Nr. 189
Dienstag den 16. August
1892
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Aintlichev Theil.
Bekanntmachung,
Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche betreffend.
Erfahrungsgemäß finden viele Verschleppungen von Maul- lnd Klauenseuche von einem Gehöft zum andern dadurch statt, Dafe Seuchenausbrüche nickt zu richtiger Zeit angezeigt werden lnd daß deßhalb die Maßregeln zur Verhütung einer Weiter- Verbreitung nicht rechtzeitig angeordnet werden können. Indem vir wiederholt die gesetzliche Vorschrift in Erinnerung bringen, ki6 jeder Viehbesitzer zur sofortigen Anzeige von Seuchen- »usbrüchen und verdächtigen Erscheinungen unter einem Viehstand verpflichtet ist, bemerken wir, daß wir eine chuldhafte Unterlassung der Anzeige überall dann annehmen uerben, wenn nach dem Gutachten des Kreisthierarztes die Krankheit zur Zeit der Anzeige bereits über 24 Stunden be- tanden hat. Diese Annahme erscheint dadurch gerechtfertigt, >aß die Seuche zur Zeit in der Gegend verbreitet ist und mß deßhalb jeder Besitzer, bei dessen Vieh sich verdächtige Erscheinungen zeigen, daran denken muß, daß es sich um Naul- und Klauenseuche handeln kann. Es kann deßhalb den Viehbesitzern, damit sie sich vor Strafen schützen, nur empfohlen verden, von jeder Erscheinung unter ihrem Vieh, welche den verdacht auf Maul- und Klauenseuche begründet, sofort der Äroßh. Bürgermeisterei Anzeige zu machen.
Schuldhafte Unterlassungen der Anzeige werden, sofern iach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen nicht eine höhere Strafe verwirkt ist, mit Geldstrafe von 10—150 X oder ait Haft nicht unter einer Woche bestraft.
Gießen, den 13. August 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 13. August 1892. Betreffend: Wie oben.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
xn die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen vorstehende Bekanntmachung in ortsüblicher Ißeife verkündigen lassen und dieselbe im Publikationskasten Aushängen. Werden Anzeigen wegen des Ausbruchs oder es Verdachts der Maul- und Klauenseuche bei Ihnen ermattet, so wollen Sie vorläufig Stallsperre anordnen und so- ort an uns berichten.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
Maul« und Klauenseuche zu Bellersheim betreffend.
Nachdem die Maul- und Klauenseuche in drei weiteren Gehöften zu Bellersheim ausgebrochen ist, haben wir die Sperre der Gemarkung Bellersheim verfügt. Neben der be- eits durch unsere Verfügung vom 9. l. M. getroffenen Be- timmung, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine nur zur ofortigen Abschlachtung und nur auf Grund eines thierärzt- tdjen Gesundheitsscheines ausgeführt werden dürfen, besteht nernach die Anordnung, daß das Ausfahren mit Rindvieh- Gespannen aus der Gemarkung Bellersheim und das Durchreiben von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen durch die- elbe verboten ist.
Gießen, den 13. August 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche.
Zu Ulrichstein, Kreis Schotten, und zu Berstadt, Kreis Hübingen, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und ^ehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, den 13. August 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Nachdem unter der Herde des Schäfers AdamWißner u Mainzlar die Schafräude ausgebrochen ist, haben wir die Sperre der betr. Herde verfügt. Derselben wird durch Nroßh. Bürgermeisterei Mainzlar ein bestimmter Weidebezirk angewiesen werden, welchen sie nicht überschreiten darf. Da ie andere Schafherde zu Mainzlar mit der erkrankten seither n Berührung gekommen und dieselbe hiernach der Ansteckung erdächtig ist, haben wir deren polizeiliche Beobachtung ver- ügt. Es ist deshalb bis auf Weiteres die Ausführung von 5chafen aus der Gemarkung Mainzlar überhaupt nur zum
Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholender Erlaubniß zulässig.
Gießen, den 13. August 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Aeich.
Berlin, 13. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." legt in einem längeren Artikel die Beweggründe dar, welche die Regierung zu ihrer ablehnenden Haltung in der Weltaus- stellungssrage bestimmten. Unter anderem führt die „Nordd. Allg. Ztg." aus, daß, so oft der Wunsch, eine Weltausstellung in Berlin zu' veranstalten, vor 1890 ausgetreten, er sofort zurückgewiesen worden sei. Die Regierung sei der erneuten Anregung deshalb nicht von Hause aus entgegengetreten, weil diesmal die Bewegung in dem deutschen Handelstage einen Trager gesunden hatte, dessen Bedeutung nicht gestattete, ihn einfach zu ignoriren. Auch würde man sich schwerlich bei einem kurzweg ablehnenden Bescheide des Reichskanzlers beruhigt haben. Im weiteren Verlaufe des Artikels wird betont, weder die deutsche Industrie noch die politische Stellung Deutschlands bedürften einer Weltausstellung. Auch verdiene es keinen Tadel, daß die Regierung Anstand nahm, das Reich für Ausgaben zu engagiren, deren schließliche Höhe nicht zu übersehen sei.
Berlin, 13. August. Die „Nordd. Allg. Ztg.A bezeichnet die Meldung, daß das Seitens mehrerer Handelskammern an den Reichskanzler gerichtete Gesuch wegen Erweiterung des Postschalterdienstes an den Vormittagen der Sonn- und Festtage abschlägig beschieden worden sei, als unrichtig. Den in der Angelegenheit vorstellig gewordenen Handelskammern sei vielmehr nur mitgetheilt worden, daß' eine Entscheidung über die Regelung des Sonntagsdienstes bei den Postanstalten erst dann erfolgen könne, wenn die z. Z. noch schwebenden Ermittelungen abgeschlossen wären.
Berlin, 13. August. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Bericht des Reichskanzlers über die Weltausstellung in Berlin, wonach von 58 Bundesstimmen 40 gegen, 7 für und 11 unentschieden lauteten. Er räth von dem Eintreten des Reiches ab, weil weder die Ueberzeugung eines Nutzens für die deutsche Industrie noch ein opferwilliges I Zusammenwirken der beteiligten Kreise vorliege. Der Kaiser habe aus Grund dieses Berichtes entschieden, daß dem Plane ! einer Weltausstellung in Berlin von Reichswegen nicht näher zu treten fei.
Berlin, 13. August. Gegenüber dem Widerstand, welchen der Plan einer Berliner Weltausstellung gefunden hat, ist, wie verlautet, in hiesigen einflußreichen industriellen Kreisen der Gedanke ausgetaucht, eine Weltausstellung in Hamburg in Anregung zu bringen. Die bei Hamburg besonders günstig liegende Platzfrage hat zur Entstehung des Gedankens besonders mitgewirkt.
— Die deutsche Handelspolitik saßt jetzt erfreulicher Weise auch in Südamerika immer festeren Fuß. Nachdem vor ein paar Monaten bereits zwischen Deutschland und der Republik Columbia ein Handelsvertrag abgeschlossen worden ist, steht ein gleiches Abkommen auch zwischen Deutschland und der Republik Uruguay bevor. Der Präsident von Uruguay hat der dortigen Kammer den Entwurf eines Handelsvertrages mit dem Deutschen Reiche vorgelegt. Derselbe trägt den Character eines Meistbegünstigungsvertrages.
— Die Nichtbetheiligung Deutschlands an den Columbusfeie rlich fetten in Spanien hat in Madrid eine unverkennbare Verstimmung gegen Deutschland erzeugt, die namentlich durch den Umstand noch verstärkt worden ist, daß bei der Columbusseier in Genua ein deutsches Kriegsschiff, die „Prinzeß Wilhelm", zugegen sein wird. Zur Ausklärung dieser Angelegenheit bemerkt nun die „Nordd. Allg. Ztg.", die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes zur spanischen Columbusseier sei aus marinetechnischen Gründen unterblieben. U. A. schreibt das osficiöse Blatt: „Während der Manöverübungszeit der Marine mußte bei dem eingeschränkten Mannschaftsstande davon abgesehen werden, in den Ausbildungsdienst noch mehr einzugreifen, als es bereits durch die Entsendung der „Prinzeß Wilhelm" nach Genua geschieht. War aber nur ein Schiff disponibel, so lag es in der Natur der Dinge, wenn dem durch den Dreibund so nahe verbundenen Italien unbeschadet der sreundschaftlichen Beziehungen zu Spanien der Vorzug gegeben wird." — Die Richtigkeit der letzteren Bemerkung kann ohne Weiteres zugegeben werden, dennoch hatte man deutscherseits vielleicht wenigstens ein Kanonenboot nach Spanien schicken können, so armselig ist es denn doch nicht mit unserer Kriegsmarine bestellt, daß nicht einmal ein kleines Schiff abkömmlich sein '
sollte, wenn es bei besonderen Gelegenheit gilt, im Auslande die deutsche Flagge zu zeigen.
Köln, 13. August. Nach der „Köln. Volksztg." ist die Lage desrheinisch-westsälischenEisenmarkts günstig. Die Lebhaftigkeit hat sich erheblich erhöht und der Geschäftsgang ist recht erfreulich.
Insterburg, 13. August. Die Hamburg-amerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft hat in der Nähe des Jnsterburger Bahnhoss eine Baracke zur eventuellen Aufnahme von auf ! der Fahrt an der Cholera erkrankten russischen Auswanderern erbauen lassen.
München, 13. August. Officiös wird versichert, eine • Zusammenkunft der Finanzminister der einzelnen Staaten fei ' noch nicht angeregt. Daß die Reform der Reichs- ■ finanzen eine mündliche Verständigung der Minister erfordert, gilt als unwahrscheinlich.
2Iu»lanö.
Basel, 13. August. Die parlamentarische Friedens Conserenz wird am 29. August vom Bundesrath Droz zu Bern im Nationalrathssaale eröffnet. Bis jetzt 1 sind angemeldet 210 Mitglieder der europäischen Parlamente, i u. A. 15 aus Deutschland, 33 aus Oesterreich, 47 aus j Frankreich, 18 aus Italien, 73 aus Rumänien. Der Bundes- J rath offerirt der Conserenz eine Excursion und ein Banket ! am 1. September in Interlaken.
Wien, 13. August. Zu den im September stattfindenden galizischen Kaisermanövern wurden nur hiesige militärische Vertreter Deutschlands und Italiens geladen.
Lodz, 13. August. Wegen Heber tretung der sanitätspo lizeilichen Vorschriften wurden 28 Hausbesitzer zu Gefängnißstrafen von zwei bis vier Wochen ver- i urtheilt.
— Die Aushebung des russischen Roggenausfuhrverbotes ! scheint endlich unmittelbar bevorzustehen. Wenigstens kündigte eine Petersburger Depesche den Zusammentritt der von der russischen Regierung seiner Zeit eingesetzten Getreideeommission für Montag an; in dieser Sitzung sollte über die Aufhebung des Roggenausfuhrverbotes berathen werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese zu erwartende Maßregel mit den signalisirten deutsch-russischen Handelsvertragsunterhandlungen in Zusammenhang steht.
KcMcftc 2Iacbrtd>t«?n,
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Petersburg, 14. August. In Petersburg starben gestern dreizehn, in Moskau am 12. d. Mts. zwei Personen an der Cholera.
Moskau, 14. August. Gestern sand hier die Eröffnung des internationalen Congresses für prähistorische Archaeologie und Anthropologie statt. Der Generalgouverneur von Moskau, Großsürst Sergius, welcher Ehrenpräsident des Congresses ist, wohnte mit feiner Gemahlin der Eröffnungssitzung bei. Im Laufe der Verhandlungen stellte der Delegirte Professor Virchow aus Berlin den Antrag, der Congreß möge sich mit der Frage beschäftigen, ob die Theorie Darvins begründet fei.
Rom, 14. August. Eine gestern Abend stattgehabte Versammlung von Delegirten mehrerer demokratischer Vereine nahm eine Tagesordnung an, derzusolge das Volk aufgefordert werden soll, die Agitation zur Abschaffung der Garantiegesetze und des ersten Artikels der Verfassung („Der Katholizismus ist die Staatsreligion") wieder aufzunehmen. Der römische Gemeinderath soll ersucht werden, den Elementarunterricht vollständig zu verweltlichen.
Depeschen des Bureau „Herold".
Alleustein, 15. August. Wegen der drohenden Choleragefahr hat der Regierungspräsident für die Monate August und September die Abhaltung der in Dietrichsfelde anstehenden Marienseste, insbesondere die Zulassung russischer Pilger, untersagt.
Haag, 15. August. Eine Manifestation des ganzen Landes zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechtes wird für den 11. September hier vorbereitet. Delegationen aus allen Städten werden daran theilnehmen.
Stockholm, 15. August. Nach Eingang eines officiellen Telegramms aus Petersburg, welches daselbst den AuSbruch der Cholera conftatirt, erklärte das königliche Commerz- Collegium ganz Rußland und Finnland von der Cholera inpeirt.
Brüssel, 15. August. Der Sergarbeitcrcongrefe in Frameries votirte einstimmig den allgemeinen AuSstand, welcher beginnen soll, sobald die Constituante nicht daS unbeschränkte allgemeine Stimmrecht annimmt.


