1892
Rr. 245 Erftes Blatt Donnerstag den 20. October
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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HießenerAnzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Annah me von Anzeigen zu der Nachmittags für den I folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Hratisöeitage: Kießener JamitienöMtter.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld
1) Samstag den 22. Oktober l. I., Abends 7 Uhr zu Lich int Saale des Herrn Gastwirths Glöckner einen Vortrag „über rationelle Fütterung des Milch- und Mastviehes und Züchtung und Aufzucht des Rindes",
2) Sonntag den 23. October l. I., Nachmittags 3 Uhr zu Muschenheim im Saale des Herrn Gastwirths Konrad Roth einen Vortrag „über die Anwendung der künstlichen Dünger und die Gründüngung",
3) Samstag den 5. November l. I., Abends 8 Uhr im Saale des Herrn Wirths Faber zu Watzenborn einen Vortrag „über Bodenkultur und Drainage"
4) Sonntag den 6. November l. I., Nachmittags 3 Uhr zu Weitershain im Saale des Herrn Gastwirths Theiß einen Vortrag „über Schweinezucht und Mast",
5) Samstag den 12. November l.J., Abends 7 Uhr im Rathhaussaale zu Inheiden einen Vortrag „über Wiesenverbefferung und Drainage"
6) Sonntag den 13. November l. I., Nachmittags 3 Uhr zu Lollar in dem Saale des Gasthauses zum Schwanen einen Vortrag über das Thema „Wie bringt der Landwirth in futterarmen Zeiten sein Vieh am Besten durch den Winter?"
abhalten wird.
Zu diesen Vorträgen werden alle Mitglieder des land- wirthschastlichen Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Gemeinden werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.
Gießen, den 13. October 1892.
Der Director des landwirtbschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.
Neueste
Wolffs telegraphisches Eorresnondenz-Bureau.
Berlin, 18. October. Der Kaiser empfing heute im hiesigen Schlosse den Oberbürgermeister Zelle.
Berlin, 18. October. Heute Vormittag 10 Uhr sand im königlichen Schlöffe in Gegenwart des Kaisers die Nagelung und Weihe der neuenFahne des zweiten Bataillons des Infanterieregiments Goeben statt.- Außer dem kaiserlichen Hauptquartier und einer Deputation des Regiments mit dem Obersten Bilfinger an der Spitze, nahmen Theil Caprivi und Generaloberst Pape. Nach der Nagelung im Rittersaale folgte im Capitelsaale unter Assistenz des katholischen Garnisonpsarrers Theinert die Weihe durch den Militär-Oberpfarrer Fromme!. Er sprach über Sprüche Salo- monis 17, 6, gab eine Geschichte des Regiments, gedachte des Kaisers Friedrich, dessen Laus auch durch Kamps zum Sieg und durch Krieg zur Krone gegangen sei, und weihte die Fahne pro gloria patriae.
Berlin, 18. October. Heute Mittag sand die Grundsteinlegung der Kaiser-Friedrich-Gedächtnißkirche im Thiergarten statt. Der Kaiser erschien um 111/2 Uhr, begleitet von einer Schwadron Gardedragoner. Der Feier wohnten bei die Prinzen, die Generalität, die Offiziere des früheren persönlichen Dienstes bei Kaiser Friedrich. Die Ehrencompagnie stellten die Gardesüsiliere. Der Kaiser trat an den Grundstein unter „Heil Dir im Siegerkranz", es folgten die Hammerschläge unter dem Gesang „Eine feste Burg ist unser Gott". Die Weiherede hielt Prediger Stechow von der Dorolheenstädtischen Mutterkirche. Der Kaiser vollzog de drei Hammerschläge mit dem Bibelspruch : „Dieser Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden." In Vertretung der Kaiserin vollzog die Prinzessin Leopold die Hammerschläge. Alsdann folgten die Prinzen, die Prinzessinnen, der Reichskanzler, der Ministerpräsident, General Hüllessem, die Minister, General Versen. Hieraus Schlußgebet und Gesang. Der Kaiser verlieh dem Gemeinde- ältesten Pinker den rothen Adserorden vierter Klasse, dem Prediger Stechow den Kronenorden dritter Klaffe.
Berlin, 18. October. In der heutigen Landtagsersatzwahl im ersten Berliner Wahlkreis wurde Rechtsanwalt Träger gewählt»
Rotterdam, 18. October. Amtlich wird mitgetheilt: Letzte Woche starben 34 Personen gegen 44 in der Vorwoche- im Ganzen starben in ganz Holland 164 Personen, davon in Rotterdam 19, in Utrecht 14 und in Amsterdam 6.
Stockholm, 18. October. Der Reichstag wurde heute Nachmittag vom König mit einer Thronrede eröffnet. Darin wird ausgesprochen, der Reichstag werde wegen der Frage der Armee-Reorganisation zu einer außerordentlichen Session voraussichtlich von kurzer Dauer einberufen. Der neue Reorganisationsvorschlag sei aus derselben Grundlage ausgebaut wie der frühere. Auch die Kosten überstiegen nicht
die der früheren Vorlage. Am Schluffe forderte der König auf, die Parteistreitigkeiten ruhen zu lassen.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 18. October. Nach der „Nationallib. Corresp." verlautet zuverlässig, die Veröffentlichung der Militär- voringe erfolge nicht vor dem Zusammentritt des Reichstags. Wegen der Mehraushebung von 60000 Mann Rekruten halte die Regierukrg-?^hr entschieden an dem Quinquennat fest. Bei dem Scheitern oet Vorlage dürste die Auflösung des Reichstags ernstlich in Frage kommen. — Die sonstigen Aufgaben des Reichstages sind möglichst beschränkt. Das Trunk- suchts- und Checkgesetz toerb'fc nicht wieder eingehen, dagegen das Spionagegesetz, die Vorlage zur Bekämpfung der Unsittlichkeit und das Seuchengesetz. Die Verschärfung des Preßgesetzes befindet sich noch im ersten Stadium der Vor- berathung.
Berlin, 18. October. Heute Vormittag sand im Beisein des Kaisers die Grundsteinlegung der Kaiser- Friedrich-Gedächtnißkirche'im Thiergarten statt.
Berlin, 18. October. Gestern trat der Bun des- rathsäusschuß für Handel und Verkehr zusammen und berieth eine Reihe von Petitionen, ferner beantragte der Bundesrath die Annahme der Anträge. Preußens, betreffend Gestattung des Feilbietens von Bier im Umherziehen, des Antrages Bayerns betreffend Ausscheiden der bayerischen Staatsbaubetriebe aus der Tiesbaugenossenschast und die neuen Bestimmungen über die Statistik der Krankenkassen.
Berlin, 18. October. Die erste Nummer des socia- listischen Blattes für kaufmännisch Angestellte, „Der Handelsangestellte", ist heute erschienen.
Hamburg, 18. October. Gestern erkrankten 8 Personen, 3 starben.
Köln, 18. October. Der „Köln. Volksztg." zufolge kündigte das seit 1856 bestehende Grobblechwalzwerk der Gebrüder Marcotty in Duisburg-Hochfeld seinen sämmt- lichen Beamten und Arbeitern, da dasselbe Ende October zu arbeiten aufhört.
Stuttgart, 18. October. Otto Baisch, Chefredacteur der Zeitschrift „Heber Land und Meer", ist gestorben.
Marseille, 18. October. Privatnachrichten melden aus Porto-Nowo, die französische Colonne in Dahomey fei auf unerwartete Terrainhindernisse und kaum angreifbare Verschanzungen des Königs Behanizns gestoßen. Die Expe- ditionscolonne befinde sich in einer sehr schwierigen Lage.
Hongkong, 18. October. Mit dem Schiff „Bokhara" sind von 200 Personen 170 ertrunken, darunter 20 Passagiere, 3 Offiziere und 3 Sergeanten der Hongkonger Garnison.
Feuilletsn.
Chicago.
Von Ernst Otto Hopp.
(Schluß.)
Das deutsche Element der Stadt machte sich bereits 1843 bemerkbar - die Namen Karl Sauter, Karl Stein, Johann Pfund, K. Walter, G. Scheirer werden als die ersten genannt. Ein Jahr später rüsteten sich auch die Deutschen Chicagos zur Abwehr gegen den amerikanischen Nativismus und Fremdenhaß- in einer allgemeinen Versammlung, in der die Deutschen Brehl und Baumeister Ansprachen hielten, wurde beschlossen: „Da nach der Verfassung des Landes kein Unterschied besteht zwischen den Rechten der eingeborenen und der eingewanderten Bürger, so sind wir es uns selbst schuldig, daß wir unsere Rechte eifrig überwachen und selbst den kleinsten Versuch, solche zu beeinträchtigen, mit der entschiedensten Verachtung zurückweifen." Der „Chicago Volks- sreund", aus dem sich später die „Illinois Staatszeitung" entwickelte, das beste der deutsch-amerikanischen Blätter Amerikas, wurde 1845 begründet.
Einer der bedeutendsten deutschen Männer in Chicago war in den 50er Jahren Franz A. Hoffmann, der zuerst Schullehrer, dann Prediger und darauf Redacteur war- er errichtete ein Bureau für Landverkäufe und war in diesem Geschäft sehr erfolgreich, bald wurde er ein reicher Mann. Chicago zählte 1848 nahezu 11,000 Einwohner, und ist ihm ganz besonders verpflichtet sür feine unablässigen Bemühungen, die Aufmerksamkeit Deutschlands auf die schnell aufblühende Handelsstadt zu lenken. Auf eigene Kosten veröffentlichte er Jahre hindurch eine'jährliche Uebersicht über die Industrie, fcen Handel und die Fortschritte der Stadt- in Tausenden
von Exemplaren wurde dieser Ausweis nach den deutschen Handelsplätzen gesandt. Große Summen Geldes wurden durch Hoffmanns Vermittelung in Chicago angelegt, viele Jahre lang bekleidete er mehrere Consulate für Deutschland.
Nachdem der Canal fertiggestellt worden war, der den Michigansee mit dem Mlssissippistrom verbindet, wuchs Chicago ganz erstaunlich- auch die Eisenbahnverbindung, die mit jedem Jahre bester wurde, trug viel zu dem raschen Wachsthnm der Stadt bei. Chicago hatte 1850 erst 29,963, 1870 aber schon 298,977, 1880: 503,185, 1890: 1,086,000 und soll jetzt (1892) bereits gegen 1,500,000 Einwohner zählen. Hierbei muß jedoch bemerkt werden, daß die amerikanische Statistik selten ganz zuverlässig ist. Als bei einer Volkszählung vor einer Reihe von Jahren St. Louis und Chicago in hartem Kampfe lagen, welches die größere Stadt fei, ging der Localpatriotismus reicher Bürger Chicagos so weit, daß sie aus den nächstgelegenen Ortschaften und Städten schnell mehrere tausend Personen nach Chicago schafften, damit ihre Stadt bei dem Census die Oberhand gewinne. So ist denn auch die Nachricht, daß Chicago feit 1890 um mehr denn 400,000 Einwohner gewachsen sei, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Zur Weltausstellung von 1893 wird Chicago vielleicht nahe vor der zweiten Million stehen oder sie gar erreicht haben, — allerdings nur aus dem Papier, das bekanntlich geduldig ist. Die Sucht der Angloamerikaner, überall „the biggest“, das Allergrößte, zu erreichen und zu zeigen, zeitigt sonderbare Blüthen. Um nur em Beispiel zu erwähnen, rechnen die amerikanischen Geographen beharrlich aus, daß der Mississippi der größte Strom der Erde sei, sowohl seiner LÄn^t'als seinem Flußgebiete nach, obwohl er in That und Wahrheit, was beides anlangt, vom Amazonenstrom beträchtlich übertroffen wird.
Die Feuersbrunst, die 1871 einen großen Theil der Stadt vernichtete, entstand durch eine Kuh, die beim Melken
im Stalle ausschlug und die nahe dabei stehende Petroleumlampe zerschmetterte. Das brennende Oel fetzte den Schuppen in Flammen und der Wind that das Uebrige- zu jener Zeit war Chicago, selbst der innere Theil der Stadt, voll von Holzhäusern, die dem entfesselten Elemente wenig Widerstand leisteten. In New - Dort konnte man damals alle paar Stunden an den Straßenecken neue Depeschen lesen: „Chicago brennt noch immer" - mit Extrazügen, aus denen sich Dampfspritzen, Feuerwehrleute und Polizisten befanden, kam man der gefährdeten Stadt zu Hilfe. Besonders die letzteren thaten Noth, denn die unheimlichen „Bassermann'schen" Gestalten, die in großen Städten zu Zeiten der Noth und atl- gemeiner Unbotmäßigkeit stets auftauchen und von denen Niemand weiß, woher sie plötzlich kommen, spielten auch in Chicago ihre Rolle. Häuser, die weit entfernt vom Herde des Brandes standen, fingen plötzÜch Feuer, — Leute, die man aus solchen Häusern hatte treten sehen, wurden als der Brandstiftung verdächtig erschossen, und Anarchlsten, die sich die Gelegenheit zu Nutzen machen wollten, um Läden auszuplündern und practisch zu beweisen, daß sie keine Achtung vor dem Eigenthum hatten, wurden an die Laternen gehängt, sobald man sie bei dem Acte selber ertappte. Einige Jahre daraus (1874) wurde Chicago noch einmal von einem bedeutenden Brande heimgesucht. Diese beiden Schadenfeuer zerstörten 18,450 Häuser und richteten einen Schaden von gegen 800 Millionen Mark an. Der Kampf zwischen „Capital und Arbeit", der am 4. Mai 1886 in Chicago stattfand und bei dem durch Dynamitbomben viele Unschuldige getödtet wurden, steht noch so frisch in allgemeiner Erinnerung, daß wir dieses traurigen Abschnittes aus der Geschichte Chicagos hier nur erwähnen wollen.
Die neueren und neuesten Stadtthcile zeichnen sich durch einen großartigen Boulevard aus, an dem sechs öffentliche Parks liegen, durch Straßen, die mit Schattenbäumen bc- . J


