Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

Nr. 292 Erstes Blatt Mittwoch den 14. December

1892

Der Oßeße«er Xxy^tx erscheint täglich, it Ausnahme des Montags.

Die Gießener

»erden dem Anzeiger »Achentlich dreimal beigelegl.

Hießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Vierteljähriger AlaenemtttUyrttol 2 Mark 20 Pfg. mV

Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50

ficbodion, Lxpeditio» and Druckerei:

Ach.tftraßeMr.sr Ferustzrecher 61,

Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren,

fwtgmbtn lag erfätinenbtn *tum»er bi* vor». i?u£ | HraLisöeitage: Hießener Jamitienötätter. | ?,

ArrrtLicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Großen-Linden.

Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauenseuche in Großen-Linden ein Monat verstrichen ist, ohne daß neue Seuchensälle sich gezeigt haben, haben wir der Großh. Bürger­meisterei Großen - Linden die Ermächtigung zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen in vollem Umfang wieder ertheilt.

Gießen, den 12. December 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. December. Der angekündigte Antrag con- servativer und antisemitischer Reichslagsmitglieder aus Ein­stellung des Verfahrens gegen den Reichstagsabgeord­neten Ahlwardt anläßlich des Judenflinten-Prozesses soll nächster Tage dem Hause zugehen. Es heißt, der Antrag würde vorläufig der Geschästsordnungscommission überwiesen werden, an der Genehmigung des Antrages selbst durch den Reichstag ist wohl nicht zu zweifeln. Das Parlament hat bis jetzt noch in allen Fällen, in denen es fich um Ein­stellung eines gegen ein Mitglied des Hauses schwebenden Strafverfahrens handelte, den betreffenden Anträgen statt­gegeben und es ist nicht einzusehen, warum es gerade dem Abgeordneten Ahlwardt gegenüber eine Ausnahme von dieser Regel machen sollte. Die ganze Sache ist ja keine Personen-, sondern eine Prinzipienfrage und der Reichstag würde sich nur selbst im Lichte stehen, wollte er ein Loch in den bislang hochgehaltenen Grundsatz der parlamentarischen Unverletzlich­keit machen. Im Uebrigen könnte Herr Ahlwardt erst nach dem 21. Februar 1893 im Reichstage erscheinen, denn bis zu diesem Tage währt die rechtskräftige Strafe, die er gegen­wärtig im Gefängnisse zu Plötzensee wegen Beleidigung des Berliner Magistrats verbüßt.

Deutscher Reichstag.

13. Sitzung. Montag, 12. December 1892.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst Interpellationen.

Abgg. Dr. Buhl und Dr. Ma, quardsen (not!) haben

folgende Interpellation eingebracht: Die in dem soeben beendeten Proceß Ahlwardt vernommenen militärischen Sachverständigen haben sich zwar schon entschieden für die gute Qualität unserer neuen Infanterie-Bewaffnung ausgesprochen. Nichtsdestoweniger erscheint es wünschenswerth, wenn von höchster, autoritativer Stelle aus eine Bestätigung und Bekräftigung dieses Urtheils erfolgt. Die Unterzeichneten richten deshalb an den Herrn Reichskanzler die An­frage, ob derselbe bereit ist, dem Reichstage in diesem Betreff eine Mittheilung zu machen?

Abg. Dr. v. Marquardsen begründet die Interpellation unter Berufung auf die Auslassungen des Staatsanwalts indem Ahlwardt- Proceß und die Zeitungsmittheilung, wonach künftig die Anfertigung von Armeegewehren Privatinftituten nicht mehr übertragen werden solle. Das Vertrauen des Soldaten in die Güte seiner Waffe sei ebenso nothwendig^ wie die Zuversicht auf zuverlässige Führung. Deshalb sei es nöthig, der erregten Beunruhigung ein Ende zu machen.

Reichskanzler Graf Caprivi: Das Gewehr unserer Infanterie ist im Modell und der Ausführung ein fehr gutes und entspricht allen zu stellenden Anforderungen. Der Gedanke, eine Aenderung in der Herstellung eintreten zu lassen, ist der Militärverwaltung noch nie gekommen. DaS Zündnsdelgewehr wurde f. Z. noch schärfer und abfälliger kritisirt als daS neue. Das neue ist ungleich subtiler als das frühere, und wenn dasselbe, nachdem es in die Hände Un­geübter gekommen, leicht Schädigungen erleidet, so ist das natürlich. Die Entwendung der in dem Ahlwardt-Processe vorgebrachten Schrift- sisiIe ist ein kleiner gemeiner Diebstahl. Die Schriftstücke waren niGt geheim; sie lagen in einer offenen Muppe und wurden daraus entwendet. In dem vorliegenden Verzeichnis der Reparaturen können die Reparaturen an Kammern und Schlößchen und die Abzugsfeder auffallen, aber dieselben beweisen nichts gegen die Güte der Gewehre. Im Kriege wären diese als reparaturbedürftig erkannten Gewehre weiter benutzt worden. Die Anklagen gegen die Militärverwaltung sind gewissenlose Verleumdungen, die aufs Schärfste zu brandmarken sind. (Bravo!)

König!, sächsischer Kriegsminister Edler v. d. Planitz: Es ist behauptet worden, daß bei den König!, sächsischen Armeecorps schlechte Erfahrungen mit den Löwe'schen Gewehren gemacht worden sind. 2Bir stehen der Sache ganz objcctiv gegenüber. Wir haben mit der Firma Löwe bind nichts zu thun. Wir haben die Gewehre bei der preußischen Militärverwaltung bestellt und haben einen Theil Löwe'scher Gewehre mitbekommen. Als die Anklagen gegen die letzteren auftauchten, haben wir ein Vergleichsschießen mit je 200 Ge­wehren aus Staatsanftalten angestellt. Jedes Gewehr wurde mit 50 Schuß versehen, 25 für gewöhnliches Schießen und 25 für Schnell­feuer. Das Ergebniß war, daß die Löwe'schen Gewehre mit denen der Staatsfabriken vollständig gleich leistungsfähig waren. Bei den Hebungen waren von sechs Reservebataillonen fünf mit Löwe'schen Gewehren versehen und es sind nie Klagen vorgekommen. Die Be­hauptung derN. Dtsch. Ztg." in Leipzig, daß nach zwei Schießtagen 150 Gewehre defect geworden, reducirte sich bei der Untersuchung darauf, daß an 15 Gewehren kleine Reparaturen nothwendig geworden waren. Eine Untersuchung sämmtlicher 2000 Gewehre ergab nur 187 meist ganz unerhebliche Reparaturen. Das deutsche Infanterie-

Gewehr ist vollständig dienstbrauchbar und die Löwe'schen Gewehre stehen denen der Staatsfabriken nicht nach; die Ration kann sich also aller Sorgen entschlagen. (Bravo!)

Eine Discussion der Interpellation wird nicht beantragt.

Abg. Graf Mirbach begründet folgende Interpellation: Billigen eS die verbündeten Regierungen, daß die deutschen Delegirten bei der Münzconferenz in Brüssel sich den auf die Bekämpfung der Silberentwerthung gerichteten nahezu einmüthigen Bestrebungen aller auf der Conferenz vertretenen Staaten gegenüber ablehnend verhalten? Das einzige Mittel, das wir bisher zur Begegnung des Preisdrucks hatten, die Zölle, haben wir durch die Verträge aufgegeben; nun bleibt nur die Regelung der Währungsfrage.

Reichskanzler Graf Caprivi: Aus der Interpellation ist zu ersehen, wie man im Lande bestrebt ist, den Antisemitismus und den Bimetallismus vor einen Wagen zu spannen. (Beifall und lebhafter Widerspruch.) Die verbündeten Regierungen halten nach wie vor die bestehende Währung für eine sehr gute und ste beabsichtigen nicht, die Initiative zu einer Aenderung zu ergreifen. Dementsprechend lautet auch die Instruction der deutschen Delegirten auf der Brüsseler Conferenz. Der bisherige Verlauf der Conferenz hat diese Instruction gerechtfertigt. Ich lege Werth darauf, zu conftatiren, daß ein gewisser Dr. Arendt, der sich bei der Conferenz durch ein Empfehlungsschreiben des Grafen Mirbach-Sorquitten eingeführt hat, in keinerlei Beziehung zur Regierung steht.

Auf Antrag des Abgeordneten v. Schalscha (Ctr.) wird in die Besprechung der Interpellation eingetreten.

Abg. Frhr. v. Pfetten (Ctr.) vermag den Werth der Doppel­währung für die Preisbildung nicht zu erkennen.

Abg. v. Kardorff (iRp.): Der Reichskanzler sprach von einem" Dr. Arendt; dieser Dr. Arendt sei preußischer Abgeordneter und eine Autorität auf dem Gebiet der Währungsfrage. Derselbe denke nicht daran, als Vertreter der deutschen Reichsregierung in Brüssel aufzutreten. Es sei die höchste Aufgabe jedes deutschen Staatsmannes, dafür zu sorgen, daß die deutsche Landwtrthschast wieder zu ihrem Rechte kommt und dazu gehöre das Aufgeben der Goldwährung. An der Aufrechterhaltung dieser hätten nur die Socialdemokraten ein Interesse, weil sie der Unzufriedenheit bedürften, um mit Erfolg agitiren zu können. Es giebt auch kein besseres Mittel, der antisemitischen Bewegung ihr Gift zu nehmen als der Uebergang zur Doppelwährung. Tritt Deutschland an die Lösung der Währungs­frage ernstlich heran, so ist sie gelöst. Wenn England nicht will, nun so lasse man es; es ist doch früher auch gegangen. Die Haltung Deutschlands in Brüssel wird Amerika zu Repressiomaßregeln veranlassen. Gehen wir zur Doppelwährung über, dann wird die Landwirthschaft ausreichend gekräftigt, und nicht nur die 60 Millionen, welche die neue Militärvorloge fordert, sondern noch viel höhere Summen aufbringen. (Bravo!!)

Abg. Dr. Bamberger (frs.): Die ganze Debatte sei völlig werthlos. Aber wie stelle sich das Verfahren der Interpellanten dar? Welcher Sturm der Entrüstung hätte es hervorgerufen, wenn die Linke denVersuch gemacht hätte, die eigeneRegierung inmitten internationaler Verhandlungen so zu blamiren! (Beifall. Widerspruch.) Eine Inter­pellation, wie diese, sollte sich nicht auf Zeitungsberichte, sondern auf authentische Mitthellungen stutzen. Wäre das hier der Fall, so würde

Feuilleton.

Die Geschichte von SchillersKabale und Liebe".

SchillersRäuber" waren unter der Leitung des treff­lichen Mannheimer Theaterintendanten, Freiherrn von Dalbergs, am 13. Januar 1782 zum ersten, und am 29. zum zweiten Male gegeben worden, und der blutjunge Dichter hatte sich zu beiden Ausführungen ohne das Vorwissen des Herzogs Karl von Württemberg, in dessen Diensten er als Regimentsmedicus eine wenig beneidenswerthe Stellung einnahm, von Stuttgart nach Mannheim begeben. Seine mütterliche Freundin, Frau von Wolzogen und eine Hauptmannssrau Namens Vischer be­gleiteten ihn und waren Zeugen seines großen Triumphes, wurden aber durch ihre Schwatzhaftigkeit die Ursache, daß der Herzog, der kurz vorher dem Regimentsmedicus die Ver­öffentlichung litterarischer Schriften aufs Strengste untersagt hatte, Wind von der Sache bekam, und das Ende war, daß Schiller auf vierzehn Tage in Arrest wandern mußte. In diesen trüben vierzehn Tagen lernte er spielen, machte Schulden und ließ sich mit' der Korporalin Fricke ein, aber er empfing in seinem bitteren Ingrimm gegen den Herzog auch den ersten Anstoß zu seinen von glühendem Haß gegen die Despotenwillkür getragenen DramenFiesko" undKabale und Liebe". Anderthalb Jahre, die zu den bewegtesten und schwersten seines Lebens gehörten, hatte der Dichter nöthig gehabt, letzteres zu vollenden, und gerade deßhalb scheint die prachtvolle Geschlossenheit des scenischen Gefüges doppelt be- wundernswerth.

Schiller fühlte sich in Stuttgart unter dem strengen Regiment seines Landesherrn so unglücklich, daß er, als es ihm nicht gelungen war, Dalbergs Unterstützung und Vermitt­lung zu erhalten, Ende September heimlich seine Heimat ver­ließ. Aus der Flucht, die er gemeinsam mit seinem Freunde Streicher machte, und die über Mannheim, Darmstadt und Frankfurt ging, schritt er meist schweigend und in sich gekehrt seines Weges, einzig mit dem Gedanken an sein neues Drama, dieLuise Millerin", beschäftigt. Und es war wohl in der Vaterstadt Goethes, wo er die ersten Zeilen der Dichtung niederschrieb, in der die arme Musikantentochter den Fürsten tagen will, was das Elend ist. Er war selbst dem Ver­

hungern nahe, er, der zur selben Zeit in einem Frankfurter Buchladen erfahren mußte, daß seineRäuber" vollständig vergriffen seien. Er setzte bald seine Reise, die er unter dem NamenDoctor Ritter" undDoctor Schmidt" machte, fort, kam mit seinem treuen Freunde nach Worms, rastete ein paar Tage in Oggersheim, wo er beständig an feinembürgerlichen Trauerspie!".weiterarbeitete, und langte endlich nach mancherlei weiteren Hin- und Herfahrten am 7. December bei tiefem Schnee spät Abends in dem unter dürsteren Fichtenwäldern an der Grenze zwischen Franken und Thüringen gelegenen Dorfe Bauerbach an. Der armselige, kaum aus dreißig Häusern bestehende Ort war ein Gut der Frau von Wolzogen, die dem Dichter schon in Stuttgait das Versprechen abge­nommen hatte, sich so lange aus ihrem in der Nähe von Meiningen gelegenen Besitzthum zu verbergen, bis keine Ver­folgung mehr vom Herzog zu befürchten sei. In dem von den dürftigen Bauernhütten des Dorfes kaum unterscheidbaren Herrschaftshause, in trostloser Einsamkeit wegen des strengen Winters aus sein einfaches Zimmer gebannt, sand der lange genug ruhelos draußen Umhergehetzte nun endlich Zeit zur Einkehr in sich selbst, hier störte kein Lärm der Außenwelt seine idealischen Täuschungen und dichterischen Träume, hier schrieb er seineLuise Millerin", die bald alle Köpse und Herzen mit sich reißen sollte.

Doch scheint Schiller den Plan und auch wohl einen an­sehnlichen Theil des Entwurfes fertig mit nach Bauerbach ge­bracht zu haben, da er schon nach wenigen Tagen an seinen neuen Freund Reinwald, der ihm von Meiningen aus alle nothwendigen Bücher besorgte, schreibt:Nach Verfluß von 12 oder 14 Tagen bringe ich ein neues Trauerspiel zu Stande, davon ich Sie zum geheimen Richter ernennen will." Aber die Sache ging doch nicht ganz so schnell, und erst am 14. Februar 1783 bittet er denselben Freund umein Buch recht gutes Schreibpapier, meine Luise Millerin darauf ab­zuschreiben." Ende des Monats unterhandelte er dann mit dem Leipziger Buchhändler Weigand, dem Verleger des Werther", bricht aber selbst wieder ab. Dalberg, der sich seither etwas sehr reservirt gehalten, knüpft zur selben Zeit Plötzlich mit dem Dichter wieder an, schlägt Schiller eine Um­arbeitung vor seine Gründe können wir nur vermuthen aus die dieser eingeht, die er aber erst zu Ende des nächsten

Jahres beendet. Er hatte Bauerbach inzwischen verlassen und war am Mannheimer Theater auf ein Jahr als Theaterdichter angestellt worden und damals wenigstens von der drückenden Sorge um Geld und Brot befreit, die ihm auch in Bauer­bach schließlich das Leben verbitterten. In Mannheim war es denn auch, wo Jffland dem Stück einen neuen Namen gab: Luise Millerin" hieß nunKabale und Liebe".

Vorher war schonFiesko" über die Bühne gegangen, mit weniger Beifall allerdings alsDie Räuber". Zur Oster- messe erschien bas neue Drama im Druck:Kabale und Liebe, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Friedrich Schiller" war der Titel, und es scheint, daß das Buch noch vor der ersten Aufführung herauskam. Die Ehre dieser ersten Ausführung gebührt der Stadt Frankfurt, der erst zwei Tage später, am 15. April 1784, Mannheim folgte. Schiller wohnte mit Streicher der Premiere in geschlossener Loge bei, anfangs heiter und ruhig, wie dieser erzählt, aber sofort nach Beginn des Stückes durch lebhaftestes Geberdenspiel seine Spannung verrathend und am Schluß des ersten Actes in die Worte ausbrechend:Es geht gut!" Der Beifall des Publikums war ein großer, und nach dem Finale des zweiten Actes geschah, was zuvor noch nie geschehen war: sämmtliche Zuschauer erhoben sich unter den stürmischsten Beifallsrufen von ihren Sitzen, so daß Schiller, tief ergriffen von der Wirkung seiner Schöpfung, in seiner Loge vortrat und sich dankend verneigte. Trotzdem aber wurdeKabale und Liebe" im selben Jahre nur noch siebenmal gegeben, was indessen leicht seine Erklärung in dem Interesse findet, das die schon am nächsten Abend folgende Opernnovität Mozarts, Die Entführung aus dem Serail" hervorrief, und außer­dem begann kurz darauf eine Gastspielreise der Mannheimer Schauspieler.

Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, daß daS Drama seinen Triumphzug über alle größeren deutschen Bühnen hielt. In England erwarb es sich sofort das Bürgerrecht, während es in Paris im Theatre fran^ais ausgepfiffen wurde, um erst fünfundzwanzig Jahre später dort zu Ehren zu kommen, und schließlich fast in alle europäischen Sprachen übersetzt zu werden.

(Schluß folgt.)