Erstes Blatt
Nr. 62
onntag den 13. März
1892
Hratiskeikage: Hi-ßener Jamikienökätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und «u-lande» nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vierteljähriger AvouncmenlsprelZ i 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchntstrahe Ar.?.
Frrusprecher 51.
Amts- und Anzsigeblatt füv den Av«is Gieren
befunden: 1 Thürdrücker, 1 Halsluch, 1 Peitsche, 1 Wagenkapsel, 1 gold. Trauring, 4 Taschentücher, 1 Geldbeutel mit Inhalt, 1 Chlips, 1 Plüschkragen, 1 Schleier, 1 wollenes Tuch, 2 einzelne Handschuhe, I Zwicker, 1 eiserne Hakelnadel, 1 Maßstab, 1 Fensterrahmen und 1 Kandelrohr
Gießen, den 12. März 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
J-!
Bischoff.
$n ♦Ute«« #«|dgtr erscheint täglich, mit Ausnahme bcS Montags.
Die Gießener ^««tktenStälter werden dem Anzeiger mSchentlich dreimal brigelegt.
Aintlichev Therl.
Bekanntmachung.
Die Bahnbrücke bei Ruttershausen kann von Dicnstaq den 15. b$. Ntts. ob wieder befahren werden.
Gießen, den 12. März 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Depeschen „Bureau Herold".
Berlin, 11. März. Seine Majestät her Kaiser ver- üe§ heute das Bett, hütet indessen schonungshalber das Zimmer.
Berlin, 12. März. Die „Nordd Allg. Ztg." beschwert stch über neuerliche Uebergriffe des Parlaments in sein nicht zustehendes Verwaltungsgebiet, wie gelegentlich des Telegraphengesetzes und des nationalliberalen Antrages, dew Normaletat betr. der höheren Lehrer als amendirbare Gesetzvorlage zu behandeln.
Berlin, 12. März. Nach den „Berl. Pol. Nachrichten" gelangt die M e hr s or der ung für die Betheiligung an der Weltausstellung in Chicago als Ergänzungsetat an den Reichstag, so daß die bisher angesetzte Summe von 900,000 Mk. auf 2,000,000 Mk. erhöht wird. Es verlautet, die Ge- sammtkosten werden aus 3,000,000 Mk. geschätzt, es wäre also noch eine kleinere Forderung für 1893/94 notwendig. Die Marrikularumlagen für 1892/93 betragen wahrscheinlich 320,000,000 Mk.
i or Berlin, 12. März. Die „Boss. Ztg." meldet, daß am 1 die kaiserlichen Bezirkshauptleute aus der Schutztruppe in Ostafrika ausscheiden und in den Reichsverwaltungsdienst übertreten.
Berlin, 12. März. Die Mittheilung, daß die Regierung entschlossen fei, den ganzen Welsenfonds dem Herzog von Cumberland zurückzugeben, wird uns neuerlich bestätigt. 1
Dresden, 12. März. In Sachsen herrscht heftiges Schneetreiben. Stellenweise ist der Bahnverkehr unmöglich.
Nürnberg, 11. März. Nach einer Meldung des „Fränk. Cour." entwürfe Professor Wanderer von der Nürnberger Kunstgewerbschule stylgerechte Ausstattungsräume des Sterbe- Hauses Luthers in Eisleben.
Wien, 11. März. Der „Reichswehr" zufolge tritt der ' deutsche Corvettencapitän Kalan in die türkische Marine ein.
Wien, 11. März. Die österreichische Waffenfabrik hat sich zur Ablieferung von 50,000 Manlichergewehren an Bulgarien bis Ende Juni verpflichtet. Dasselbe ver- sügt dann über 140,OüO kleinkalibrige Gewehre und 6000 Carabiner.
Gießener Anzeiger
Henerat-Mrzeiger.
Ne«este Nachrichten.
WjIIW t<legrnp6i[d>t» «orrcfponPeni-Buteou.
Berlin, 11. März. Bei Beginn der heutigen Sitzung des deutschen Landwirthschaftsraths gedachte der Vorsitzende des Geburtstags des Prinz reg ent en von Bauern und brachte aus ihn ein dreimaliges lebhaft auf- genommencs Hoch aus. Es wurden Anträge angenommen betret,enb die Einführung einheitlicher Lieferungs- und Qua- Iltalsantorderungen an allen deutschen Productenbürsen, bc- tretsend Auivendung eines neuen Getreideprobers zur Fest- setzung des Qualitätsgewichts sowie betreffend den Erlaß |
Wien, 11. März. Im sogenannten erzbischöflichen Kurhausgebäude der geistlichen Alumnen am Stephansplatze wurde ein alter Diener des Hausverwalters ermordet. Raubmord scheint ausgeschlossen.
Wien, 11. März. Hiesige Blätter berichten über die schreckliche Zunahme der Hungersnoth unter der Landbevölkerung Ostgaliziens. Im Bezirke Jaworow kämen bereits Hungertodesfälle vor, überdies herrsche Typhus und Blattern.
Bukarest, 11. März. Der Gegenbesuch des Deutschen Kaisers in Rumänien wurde bis zu den Herbstmanövern verschoben.
Paris, 11. März. Die Arbeitersyndicate wollen, daß die feierliche Eröffnung der städtischen Arbeiterbörse am 18. März, dem Jahrestage der Commune, stattsinde. Der Stadtrath ist noch unentschlossen.
Pans, 12.März. Eine furchtbare Dynamitexplo sion fand gestern Abend in einem Hause der Bulevard Saint Germania statt, wo der Beamte wohnt, welcher im Anarchiften- prozeß präsidirte. Es entstand ein sehr beträchtlicher Schaden. Der Pförtner ist leicht verwundet.
Brüfiel, 11. März. Auf der Zeche Anderlues fand durch schlagende Wetter eine große Katastrophe statt.
Brüssel, 12. März. Bei dem Grubenunglück aus der Zeche Anderlues sind, letzten Meldungen zufolge, 85 Todte und 150 Verwundete. Die Bergungen werden fortgesetzt.
Loudon, 11. März. Heute werden wahrscheinlich 120,000 Bergleute in Durham die Arbeit ein stellen. Die Eisen- Werkbesitzer Clevelands treffen Vorbereitungen, die Production von 3/4 lhrer Hochöfen einzufchränken. 1000 Eisenarbeiter sind beschäftigungslos.^ Die Schiffsbauwerste und Eisenwerke von Hartlepool und Stockton werden dadurch in Mitleiden- lckrast gezogen. 10,000 Arbeiter sind zu Hartlepool beschäftigungslos. Das Dampfkeffelwerk in Bolton wurde geschloffen, wodurch zweitausend Arbeiter brodlos wurden. Die Great Northern, die Midland-Great Castern und die North Castern Railway werden hiervon stark betroffen.
Nom, 12. März. In Comacchio herrschen schwere Unordnungen unter den Arbeitslosen. Die Bäckerläden werden gestürmt und die Fensterscheiben zerschlagen. Die Polizei schritt ein.
Die Krankheit des Großherzogs.
_ r Darmstadt, 12. März, Vorm. 8 Uhr 44Min. Vormittaqs- Bullerin: «st. K. Hoheit der Großherzog hatten eine unruhige Nacht. Der Puls, welcher bisher, der seit November v. I bestehenden Herzerweiterung entsprechend, zwar unregelmäßig war, aber an »rast nichts cingebüßt hatte, ist während der heutigen Nacht schwächer geworden. Dieser Nachlaß der Herzthätigkct hat die bisher bestehende Lebensgefahr erheblich gesteigert.
Darmstadt, 12. März, 12 Uhr 5 Mi». Bulletin vor, 11 /j Uhr: Der Krästezustand Seiner Königlichen Hoheit des G r o g h c r z o g s ist vermindert, weiterer Nachlaß der Her ,- rhatigkcir bis jetzt nicht cingetrcten.
I obrigkeitlicher Vorschriften für einheitliche Feststellung des I Schlachtgewichts aus allen öffentlichen Schlachtviehhöscn Deutschlands.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den
folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Feuilleton.
Ein Held der Nächstenliebe.
Erzählung von C. Western.
(Nachdruck verboten.)
Eine Badecur brachte mich vor Jahren nach der freundlichen Insel Föhr und dem behäbigen Wyk, und nach dem belebenden Seebade ging ich gewöhnlich hinaus, lagerte mich ,m Sande und ließ mich von der warmen Sonne bescheinen Von dem hervorgezogenen Buche schaute ich dann oft auf das tiefblaue Meer, auf dem die großen Dampfer, mit langen Rauchsäulen hinter sia>, gleich Meerungeheuern und die Segelschiffe gleich großen Schwänen dahinzogen, hinaus und kehrte von diesem majestätischen Bilde nie ganz gesättigt, stets angeregter zu meiner Lectüre zurück. Eines Tages war ich wieder in die Dünen hinausgegangen. Ich hatte den Heinrich Heine, der das Meer wie kein anderer Dichter beschrieben hat, eingesteckt und las ihn mit wahrem Hochgenuß. Ader als hätte ich damit den dreizackführenden Neptun und das Heer der ihn begleitenden Tritonen und Wassergeister aus der Tiefe beschworen, so begann das bis dahin ruhige Meer jetzt zu toben. Es war eine artige Boe, die jetzt cherauszog: v
„Der Wind zieht seine Hosen an, Die weißen Wasserhosen!
Ec peitscht die Wellen, so stark er kann, Die heulen und brausen und tosen. Aus dunkler Höhe, mit wilder Macht Die Regengüsse häufen;
ist, als wollt die alte Nacht
DaS alte Meer ersäufen.
l-b-nd-s Wasi-rvebirg-
Bildet die tosende See:
Hier gähnt ein schwarzer Abgrund, Dort thurmt r« sich weiß In die Höh'."
Ich hatte schon zu lange gezögert- ein Sturmwind ent- Rührte mir den Strohhut auf die See hinaus! Da schwamm er hm zur großen Reise, ich aber enteilte schleunigst dem
Unwetter, dem alten, lieben, behäbigen Neste Wyk zu. Nach ein paar Stunden hatten die Meergcister ausgerasct und ich trat bei leidigem Sonnenschein einen Spaziergang an. Mein Weg führte mich an dem kleinen Friedhof vorbei und — ich trat hinein. Die meisten Gräber waren einfach, schlicht, mit wenigen Blümchen besetzt, die meisten verfallen. Hier und dort stand ein weißgestrichenes Kreuz, selten sand man einen Stem. Unter diesen zog besonders einer meine Anfmerkiam- fett auf sich. Es war ein kleiner Obelisk von Sandstein und mühsam entzifferte ich daraus den Namen; Wilm Brook, f den 4. April 1843. — Was aus der anderen Seite ein- gerneiselt gewesen, hatte der Zahn der Zeit weggenaat, der Regen abgewaschen. Es blieb unverständlich.
Da bemerkte ich einen alten Herrn mit grauen Haaren, bet sich auch bei diesem Grabe zu schaffen machte. Er war städtischer gekleidet, als die Einwohner von Föhr sonst wohl zu sein pflegen,- ich redete ihn an.
„Es ist wohl ein Verwandter von Ihnen, der hier ruht?"
Der Alte schüttelte das Haupt.
„Nein, es war mein Schüler."
„Ah, so sind Sie der Lehrer?" „Zu dienen!"
Ich stellte mich als College vor und fragte dann: „Was hat denn ursprünglich auf dieser, der Wetterseite des Obelisken gestanden?"
Der Alte sah auf.
„Wenn es Sie intereffirt, mein Herr, dort stand geschrieben: „Hier ruht der Stolz von Föhr, gestorben im Dienste der Barmherzigkeit!"
Das interessirte mich.
„Mein Herr," fuhr ich fort, „möchten Sie mir nicht etwas darüber erzählen?"
Der Alte nickte:
„Wenn Sie Antheil daran" nehmen, gern! Aber eS ist eine lange, traurige Geschichte."
„Bitte, erzählen Sie!"
Wir setzten uns auf ein Bänkchen, welches neben dem
Grabe unter einer verkrüppelten Trauerweide stand, und der alte Lehrer fing an zu erzählen:
„Wenn Sie nach Wyk hineinkommen, finden Sie dicht am Strande in der Kirchgaffe ein weißes, einstöckiges Gebäude- es steht heute noch, ist aber in andere Hände übergegangen. Dort wohnte der alte, würdige Oberlootse Pieter Brook. Pieter und seine Ehefrau hatten nur ein Kmd. Es war der Wilm, mein Liebling. Mit dem siebenten Jahre kam er unter meine Hände und mit dem neunten war er bereits einer meiner besten Schüler. Mit dem zwölften Jahre wß er obenan und war ein für feine Jahre großer und starker Junge- ein echter Schleswiger, blond, blauäugig- er war von Gesicht schön, von Körper wohlgebildet, ein Meister im Rudern, Steuern und Lavieren, ein doppelter Meister aber im Schwimmen und Tauchen.
Beim Badeamt hatte man Pieter Brook mit dem Posten eines Aufsehers betraut. Das war für Wilm auch eine herrliche Gelegenheit, sich nützlich zu machen, sobald im Hochsommer die Fremden aus aller Herren Länder zu uns kamen, um die Heilkraft unserer See zu erproben.
Wie eö beim Baden hier zugeht, wissen Sie ja. Da hatte nun bei einem etwas drangen Seegange ein Wärter die Badekarre zu weit in die Wellen vorgeschoben und dann nicht Acht gegeben. In dem Häuschen war ein dänischer Kadett, ein Bürschchen aus einem uralten, hochadeligen Hause, welches sogar auf königliches Blut Anspruch erhob. Der junge Herr stieg in die Fluth und wurde sogleich von den Wellen fortgeriffen. Einen entsetzlichen Schrei stieß der Unglückliche aus und war verschwunden. Rathlos stand der Wärter da. In diesem Augenblicke stürzte sich Wilm Brook, der beim Vater am Ufer gestanden und alles beobachtet hatte, in öie Wellen, zertheilte sie mit wuchtigem Ruck und war mit einigen Stößen neben dem Verunglückten, den er bei ben Haaren erfaßte und rasch dem imffen Element entriß, »eim Badekarren überlieferte er den fast Ertrunkenen dem Wärter und half, den Ohnmächtigen durch Reiben mit einer Wolldecke ins Leben zurückzubringen.
(Fortsetzung folgt.)


