Nr. 38 Zweites Blati. Sonntag den 14. Februar
1892
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter
Anrtticyev Tbeil
Zur Hungersnoth in Rußland.
v. Gagern.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS I«. und Au-lande- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
meistereien ortsüblich veröffentlichen und bei den Control- terminen den Befolg überwachen. Den Stellen empfehlen wir dafür zu sorgen, daß sie stets die ersorderliche Anzahl von Doppelmarken vorräthig haben.
Dem in Berlin zur Linderung der Hungersnoth in Rußland zusammengetretenen Hilfscomite (aus den Herren Geh. Med.-Rath Dr. Bergmann, Consistorialrath Dr Dalton, Professor Harnack und Pastor Keller bestehend) ist es gelungen den Ertrag einer ersten Sammlung in der Höhe von 41,000 M. ungekürzt durch deutsche erprobte und durchaus zuverlässige Hände an Ort und Stelle zur Vertheilung zu bringen. Das Comite bittet nunmehr in einem dieser Tage erschienenen Bericht um weitere Gaben und theilt hierbei mit, daß die anfänglich schnöde Ablehnung der deutschen Hülse seitens einiger russischer Hetzblätter vereinzelt geblieben sei, daß die geachtetsten russischen Zeitungen einen anderen Standpunkt einnähmen und mit Dank und Anerkennung die gebotene Hilfeleistung für die so schwer heimgesuchte Bevölkerung annehme, sowie daß dem Comite von den Aerzten in Kasan eine Dankadresse zugegangen sei. Im Weiteren gibt der Bericht an Hand der aus den nothleidenden Districten eingelaufenen zahlreichen Zuschriften eine ergreifende Schilderung des alle Begriffe übersteigenden Elendes, das eine nach Millionen zählende Bevölkerung in einem Gebietsumfang von beinahe der Ausdehnung von Deutschland und Frankreich betroffen hat. Wir entnehmen dieser Darstellung im Folgenden einige Einzelheiten.
Mitten unter den am meisten heimgesuchten Gegenden an der mittleren und unteren Wolga liegen die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Auswanderern aus Württemberg, der Pfalz, Hessen und Baden gegründeten d e u t s ch e n C o l o n i e n mit etwa 350,000 Ansiedlern. Von d^sen können sich nach den vorliegenden Berichten nur höch-
überwiesenen Mitteln nur Frauen, Kinder und alte Leute zu unterstützen und zwar erhalten dieselben auf den Kops im Monat nichts weiter als 13—16 Kilogr. Mehl, ein Maß, das oft schon am 12. Tag aufgezehrt ist. Männliche Personen im Alter von 17—55 Jahren, also die stärksten Esser, erhalten keine Unterstützung, „weil sie arbeiten können", wo
„In unserm Kirchspiel sind 6000 Seelen, von denen höchstens 1000 sich noch selbst kleiden und ernähern können, die übrigen 5000 sind halbnackt und dem Hungertode nahe. Die meisten Menschen leben hier davon, daß sie sich zweimal täglich eine Suppe kochen, bestehend aus Waffer, Salz und etwas Roggenmehl hineingerührt, und das essen sie ohne Brot,
doch keine Arbeit ist, und selbst die umfangreichsten Arbeiten, wenn sie hie und da begonnen werden, sich bei der Menge der Arbeiter als unzureichend erweisen. So schreibt ein Berichterstatter, in seinem Kirchspiel seien 1880 solcher „Arbeiter", die keine Arbeit hätten, und die er deßhalb aus der von ihm geleiteten Volksküche ernähren müsse, sollten sie nicht vor seinen Augen verhungern.
In den deutschen Colonieen sind nämlich von Anfang an aus freiwilligen Beiträgen Volksküchen errichtet worden, die meist unter Aussicht und Leitung des Pfarrers, des Lehrers und opferwilliger Kirchenältesten stehen. Die bei dem Hilfscomite einlausenden Beiträge werden hauptsächlich zur Erhaltung dieser Volksküchen verwendet, und sind dringend uöthig, da die Zahl der Hungernden, die ganz auf die Volksküchen angewiesen sind, fortwährend zunimmt. Nur einige wenige der aus jenen Colonieen eingefallenen Berichte seien hier zur Kennzeichnung der ganzen Größe des Elendes wieder- gegeben.
„In meinem Pfarramt ist seit dem 1. November eine Volksküche eingerichtet, den vorhandenen Mitteln entsprechend, für 50 Personen. Schon nach einigen Tagen meldeten sich über 150; jetzt sind es bereits 500 Personen in dem einen t(einen Dorfe, welchen geholfen werden muß. Bei vielen ist die tägliche Nahrung etwas Roggenmehl in Wasser gekocht und dabei tagelang kein Brot. Ich bitte Sie um Gottes und der Sache willen, unsere Noth auch weiterhin lindern zu Helsen."--
Bekanntmachung.
Die Lahnbrücke bei Ruttershausen wird hiermit für den Fuhrwerksverkehr bis auf Weiteres gesperrt.
Gießen, den 10. Februar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 11. Februar 1892.
D-s Gwßherzogliche Kreisamt Gießen
<»r»MrzogilcheKreisamt Gießen »--- ■«»-««,*>*
«n die Groffherzgl. Bürgermeistereien der Land- s&l,8 ^tcn Spurpf-nnigs bis zur nächsten Ernte —- -------- -
gemeinden des Kreises und die mit Erheb«»« bte “b.ri9CnJ°nnen Dasein nur durch Unter.
der Beiträge betrauten Stellen 9 f‘u^ut19 W«1- Die russischen Behörden vermögen aus den JW*»» —• **•***» SZÄÄÄÄ
Bekanntmachung,
betreffend die Ausführung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes.
Die nach § 1 rubr. Gesetzes versicherungspflichtigen Personen brauchen für diejenige Zeit, in welcher sie eine die BersicherungSpflicht begründende Beschäftigung nicht ausüben, auch keine Beiträge zu entrichten. Machen sie jedoch von der Befugniß des § 117 des Gesetzes, wonach in der bezeichneten Zeit zwecks Steigerung der bereinftigen Rente eine freiwillige Fortsetzung der Versicherung gestattet ist, Gebrauch — und es kann dies nur dringend anempfohlen werden — so müssen Doppel marken, d. h. Marken zu 28 Pfennig eingeklebt werben, einerlei, welcher Lohnklasse bie Betreffenden vorher angehörten. Die Einklebung von Marken niederen Betrages in diesem Fall anstatt Doppelmarken wird nach § 146 mit Geldstrafe bis zu 150 bezw. als Betrug geahndet.
Eine Ausnahme der Verpflichtung zur Entrichtung von Doppelmarken findet nach 8 119 des Gesetzes bann statt, wenn em zwischen einem Versicherten unb einem bestimmten Arbeitgeber bestehendes festes, stänbiges Arbeitsverhältniß mit Rücksicht auf bie Witterungsverhältniffe ober aus sonstigen ®rünben zeitweise vorübergehenb unterbrochen wirb, um nach Ablauf biefer Unterbrechung bei bem nämlichen Arbeitgeber wieder aufgenommen zu werden, wie z. B. bei Maurern, welche ständig von demselben Maurermeister beschäftigt werden, bei ständigen Holzarbeitern u. A. In diesem Fall kann Mr einen vier Monate nicht übersteigenden Zeitraum das Bersicherungsverhältniß dadurch freiwillig aufrecht erhalten werden, daß der Arbeitgeber ober ber Versicherte bie bisherigen Beiträge fortentrichtet.
Gießen, den 11. Februar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
-Die Kinder laufen oder sitzen im dünnen Hemdchen in der ungeheizten Stube, in der man einen Mantel brauchen könnte, denn es fehlt auch an Feuerung. Ueberhaupt ein schaudererregender Anblick."--
,/Wir zählen in unferm Dorfe beinahe 700 Familien, worunter sich nur 5 Familien befinden, die ihr eigenes Brot und im Frühjahr ihren Saatweizen haben werden. Vorrath ist bei Keinem mehr vorhanden, da die vergangenen drei ^ahre schon Alles verzehrt haben. In den meisten Familien peht es jetzt schon (anfang December, die schwersten Monate werden Januar, Februar und März sein) schrecklich aus. Da ist kein Brot, keine Kartoffel, nur wenig Kraut, höchstens etwas Steppenthe/. Und dazu die mangelnde Kleidung! Da muffen sie zu Hause sitzen, in Lumpen gehüllt, kein Hemd aus dem Leibe, die völlig aufgetragenen Hosen und Röcke
Fenilleton.
Das große Loos.
Nooellette von O. Otto.
(1. Fortsetzung.)
„Hurrah, gewonnen!" tief Wilhelm jubelnb aus. „Jetzt lenken Sie schon ein, denken wenigstens schon an bas große Loos. Soll ich zum Lotterie - Colleeteur gehen unb die Nummer 440, das heißt ein halbes Viertel davon bestellen?"
„Dummer Schnack," lachte Günther, hing seinen Paletot um und begab sich zum Mittagessen. - Am Abend desselben Tages sagte er zu seinem Burschen:
„Wilhelm, Du begibst Dich morgen auf Wohnungsschau und suchst ein anderes Quartier. Frau Wegner schreibt, daß sie dies Zimmer nicht länger entbehren kann, welches sie mir nur bis zu der Heimkehr ihres Sohnes vermiethet hat, der 1-tzt jeden Tag eintreffen kann. Also sieh Dich um, ob Du «m hübsches Logis in der Nähe der Kaserne findest- ein Zimmer und Cabinet, behaglich eingerichtet, mit gutem Bette, berftefjft £U? Ich gehe auf zwei Tage zur Jagd nach Alt- »ruck, Du hast also Zeit, Dich umzusehen."
-/Zu Befehl, Herr Lieutenant. Aber —"
„Nun, was gibts noch?“
-/Ich wollte fragen —**
„Was? Raus mit der Sprache."
//Ich meinte nur, ob ich nicht auch gleich das Lotterie- loos besorgen sollte, die Nummer 440."
„Laß mich endlich mit dem Unsinn ungeschoren, ich habe Detne Narrheit satt, ein- für allemal. Verstanden?"
»Zu Befehl, Herr Lieutenant! Sie wollen also Ihr Glück mit Füßen wegstoßen! Und es ist doch jammerschade, [ wm diese schöne Nummer: Zwei Vieren und eine Null!"
♦ *
An einem naßkalten Herbstabend stand Wilhelm König auf dem Perron des Westbahnhofes und erwartete pslicht- schuldigst die Rückkehr seines Lieutenants von der Jagd. Der Zug brauste heran, Günther entstieg demselben, war feinen Ueberzieher dem Burschen zu und eilte mit raschen Schritten den Perron hinunter.
„Nichts vorgefallen?" fragte er, sich umdrehend. „Hast Du Dich nach einer Wohnung umgesehen?"
,/Zu Befehl, Herr Lieutenant! Alles in bester Ordnung. Wir sind schon umgezogen."
Günther blieb stehen. „Umgezogen? Was heißt das?"
„Na, der Herr Lieutenant wohnen schon im neuen Ouartier. Ich habe alles schön eingerichtet."
„Was hast Du Dich unterstanden, Kerl!?" brauste Günther auf. „Eine Wohnung gemietbet, ehe ich sie gesehen? Weißt Du, daß ich Dich dafür in Arrest schicken und dann entlassen werde?"
Wilhelm, ohne durch diese Drohung eingeschüchtert zu sein, trat dicht an seinen Herrn heran und sagte leise:
„Das werden der Herr Lieutenant sicher nicht thun, wenn Sie das schöne Zimmer gesehen haben. Auch mußte ich sogleich eine andere Wohnung sucyen, da der junge Herr Weber plötzlich zurückgekehrt war und seine Mutter nicht wußte, wo sie ihn unterbringen sollte, wenn unsere Stube nicht geräumt werde. Da mußte ich rasch ein anderes Quartier suchen, es gleich auf vier Wochen miethen und unsere Sachen hinbringen, und," fügte er in geheimnißvollem Tone hinzu, indem sein breites rothes Gesicht in Hellem Freuden- cbimmer erglänzte — „und der Herr Lieutenant werden nicht zum zweiten Male das Glück mit Füßen von sich stoßen, Denn es ist die Glücksnummer. Der Traum —"
//Genug des Unsinns," unterbrach ihn Günther und ries: „Droschke, Ziethenstraße 110!"
//Nein," schrie Wilhelm König dazwischen, „Linden- straße 440. Herr Lieutenant," sagte er dann demkthig,
demselben beim Ernstelgen helfend, „jetzt Hilst nichts mehr. Sie müßen tn das Glück hineinziehen. Das Haus, in dem ich gemietet, trägt die Nummer 440."
*
/>Das nennst Du eine schöne Wohnung?" sagte Günther am anderen Morgen zu dem Burschen, „ein Zimmer im Hinterhause mit der Aussicht auf den Hof? Selbst als Fähnrich habe ich nie im Hose gewohnt! Dazu diese altmodischen, dürftigen Möbel und am frühen Morgen Clavier- geklimper über mir! Nein, das vertrage ich nicht lange, Du kündigst heute noch in meinem Namen, am Ersten des nächsten Monats ziehe ich wieder aus. Deine Unverschämtheit^ bei dieser Geschichte wird noch anderweitig gerügt
Ju ziemlich übler Stimmung durchschritt Lieutenant Günther den Hof, um sich in den Dienst zu begeben. In dem vorderen Flur trat ihm eine junge Dame entgegen und wandte sich der Treppe zu. Der Offizier trat unwillkürlich zurück, legte die Hand grüßend an die Mütze und blieb stehen- er konnte noch wahrnehmen, wie ein tiefes Erröthen das Antlitz der jungen Dame überzog, als sich die Treppen- thür hinter ihr schloß.
Auch Günther trat jetzt auf die Straße. „Das war ja," sagte er zu sich selbst, „Gabriele Möllner, mit der ich vor vierzehn Tagen auf dem Balle beim General T. den Cotillon getanzt/ und bei Legationsrath M. war ich ihr Tischnachbar, was die Tochter des Hauses absichtlich so arran-- flirt hatte, weil sie wohl bemerkt, daß ich die hübsche Gabriele allen anderen Mädchen vorzog. Wie kommt die am frühen Morgen in dieses Haus?!"
(Fortsetzung folgt.)


