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Nr. 12

Freita« den 15. Januar

1892

Amts- und Anzeigeblatt für» den Aveis Gieren.

1 Hratisöeikage: Hießener Iamikienötätter

Venti<cher «eiehstag.

Feuilleton

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Vierteljähriger Monnemeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

SchutSraße Ar.7.

Fernsprecher 61.

Hüt annonctn-Sureau; btS In. und Auslände» nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Berlin. 12. Januar. Der St. Petersburger Mitarbeiter derPolitischen Correspondenz" entwirft ein trostloses Bild von den Mißständen^ welche die Hungersnoth in Ruß­land an den Tag gebracht hat: Das von dem Zemstwos vertheilte Mehl und Getreide wird häufig zum Gegenstände eines abscheulichen Handels zwischen den Beamten und den Nothleidenden gemacht und man erzählt, daß die ersteren nur solchen Leuten Getreide verabfolgen, welche sich vorher bereit I gidlt lühren lassen. erklären, mit ihnen zu theilen. Dieser Mißbrauch hat ins­besondere an jenen Orten stattgefunden, wo die orthodoxen Priester beauftragt waren, die Liste der Nothleidenden mit Bemerkungen über die Bedürftigkeit jedes Einzelnen zu ver­sehen. Die Geldsendungen aus dem Staatsschätze werden durch überflüssige Formalitäten ungebührlich verzögert. Die furchtbarste Geißel Rußlands ist aber unstreitig die nichts­würdige Ausbeutung der hungernden Bevölkerung durch eine Menge von Händlern und sogar von Beamten. Fast jeden Tag und überall werden große Unterschleife entdeckt. Die Besitzer von Getreide bedienen sich der verwerflichsten Mittel,

Deutscher Reich.

Berlin, 12. Januar. Die Vorverhandlungen über den Erlaß eines Auswanderungsgesetzes für das Dentsche Reich nehmen ihren stetigen Fortgang unter Zuziehung von sachkundigen Rhedern aus den Hauptauswanderungsstädten Bremen und Hamburg. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß auch dieses Gesetz noch zeitig genug fertiggestellt und dem Bundesrathe zugehen werde, um noch in dieser Session an den Reichstag gelangen zu können.

, . - - ------ - Es erscheint jetzt »sich

ein polnisch-socialdemokratisches Organ in Berlin. Die Zahl der Blätter socialdemokratischer Gewerkschaften beträgt 52 statt früher 53.

Der

Hleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener AamikienStälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

ießmer Anzeig er

Kenerat-Anzeiger.

5) daß angeboren sind an Karloffeln loco Hamburg oder Görlitz Magnum bonum, Richters Imperator, Daber'sche Champwns Anderffen, sächsische Zwicbelkartoffel, Lata Rosa (spate Rosenkartoffel) zu 4 Mk. per Ctr., Kornblume (Paul- ,ens Züchtung), Blauaugen, Hortensia, Weltwunder, Schnee­flocken. frühe Rosa und gelbe Rosa zu 5 Mk. per Ctr., Bis- guit, frühe blaue Lechswochen, Juno und Simon von Paulsen und deutscher Reichskanzler von Richter zu 6 Mk. per Ctr. Bruce, englische Reuzüchlung aus Magnum bonum zu 9 Mk per Ctr.;

6; daß Laatofierlen bis jetzt noch nicht eingelaufen sind.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeinden veröffentlichen zu laffcn Anmeldungen entgegen zu nehmen und längstens bis zum 10. Februar l. I. ernzusenden.

Gießen, den 5. Januar 1892.

D-r Director des landwirthschaftlichen Bezirksverrins Gießen Jost.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

der Generalversammlung dcs landwirth- whaftlichcn Bezirksvereins Gießen soll in diesem Frühjahr der Bezug von Saatfrucht und Karloffeln durch den landwirth- schaftlichcn Bezirksverein vermittelt werden.

Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kennt- mtz gebracht:

1) daß in dem Voranschläge des landwirthschaftlichen Be- Zirksvereins pro 1891/92 600 Mark zur Deckung der Trans­portkosten vorgesehen sind und daß bei Bestellungen von Mit- gliedern des landwirthschaftlichen Bezirksvereins, welche den Betrag von 30 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Trans­ports der Saatfnlcht und Kartoffeln bis zur Eisenbahnstation Gießen auf die Bezrrksvereinskaffe übernommen werden daß de; größeren Bestellungen dagegen die Vereinsmitglieder die Kosten des Transports der Saatfrucht insoweit zu überneb. steigt?abbn, aId die Bestellung den Betrag von 30 Mk. über-

nm die Preise in die Hohe zu schrauben und sie verkaufen nicht früher, als bis ste ihren Zweck erreicht haben. Ander setts kaufen die Agenten der Zemstwos und der Municipal- Behörden Mehl und Getreide aus, welches entweder gänzlich verdorben oder mit allen möglichen ungenießbaren Substanzen zuweilen sogar mit Sand und Erde vermischt ist. Man mag sich vorstellen, wie es erst in der Provinz zugeht, wenn selbst Petersburg um mehrere hunderttausend Rubel Mehl ankauste, welches sich bei seiner Ankunft in St. Petersburg als gefälscht erwies. Die Polizei-Präfectur entwickelte allerdings in dieser skandalösen Angelegenheit einen ganz ungewöhnlichen Eifer, weil sie mit der Municipalität seit Langem in Streit ist und mit Vergnügen die Gelegenheit ergriff, der letzteren eine Unannehmlichkeit zu bereiten: schließ- ich begnügte man sich jedoch mit der Einsetzung einer Unter- suchungs-Commission, und wer russische Gepflogenheit kennt,

2) daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mit- glikder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgesuhrt werden, dieselben haben aber, wenn sie nicht vor- her noch Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins werden und sich zu diesem Behufe bei dem Unterzeichneten anmelden tollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung chrer Bestellungen zu vergüten; 9 9

^6,.San^roirt.tje' welche durch Vermittelung des laud- wrrthschafll.chen Bez-rksver-ins Saatfrucht oder Kartoffeln zu. ------------------- Cl

- "unschen, ihre Anmeldungen bis zum 10. Februar Riesa, Stendal uyd zwei in Dresden, l. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen haben; -------- r ' ' ' -

- die Zahlung bei Empfang der Saatfrucht oder Kartoffeln alsbald zu erfolgen hat;

welche vergeblich um Arbeit und Unterstützung betteln, in Schmutz verkommen und epidemische Krankheiten verbreiten

wüthet der Typhus so heftig, daß -in eigenes Typhusspital errichtet werden mußte. Und endlich sind Städte und Dörfer der Schauplatz zahlreicher Räubereien, welche von den Nothleidenden begangen werden. Nach den vorliegenden osficiellen Nachrichten ist der Stand der Wintersaaten ein höchst ungünstiger und die Bauern, welche ihres Viehes beraubt, vom Hunger enikräster sind und ihre Arbeitskraft um geringes Geld für lang- Zeit verdungen haben, werden kaum >m Stande sein, im Frühjahre ihre Felder zu bestellen. D,e Regierung steht vor einem fast unlösbaren Problem toe.nn..l'e all,diesen Ucbelständen und Mißbräuchen steuern und die Mittel für die nächste Aussaat beschaffen will, und d,e überall zu Tage tretende Nachlässigkeit, Trägheit und Un­redlichkeit lassen befürchten, daß die Verwaltung sich dieser schwiengen Aufgabe nicht gewachsen zeigen wird. Wnrden doch Persönlichkeiten von hohem Range zur Controle in die P^vinjrn entsendet, denen es an jeder Erfahrung mangelt und di- sich von den unredlichen Localbehörden häufig hinters

pietätvoll gepflegt und zierlich gehalten wurde die Sol­daten hatten einen förmlichen Garren geschaffen und ihn mit Lebensbaumen und mit Lilien bepflanzt - gewährt einen iDuiten, trostlosen Anblick. Eine Bekanntmachung vom 16. De- cember vor. Js. sagt:Nachdem die Beseitigung der auf Privatgrundslücken gelegenen 69 Kriegergräber des Schlacht­feldes von Weißenburg beendet ist, werden die Eigenthllmer der betreffenden Ländereien davon benachrichtigt, daß diese Grundstücke wieder zu ihrer freien Verfügung 'stehen. Der Inhalt der Graber ,st in zwei großen Massengräbern auf von der Landesverwaltung angekauftem Terrain vereinigt worden. Das eine derselben liegt bei dem Armeedenkmal aus dem Gatsberge, das andere beim bayerischen Denkmal diesseits der Lauter.« Einzelne mit besonderen Denksteinen versehene Graber sind unberührt geblieben, so das des Ma,ors v. Gromfeld vom 58. Regiment. Aus dem Alten­stadter Kirchhofe liegt Graf Waldersee, der tapfer- Com- mandeur der 5. Jäger, und Major v. Winterfeld vom

*; -Regiment. Dort wurde auch General Douay zur Ruhe gebettet; im jetzigen Kreiscirectionsgebäude war es, wo er leinen letzten Athemzug that. Dort hatte auch noch immer die Bahre gestanden, aus welcher man den zum Tod- Ver­wundeten dahiugebracht; vor einiger Zeit erst ist sie dem hiesigen Spital überwiesen worden.

Rundschrift oder Eckenschrift? Eine seit L-ibnitz und namentlich seit Jacob Grimm oft behandelte Frage erörtert Mathias Linhoff in einer durch übersichtliche Surje ausgezeichnet- Schrift, die im Verlage der Aschen­

Berlin, 12. Januar. Nach derNationalzeitung" bleibt m der Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetz die Freizügigkeit durchaus unangetastet. Aber es sind eingreifende Änderungen betreffs der Pflicht der Heimathsgemeinde zur Fürsorge für ihre anderwärts unterstützungsbedürftig gewordenen früheren Angehörigen beabsichtigt, wodurch begründeten Be- , -7-o--------,,, Ullu lvct ru||l|a)e Mpnoaenyett kennt

schwerden namentlich der ländlichen Gemeinden abgeholfen I weiß, daß die Angelegenheit damit für alle Zeit bearaben ist' werden soll. Ob an Stelle des für die Berechnung des Aehnliche Mißbräuche ereigneten sich imZemstwoderProvim Unterstutzungswohnsitzes zur Zeit maßgebenden 24. Lebens- Samara. Zu diesen Unregelmäßigkeiten der Verwaltung iab! t!" ^benssahr oder noch ein jüngeres Lebens- gesellt sich nun noch in den Städten, wo es überdies an

sahr gesetzt werden soll, ist noch nicht endgittig beschlossen Nahrung und Heizmaterial fehlt, eine neue Maae Vom

öe" ... . . . Lande strömt eine Menge hungernder Leut- in die Städte

lieber die socialistische Preffe gib! der hipfrhp hpmpMt* um or--... , .

^Vorwärts" vierteljährlich eine Uebersicht. Aus der Ueber- sicht vom 9. Januar entnehmen wir, daß im Vergleich zu April des Vorjahres die Zahl der politischen Organe der Partei jetzt 71 beträgt statt damals 69. Die Zahl der täglich erscheinenden Blätter darunter beträgt unverändert 57. Neue socialdemokratische Organe erscheinen seitdem in Augsburg, Deff'au, Eisenach, Schmalkalden und Mannheim; dagegen haben socialdemokratische Organe zu erscheinen aufgehört in Köthen,

146. Plenarsitzung. Mittwoch den 13. Januar 1892, 2 Uhr. Etat^des Inner^ftÄtzt^ Reichshaushaltsetats wird beim ftcrefärUDrCne^f,H6;a.bC6 Vr^n B-Hr (Rv.) erwidert Staats-

I n'lb a6cr 'n der Presse Stimmen über ju Taae «etretene Mihliandc laut geworben, worauf im Reickoarnt i!lC

Satfee wieder in Angriff genommen worben fei. Es banble sich um

b«ff ^ln £93u?f,anbIun8 » Münster i. W. erschienen ist Rundschrift oder Eckenschrift?" lautet der Titel, der ein un ^rundetes Voruriheil schon gleich dadurch aus der Welt zu schaffen sucht, daß nicht die falsch gestellte Fraae latei. retner Zufall, daß Deutschland die eckige Schrift behalten hat, £ Frankreich und England in den letzten drei und zwei Jahrhunderten der d-utltcher-n runden Schrift gewichen ist- beide Schriftarten haben dieselbe Quelle der verschnörkelten Monchsschrist. Wie Linhoff die Frage richtig stellt, handelt der Streit sich nicht um deutsche und lateinische Schrift, son- dern um eckige lateinische Schrift und runde lateinische Schrift Es ist ein Wahn, daß ein nationales Interesse hier in Frage tomnie. Deutschlands Siegessäule auf dem Königsplatze -u SS D?NKBARE VATERLAND DEM

SIEGREIGREN RELRLI und Niemand wird sein Nationalgefüyl durch die schönen schlanken, klaren Formen dieser Inschrift verletzt suhlen. Wohl aber würde es selbst den T-utschesten aller Deutschen verdrießen, wenn ihm zugemuthet würde, diesen Dank aus folgenden Schnörkeln zu enträtseln' DAS DANKBARE VATERLAND DEM SJEGREJESEN HEERE! (Zu deutschen Aufschriften ist weder die ckne noch die andere der hier angeführten Schriftarten nöthia. Wahr- schetnltch^e aber die Inschrift am Siegesdenkmal, roie

Oberen Denkmal-rn lesbarer, wenn folgende, sich der Mönchschrtft mehr nähernde Schriftart gewählt worden wäre: Das oanhbare Vaterland dem stegreichen Heere! Red.)

Die Soldatengräber bei Weißenburg. Aus Weißenburg wird derVoss. Ztg." berichtet: Im Laufe des vorigen Monats gelangte an die hiesige Kreisdirection der Befehl, überraschend für alle Betheiligten, die zahlreichen Soldatcngraber der Umgegend vott Weißenburg zu öffnen und die Ueberrefte zu sammeln. Die Rolhwendigkeit dieser Maßregel kann ich nicht beurteilen, ein peinliches, bitteres ^ksühl aber mußle Jeden überkommen, der Zeuge ihrer Aus- Mhrung war. Dorr wird das große Massengrab hinter dem Bahnhose, links von der Altenstadter Chaussee geöffnet vermoderte Reste von Mänteln, Tornistern, verrostete Waffen aller Art kommen zum Vorschein- am oberen Ende des Grabes werden die Knochen von Freund und Feind, die friedlich länger als zwanzig Jahren nebeneinander geruht, auf einen Hausen geworfen und dann von roher Hand in dre Sacke und Kisten gepackt. Viele der Gebeine sind zer- splittert vielleicht von der feindlichen Kugel! Ein vor­übergehender Soldat die Aushebung der Gräber geschieht öurch Civilarbeiter, währenb bi- Pflege derselben bisher dem hier in Garnison stehenden 60. Infanterieregiment oblag ammelt in einem Kästchen einige zahlreich umherliegenden üetneren Gegenständea-§ Andenken": Taschenkamm und

»an -'ncmTurko stammend, ein Kreuzchen, wahr- djetnltd) als Amulett aus der Brust getragen, eine Feld- lafctte, fest verkorkt, tn welcher noch Kaffeesatz zu sehen ist verschiedene Knöpfe u. s. w. Der ganze Platz, der sonst so