Nr. 141
Dienstag den 21. Juni
1892
Der -teße«rr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener M<«rr»e«ßt»ttsr »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bei-elegt.
Eichener Anzeiger
Henerat-Mnzeiger.
Vierteljähriger ArO«neme«t5preiF i 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.
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2(1«ts* «nd Anzeigeblatt süv den rlveis Gieren.
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Hratisöeitage: Hieß en er Iamitienötätter.
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Alle Lnnoncen-vureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. SSMMW——————————
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Abonnements - Einladung!
Zum Bezug des „Gießener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1892 laden wir hiermit ergcbenst ein. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in knrzer objectivcr Uebersicht' zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Corrcspondenz- Burcans sowie zahlreiche Mittheilungcn aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser "stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b c r h e ff en ansässige Berichterstatter, istder „ Gießener Anzeiger ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kcnutniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhesscn betriebenen Land wirt Hs ch aft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Dheil werden lassen, daneben aber auch oie Beobachtungen nnd Erfahrungen in Haus- Wirth sch aft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaeben zu
Nachdem begründete Klagen über die durch den Dachs der Gemarkung Bettenhausen angerichteten Beschädigungen bei uns vorgebracht morden sind, heben wir mit Ermächtigung Großh. Ministeriums des Innern und Justiz die Heegzeit dieses Wildes für die bezeichnete Gemarkung für die Monate Juni bis einschl. September l. I. hierdurch auf.
Gießen, den 17. Juni 1892.
Bekanntmachung,
die Ausführung des Reichsgesetzes vom 1. Juni 1891 betr.
Abänderung der Gewerbeordnung betreffend.
Die nachstehende auf Grund d^s § 139a der Gewerbeordnung erlassene Bekanntmachung' des Bundesraths vom 29. April 1892 (R.-G.-Bl. Nr. 28) betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl. bringen wir hiermit unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß, daß die darin enthaltenen Bestimmungen mit dem 1. October d. I. in Kraft treten.
Gießen, den 17. Juni 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl. Vom 29. April 1892.
Auf Grund des § 139a der Gewerbeordnung in der Fassung des Gesetzes, betreffend Abänderung der Gewerbe- ordnung, vom 1. Juni 1891 (Reichs-Gesetzbl. S. 261) hat der Bundesrath die nachstehenden
Bestimmungen, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl., erlassen:
I. In Hechelräumen sowie in Räumen, in welchen Maschinen zum Oeffnen, Lockern, Zerkleinern, Entstäuben, Anfetten oder Mengen von ropen oder abgenutzten Faserstoffen, von Abfällen oder Lumpen im Betriebe sind, darf jugendlichen Arbeitern während des Betriebes eine Beschäftigung nicht gewährt und der Aufenthalt nicht gestattet werden.
Die Karden (Krempel) für Wolle und Baumwolle fallen unter die vorstehende Bestimmung nicht.
II. In Fabriken mit Räumen der unter Nr. I Absatz 1 fallenden Art muß in den Räumen, in welchen jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, neben der nach § 138 Absatz 2 der Gewerbeordnung auszuhängenden Tafel eine zweite Tafel ausgehängt werden, welche in deutlicher Schrift die Bestimmungen unter Nr. I wiedergiebt.
III. Die vorstehenden Bestimmungen treten mit dem 1. Oktober 1892 in Kraft und an Stelle der durch die Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 20. Mai 1879, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Spinnereien (Centralbl. für das Deutsche Reich S. 362), verkündeten Bestimmungen.
Dieselben haben für die Dauer von zehn Jahren Gültigkeit.
Berlin, den 29. April 1892.
Der Stellvertreter des Reichskanzlers.
von Boetticher.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juni. Der Bundesrath ist, während der Reichstag schon längst seine Geschäfte beendigt hat, noch immer bei der Arbeit. So hielt der Bundesrath am Freitag Nachmittag eine Plenarsitzung ab, in welcher verschiedene Ausschußberichte, ferner Petitionen und die vom Reichstage angenommene Novelle zur Gewerbeordnung, wonach der Be-
I wollen. Nenhinzutretcndc erhalten vom Tape der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postftei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weiterscnden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus- drückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
_____________Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Aufhebung der Heegzeit des Dachses.
Feuilleton.
H kirne.
Ein Bild aus dem Leben.
(Schluß.)
Als der junge Mann nach Beendigung der Tanzpromenade seine schöne Partnerin wieder Frau v. Wallenberg zusühne, erkundigte sich dieselbe besorgt bei ihrer Tochter, wie ihr diese erste Anstrengung bekommen sei. Aber lachend erwiderte Helene, daß sie sich noch nach viel mehr Bewegung sehne und die Mutter hatte auch gar feine Zelt, Einwendungen zu erheben, denn alsbald hatte sich ein Kreis von Herren um Helene versammelt, um sie für die nachfolgenden Tänze zu engagiren und im Nu sah das schöne Mädchen seine elegante Tanzkarte mit Namen bedeckt. Nur behielt sich Frau v. Wallenberg ihr „Veto" vor, die von Helene eingegangenen Engagements wieder rückgängig zu machen, sobald sie dies im Interesse von Helenens Gesundheit für nothwendig er- -achten würde.
Felix, welcher sich natürlich auch für verschiedene Rundtänze aus Fräulein v. Wallenbergs Karte eingeschrieben hatte, tanzte gleich die nächste Tour, einen Walzer, mit der Geliebten und nicht nur die Augen der Frau v. Wallenberg folgten dem herrlichen, in der That to;e für einander geschaffenen Paare mit stolzem Entzücken und Bewunderung, sondern auch von anderen Seiten äußerte man offene Bewunderung über das herrliche Paar. Aber dennoch gab es auch Augen, welche neidisch auf Felix und Helene schauten,- unverwandt folgte Irma Blankenstein, welche es abgelehnt halte, sich an diesem Tanze zu betheiligen, von ihrem Platze aus mit eifersüchtigen Blicken jeder Bewegung ihrer Rivalin um die Liebe Felix v. Mertens und leise zischten die Lippen vor sich hin:
„Wie strahlend sie ist — wie blendend! Die Krankheit hat ihre Schönheit nur erhöht, und er, er liegt ganz augenscheinlich auss Neue in ihren Fesseln, mdeß ich Thörin glaubte, ihn endlich für immer erobert zu haben. Aber nur Muth, ^uth, feiges Herz, vielleicht wird sich's doch noch zeigen, wer .Siegerin bleibt !" Und gewaltsam ihre innere Erregung
niederkämpsend, erhob sich Irma Blankenstein und trat zu einer Gruppe befreundeter Damen, um unbefangen an deren Gespräch theilzuuehmen.
Die Walzermusik war verrauscht und Helene hatte sich glückstrahlenden Blickes von Felix zu ihrem Platze zurückgeleiten lassen. Ihre Wangen zeigten ein lebhaftes Roth, die Augen blitzten vor Erregung, aber wiederum wies sie die von der Mutter geäußerten Besorgnisse scherzend zurück und bald flog Helene aufs Neue, diesmal mit einem anderen Tänzer, dahin und auch den nächsten Tanz konnte sie sich nicht versagen, wenngleich ihre Wangen glühten, die Augen fieberisch zu glänzen begannen und die Pulse stürmisch klopften. Aber von allen Seiten sagte man Helene Schmeicheleien, theils fade, theilS geistreiche, über ihre Schönheit, ihr blühendes Aussehen, ihre Tanzkunst, von allen Seiten drängte sich die Schaar ihrer Bewunderer und längst dachte sie nicht mehr daran, wie Dr. Werner der Mutter möglichste Schonung für Helene anempfohlen hatte und die eitle Mutter selbst schien die Warnungen des alten Arztes über den Triumphen, welche ihre Tochter feierte, vergessen zu haben, denn sie sand kein Wort ernsten Widerspruchs mehr, wenn Helene immer wieder in das wogende Meer der Tanzenden entführt wurde.
Der letzte Tanz vor der allgemeinen Pause wurde jetzt vom Orchester eingeleitet und Felix war für denselben abermals in Helenens Karte eingezeichnet. Mit dem Ausdrucke zärtlicher Besorgniß ruhten indessen seine Blicke auf dem Antlitze des jungen Mädchens, denn die fieberhafte Röthe, welche aus den Wangen Helenens brannte, schien in der That dasür zu sprccheu, daß sich die kaum Genesene allmälig doch zu viel zugemuthet habe und lebhaft drang der junge Mann in Helene, den bevorstehenden Tanz wenigstens auszufetzen. Mit einem reizenden Schmollen bestand Helene jedoch daraus, noch einmal vor der großen Pause zu tanzen, und versprach sie, sich für den übrigen Theil des Balles einer um so größeren Zurückhaltung zu befleißigen und, da sie ihre Erhitzung auf die allerdings sehr schwül und drückend gewordene Temperatur im Saale zurückführte,- so ließ sich Felix in seinen liebenden Bedenken nur leicht beschwichtigen und bald glitten beide in den Wogen des Tanzes dahin.
.Mein Himmel," sagte einer der zuschauenden Herren zu einem neben ihm Stehenden, „ist denn das nicht Helene von Wallenberg, die dort mit mit dem jungen Mertens dahinfliegt? Mein Onkel hat ihr ja noch heute früh feinen ärzt- lidjen Besuch abgestattet und sich nachher mir gegenüber geäußert , wenn Fräulein von Wallenberg wirklich auf den heutigen Ball ginge, könne er für nichts stehen . . . und nun ist sie doch erschienen — welch ein Wahnsinn!"
//Und doch," erwiderte der Angeredete, „würde dem Balle die Krone fehlen, wenn Fräulein von Wallenberg nicht anwesend wäre, sie ist, unter uns gesagt, die Schönste der Schönen, nur —“
Ein Schrei ans der Mitte der Tanzenden unterbrach den Sprecher und alles drängte erschrocken der betreffenden Stelle zu, während die Musik mit einer grellen Dissonanz ubbrach — Helene v. Wallenberg lag leblos in den Armen des Geliebten, der noch immer wie erstarrt auf die theuere Last blickte. Mitten im Tanzen hatte Helene mit einem Aufschrei nach ihrer Brust gegriffen, um dann wortlos in die Arme ihres Tänzers zurückzusinken, der wie betäubt unter der Wucht des entsetzlichen Unglücks dastand. Da ertönte ein neuer Schrei — Frau v. Wallenberg hatte die Gruppe erblickt und wollte sich verzweifelnd auf den regungslosen Körper der geliebten Tochter stürzen, aber ohnmächtig brach sie selbst zusammen.
Die furchtbarste Verwirrung und Bestürzung herrschte im Saale, doch rasch entschlossen trugen einige Herren Frau v. Wallenberg nach einem Nebenzimmer, um sie hier der Fürsorge der anwesenden Damen zu überlassen, mäbrenb- man die Tochter nach einem anderen Zimmer brachte. Ein Arzt war hier rasch zur Stelle, aber er konnte nur noch den eingetretenen Tod des noch vor wenigen Minuten so übermütig und heiter sich gebenden schönen Mädchens con- ftatiren und vergebens fnieetc Felix in heller Verzweiflung neben dem leblosen Körper nieder, um das weiche Haar von den blaugeränderten Schläfen zurückzustreichen, den pulölosen Arm zu drücken, nach dem Klopsen deS Herzens zu horchen. — Helene war tobt.


