Id)rührige Fragen: Sollen die Versicherungsanstalten concefsionS- pfttchtig fein ober sollen sie angemelbet werben ? Sollen sie unter Reichs ober Landesaufsicht gestellt werben ? Er hoffe, batz bie be- stehenben Meinungsverschiedenheiten noch zum Ausgleich gebracht werben; im Nothfalle würbe bie Sache durch MajoittätSbeschluß ent- schieben werben müssen.
Abg. Frohme (Soc.) verlangt eine Vermehrung der Fabrtk- infpectorcn, sowie daß diejenigen Arbeitgeber in Strafe genommen werben, welche bie Arbeiter in ber Lorbrtngung von Beschwerden hinderten. Die Arbeiter seien noch immer den Arbeitgebern schutzlos pretSgeaeben.
Staattzsecretär Dr. v. Boetticher: Für eine gesetzliche Regelung haben ihm die Ausführungen des Vorredners wenig Material geliefert. Derselbe übersehe Die Vermehrung ber Fabrikinspectoren in Preußen. Nach biefer Vermehrung wirb Preußen mehr Fabiik- inspectoren haben als Großbritannien. Die Regierung beabsichtige außerbem die Einsetzung einer Commission für Arbeiterstatistik, woran auch ReichStagsmitglieder bethetttgt werben sollen. Rebner weist sobann bie Angriffe des Vorredners auf bie Arbeitgeber im Allgemeinen zurück. Gegenüber bem socialdemokiattschen Boycottsyftem könne man sich nicht wunbern, wenn bie Arbeitgeber sich biejenigen Arbeiter bezeichneten, welche gegen sie agtttrten. (Zuruf: Die Arbett- aeber haben angefangen!) Die Socialbemokraten möchten mit gutem Beispiel vorangehen, bann werbe er seinen ganzen Einfluß aus bie Arbeitgeber aufbitten, damit die schwarzen Liften schwinden.
Abg. Dr. Hartmann (cons.) weift nach, daß der Vorwurf Frohmes, daß die Berichte der Fabrikinspectoren tendenziös gefaßt seien, ber Begrünbung entbehre und begrüßt bie vom StaatssecretLr des Innern angekündigte Maßnahme. Er halte es auch für wünschens- werth, baß die Fabrikinspectoien mit den Arbeiterorganisationen Fühlung suchen; aber wie soll sich der Fabrikinspcctor vertrauensvoll an die Arbeiter wenden, wenn diese den Fabrikinspectoren kein Ver
trauen entgegenbringen.
Abg. Dr. Lingens (Ctr.) wünscht nächtliche Visitationen der Fabriken, in denen Nachtarbeit, namentlich auch von Frauen statt- findet, sowie Erschwerung des Ueberstundenwesens.
Abg. Dr. Htrsch (bfr.): Das Erfreulichste der heutigen Debatte war bie von bem Staatssecretär angekündigte Einrichtung einer Commission für Arbeiterstatistik, zu ber auch Reichstagsabgeordnete zugezogen werden sollen. Nur die ungeschminkte Wahrheit über bie Lage ber Arbeiterverhältnisse kann eine Förberung ber Gesetzgebung bewirken. Von ben Fabrikinspectoren wäre es wünschenswerth, wenn sie sich mit den Arbeitern in Verbindung setzten, anstatt, wie bisher, immer nur mit den Unternehmern. Die Arbeiter seien heute un- jufriebener denn je; sie sind mit dem Laufe ber Dinge nicht einver- fianden. Noch sei es nicht zu spät für bie Gesetzgebung, zu Maßnahmen zu greifen, bie ben Frieden wiederherstellen.
Abg. Möller (natl.): Der Kampf zwischen Arbeiter und Unternehmer werde in den meisten Fällen von den Arbeitern begonnen. Auch sei es nicht richtig, daß bie Fabrikinspectoren sich nur einseitig an bie Unternehmer wendeten, um Informationen zu erhalten. Es ist sogar vorgekommen, daß ein Fabrikinspector alle Anschuldigungen eines socialdemokratischen Blattes den betreffenden Firmen zusandte und von ihnen Rechtfertigung verlangte, ja sogar von einer Fabrik verlangte, daß sie ihm und dem socialdemokrati'chen Verfasser einer derartigen Beschuldigung den Eintritt in die Fabrik gewähre. Die betreffende Fabrik hat dies Verlangen für ungerechtfertigt gehalten.
Abg. Wurm (Soc.): Es sei nicht richtig, daß der Kamps zwischen Arbeitern und Arbeitgebern einseitig von den Arbeitern ausgehe; auch das Boycottiren sei nicht von den Arbeitern, sondern von den Militärbehörden begonnen worden. Die schwarzen Liften der Unternehmer gehen von Fabrik zu Fabrik und die in den Listen Verzeichneten erhalten nirgends Arbeit. Daß ein Fabrikinsptctor Ausschluß von einer Firma verlangt, ist doch nickt verwerflich, wie soll er denn in der Lage sein, sich über diese Dinge zu unterrichten ? Wenn Unternehmer einen Küchenzettel für Arbeiter herausgeben, wonach ein Mittagbrod, zu dem Knochen verwendet werden, deren Fleisch die Unternehmer gegessen haben, für lO Pfg. hergeftellt werden kann, so darf man sich doch nicht wundern, wenn die Arbeiter darin keine große Arbeiterfreundlichkett erblicken. Redner gibt bann eine Reihe von Schilderungen ber Fabrik-Inspectoren über das Verfahren der Unternehmer gegen Schwangere und Mütter, die Arbeit suchen ober in Fabriken, Ziegeleien u. dgl. bcichäftigt sind. Die Schilderungen, welche die Berichte der Fabrikinspectoren über das häusliche und Familienleben mancher Arbeiter bringen, seien so entsetzlich, daß man sich nicht wundern könne, wenn diese Arbeiter lieber in die Schnapskneipen laufen, als zu Haufe bleiben. Die Auszüge aus den Berichten der Jnspectoren seien übrigens mangelhaft; es wäre besser, die Originalberichte mitzutheilen, die Mehrkosten können dabei nicht in Betracht kommen; es scheine fast, als ob die Auszüge sich mit den Originalen in wichtigen Punkten nicht decken. Das Vertrauen der wenigen Arbeiter, welche noch auf die Regierung ihre Hoffnung setzten, sei durch das Vorgehen der preußischen Regierung gegen die Schriftsetzer zerstört worden. Nur durch ein Erstarken der Socialdemokratte werde eine größere Unabhängigkeit der Arbeiter von den Unternehmern zu erreichen sein.
Abg. Röficke (wilblib.): Die Sccialdemokraten benutzen den Boycott nicht dlos zur Erreichung von Handlungen, bie ber Boycottirte leisten kann, sonbern auch um Handlungen zu erreichen die bem Boycottirten nicht möglich finb. Dies beweist der Bier- boycott in Halle, wo man nicht dlos bestimmte Locale, deren Räume zu Verfammlungen nicht hergegeben werben, fonbern auch bie Bierlieferanten, die für biefe Locale lieferten, boycottirte. Dieses Verfahren sei ungerecht, doppelt ungerecht in bem Momente, wo man sich über bie Koalition ber Unternehmer beklagt.
Abg. Bebel (Soc): Den Anfang mit der Boycottirung hat die Regierung gemacht, und bie Unternehmer, namentlich in Berlin sind ihr gefolgt. Es geschah dies zuerst 1878 nach ben Attentaten' Roch heute besteht für bie Staatswerkstätten die Vorschrift, keine socialbemokratifchen Arbeiter zu beschäftigen. Das läßt sich keine Partei ohne Widerstand gefallen. Wir haben als Parteileitung einige Boycotts gemißbilligt, so auch die Trinkgelderbewegung. Was den Boycott in Halle anbetrifft, so ist derselbe gerechtfertigt. Die Hergabe der Säle ist ben Localbesitzern möglich, verweigern sie dies so muffen sie sich gefallen lassen, baß die Arbeiter ihr Local meiden! Die Erbitterung der Arbeiter ist aber gesteigert durch die Entscheidung der sächsischen Gerichte, wonach bie bloße Aussen berung zum Boycott als grober Unfug bestraft wirb. Das geht soweit, daß die Aufforderung eines Arbeiters, das neugegründete Arbeiterblatt und nickt mehr die conferoatioen Blätter zu lesen, mit 14 Tagen Gefängnik bestraft wurde. (Ruf: Unerhört!) Es ist begreiflich, daß dadurch die Erbitterung der Arbeiter auf das Höckstt gesteigert wird, und zwar umsomehr, als in Preußen diese Aufforderungen als nicht stratbar erachtet sind. Außerdem enthalten die Berichte der Jnspectoren auch Mittheilungeu über gewisse Unternehmungen und über deren Betrieb, bie leicbt kredttschädigend wirken können unb dre auch nicht immer richtig sind . t Dr. v Boetticher: Dem Unternehmer steht
ledensalls das Recht zu, sich feine Arbeiter auszuwählen; stellt er fein boycott" °lbCrUn0Cn dieselben, so ist das fein Recht und
Abg. Möller (natl.) stimmt dem bei; mögen die Social- demokraten dafür forgen daß Der Krieg der Arbeiter gegen Die Unternehmer zu Ende geht, bann werben sich auch die Unternehmer gern entschließen, ihre Kampfmaßnahwn zu unterlassen.
Abg. Dreesbach (Soc.): Tie Darstellung des Abg. Möller über die Forderunq eines F-brtttn,p-cl°rs, dem foclaltemotrattfdjen R-dacleur eines bcsttmmttn Blattes Eintritt in die Stabrif iu at- ftattrn, ist nicht richt«;. Nicht R-daeleur, sondern ein befannter Stadtverordneter des bett. Ortes war bet'jenlge, des n “n der Jnfpector wünschte. " 10 H B
Abg. Schrader (dir.) mihbilligt den Halleschen Bier,Boycott und das sur die Staatswerfstatten bestehende Perbot (octat- demolratisch- Arbeiter zu deschLstigen. Mögen die Socialdemokraten
nun ben unter bem Socialistengefetz begonnenen Kampf nicht fort- setzen, sondern ebenfalls Frieden machen.
Abg. Bebel (Soc.) bleibt dabei, daß e8 nicht zulässig sei, ben Socialbemokraten alle Pflichten bes Staatsbürgers aufzuerlegen und ihre staatsbürgerlichen Rechte zu kürzen.
DaS Eapitel 7 ber Ausgaben wirb bewilligt.
Hierauf vertagt sich baS Haus.
Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr. Tages-Ordnung: Etat- berathung. — Schluß 6 Uhr.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Lorrefpondenz-Vureau.
Berliu, 13. Januar. Der Kaiser ist Nachmittags in einem Sonderzuge über Stendal und Hannover nach Bückeburg abgereist.
Berlin, 13. Januar, v. Köller, der Präsieent des Abgeordnetenhauses, ist an der Influenza erkrankt. Er wird voraussichtlich an der Eröffnung des Landtages nicht theilnehmen.
Wien, 13. Januar. Der Generalinspector der Eavallerie, Gemmingen, erkrankte an Influenza in Verbindung mit Lungenentzündung. Der Kaiser, die Kaiserin und die Erzherzöge erkundigten sich nach seinem Befinden.
Bern, 13. Januar. Im großen Rathe forderte Scherz die Regierung auf, zu prüfen, ob nicht in criminal- polizeilichem Interesse eine Verschärfung der Eontrole über die imEanton vorübergehend sich aushaltenden Ausländer geboten und ausländische Arbeiter derselben Besteuerung zu unterwerfen seien wie die inländischen.
Loudon, 13. Januar. Die in Tool-ey-Street am Themsequai belegenen großen Korn müh len von Seth Taylor sind gänzlich abgebrannt. 280,000 Sack Mehl sollen vernichtet fein.
London, 13. Januar. Im Zusammenhänge mit dem jüngsten A narchistencomplott verhaftete heute die Polizei in Walsall den Arbeiter Harne, in London den russischen Anarchisten Droganaviow.
London, 13. Januar. Nach einer Depesche des Lloyd aus Hongkong vom 12. Januar ist der englische Dampfer „Namchow" in den chinesischen Gewäffern bei den Eupchi- Spitzen untergegangen. 414 Menschen sind umgekommen, darunter die ganze europäische Mannschaft. Ursache des Unfalles war der Bruch des Schraubenschastes.
Rom, 13. Januar. „Esercitio" bestätigt, daß die Anwesenheit des Kriegs Ministers in ©teilte« mit der Errichtung eines großen befestigten Lagers im Centrum der Insel bei Castro Giovanni zusammenhing.
Petersburg, 13. Januar. In den Voranschlag für 1892 sind für Unterstützung der von der Mißernte betroffenen Provinzen keine Summen ausgeworsen. Die hierzu nöthigen Summen werden den Reichskassenbeständen entnommen. Letztere betrugen nach der „Nordischen Telegraphenagentur" am 20. Januar 111 Millionen Rubel Gold, ö1/^ Millionen Silber, 35 Millionen Creditrubel, 9f/2 Millionen Rubel Metalliques und 111/< Millionen Werthpapiere, lautend aus Creditrubel.
Depeschen be5 „Bureau Herold".
Berlin, 13. Januar. Dem „Reichsanzeiger" zufolge ging denjenigen Bundesstaaten, in denen sich Börsen befinden, von Reichswegen ein Umschreiben behufs Entsendung von Vertretern zur Feststellung der Grundzüge für die Prüfung der Börsenreformfrage zu.
Leipzig, 14. Januar. Das Urtheil des Reichsgerichts gegen die Berliner Rechtsanwälte Coßmann und Ballien, die Vertheidiger des Ehepaares Heinze, lautet gegen Coßmann auf Verweis und 1000 Mark Geldstrafe, gegen Ballien auf 500 Mark und verschärften Verweis. Die Frage der Ertheilung von Rathschlägen an Klienten wurde nicht principiell entschieden.
Bückeburg, 14. Januar. Der Kaiser ist um 6 Uhr mittels Sonderzuges mit dem Prinzen Adolph von Schaum- burg-Lippe und der Prinzessin Victoria, welche ihm bis Hannover entgegengefahren waren, hier eingetroffen. Die Herrschaften fuhren zum Schlosse, woselbst sie von der Fürstin begrüßt wurden, da der Fürst Rudolph Georg durch Krankheit verhindert war, den Kaiser am Bahnhose zu empfangen und auch an dem um 7 Uhr stattfindenden Diner nicht theilnehmen konnte. Die Straßen waren illuminirt. Das Spalier wurde von den Einwohnern und Kriegervereinen gebildet. Lebhafte Hochrufe ertönten bei der Durchfahrt des Kaisers.
Kattowitz, 13. Januar. Seit heute dürfen die in Kurland wohnenden Deutschen nur noch mit Jahrespässen die Grenze überschreiten.
Pest, 14. Januar. Der „Nemzet" erfährt aus Sofia, die bulgarische Regierung habe sich entschlossen, zur Unabhängigkeitserklärung zu schreiten, falls die Pforte einen Schritt im Interesse Frankreichs unternehme. Die Affaire Chadourue könne verhängnißvoll werden.
London, 14. Januar. Ein heftiges Feuer brach in der Watson'schen Seifenfabrik in Leeds aus. Die Flammen ergriffen die benachbarten Bahnhöfe der London- und Nordwestbahn, sowie der Widlandbahn. Der Schaden wird aus 300000 Psd. Sterl. geschätzt.
Petersburg, 13. Januar. Bei der Station Seilks auf ber Strecke Suczrane-Wiasme stieß ein Güterzug mit einem Omnibuszug zusammen, 8 Wagen des letzteren wurden zertrümmert- 13 Personen blieben sofort tobt, über 50 finb schwer verwunbet.
London, 14. Januar. Der Herzog von Clarence ist geftorben.
Locales ttttfc provinzielles.
Gießen, 14. Januar 1892.
— Ruhestands«Versetzung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnäbigst geruht: Am 6. Januar den Director der Victoriaschule unb bes Lehrerinnen
seminars zu Darmstadt, Dr. Richard Wulckow, auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. April ds. Js. an, bis zur Wiederherstellung feiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.)
Ersatzansprüche bei verlorenen Geldbriesen. Bei einem im November in der Nähe von Apolda vorgekommenen Eisenbahnunglück war ein von einem Geraer Geschästsmanne ab* gesandter Geldbries mit über 600 Mk. in Papieren vernichtet worden. Die Sache gewinnt insofern ein öffentliches In- tereffe, als bet den zwischen dem Absender und ber Post- befyörbe wegen Ersatzes stattgesunbenen Verhanblungen bie letztere nicht allein bie Angabe der Geldforten, sondern auch die Nummern der einzelnen Kassenscheine verlangte, eine Forderung, welcher der betreffende Geschäftsmann nicht entsprechen konnte.
△ Mainz, 13. Januar. Hier bildet ein Verbot das Tagesgespräch, welches Oberst Meckel vom 88. Regiment bei der gestrigen Parole erlassen hat. Derselbe theilte bem Musikdirector des Regiments mit, daß seine Capelle bei ben carnevalistischen Veranstaltungen ber „Mainzer Carnevals- Gesellschast" nicht mehr spielen dürfe. DaS Verbot soll, daraus zurückzusiihren fein, daß in der ersten Carnevalssitzung der genannten Gesellschaft eine Anspielung auf den Fall Heyl- Leydhecker gefallen sei. Infolge des Verbots begab sich heute Vormittag eine Deputation der Carnevals-Gesellschaft zu dem Oberst und erwirkte eine Rückgängigmachung desselben, indem man die Zusicherung gab, daß für die Folge spitze persönliche Bemerkungen gegen Angehörige des Militärstandes unterbleiben sollen. Viel böses Blut hat bei der earnevalistisch gesinnten Mainzer Bevölkerung ein ähnliches Verbot in früheren Jahren gemacht. Es war dies im Jahre 1865, wo gleichfalls wegen einer carnevalistischen Anspielung durch Gouvernementsbesehl sämmtlichen hiesigen Militarcapellen die Mitwirkung bei dem Carneval untersagt und auch die Ueberlassung von Militärpserden für den Rosenmontag nicht gestattet wurde. In feiner Verlegenheit wandte sich damals das Carnevalscomits an das Hofmarschallamt nach Darmstadt und an das Marschallamt nach Biebrich, worauf nicht allein die Musikchöre von dorten genehmigt, sondern auch aus den Marställen Pferde in beliebiger Zahl zur Verfügung gestellt wurden. Aus der damaligen Zeit batirt noch ein hier sehr bekanntes Carnevalslieb mit bem Refrain: „Kön Musik unb kön Geil!"
Höchst, 12. Januar. Einem Ersuchen bes Kreisausschuffes entsprechend, hat Großh. Kreisamt Erbach, vom 1. Februar 1892 an, die Polizeistunde festgesetzt wie folgt: 1) für Höchst, Neustadt, König, Michelstadt, Erbach, Beerfelden und Reichelsheim auf 11 Uhr während des ganzen Jahres, 2) für alle anderen Gemeinden des Kreises auf 11 Uhr während ber Monate April bis einschließlich September unb auf 10 Uhr währenb ber übrigen Monate.
Worms, 13. Januar. Gestern Abenb würbe in ber Hagenstraße, die soeben canalisirt wird, ein elfjähriges Mädchen von der Rolle eines hiesigen Ledersabrikanten überfahren. Das Kind gerieth unter die Hufe der Pferde, wurde getreten und dann von den beiden Rädern der Rolle überfahren- es war sofort tobt.
vermischtes.
* Paris, 10. Januar. Pariser Bettler unb Lumpensammler. Der durch seine Streifzüge unb Forschungen auf bem Gebiete bes Pariser Straßenlebens bekannte Kammerschriftsührer Paulian hielt gestern einen Vortrag über die Lumpensammler und Bettler in Paris. Das Betteln, meinte er, bringe hier mehr ein, als das Arbeiten. Paulian hat es selbst erprobt und auf alle Art betteln erlernt- im schwarzen Frack von Haus zu Haus, als der „Lehrer in bedrängten Umständen", als Wagenschlag-Oeffner an der Zufahrt besuchter Vergnügungsorte, in schwarzen Handschuhen bei vornehmen Leichenbegängnissen. Auch in „Gebrechen" hat er fleißig gearbeitet und zeigte seinen Zuhörern, wie man durch einfaches Zurückdrehen der Hand eine Lähmung erheuchelt. Durch Hebung vermag man diese Lage sehr lange beizubehalten. Mit dem Lumpensammeln sind zahllose kleine Nebengewerbe verbunden. Alles, was man findet, wird verwertet. Sardinenbüchsen dienen zum Bau von Spielzeug- aus schwarzen Filzdeckeln schneidet man falsche Trüffeln - Cigarrenstummel werden Schnupftabak- Frauenhaare, von denen jede Nacht 300 Kg. gesammelt werden, gehen zum Preise von 4 Frcs. das Kilogramm an die Haarkräusler - billiger sind Männerhaare, aus denen Siebe für die Zuckerbäckerei gemacht werden. Der Arbeitsanzug des Lumpensammlers ist auf jede Woche für eine Kleinigkeit gemiethet- feine Wäsche entnimmt er den Fundstücken seines Korbes, legt er sie ab, so verkauft er sie mit den übrigen von ihm gesammelten Lumpen.
* Wie das „Münch. Fcmdenbl." erfährt, hat der heilkundige Pfarrer Kneipp in Wörishosen eine große Zahl werthvoller Weihnachtsgeschenke zugeschickt erhalten. Namentlich aus England, Amerika und Frankreich haben dankbare Ver chrer kostbare Geschenke mit Dankschreiben dem Pfarrer übersendet- sogar von China liefen solche Geschenke em.
* In Berlin starb der Braumeister von Patzenhoser, Adolf Enders, ein richtiger Braumeister der alten Art, der in Pantoffeln über die Straße ging. Sein Gehalt betrug 60,000 Mk., von jeder Tonne hatte er 50 Psg. Im Ganzen berechnete man feine jährliche Einnahme auf 150000 Mk.
Verkehr, £anö# un6 Volkswirthschaft.
Hriedberg, 12. Januar. Fruchtpreise. Weiren JL 22.50 bis 24.00, Korn JL 23.00—23.50, Gerste JL 16.50—00.00, Hafer JL 14 00- 00 00. Alle Preise verstehen sich auf 100 Kilo, gleich 200 Zollpfund.
Friedberg, 13. Januar. Buttermarkt. Butter kostete per Pfd. X 0.80- 0.90, Eier 1 St. 8 2 St. - 4 P
üimtmrg, 13. Januar. Fruchtmarkt. Rotber Weizen X 19 b5, weißer Weizen X —, Korn X 17 00, Gerffr X 10.35, Hafer, X 7.00, Erbsen Kartoffeln-


