Ausgabe 
13.3.1892 Zweites Blatt
 
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Nr. 62 Zweites Blatt.______Sonntag den 13. März

1892

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erste Artikel enthält u. A. folgendes: Der Krieg erfordert unerbittlich seine Opfer und es kann darum das menschen­freundliche Streben nur soweit reichen, die Zahl der Opfer aus das absolut Unvermeidliche zu verringern. Hat diese Pflicht auch immer bestanden, so ist sie jetzt aber eine erhöhte, da durch die allgemeine Wehrpflicht der Staat alle Elemente seiner Bevölkerung, auch seine geistige Elite, der Staats- vertheidigung dienstbar macht. Bei einem künftigen Kriege kommen vor Allem folgende Erwägungen in Betracht: Die enorme, über vier Kilometer in die Tiefe des Schlachtfeldes reichende Tragweite der Gewehre, die vermehrte Rasanz der Flugbahn und die geradezu verblüffende Percussionskraft der Geschosse hat zur Folge, daß aus einem ebenen Kriegsschau­plätze, wie er unserer Armee beschieden sein kann, ein solcher Raum bestrichen und der im Kriege ohnehin sehr schwer­wiegende Factor der Zufälligkeitstreffer bis zu einem solchen Grade gesteigert werden wird, daß alle bisherigen Bestimm­ungen über die beiläufigen Entfernungen der Hilfs- und Ver­bandplätze von der Feuerlinie und über die Art ihrer Etablirung, über die Thätigkeit der Blessirtenträger- und Sanitäts-Patrouillen, über die Verwendung der Sanitäts- Fuhrwerke usw. größtenteils hinfällig geworden sind, während einer tobenden Schlacht wird an ein Zurückgehen, Zurück­geleiten oder Zurücktra^n der Verwundeten zu den Hilfs- und Verbandplätzen oder gar an ein Entgegensenden der Blessirtenwagen in die Nähe der Feuerlinie nicht zu denken sein- die Hilfs- und Verbandplätze namentlich aber die ersteren werden während der Schlacht sehr bedeutend weiter zurückverlegt werden müssen und auch dort die für eine möglichst ungestörte Arbeit der Aerzte erforderliche Deckung nur dann finden, wenn ihre Etablirung in oder hinter massiven Gebäuden oder in bedeutenden Bodenver­tiefungen möglich ist oder wenn sie sich künstlich eingraben, was aber in Anbetracht des erforderlichen großen Raumes nur mit Hilfe zahlreicher Arbeitskräfte und eines großen Zeitaufwandes erzielt werden könnte, also in den seltensten Fällen möglich sein wird,- es wird sohin die Auflesung und Bergung der Verwundeten namentlich aus der eigenen Gefechtslinie, die einen längs der Front laufenden Streifen von mehr als U/, Kilometer Tiefe in sich schließen wird erst dann möglich sein, wenn eine namhafte Vorrückung der Truppen erzielt oder die Schlacht entschieden oder der Kampf durch das Hereinbrechen der Nacht unterbrochen sein wird. Die künftigen großen Entscheidungsschlachten, zu welchen jeder Theil soviel als nur möglich Kräfte auf den entscheidenden Punkt bringen wird und denen vor den langen Fronten der sich einander nähernden Armeen Rencontres und Ein- leitungskämpse von der Dimension früherer kleiner Schlachten vorausgehen werden, werden sich nicht in einem, vielleicht auch nicht in zwei und drei Tagen abspielen- es wird ein furcht­bares Ringen um den Sieg werden, weil jeder Theil die gräßlichen Folgen der Niederlage eines colossalen Heeres vor Augen haben wird- zudem erfordern alle Manöver mit große» Massen einen großen Zeitaufwand und wenn dann endlich die ultima ratio auch in der Zukunstsschlacht trotz der Neu­bewaffnung und der aus ihr hervorgehenden immensen Stärke der Vertheidigung doch in einem kühnen und energischen Vorstoße wird bestehen muffen, so kann dieser ebenfalls nur erst nach sehr merkbarer Erschütterung des Gegners also wieder nach bedeutendem Zeitaufwande unternommen werden.

* Bedenkliche Brauchbarkeit des Aluminiums zu Trink' gefäßen. Dem Jahresbericht der städtischen Lebensmittel­untersuchungsanstalt zu Nürnberg ist zu entnehmen, daß auch eine mit Cognac gefüllte Aluminium-Feldflasche, deren Besitzer erkrankt war, zur Untersuchung gelangte. Die Flasche zeigte sich an der Innenwand stellenweise angefreffen, während der i Cognac eine braune Farbe angenommen hatte, Aluminium- | und Eisentheile enthielt und sauer reagirte. Wenn sich auch I die Gesundheitsschädlichkeit des in der Flasche gewesenen^ Cognacs vielleicht noch anzweiseln ließe, so bleibt doch dieH nicht unwichtige Thatsache, daß das Aluminium sich gegen biel Flüssigkeit nicht widerstandsfähig erwiesen hat. Es würdet also eine sehr wichtige Aufgabe der Technik sein, aus ein Mittel zu sinnen, welches das Aluminium-Metall widerstands­fähiger macht.

' Vermischtes.

* Das Schlachtfeld der Zukunft. Unter diesem Titel beginnt dieNeue Freie Presse" eine Reihe von Artikeln aus der Feder des früheren österreichischen Landesvenheidi- gungsministers Jul. Frhr. v. Horst zu veröffentlichen. Der

politische Wochenschau.

Gießen, 12. März.

Die abgelausene Woche zeitigte mit dem 9. März die Wiederkehr jenes tiefernsten Tages, au welchem vor nun vier Jahren Kaiser Wilhelm I. durch den Tod von seiner unver­gleichlich ruhmvollen und geiegnetcn Herrscherbahn abberusen wurde. Wie schon in den vorausgegaugenen Jahren, so er­schienen auch diesmal der Kaiser und die Kaiserin, die Kaiserin Friedrich und die übrigen Mitglieder der kaiserlichen Familie an diesem schmerzlichen Gedenktage im Mautoleum zu Char- loltenburg, um hier am Sarge des unvergeßlichen Helden­kaisers Kränze und Blumenspenden niederzulegen und eine stille Andacht zu verrichten. Auch die Generaladjutanten, Generale i la suite und die Flügelodjutanten weiland Kaiser Wilhelms I. legten an der letzten Ruhestätte des großen Herrschers Blumeugabeu und Palmenspenden nieder.

In den Plenarverhandlungen des Reichstages ist am Mittwoch nach Beendigung der zweitett Eialölesung eine mehrtägige Pause eingetreten, da das Haus erst am nächsten Montag seine Arbeiten wieder aufnehmen wird- es steht an genanntem Tage neben kleineren Sachen die drille Lesung der Krankenkassennovelle aus der Tagesordnung. Präsident Srvetzow unterließ aber nicht, beim AuSeinandergehen der

t Reichsboten am Mittwoch die bestimmte Erwartung aus- \ zusprechen, daß sich der Reichstag bei seinem Wiederzusammen- i tritte endlich einmal vollzählig erweisen würde, sonst sei die i Wetterführung der Geschäfte geradezu unmöglich. Diese ernste j Mahnung war allerdings voll am Platze, hatte sich doch kurz ! vorher bei der Abstimmung des Reichstags über den Menzer I schen Antrag auf Erhöhung des Tabakzolles schon wieder die [ Beschlußunsähigkeit des Hauses ergeben, so daß der Präsident ! nach einer kleinen Pause eine zweite S'tzung ansetzen mußte, in der dann freilich der Rest der zweiten Etatslesung im < Geschwindschritt erledigt wurde. Diese fortwährende Beschluß- i Unfähigkeit des Reichstags ist in der That ein unwürdiger [ und in jeder Beziehung haltloser Zustand und man kann darum nur dringend wünschen, daß die Bänke des Hauses von kommender Woche ab besser besetzt sein mögen, andern­falls würde sich der für den 7. oder 8. April ins Auge ge­faßte Sessionsschluß schwerlich ermöglichen lassen. Doch ist es neben der Beschlußfähigkeit des Reichstags auch nöthig, daß sich die einzelnen Redner in ihren Ausführungen thun- ! lichst einschränken, denn daß hierbei oft viel kostbare Zeit verloren geht, haben erst wieder die langausgesponnenen Reichstagsdebatten vom Dienstag und Mittwoch über die Lage des deutschen Tabakbaues und über die Herabsetzung der Getreidezölle bewiesen, in denen doch nichts wesentlich Neues über diese Fragen vorgebracht wurde.

Dem Bundesrathe ist jetzt die erwartete Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetze zugegangen. Daß die Vorlage indessen auch noch den Reichstag in der lausenden Session beschäftigen wird, erscheint bei der geschäftlichen Lage desselben als nahezu ausgeschlossen.

Die Reichstagscommisfion zur Vorberathung des Gesetz­entwurfs, betreffend die Unterstützung von Familien der zu Friede nsübungen einberusenen Mann­schaften, hat ihre Arbeiten beendigt. Die Vorlage ist in der zweiten Lesung der Commission gegenüber den Beschlüssen erster Lesung wie gegenüber den Regierungsvorschlägen mehr­fach erheblich abgeändert worden.

Das preußische Abgeordnetenhaus steckt seit Montag in großen und langwierigen Verhandlungen über den Cultus- etat, wobei die verschiedensten Fragen des Cultus- und Unterrichtswesens in die Debatte hineingezogen werden. Die Verhandlungen der Volksschulgesetzcommission ver­lausen auch fernerhin im Sinne der conservativ-clericalen Commissionsmehrheit und zweifellos werden sie diesen Character bis zu Ende beibehalten.

Das radicale Cabiuet Paste in Serbien hat sich endlich, um seinen gänzlichen Zerfall zu verhüten, genöthigt gesehen, sich selbst einer Umbildung zu unterziehen. Vor­läufig wird folgende Ministerliste genannt: Pasic Präsidium und Aeußeres, Tauschanovic Inneres, Mika Giorgievic Justiz, Vuic Finanzen, Pera Velimirovic Bauten, Jevrem Velimirovic Krieg, Andra Nicolic Cultus und Unterricht, cd. Prof Angielovic.

Der bisherige Agent Bulgariens in Belgrad, Dimitrow, ist zum Nachfolger des ermordeten Vulkovitsch in Constantinopel ernannt worden. Dimitrow hat sich aus seinem Belgrader Posten sehr gut bewährt, so daß Bulgarien das Beste von ihm auf dem heißen Stambuler Posten erwarten darf.

Der durch königlichen Machtruf erfolgte Sturz des Cabinets Del Yannis wird für Griechenland die zunächst befürchteten ernsten Folgen kaum mehr zeitigen. Das neue Cabinet Constantlpulos hat sich mit her Kammer unerwartet rasch verständigt, so daß nicht mehr von einer Auflösung der Kammer die Rede ist.

In Brafilien machen sich neue revolutionäre Gährungen bemerklich- der Hauptsitz derselben scheint

* Petersburg. Seltsame Leiden. In der russischen Wohlthätigkeitslotterie wurde kürzlich der Hauptgewinn von 100,000 Rbl. gezogen. Jetzt bringt derPskow Listok" von dem Schuhmachermeister Bogdanow, den genanntes Blatt gerüchtweise als Gewinner der 100,000 Rubel bezeichnet ^Qtte, nachstehendes von der Verzweiflung ciugegebencS Schreiben:Geehrter Herr Redacteur! In der Nr. 11 des //Listok" hieß daß ich das Glück gehabt hätte, 100,000 m iu gewinnen. Glauben Sie mir, Dank dieser Notiz habe ich

Amtlicher Theil.

Gießen, den 10. März 1892. Betr.: Den Wteseugaug.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.

Nach Art. 7 der Wiesenpotizeiordnung ist in diesem Monat der Wiesengang von den Wiesenvorständen unter Zu­ziehung der Feldschützen und Wiesenwärter vorzunehmen.

Wir beauftragen Sie deshalb, dieselben hierzu baldigst aufzusordern und uns die über den Wiesengang aufzunehmen­den Protokolle bis längstens 10. April ds. Js. vorzulegen.

In diesen Protokollen haben die Wiesenvorstände, was Sie denselben noch besonders eröffnen wollen, hauptsächlich folgende Punkte aufzunehmen:

1) ob die Anordnungen, welche sie bei dem letzten Wiesen­gang getroffen haben, befolgt worden sind und welche nicht -

2) welche Anordnungen von den Wiesenvorständen zur Be­seitigung der bei dem diesmaligen Wiesengang vorge­fundenen Mängel von ihnen getroffen worden sind oder vorgeschlagen werden- hierbei wird den Wiesenvorständen besonders empfohlen, ihr Augenmerk namentlich auch auf die Reinigung der Wiesen von Gestrüpp, Gesträuch, Moos 2C., aus die Entfernung der Herbstzeitlosen, des Erdauswurss aus den Be- und Entwässerungsgräben, aus die Verebenung der Maulwurfshügel und dergleichen und aus die Unterhaltung der Be- und Entwässerungs­gräben zu richten und hierbei nach den bestehenden Bestimmungen zu verfahren,

3) Verbesserungsvorschläge in Bezug auf größere Wiesen­fluren, namentlich solche,'zu deren Ausführung die Bil­dung von Wafsergenossenschaften nach dem Gesetze vom 30. Juli 1887 über die Bäche und nicht ständig fließen­den Gewässer (Regierungs-Blatt S. 159) erforderlich ist.

Zu Nr. 2 erläutern wir, daß Sie in der Regel, insofern kein besonderer Anstand vorliegt, jedem der betreffenden Wiesenbesitzer speciell eröffnen wollen, welche Mängel der Wiesenvorstand vorgefunden hat und daß diese Mängel binnen der vom Wiesenvorstand zu bestimmenden Frist so gewiß zu beseitigen wären, als sonst die nöthigen Herstellungen auf Kosten der Säumigen angeordnet würden. Nach fruchtlosem Ablauf der gesetzten Frist wollen Sie nach Anhörung des Wiesenvorstandes weitere Anträge stellen. Jedenfalls sind die von Ihnen getroffenen Anordnungen in den von Ihnen einzusendenden Protokollen einstweilen zu erwähnen.

Das Protokoll über den Rundgang ist von allen Theil- nehmern zu unterzeichnen. War ein Mitglied des Wiesen­vorstandes verhindert, am Rundgange Theil zu nehmen, so ist dieses am Schlüsse des Protokolles zu bemerken.

Sollte der Wiesenvorstand, der außer dem Großherzog­lichen Bürgermeister oder Beigeordneten, mindestens noch aus zwei Ortseinwohnern, welche Wiesen besitzen oder solche zu benutzen oder zu verwalten haben, bestehen soll, nicht mehr vollständig sein, so wpllen Sie den Gemeinderath wegen Er­gänzung des Wiesenvorstandes vernehmen und uns die Anträge des Gemeinderathes in besonderer Verhandlung vorlegen.

v. Gagern.

wiederum die Provinz Rio Grande do Sul zu sein, wo mehrfache Empörungen von Garnisonen gegen die Central­regierung stattgesunden haben. Auch aus dem benachbarten Argentinien wird von militärischen Schilderhebungen berichtet, die noch nicht unterdrückt zu werden vermochten.

In Washington hat ein Wechsel in der diplo­matischen Vertretung des deutschen Reiches statt­gefunden, deutscher Gesandter bei der UnionSregierung ist jetzt Freiherr v. Holleben. Derselbe überreichte am Dienstag dem Präsidenten Harrison sein Beglaubigungsschreiben, wobei von beiden Seiten herzliche Rede und Gegenrede unter Be­tonung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Union gewechselt wurden.