1892
Nr. 39. Erstes Blatt. Dienstag den 14. Februar
Der
Kteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener I«»irte«StLlter werden dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt.
Kchmer Anzeiger
Kenerak-Mnzeiger.
Vierteljähriger Abonnementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schukstrahe Ar.7.
Fernsprecher 51.
Aints- und Anzcigeblatt für den Aveis Giehen.
Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter,
Ausland.
6) daß Saatofferten bis jetzt noch nicht eingelaufen sind.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
1) daß in dem Voranschläge des landwirthschaftlichen Bezirksvereins pro 1891/92 600 Mark zur Deckung der Transportkosten vorgesehen sind und daß bei Bestellungen von Mit- gliedern des landwirthschaftlichen Bezirksvereins, welche den Betrag von 30 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Transports der Saatfrucht und Kartoffeln bis zur Eisenbahnstation Gießen auf die Bezirksvereinskaffe übernommen werden, daß bei größeren Bestellungen dagegen die Vereinsmitglieder die Kosten des Transports der Saatfrucht insoweit zu übernehmen haben, als die Bestellung den Betrag von 30 Mk. übersteigt;
2) daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mit' glieder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgeführt werden, dieselben haben aber, wenn sie nicht vorher noch Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirksversins werden und sich zu diesem Behufe bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten;
mit Schleuderpreisen auf, während sie im Jnlande hohe Preise auf- recht erhielten, so daß die deutschen Verwaltungen in England viel billiger kauften. Ebenso schädlich wie der Schtenenring wirke der Kohlen- und Cokesrtng. Man berufe sich auf die Interessen der Arbeiter, denen man durch die Schleuderpreise auf dem ausländischen Markte angeblich Arbeit sichern wolle; thalsächlich diene die ganze Ring- und Cartellwtrthschaft nur dazu, den Capitaltsten die Möglich- keit zu geben, ihr Schäfchen zu scheeren. DaS Schäfchen sei hier der Staat. Aber das Reich und der Staat habe eS in der Hand, der ganzen Rürgwirthschaft ein Ende zu machen, indem es im Auslande kaufe. Wenn die deutschen Schienenwerke noch gutes Material lieferten? Aber die Schienenfälschungen seien ja gerichtlich feftgestellt wie in dem Osnabrücker Falle, wo ein besonderer Graveur zur Herstellung falscher Stempel, der sogenannte Stempelfritze, angestellt gewesen sei. Dort seien die Leiter des Werkes der Bestrafung dadurch entzogen worden, daß ihre Angabe, sie hätten von den Fälschungen keine Kenntntß gehabt, Glauben fand. Von den beim Bochumer Verein vorgckommenen großartigen Schtenenfälschungen habe der Director Baare, bis zum Jahre 1880 wenigstens — das sei nach- gewtesen — Kenntntß gehabt und er habe nichts gethan, um den Fälschungen ein Ende zu machen. Herr Baare habe beschworen, daß bet den Bochumer Werken so etwas nicht vorgekommen und nun sei nachgewiesen, daß er 1880 Kenntntß davon hatte. So etwas sollte f . einem Socialdemokraten vorkommen! Die Verwaltung solle Werke^ bet denen Schtenenfälschungen oorgekommen, ein für alle Mal von Submissionen ausschließen.
~ . R-g.-Commtsiar Reg.-Rath Kiebnel: Von einer öffentlichen Submission könne Niemand ausgeschlossen werden; eine andere Frage sei, ob das eine oder das andere Gebot angenommen werden solle. Die mr die Reichsbahnverwaltung von Bochum gelieferten Schienen hätten sich bewährt. Die Fabrikation der von der ReichSoerwaltuna bestell en Schimm erfolge unter fortgesetzter Eontrole von staatlichen ftatt en und es finde dann noch eine sehr sorgfältige Nachprüfung
Deutler Reichstag
171. Plenarsitzung. Samstag den 13. Februar, 1 Uhr.
Die Berathung deS Etats der Reichsetsenbahnverwaltuna wird fortgesetzt.
Zu den Ausgaben der Betriebsverwaltung berichtet Abg. Dr. Hammacher als Berichterstatter der Commtssion über eine Anzahl von Petitionen von Betrtebssecretären rc. um B.sstrstellung. Dieselben werden dem Reichskanzler als Material überwiesen.
Bet den sächlichen Ausgaben findet ks Abg. Bebel (Soc.) auffällig, daß bet den Anmeldungen zu den Schtenensubmtssionen da« Ausland fast gar nicht vertreten sei. Unsere Etfenweike lieferten billiger an das Ausland und träten auf dem tnternationalm Markte
Berlin, 13. Februar. König Humbert von Italien hat am Donnerstag an Kaiser Wilhelm eine längere Depesche gesandt, in welcher er in herzlichen Ausdrücken dem Kaiser für sein persönliches Erscheinen bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Botschafter Graf Launay in seinem Namen, sowie im Namen der Familie des Ver- I storbenen und der italienischen Nation seinen Dank ausspricht.
Berlin, 13. Februar. Der Kronprinzvon Schweden I ist nach Stockholm abgereist; er wurde vom Kaiser zum Gene- I rallieutenant ernannt.
Berlin, 13. Februar. Die besondere Commission des Reichstags für das Telegraphen gesetz hat heute die Strafbestimmungen unter Herabsetzung, bezw. Abschwächung I der oberen Strafgrenzen angenommen.
Berlin, 13. Februar. Die Budgetcommission des I Abgeordnetenhauses berieth den Etat der Eisenbahnverwaltung. Hammacher (natl.) fordert die Selbstständig- I machung der Eisenbahnverwaltung. Finanzminister Miquel wies schärfstens die Forderung zurück und verlangte von den Überschüssen der Bahnverwaltung eine bestimmte Quote für allgemeine Staatszwecke, um nicht den finanziellen Ueberblick zu verlieren.
Berlin, 13. Februar. Rcichstagsc o mmission nahm die von Barth und Rickert beantragte Novelle zum | Wahlgesetz für den deutschen Reichstag betr/der Einführung 1 der Umschläge für die Stimmzettel nach den Abänderungsvorschlägen Gräbers an.
Bochum, 13. Februar. Sonntag finden in Gelsenkirchen, Herne, Dortmund und anderen Orten des Kohlenreviers socialistische Versammlungen statt. Auf der Tagesordnung steht das Gewerkschaftscartell und die Entwickelung der Bergarbeiterbewegung.
Königsberg, 13. Februar. In vergangener Nacht ist die See in die Strandfeldstrecke der Bernsteingruben bei Palm nick en eingebrochen. Innerhalb 20 Minuten war der Grubenbau voll Wasser, sechs Mann der Belegschaft des südlichen Strandfeldes, die man vermißt, werden wohl ertrunken sein.
Lübeck, 13. Februar. Ein heftiger Nordwest sturm treibt die Fluchen der Ostsee in die Trave, welche über die User tritt. Die Kaufleute bergen ihre Maaren aus den Hafenschuppen. Kanonenschüsse warnten die Bewohner.
Mülhausen (Elsaß), 13. Februar. Auf den Spinnereien fanden zahlreiche Arbeiterentlassungen statt.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeinden veröffentlichen zu kaffen, Anmeldungen entgegen zu nehmen und längstens bis zum 10. Februar l. I. einzusenden.
Gießen, den 5. Januar 1892.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksverein« Gießen. Jost.
Abg. Schneider-Hamm (natl.) protestirt dagegen, daß der Reichstag zum Gerichtshof eingesetzt werde, wo noch kein Urtbeil eines ordentlichen Gerichts vorltege, und daß man hier in solcher Weise, wie es geschehen, einem Manne die Ehre abspreche Man warte doch den Ausgang des Processes ab, das sei bas Mindeste was man verlangen könne. (Beifall.)
, .MFrhr. v. Stumm (Rp.): Fehler bei Schienen kämen hauptsächlich durch Unachtsamkeit der Arbeiter vor; er bezahle deshalb für mtnderwerthige Schienen, also solche, die nicht ben Anforderungen der Staatsverwaltung genügen, nur den halben Accordlohn. Unter- schletfe konnten in der That überall Vorkommen, aber wo solche fest- gestellt werden, erfordere es aber die Ehre des Werkes, Alles »u tbun s olche^schehniffe für die Zukunft völlig auszuschließen. Darüber, daß deutsche Werke in Zeiten der Krise im Ausland billig Erkaufen, sollten sich die Arbetrer doch am wenigsten beklagen, denn geschähe lenes nicht, dann blieb den Werksbesitzern eben nichts anderes übrig als Arberter zu entlassen. Die ausländischen Werke, auf welche Bebel die Eisenbahnoerwaltung verweise, müßten genau dieselben Manipulationen machen, wie die inländischen, nämlich für das Aus- ?,r\;sUr5 Übernahme von Zoll und Fracht billiger zu liefern als für das Inland. Man eifere gegen die sogen. Rtngdtldung. Ja, war es nicht auch ein Ring, als sich die Buchdruckereibesitzer »usammm- tbaten, um beim Buchdruckerstrtke den Arbeitern die Spitze zu bieten Wenn deutsche Werke ihre Schienen im Auslande billiger verkaufen' so leide kein deutsches Interesse darunter.
®b0‘ Hihe (Ctr.) ist auch der Meinung, daß in der Baare- schen Angelegenheit die gerichtliche Entscheidung abzuwarten, aber klargestellt werden muffe die Sache, nachdem dieselbe so viel Staub aufgewirbelt hat.
l92a*bc„m bestimmte Werke den Staat beschwindelt und betrogen haben, wäre es nur richtig, wenn denselb« ttklärt wurde, daß man mit ihnen nichts mehr zu thun haben wolle. Die Eontrole könne die Fälschungen nicht verhindern. Nachdem der Eontroleur die schienen abgestempelt, reise er ab und nun beginne m?n Schienen gegen schlechtere auswechsele, denen der falsche Stempel aufgedrückt sei. In der Baare'schm Sache
r Mni^eid,är?9u als Gerichtshof einsetzen wollen;
?ttcfc conftatirt, daß nach dem Ergebniß der staatsanwalt- chafttichen Untersuchung Baare bis zum Jahre 1880 um die Schtenen- falschungen gewußt habe.
Reg.-Commissar Geh. Ratb Kiehnel bestreitet, daß die Contro- leure die Schienen nach der Stempelung außer Augen ließen. Man möge doch auch bedenken, daß Seitens der Werke eine dreijährige Garantie geleistet werden müsse. b
^est des Etats der Reichsetsenbahnverwaltung wird ohne weitere Debatte angenommen.
Hierauf werden Petitionen berathen.
, c^lne. Petition betr. zollfreie Einfuhr von Rundholz wird zur Berücksichtigung überwiesen. (Referent: Abg Goldschmidt.) ”
Ueder Petitionen der Stadt Spandau und der Gemeinden Ellerbek und Gaarden um Heranziehung deS ReichSftscus zu den Communallasten berichtet Abg. Stephan. DieCommtssion beantragt, die Petitionen der Regierung als Material bet einer etwaigen Regelung der kommunalen Besteuerung des Reiches sowie zur Erwägung darüber zu überweisen, ob nicht den Gemeinden Gaarden und Ellerbek ein einmaliger Beitrag zur Ttlguna ihrer Schulden zu gewähren sei. Das Haus beschließt demgemäß ‘ Petitionen betr. die gesetzliche Regelung der Wetnfrage werden dem Reichskanzler als Material zu der in Aussicht gestellten Geiett- gebung überwiesen. (Ref.: Abg. Münch.)
lieber Petitionen betr. Ausdehnung der Novelle zum Reich«- beamtengesetz wird im Anschluß an frühere Beschlüsse zur Tagesordnung übergegangen.
Deutscher Reich.
Berlin, 13. Februar. Das Befinden der Kaiserin hat sich erheblich gebassert. Dieselbe wird aber immerhin noch einige Tage das Zimmer hüten müffen.
Bekanntmachung.
Nach Beschluß der Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen soll in diesem Frühjahr der Bezug von Saatfrucht und Kartoffeln durch den landwirthschaftlichen Bezirksverein vermittelt werden.
Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kennt- niß gebracht :
Bekanntmachung.
betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Der Ortsvorstand zu Biebesheim beabsichtigt, gelegenllich des daselbst am 1. März 1892 stattsindenden Fasel-, Zuchtvieh- und Schweinemarktes eine Verloosung von Zuchtvieh rc. zu veranstalten. Großherzogl. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 8000 Loose ä 1 Mark auszegeben werden dürfen und min- bestens 75«/° des BruttoerlWs aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind. <8roßh. Ministerium hat weiterhin den mit Verfügung vom 28. Decembcr v. Je. zu Nr. M. I. 33994 für die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen gestatteten Vertrieb von Loosen nunmehr auch für die Provinz Oberhessen zugelaffen. Es wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenutniß gebracht.
Gießen, den 12. Februar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. _______v. Gagern.
Amtlicher* Theil.
Gießen, am 13. Februar 1892. Betreffend: Statistische Nachweisungen über Brandunfälle im Großherzogthum Hessen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an dic Groftherzoglichen Bürgermeistereien resp. Lrtspolizeibehörden.
Da nach dem Gesetz über die Brandversicherungsanstalt für Gebäude vom 28. September 1890 die Leitung der Abschätzung von Brandschäden nunmehr den Brandversicherungs- inspectoren obliegt, so hat Großherzogl. Ministerium des Innern und der Justiz bestimmt, daß in Zukunft die Zählkarten über die Brandfälle von den Ortspolizeibehörden innerhalb 8 Tagen nach dem Brande den Großherzogl. Brandversicherungsin- spectoren mitzutheilen sind und daß diese dann nach Maßgabe der Ziffer 13 der den Zählkarten aufgedrucklen Bestimmungen Zu verfahren haben.
Sie wollen sich hiernach bemessen.
v. G agern.
Petitionen um Erhöhung von Pensionen verabschiedeter Post, beamten werden dem Reichskanzler als Material überwiesen. (Ref.: Abg. Münch.) v '
Petitionen bttr. Aushebung des Zolles auf österreichische Zugochsen und Rückerstattung von Zoll für Cocosgarn gehen ben Reichskanzler zur Berücksichtigung. (Ref.: Abg. Gold- sch mtvt)
(Sine Petition betr. Geheimmittelwesen und öffenUichrAn.
Wien, 13. Februar. Berliner Krebskranke fragten bei Billroth an, ob er ihnen die Kur des Krakauer Professors Adamkiewicz empfehle. Billroth erwiderte, er habe bisher keinen von Adamkiewicz Geheilten gesehen.
Paris, 13. Februar. Ein heute früh eingegangenes Telegramm aus Rio de Janeiro meldet gerüchtweise den Ausbruch eines Aufstandes in Santos. Details fehlen. Q\ k L o- -• i Druffel, 13. Februar. In Freilingen (belgisch
3) daß Landwirthe, welche durch Vermittelung des land- Luxemburg) fand zwischen Bauern und Gensdarmen infolge wirthschaftlichen Bezirksvereins Saatfrucht oder Kartoffeln zu I eines Straßenunsugs ein heftiger Kampf statt. Zwanzig beziehen wünschen, ihre Anmeldungen bis zum 10. Februar I Gensdarmen, welche mit Steinen beworfen wurden, feuerten l. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen haben; in die Lust, trotzdem fanden viele Verwundungen und Ver-
4) daß die Zahlung bei Empfang der Saalfrucht oder Haftungen statt.
Kartoffeln alsbald zu erfolgen hat;
baß angeboten sind an Kartoffeln loco Hamburg oder Gorlttz Magnum bonum, Richters Imperator, Daber'sche, Champions Anderssen, sächsische Zwiebelkartoffel, Lata Rosa
.^ofenkartoffel) zu 4 Mk. per Ctr., Kornblume (Paulsens Züchtung), Blauaugen, Hortensia, Weltwunder, Schnee- flocken, frühe Rosa^ und gelbe Rosa zu 5 Mk. per Ctr., Bis- quit, frühe blaue Sechswochen, Juno und Simon von Paulsen »nd deutscher Reichskanzler von Richter zu 6 Mk. per Ctr., Bruce, englische Neuzüchlung aus Magnum bonum zu 9 Mk. per Ctr.;


