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Nr. 291 Erstes Blatt. Dienstag Len 13. Dccember

1892

Der Ott»« erscheint täglich, *h Lu-nahme d«S Montags.

Die Gießmer

Dertzen dem Lu-eiIer »Schemlich dreimal deißeteßt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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Kchutstr-teKr.,.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Avers Gieren.

Hratiskeikag«: Kießmer JamikienLkätt«.

clnrtlichev Theil

Deutsches Reich

«Le Lnnoacen-Bureaux des In. und LuSlaudeS nehm« «»-eigen für den ^Gießener lejciger* entgegen.

Annahme Bob Anzeigen zu der Nachmittags für den falgenden Lag erscheinenden Nummer bis Dorrn. 10 Uhr.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude zu Münster.

Nachdem die zu Münster ausgebrochen gewesene Schaf­räude erloschen ist, werden die angeordneten Sperrmaßregeln hierdurch wieder aufgehoben.

Gießen, den 10. December 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

sammtwerthe von 39 000, eventuell bis zu 65 000 Mark ver- loost werden sollen.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat den gedachten Unternehmern auf ihr Nachsuchen gestattet, die fraglichen Loose im Großherzogthum bis zum 2. Mai n. I. einschließlich zu vertreiben. Es wird dies hierdurch zur öffent­lichen Kenntniß gebracht.

Gießen, den 12. December 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

mehrere andere Herren eingetroffen. Um 9 Uhr sand der Aufbruch zur Suche mit der Findermeute auf Sauen im Sinngrün statt. Um 11 Uhr wird das Frühstück im Jagd­zelt eingenommen, dann folgt ein abgestelltes Jagen auf Roth-, Dam- und Schwarzwild am Drakenberge.

Bremerhaven, 10. December. Alle Schiffe, welche aus den Häsen der Westküste Frankreichs einlausen, unterliegen wegen der neuerdings dort vorgekommeen choleraartigen Erkrankungen hier einer g e su n d he itsp o liz e i liche n Contro le.

Stuttgart, 10. December. Prinz Friedrich von Hohenlohe-Oehringen ist am Herzkrampf gestorben.

Bekanntmachung, betreffend Verloosungen aus Anlaß der Darmstädter Pferde­märkte in 1893.

Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz auf Nachsuchen des Landespferdezuchtvereins Section für die Darmstädter Pferdemärkte genehmigt hat, daß im Frühjahr und Herbst nächsten Jahres je ein Fohlen- und Pferdemarkt zu Darmstadt abgehalten wird und mit diesen beiden Märkten Verloosungen vornehmlich von Pferden und Fohlen, von Pferdegeschirren, landwirthschaftlichen Geräthschaften, sowie sonstigen Gegenständen, nach dem vorgelegten Verloosungs- plane verbunden werden. Diesem Plane gemäß sind bei jeder der zwei Verloosungen höchstens 20 000 Loose das Loos zu 2 Mark auszugeben und wenigstens 65% der Brutto-Einnahmen zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden. Zugleich ist der Vertrieb der fraglichen Loose für den Umfang des Großherzogthums gestattet worden.

Gießen, den 12. December 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend die Zulassung von Mannheimer Pferdemarktloosen im Großherzogthum Hessen.

Die Direction des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Mannheim und des badischen Rennvereins Mannheim werden aus Anlaß des am 30. April und 1. und 2. Mai k. I. in Mannheim abzuhaltenden Pferde- und Rindviehmarktes eine Verloosung von Pferden, Rindvieh und gewerblichen Gegen­ständen veranstalten, bei welcher 30 000, eventuell bis zu 50000 Loose ä 2 Mark ausgegeben und Gewinne im Ge-

Berliu, 10. December. Die von den Abgeordneten Buhl und Marquardsen eingebrachte Interpellation hat folgenden Wortlaut:Die in dem soeben beendeten Prozeß Ahlwardt vernommenen militärischen Sachverständigen haben sich zwar schon entschieden für die gute Qualität unserer neuen Jnsanteriebewaffnung ausgesprochen. Nichtsdestoweniger erscheint es Wünschenswerth, wenn von höchster autoritativer Stelle aus eine Bestätigung und Bekräftigung dieses Urtheils ersolgt. Die Unterzeichneten richten deßhalb an den Herrn Reichskanzler die Anfrage, ob derselbe bereit ist, dem Reichs­tage in diesem Betreff eine Mittheilung zu machen."

Berlin, 10. December. Die freie Vereinigung von In­teressenten der Spiritus-, Branntwein und Preßhefen- industrie richtet an den Reichstag eine Petition, die Brau­steuernovelle dahin zu ändern, daß ein einheitlicher Verbrauchsabgabensatz von 60 Mk. eintrete.

Berlin, 10. December. Der Bundesrath stimmte in der gestrigen Plenarsitzung den Ausschußanträgen wegen der Wtedervorlegunz eines Gesetzentwurfs an den Reichstag gegen den Verrath militärischer Geheimnisse, sowie eines Gesetzentwurfs wegen Bestimmungen über den Wucher zu.

Berlin, 10. December. Dem feierlichen Leichen- begängniß Werner Siemens wohnte in Vertretung des Kaisers der Reichskanzler Caprivi bei, ferner ein Ver­treter der Kaiserin Friedrich, die Minister Bötticher, Berlepsch und Schelling, Vertreter der Kunst und Wissenschaft, Ver­treter der Städte Berlin und Charlottenburg und zahlreiche Deputationen. Dem Leichenzuge folgten viele Tausende, darunter 4000 Arbeiter der Stemens'schen Fabrik mit den Musikcorps der Gardeartillerie und der Gardedragoner.

Springe, 10. December. Zu den Jagdgästen Seiner Majestät des Kaisers sind heute noch der Landesdirector v. Hammerstein, der Regierungspräsident Gras Bismarck und

Ausland.

London, 10. December. Eine Meldung ist eingegangen, Emin Pascha sei im März am Kuriflusse von den Wanyema ermordet worden. Die Meldung rührt von dem Egypter Award her, der mit Emin bei Mosambari, westlich vom Albertuyanza, gewesen sei.

Deutscher Reichstag.

12. Sitzung. Samstag, 10. December 1892.

Am Bundesrathsttstbe: Reichskanzler v. Caprivi, die Kriegs­minister General v. Kaltenborn-Siachau (Preußen), General v. d. Planitz (Sachsen), General v. Safserltng (Bayern) und General Schott v. Schottenstein (Württemberg).

Eingegangen: eine Interpellation der Abgg. Dr. Buhl und Genossen, betr. die Brauchbarkeit der Gewehre der deutschen Armee.

Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Gesetz­entwurfs, betr. die Friedenspräsenzstärke des Heeres

Kriegsminister v. Kaltenborn-Stachau: Wir, die wir den Anstoß zu der allgemeinen Wehl pflicht gegeben batten, haben allmälig den Vorsprung vor anderen Staaten verloren. Es blieb nichts übrig als die FrtedenSpräsenz zu erhöhen und neue Cadres zu bilden. Die Heeresverwaltung habe das Ziel der allgemeinen Wehrpflicht unent­wegt im Auge behalten, aber oie Kosten hierfür würden unerschwing­lich gewesen sein, wenn man an der dreijährigen Dienstzeit feflgehalten hätte. Nicht um einen Versuch handele es sich, sondern um einen wohlüberlegten definitiven Schritt. Will das Deutsche Reich seine Machtstellung behaupten und Herr seiner Geschicke bleiben, so muß es seine ganze Kraft aufwenden. Es wäre ein Unrecht, die Alten vor den Jungen hinauszuschicken. Die Jugend gehöre in die vor­dersten Rethen der Kämpfer für das Vaterland. Es ist möglichst sparsam vorgegangen worden. In der Commisfion wird Gelegenheit sein, auf nähere Einzelheiten einzugehen. Weiden die Vorlagen an­genommen, so wird die beste Garantie für den Frieden geschaffen und die Sicherheit des Vaterlandes gewährleistet. Bei keiner Vor­lage ist ein so günstiges Verhältniß zwischen Kosten und Wi kung vorhanden gewesen als bei dieser.

Feuilleton.

Der Nufsenhsnsl.

Scizze aus den Alpen. Von Franz Wichmann.

(5. Fortsetzung).

Und nun, Hansel?" fragte ich bewegt.

O mei, was wirds jetzt no sei, jetzt bin i a alter, -grauer Mo word'n und Vroni hat Kinda, zwoa Buam nnd oan Madl, aa scho groß san und bald heirath'n könna. Jetzt frag i's nimma, ob's mi no mag."

Und doch wollt Ihr zu ihr gehen?"

,/A mal muß i's no seh'gen, bevor i stirb, Herr, i kann net anders, mi ziahgt's halt hin i Habs ja nia net vergess'n könna."

Und sie glaubt Ihr, daß sie Euch vergessen, daß sie glücklich gewesen ist?"

O mei, sie wird si halt drein g'funden hab'n, was sollts denn anders thean, hält ihr ja eh nix g'nützt und dann wia Kinda kemma san, Kinda, Herr, san a starkes Band. I möcht wohl wissen, wia des Madl aus- schaugt ihre Tochter ob's ihr aa gleich sieht?"

Er stützte das Haupt m beide Hände und eine Be­wegung, die durch seinen alten, gebrechlichen Körper ging, schien mir wie ein Schluchzen, das sein verhülltes Gesicht durchzuckte.

Nach einer Weile faßte er sich wieder.

Sehgt's, Herr, dös is mei Unglück g'wen. Wann Leut denkt hätt'n, wia Oes g'sagt habt's nachha waar i an and'rer Mensch ward'n. Und darum habts an G'schicht hör'n müaß'n. Seid's ma net bös, Herr, wann i Enk g'langweilt hab, was kann aa alter Mo, wia i bin, aa viel Jnteressant's verzähl'n, o mei s geht halt alles, wias gehn muaß, und jetzt, Herr, muaß'n ma von anand gehn'n und t dank Enk recht schö und behüt <$nt Gott."

Wie, Hansel, Ihr wollt schon gehen und mich hier allein lassen?"

Er hatte bereits seine Kraxe wieder auf den Rücken genommen, sah mich mit seinen eigenthümlichen, dunkel-trau- rigen Augen an und sagte:

Oes kennts nimma fehl'n, Herr, Enker Weg geht alle­weil grad furt, der moane drent auf d' Seit'n durch'n Wald zum Latscherhof. Da könnts mi net solg'n und mia aa nimma derwart'n, dös wißts scho selm."

Und er schickte sich zum Gehen.

Ich wagte nicht, ihm zu widersprechen und mich ihm noch weiter aufzudrängen.

Einen Augenblick blieb er noch stehen, dann sagte er: Seht's, wo dös Marterl dort steht, geht mei Weg abi" und noch einmal drückte er mir die Hand.

Die Abendsonne war durch die zertheilten Wolken ge­brochen und ihr röthlich glänzendes Licht schimmerte durch die Zweige der dunklen Tannen.

Ich glaube, das flimmernde Zittern des Lichtes schmerzte meine Augen. Ich mußte mit der Hand darüber fahren, um das unangenehm brennende Gefühl zu beseitigen.

So behüt Euch Gott, Hansel," sagte ich und kehrte mich ab, um in die schöne Berggegend hinauszuschauen.

Als ich mich nach einer Weile nochmals zvrückwandte, sah ich, daß der Alte vor jener einsamen Martertasel nieder­gekniet war und ein stilles Gebet verrichtete.

Erst als er sich erhoben und im Walde abwärts tastend mit schweren unsicheren Schritten verschwunden war, ging ich langsam zu jener Stelle.

An dem Stamme einer hochragenden Tanne war eine schlichte Holztasel befestigt. Ein ländlicher Maler hatte mit naiver Zeichnung und unglaublichen Farben einen Unglückssall dargestellt, der sich vor Jahren beim Holzfällen an dieser Stelle ereignet. Ueber dem Verunglückten erschien aus grauen, sich zertheilenden Wolken in blauem Mantel die Ge­stalt der Madonna, erbarmend im Schrecken die Hände erhoben. Ein rothgoldener Strahl der Sonne fiel zittenrd,

wie das bange Pochen eines wehmutherschütternden Herzens aus die schlichten Worte, die in halb verwischter Schrift unter dem Bilde standen:

O Wanderer, ich bitte dich,

Steh still allhier und bet für mich, An dieser Stell traf mich der Tod, Wo dich er trifft, das weiß nur Gott." Das Blenden des grellen Lichtes der untergehenden Sonne wurde stärker.

Ich mußte noch einmal mit der Hand über die Augen fahren.

Zehn Jahre später bin ich wieder in jene Gegend gekommen.

Vom Kloster Wildsee herabsteigend, hatte ich den Weg nach Waldau verfehlt. Wohl sah ich seinen spitzen grünen Kirchthurm durch das grüne Dämmern des Abends herüber­schimmern, aber immer wieder traten Schluchten und Wälder zwischen mich und mein Ziel, und fast verzweifelte ich, noch zur rechten Zeit das Dors zu erreichen. Endlich blinkte ein Schein von einer einsamen Lichtung des Waldes herüber. Erfreut schritt ich daraus zu. Auf der freien Stolle war es lichter als unter den mich umgebenden dunklen Tannen. Deutlich sah ich den Bauernhof vor mir.

Da tauchte mit einem Male alles, was ich vor so langer Zeit in dieser Gegend gehört und erlebt, wieder in meiner Erinnerung auf. Ich hatte den NuffenhanSl und seine schlichte, traurige Geschichte im Drange des Alltagslebens fast vergessen. Jetzt stand sie deutlich wieder vor meinem Geiste. In dieser Gegend mußte das Anwesen des Latschen- bauern liegen. Ich erschrack fast, als ich in meiner Nähe Schritte hörte. Als ich mich umsah, erblickte ich einen mürrisch aussehenden Bauernknccht, der einen Rechen über der Schulter trug.

(Fortsetzung folgt.)