Frau Doctor Wichert wohnte und in der sonst früh Morgens regelmäßig gegen 6 Uhr Hunderte von Fabrikarbeitern eilig und geräuschvoll einer großen Fabrik zustrebten, war es an diesem Morgen still und ruhig- es war Ostern und über der großen Millionen­stadt lagerte eine feierliche Stille. Erst nachdem die strah­lende Himmelskönigin am östlichen Horizont höher und höher stieg, wurde es lebendig aus den Straßen und große Schaaren feiertäglich geputzter Menschen strömten ins Freie, um sich imgrünen", wie der Berliner Volksmund sagt, zu ergehen. Obgleich heute erst die Osterglocken erklangen, so hätte man glauben sollen, es sei bereits Pfingsten, so weit war die Vegetation der gegenwärtigen Jahreszeit vorausgeeilt.

Still und zurückgezogen hatten die Damen die Woche verbracht und es hatte sich aller eine Art dumpfer Verzweiflung ! bemächtigt, nur ein Gedanke kam bei ihnen klar zum Durch­bruch: Fort aus Berlin!

Fräulein Norden lieh diesem Gedanken zuerst Worte.

Was meinst Du, Tante, wenn wir wieder nach .... fiel zögen," sagte sie an diesem Morgen beim Kaffee,dort wird Dein Herz am ersten gesunden."

Mein Kind, es ist auch mein Wunsch, diese Stätte des Unglücks bald zu verlassen, ob ich aber in .... siel Ruhe finden werde, bezweifle ich. Ich bin ja einmal vom Schick- 1

fal dazu ausersehen, alle Bitternisse des Lebens zu kosten, und nur der Glaube an den allmächtigen Gott, der nichts ohne Grund über uns verhängt, vermag mich in Stunden, wo ich an der Grenze des Wahnsinns zu stehen glaube, vor der Umnachtung meiner Sinne zu bewahren. Erna, ich muß Dir auch etwas betreffs unserer ferneren häuslichen und wirtschaftlichen Einrichtung mittheilen. Du weißt," hob die alte Dame zögernd an,daß mein Mann mir nichts als Schulden hinterlassen hat, die ich kaum werde bezahlen können. Was meinst Du, wenn wir uns aus das Nothwendigste ein­schränkten und Katharine gehen ließen? Die alte treue Seele dauert mich sehr, ich weiß, daß sie sich ebenso schwer von mir trennt, wie ich mich von ihr aber die Noth Zwingt mich dazu," schloß die Redende schwer seufzend.

Des jungen Mädchens Wangen erglühten nach dieser trüben Schilderung. Zum ersten Male kam ihr der Ge­danke, daß sie jahrelang Wohlthaten empfangen und nicht- dafür geleistet hatte. Sie schämte sich, nicht schon längst darüber nachgedacht zu haben, wie sie ihre Kräfte nutzbringend verwerthen könne, um der mit Noth und Sorge ringenden Tante ihre schwere Ausgabe zu erleichtern.

Tante," hob sie nach kurzem Nachdenken an,Deine Worte mahnen mich an meine Pflicht- ich bin Dir dankbar für Deine Offenheit. Jetzt endlich kann ich meine Schuld abtragen. Erinnerst Du Dich noch des alten Musiklehrers Helms in Bremen, der mich immer für das große Mädchen­pensionat bon engagiren wollte?"

Mein Kind, Du denkst doch"

Doch Tante, ich denke jetzt gerade daran, daß er mir bei seinem letzten Besuche sagte, daß ich jeden Augenblick die Stelle als Lehrerin und Sängerin antreten könnte - noch heute will ich an ihn schreiben."

«Erna, Du könntest mich jetzt verlassen, jetzt, wo ich nichts mehr auf dieser Welt besitze?" fragte die alte Dame mit trauriger Stimme.

Doch hatte sie kaum diese Worte gesprochen, als sich