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Nr. 11

Donnerst«« den 14. Januar

1892

Der Gießener Anjctger erscheint täglich, mir Ausnahme des Montags.

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Gießener Anzeiger

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AintLichev Lhsil.

Gießen, bett 11. Januar 1892.

Betr.: Die Kranken«, Jnvaliditäts-und Alters-Versicherung der Kreisstraßenwarte.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Sie wollen die Gemeinde-Einnehmer anweisen, bezüglich der bis Ende Decembcr o. I. für die Kreisstraßenwarte vor­lagsweise gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gemeinde- krankenversicherunq und derjenigen für Alters- und Jnvali- ditätSversicherung sofort mit der Kreiskasse abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber in Em­pfang zu nehmen.

I. V.: Jost.

Deutsche- Reich.

Berlin, 12. Januar. Der mit so viel Hoffnungen ins Leben gerufene preußische Volkswirthschastsrath ist in aller Stille sanft entschlafen. Es geht dies daraus hervor, daß das neue preußische Staatshandbuch für 1892 ihn nicht mehr mit aufführt. Besonders tiefgreifende Spuren ihrer Thätigkeit hat die genannte Körperschaft allerdings auch nicht hinterlassen.

Die Vorberathung des Trunksuchtsgesetz- ent wurss wird in der Plenarsitzung des Bundesraths vom 14. d. Mts. zu Ende geführt werden. Die Genehmigung des abgeänderten Entwurfs seitens des Bundesraths steht fest, so daß alsdann die Vorlage sofort an den Reichstag gelangen kann. Ihre Aussichten in letzterem sind zur Zeit freilich noch höchst ungewisse. Auch die Vorarbeiten zur Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetze sollen eine derartige Förderung erfahren, daß sie vom Reichstage noch durchberathen werden kann, selbst wenn dessen Schluß wirklich zu Ostern erfolgen sollte.

Frankfurt, 12. Januar. Die heutige Ersatzwahl zum Abgeordneten Hause begann mit der Prüfung der Wahlmännerwahlen, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, da nach lebhaften Debatten immer wieder neue Abstimmungen über die Giltigkeit der einzelnen angefochtenen Wahlen vor- genommen werden mußten. Nicht weniger als 37 Wahlen aus 28 Bezirken, 26 demokratisch-sreisinnige und 11 national­liberale, wurden cassirt; der Hauptgrund der zahlreichen

Ungilttgkeitserklärungen war der Umstand, daß vielfach Bei­sitzer aus solchen Wählerabtheilungen genommen worden waren, die gar keine Ersatzwahlen vorzunehmen hatten. Gegen 5 Uhr begann die Wahlhandlung, die anderthalb Stunden dauerte. Rach amtlicher Feststellung wurde der national­liberale Candidat, Herr Stadtrath Grimm, mit 251 gegen 237 Stimmen, die auf Herrn Funck fielen, zum Abgeordneten gewählt.

veuttcher Reichstag.

145. Plenarsitzung. Dienstag den 12. Januar 1892, 2 Uhr.

Der Präsident v. Levehow eröffnet die Sitzung mit einer Begrüßung der Abgeordneten zum neuen Jahre.

Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratbung des Etats.

Beim Specialelat deS Reichstages haben die Abgeordneten Dr. Baumbach und Genossen (bfr.) den Antrag gestellt, den Bundesrath zu ersuchen, eine Aenderung der Reichsoerfossung dahin berbeizufübren, daß die Reichs tagsabgeordneten aus Rcichsmitteln Diäten und Reisekosten erhalten.

Abg. Dr. Baumbach (bfv.): Der Antrag würde in kurzer Zeit sein 25jäbriges Jubiläum feiern können. Im Jahre 1867 machte Fürst Bismarck das Zustandekommen der Bundesverfassung von der Ablehnung dieses Antrages abhängig. Ihm war der Berufsparla­mentarier ein Dorn im Auge. Inzwischen ist man aber doch wohl zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Berufsparlamentarier dem Parlamentarier honoris causa nicht nachsteht. AlS ein conservatioes Gegengewicht gegen die allgemeine gleiche und binde Wahl gilt die Diätenlostgkett heute auch nicht mehr; eine Bekämpfung dieses Wahl­rechts wird Niemand wagen n )llen; nicht einmal eine Correctur desselben wäre rathsam aus rein staatsmännischen Rücksichten. Die Diätenlosigkttt hat der Opposttion nichts geschadet. Damit ist der ursprünglich beabsichtigte Zweck der Diätet.losigkeit hinfällig geworden. Die finanzielle Tragweite der Diötenfrage spiele keine Rolle, das habe auch Fürst Bismarck anerkannt. Die Befürchtung, daß das Parla­ment durch dir DiätenbeLilligun^a - seinem Anfeber» einbüßen könnte, sri nicht begründet, wie das Beispiel des preußischen Abgeordneten Kaufes zeige. Die Versagung von Diäten ist nicht eine Correctur des allgemeinen Wahlrechts, sondern ein Widerspruch gegen dasselbe, der zur Folge gehabt hat, daß selbst in der socialdtmokralischen Fraction nicht viel wirkliche Arbeiter sitzen. Die Diätengewährung würde eine Stärkung des Parlamentarismus bedeuten und diese eine Stärkung der Reichsidee und damit des Reiches. (Beifall.)

Abg. Haberland (Etr.) ist mit dem Anträge einverstanden; dem Volksrnanne werden ohnehin eine Reihe von Ausgaben ange­sonnen, die ihn genug belasten.

Abg. Dr. d Bennigsen (natl) ist mit der Diätenbewilligung einverstanden, allein zur Zeit eine Verfassungsänderung anzuregen, hält Redner nicht für opportun, weil dann eine Reihe anderer Fragen, z. B. die des Wahlrechts, in Fluß gebracht werden würden.

Abg. Graf v. Behr (Rp) erklärt sich gegen den Antrag.

Abg. v. Helldorf (cons) ist ebenfalls Gegner des Antrages. Diäten würden das Ansehen des Parlamentes schädigen, ebenso seien Berufsparlamentarier nicht erwünscht. Die Schäden deS allgemeinen Wahlrechts würden bei der Diätengewährung stärker als bisher hcroortreten.

Abg. Dr. Lieber (Centr.): Die Centrumspartei wird, wie sie das schon früher ausgesprochen, für die Gewährung von Dläten ein- treten. Daß dadurch das Ansehen des Parlaments leiben könnte, bestreitet Redner; im Gegenthetl sage man jetzt im Volke, daß im Reichstage Leute sitzen, denen es ihr Gelbsack ermöglicht, ein Mandat anzunehmen. Dieses Wahl-Monopol wollen wir beseitigen. Richt i das allgemeine Wahlrecht, sondern der frühere Reichskanzler habe die i Wahlagitation auf dasjenige Niveau herabgebrückt, auf dem sie fast zur Unerträglichktit würbe.

Abg. Bebel (Soc.): lieber die Dratenfrage debaltireman nicht mehr, sondern man becietite sie. Dem Volksvertreter nölhige die Wahrnehmung 'seines Manbats ohnehin Cpfcr ab. Wir selbst könnten ja nicht blos unseren Abgeordneten Diäten gewähren, sonbern auch nöthigenfallS noch anderen Parteien etwas abgeben. (Heiterkeit.) Uns hat bte Diätenlosigktit nicht geschadet, wohl aber den bürger­lichen Parteien. Nicht die Diätenlosigkert, sondern das allgemeine Wahlrecht hat das Ansehen des Reichstages gehoben. In dem Moment, wo Sie die Axt an das gleiche und allgemeine Stimmrecht legen, schädigen Sie das Ansehen des Reichstages. Für den Arbeiter ist die Gewährung von Diäten namentlich deshalb nöthig, weil ihr Auftreten als Wahlcandidat ihre Maßregelung und Entlassung aus der Arbeit zur Folge hat. Die Diäten des Bundesraths haben dessen Ansehen nicht gemindert, auch die Erhöhung der Eivillrfte bat zu solchen Erwägungen keinen Anlaß gegeben, obwohl sie dort am Platze gewesen wären.

Abg. Werner (Anttfemit) tritt für die Diäienbewilligung ein; wollen die vornehmen conservativen Herren auf Diäten verzichten, so können sie diese an die Armen geben. Die kleinen Landwirthe und Handwerker können hier erst vertreten werden, wenn die Reichstags­abgeordneten Diäten empfangen.

Abg. Stöcker (conf.) wendet sich gegen die auf den Fürsten Bismarck gerichteten Angriffe; das fei nicht zu billigen. Bismarck bade recht gehandelt, wenn er auf einen groben Klotz einen groben Keil setzte. Persönlich habe Redner von dem Fürsten BiSm'arck eher Hinderung als Förderung erfahren: b.e gegentheiligeBehauptung sei unrichtig. In der Diätenfrage selbst stimme er mit dem Abg. v Helldorf nicht überein. Redner verlangt Diäten für die Reichstags­abgeordneten.

Abg. Dr. Lieber (Etr.) versucht die Angriffe gegen den früheren Reichskanzler zu begründen durch dessen p.'rsönl.ches Auftreten der Präsident erklärt, daß er derartige Angriffe auf ein Mitglied deS Hauses nichr dulden könne.

Abg. Richter (bfr.): Nur mit Zustimmung besFürsten Bis­marck konnte Herr Stöcker überhaupt in den Reichstag gelangen. Jetzt kommt es nicht darauf an, ob Herr Stöcker den Fürsten Bismarck oertheidrgt. Die Uhr beider Herren ist abgelaufen.

Adg. Stöcker (cons.) erklärt es für unrichtig, daß Fürst Bis­marck irgend welchen Einfluß auf die antisemitische Bewegung gehabt. Die antifemittsche Bewegung sei durchaus votksthümlich und komme aus dem Herzen des Volkes.

Abg. Richter (bfr.): Der Antisemitismus hat ausgespielt; er wird nur von unzufriedenen Agrariern künstlich über Wasser ge­halten in den ländlichen Gegenden, wo das antisemitische Schauspiel noch neu ist.

Abg. Stöcker (cons.) bestreitet entschieden, daß die antisemitische Bewegung aus diesen unedlen Motiven hervorglgangen fei, die ibr der Abg. Richter unterlegt.

Abg. Pickenbach (Antisemit) wird dem Abg. Richter bei einer anderen Gelegenheit antworten. Thatsache fei, daß ehemalige Fort-

Feuilleton.

Ihr Bild.

Scizze von Großmann-Waldegg.

(Schluß.)

Aber ich bitte Dich, liebes Kind, sei doch lieb, wer weiß, ob wir noch einmal in diese Gegend kommen und die vielgerühmte Aussicht genießen. Wozu sind wir denn so früh ausgebrochen, den Sonnenaufgang haben wir schon ohne­hin versäumt. Fasse noch einmal Muth, Lieschen, hänge Dich an meinen Arm, dann wird es schon gehen," klang bald bittend, bald schmeichelnd die sonore Stimme des Mannes.

Mit angehaltenem Athem schaute der Alte bei Nennung ihres Vornamens aus die Gruppe hinab. Da wandte das junge Weib, den Bitten ihres Begleiters nachgebend, ein wenig ihr Haupt und ein Paar großer, brauner Rehaugen schauten aus dem leicht gerölheten Antlitz in komischer Ver« zweiflung nach der hohen Bergspitze empor.

Einen Augenblick nur hatte der Alte in dies rosige Antlitz geschaut, da zuckte es schmerzlich um seine Lippen, jäh flammte es in seinen Augen aus wie ein Blitz in dunkler Gewitternacht und jede Mußtet zuckte in dem verwetterten Gesichte, in das die Stürme des Lebens tiefe Furchen ge­zogen. In der nächsten Secunde jedoch war die plötzliche Erregung auS seinem Antlitz verschwunden und feine Züge hatten wieder den gewohnten, gleichmüthigen Ausdruck angenommen. Ebenso leise wie er dorthin gelangt, ver­schwand er bald aus einem Seitenpfade in entgegengesetzter Richtung.

Nach einer kleinen Stunde hatte er die Dorfstraße erreicht.Grüß Gott! Vater Bromberg!" hörte er oft den gewohnten Morgengruß von der ihm säst jeden Morgen begegnenden Schuljugend des Dorfes, und freundlich hatte ihn jedesmal der Alte erwidert. Auch heute erfuhr er so manch freundlichen Gruß, aber er schien ihn nicht zu be­

merken. Auch die behäbige Hirschwirthin, welche in der Thüre stehend, dem Vorübergehenden einen freundlichen Guten Morgen" bot, schüttelte verwundert den Kops, als sie keinen Gegengruß erhielt und den alten Herrn so eiligen Schrittes Vorbeigehen sah.....

Die letzten Strahlen der Abendsonne sandten ihren Scheidegruß durch die kleinen Fenster des Waldhäuschens. Stunde um Stunde war verronnen und noch immer saß der Alte in seinem Lehnsessel und starrte wie geistesabwesend in die Leere. Draußen senkten sich bereits die Schatten der Dämmerung aus den schweigenden Wald und allmälich war es finster geworden in dem kleinen, traulich eingerichteten Stübchen.

Ein Frösteln überfiel den Alten, er stand auf, schürte die Gluth im Kamin, schob den Lehnstuhl heran und starrte wieder schweigend in die Gluth. Lautlose Stille herrschte in dem kleinen Gemach, nur unterbrochen von dem eintönigen Tik-Tak der Schwarzwalduhr und einem schweren Seufzer, der von Zeit zu Zeit wie ein qualvolles Aufstöhnen der Brust des Alten entfuhr.

Das war eine schöne Zeit," murmelte er selbstvergessen nach einer Weile, und ein schmerzliches Lächeln umspielte flüchtig seine Lippen. Vor seiner Seele tauchten noch einmal die Bilder seiner Kindheit, seiner Jugendzeit auf, wo er in der fernen Heimath auf dem Gute seiner Väter als zehnjähriger Knabe den kleinen polnischen Ponny in kindlicher Lust und Freude getummelt, und dann jene schönen Zeiten, wo er als herangewachsener Jüngling die Universität bezog und in überschäumender Lebenskraft den Becher der Freude leere. Mit welchen Hoffnungen hatte er daß liebe Vater­haus verlassen und wie hatte er es wiedergesunden? Der Vater war nicht mehr und von der lieben Mutter war durch den Gram und Kummer nur der Schatten geblieben. Dann war er hinweggegangen und hatte den bitteren Kamps um das Dasein ausgenommen. Das Glück schien ihm zu lächeln. Die Oede und Leere in seinem Herzen war gewichen vor

der Allmacht der Liebe, er hatte ein Herz gefunden, das er bis zur Anbetung liebte.

Ach, jene Saiten voll Lieb und Gluck Längst sind sie verklungen, Nur eine Wenigkeit blieb ihm zurück, Es sind die Erinnerungen V*

Ein eonvulsivisches Zittern durchbebte bei diesem Ge­danken den Körper des Alten- wie der letzte Ausschret eines tödtlich Getroffenen entrang es sich aus qualvoller Brust. Nach dreißig Jahren durchkämpfte er heute noch einmal den Schmerz getäuschter Liebeshoffnung. Hastig griff er in seine Brusttasche, entnahm einer alten Brieftasche ein kleines Päckchen und löste mit zitternder Hand das rosa Band, welches die vergilbte Papierhülle sefthielt.

Es war ihr Bild. Feuchten Auges betrachtete er es bei dem unftäten Feuerschein. Ein Paar großer, schelmisch blickender Augen schauten aus einem reizenden Mädchenantlitz zu ihm empor und doch schien ein leiser Schimmer von Schwermuth über dasselbe gebreitet; unten am Rande standen von zarter Frauenhand die Worte:Behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein!"

Dasselbe Antlitz hatte er heute in Wirklichkeit wieder­gesehen. Vielleicht war ihre Tochter, oder hatte er sich getäuscht?

Soeben verkündete die alte Wanduhr die neunte Stunde und noch immer saß der Alte in dem Lehnsessel und schaute .aus das Bild in seiner Hand. Zusehends schwand die Gluth im Kamin, noch einmal prasselte die Flamme empor und erhellte auf einen Augenblick das dunkle Gemach. Eine einzige Thräne rollte jetzt langsam über das tobtcnblaffe Ge­sicht des Greises und fiel auf das Bild in seiner Hand. Müde lehnte er das Haupt zurück, aber seine gramerfüllten Züge schienen von Friede und Seligkeit verklärt, ein letzter, langgezogener Seufzer und seine Seele, vom irdischen Kerker befreit, schwang sich empor in jene unbekannten Regionen einer besseren Welt.....