Locale» und z-rovinzielle».
Gießen, 11. April 1892.
A 91 m gestrigen Sonntag sand in Mainz der 53. Turnlag des Mittelrheinkreises unter dem Vorsitz des Kreisver- rreters Herrn Nothermel-Darmstadt statt. Vertreten waren 120 Vereine mit 185 Stimmen. Auf Anregung des Vorsitzenden ehrte die Versammlung den verstorbenen Großher- zog von Hessen durch Erheben von den Sitzen und sandte eine Depesche an den erkrankten Geschästssührer der detltschen Turnerschast Herrn Dr. Götz-Lindenan ab, ihm baldige Genesung wünschend. Nach dem Bericht des Vorsitzenden besteht der Kreisverband „Mitt elrh ein" zur Zeit aus 485 Vereinen gegen 461 im Vorjahre mit einer Mitgliederzahl von rund 43000 und umfaßt das Großherzogthum Hessen, die Regierungsbezirke Wiesbaden, Coblenz und Trier, die Kreise Marburg, Kirchhain, Hanau und Gelnhausen, das Fürstenthum Birkenfeld, das nördliche Elsaß, sowie einige angrenzende bayerische Gebietsteile. — Als Festort für das 30. Mittelrheimsche Kreisturnsest wurde Darmstadt gewählt. Eine kleine Minderheit stimmte für Gießen. Bei den folgenden Punkten der Tagesordnung: Abänderung der Z^reissatzungen im Anschluß an die Beschlüsse des 10. deutschen Turntages in Hannover, entstanden lebhafte Debatten und sind die wesentlichen Beschlüsse folgende: Der Mittelrheinkreis bildet den 9. deutschen Turnkreis. Bildet sich ein neuer Turnverein, so kann er erst nach zweijährigem Bestände in den Verband ausgenommen werden. Die wissentlich falsche Angabe des Mitgliederbestandes wie sonstiger statistischer Zahlen können zum Ausschluß aus dem Verband führen. Die Kreis- turnseste sollen von jetzt ab nur alle zwei Jahre stattfinden. Die Zahl der Kampfrichter bei Wetttnrnen wurde auf drei festgesetzt und beschlossen, daß auch Turnlehrer von Fach an dem Wettturnen theilnehmen dürfen. (Wie uns mitgetheilt wurde, ist beschlossen worden, die Kreisturnfeste in Zukunft nur alle zwei Jahre abzuhalten, so daß Gießen erst für das Jahr 1895 Aussicht hat, als Festort gewählt zu werden. Für Darmstadt, welches im vorigen Jahre gegen Mainz mit nur 5 Stimmen Differenz unterlag, wurde hauptsächlich geltend gemacht, daß das Kreisfest überhaupt nur zweimal in feinen Mauern gefeiert wurde und zwar zuletzt 1875, während in Gießen das Fest schon dreimal, zuletzt erst 1883, abgehalten wurde. Red.)
— Am 9. l. M. wurde ein Mensch verhaftet, der einen Diebstahl begangen hatte, indem er durch das Fenster in einen Schauspielerwagen eingestiegen war und einen gering- werthigen Clownanzug entwendet hatte.
— Raub. Wie man erfährt, heißt der freche Räuber nicht David Hahn/ der Träger dieses Namens wurde in Darmstadt verhaftet, konnte aber seine Unschuld nachweisen. Der eigentliche Thäter nannte sich bei seiner Festnahme und Einlieferung in Großenlüder Martin Müller von Freising bei München. Derselbe soll in der gletchen Nacht, in welcher er ausgebrochcn ist, einen Einbruchsdiebstahl begangen und sich Kleider und Geld verschafft haben. Jetzt fehlt jede Spur von demselben.
— Durch Verfügung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 6. April l. I. wurde mit Wirkung vom 1. Mai l. I. für die Gemeinden Bannerod, Weid- Moos, Nösberts und Vaitshain ein gemeinschaftliches Ortsgericht mit der Bezeichnung „Ortsgericht Bannerod" angeordnet.
— Schuldienst - Nachrichten. Am 19. März wurden den Schullehrern Georg Falkenstein und Johann Metzger zu Bretzenheim Lehrerstellen an den Gemeindeschulen zu Bodenheim, bezw. Finthen, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Friedrich Andreas Schmitz zu Flonheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bretzenheim, — am 21. März wurde dem Schulamtsaspiranten Wilhelm Raiß aus Büttelborn die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ibersheim, — an demselben Tage wurde dem Schulverwalter Otto Wilhelm zu Groß-Eichen die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Seidenbuch, — an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Peter Schmidt aus Darsberg die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Siedelsbrunn, — an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Heinrich Jochem aus Friesenheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Klein-Steinheim, mit Wirkung vom 1. April an, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Carl Sturmfels zu Leeheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Goddelau, — am 22. März wurde dem Schullehrer Carl Schmitt zu Finthen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Flonheim, — an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Wilhelm Södler aus Steinfurth die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Atzenheim, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Johannes Brück zu Worfelden die Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Offenheim, — am 25. Marz wurde dem Schulverwalter Friedrich Heppner zu Gimbsheim eine Lehrerstelle an der evangelischen Schule daselbst, — am 1. April wurde dem Schulamtsaspiranten Valentin Müller aus Hering eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Gießen, — am 2. April wurde dem Schulamtsaspiranten Johann Jacob Thomas auS Büttelborn eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kelsterbach — übertragen.
A Die jüngst durch die Presse gegangene Mittheilung, daß in Folge des Thronwechsels in Hessen der Großherzog eine Amnestie etlaffen werde, hat, wie uns geschrieben wird, den Staatsanwaltschasten der drei Provinzen eine große Arbeitslast verursacht, indem bei dem Justizministerium von den in den Provinzialgesängniffen des Großherzogthnms und dem Landeszuchthause Jnhastirten und deren Familienangehörigen massenhafte Begnadigungsgesuche eingelaufen sind, welche den Staatsanwaltschaften jetzt zur Begutachtung vorliegen. Da diese Begutachtung eine Prüfung und Durchsicht der einschlägigen Gerichtsacten nothwendig macht, läßt sich
ermessen, welche Arbeitslast den Staatsanwaltschasten er- tvächst und wird mithin bis zur Erledigung der sammtlichen Begnadigungsgesuche noch immer geraume Zeit hingehen.
Dem „Manufacturist" ging auö seinem Leserkreise nachstehender' Artikel über das überhandnehmende Detailreisen zu, der manches Wahre enthält und den wir deshalb nachstehend zum Abdruck bringen. Er lautet: „Auf einen großen Uebel- stand, den das Detailreisen im Gefolge hat, ist, soviel ich weiß, noch nicht hingewiesen worden, wohl weil er sich erst jetzt fühlbar zu machen beginnt, und das ist die Verringerung der Kaufkraft großer Theile der Bevölkerung in viel von Detailreisenden heimgesuchten Gegenden, die zunehmende Verschuldung und damit die beginnende Verarmung in ihnen. Hier (in Thüringen wohnt der Verfasser) wie anderwärts wird viel detailgereist- 6—10 Detailreisende an einem Platze sind keine große Seltenheit. Unsere Amtsgerichte sind überhäuft mit Hypothekensachen und nie vorher ist die Zahl dcr Hypothekeneintragungen fo groß gewesen, wie irn letzten und vorletzten Jahre. Ich hatte oft Gelegenheit, solchen Geldbedürftigen gegenüber zu stehen und habe mich immer recht eingehend nach der Veranlassung des Schuldenmachens erkundigt. Weitaus in den meisten Fällen begann dieses durch den Kauf beim Reisenden. Die Gelegenheit ist zu günstig, man braucht nicht gleich baares Geld, und so wird für 30, 50 oder noch mehr Mark bestellt, während der Käufer sonst für vielleicht 10 Mk. im Laden gekauft und bezahlt hätte. Beim Wiederkommen des Reifenden, der sich vorher avisirt, will er natürlich Geld sehen. Man bezahlt Etwas, vielleicht die Hälfte, und pumpt wieder neue Maaren dazu. Das geht eine Weile so fort, bis das Conto hoch genug erscheint, dann wird aus Zahlung gedrückt. Der Käufer muß, wenn nicht gar geklagt wird, einen Wechsel über feine Schuld unterschreiben, zu dessen Deckung dann Geld beim Vorschußverein ausgenommen wird. Der Käufer hat nun für die meist ansehnliche Verzinsung und Tilgungsquote zu sorgen. Um dieser möglichst zu entgehen, nimmt er lieber ein Kapitälchen auf seinen Besitz auf, das er nicht abzutragen braucht und zu billigerem Zinsfuß bekommt. Daß solche Familien, denen das Borgen aus diese Weise zur Gewohnheit wird, aus keinen grünen Zweig kommen, ist wohl klar. Zur Verzinsung und Abtragung der leichtsinnig und unnöthigerweise gemachten Schulden werden die nicht zum Lebensunterhalt unbedingt nöthigen Mittel verbraucht und die Kaufkraft der Leute ist andauernd geschwächt. Sv untergräbt das Detailreisen den ansässigen Geschäftsleuten aus lange Jahre hinaus das Geschäft und diese Schädigung ist um so schwerwiegender, als ihre Nachtheile nicht nur dem ursprünglich Schuldigen fühlbar werden, sondern sich eventuell forterben! Wie von anderer Seite schon oft ausgeführt ist, und von in Detail- reisenden Häusern auch zugegeben wird, erwächst ihnen durch das Reifen kein großer Segen. Ich bin überzeugt, daß ein allgemeines Einstellen der Reisethätigkeit auch den Geschäften, die beständig reifen lassen, neuen Verkehr und neue Abnehmer am Platze bringen wird, jo daß sie für das Reisegeschäst durch ein ebenso besseres Hausgeschäft reichlich Entgelt finden werden. Darum fort mit dem Detailreifen! Einem gesetzlichen Verbot desselben würde wohl die große Mehrzahl der Manu- facturiften freudig zustimmen."
Grünberg, 10. April. Die hiesige Sparkasse hat wiederum vier Subventionen im Betrage von je 150 Mk. zur Ausbildung von Jndustrielehrerinnen bewilligt, um tüchtige Lehrkräfte für den weiblichen Handarbeitsunterricht für die Schulen des Sparkaffebezirks zu gewinnen. Dorn Vorstände der genannten Raffe*roerben deßhalb die Schulvorstände des Bezirks ersucht, geeignete Bewerberinnen, die den nach Ostern ds. Js. beginnenden Cursus des Alice-Frauenvereins zu Gießen besuchen wollen, anzumelden, bezw. solche vor- Zuschlägen.
? Dodenhausen (Kr. Schotten), 10. April. Aus der benachbarten sogenannten „Heulsmühle" brach am vorgestrigen Vormittag Feuer aus. Bei dem herrschenden starken Sturme verbreitete sich das Feuer sehr rasch, so daß nach kurzer Zeit Dampsschneiderei, Mühle und Wohnhaus in Asche sanken. Die noch neue Scheuer konnte gerettet werden. Der Brand ist jedenfalls in der unmittelbar an das Wohnhaus schließenden Dampsschneiderei entstanden und hat ersteres sogleich in Flammen gesetzt. Der Besitzer ist außer der landesgesetzlichen Landesbrandkasse nicht versichert, fein Verlust somit beträchtlich.
B. Büdingen, 9. April. Bei der heute dahier vorgenommenen Pferdemusterung verunglückte der hiesige Gensdarmeriewachtmeister Jö ckel dadurch, daß ihm ein Pferd wider die Brust schlug, in Folge dessen er ohnmächtig wurde und nach Hanse getragen werden mußte. Der Zustand soll bedenklich fein.
Mainz, 9. April. Eine hiesige bedeutende Firma, die vor einiger Zeit ihr Hauptgeschäft nach Frankfurt a. M. verlegte, in Mainz selbst aber nur eine Filiale des Geschäfts unterhielt, sah sich nunmehr auch infolge eines bedeutenden Besitzwechsels veranlaßt, die hier befindliche Filiale aufzugeben. Durch diese Geschästsveränderung war sie ge- nöthigt, das überschüssig gewordene Arbeiterpersonal zu entlassen. Vor einigen Tagen wurden nun zwei Arbeiter, die noch nicht sehr lange in dem fraglichen Geschäfte thätig waren, ausgelohnt und entlassen, aber gleichzeitig wurde ihnen von der Firma ein Betrag von je 250 Mk. eingehändigt in Rücksicht aus dte Dienste, die sie setther dem Geschäfte geleistet hatten- drei andere Arbeiter, die schon lange Zeit in dem fraglichen Geschäft thätig waren, erhielten für die Dauer ihres Lebens eine jährliche Pension von je 600 Mk. von den Inhabern der Firma ausbezahlt. Eine solche Arbeiterfürsorge verdient hohe Anerkennung.
A Lampertheim, 9. April. „Nein! so etwas ist doch noch nicht dagewesen," riefen gestern die Bewohner unseres Marktfleckens aus, als cs bekannt wurde, daß in der Nacht der fünfte, sage und schreibe der fünfte Einbruch verübt und der Einbrecher endlich dingfest gemacht wurde. Wer aber ist dieser Einbrecher? fragte jeder. Man höre und staune:
es ist ein etliche zwanzig Jahre alter taubstummer Schneider geselle? So etwas war wirklich noch nicht da und man würde es nicht glauben, wenn der Bursche nicht bereits vier Einbrüche vollständig zugestanden hätte, während er einen noch leugnet. Waß nun die Persönlichkeit des Einbrechers anbelangt, fo ist zu bemerken, daß er äußerst schlau und pfiffig ist. Er wußte sich stets die genaueste Localkenntniß der betreffenden Häuser zu verschaffen. Daneben versteht er zu klettern, zu laufen und zu springen wie ein Schimpanse. Boshaft und schabernakisch ist er auch und ein eifriger Karten- und Hazardspieler dazu. Er versteht es, ein Bänkelchen aus- zulegen. Um seinen Liebhabereien zu sröhnen, brauchte der Bursche Geld, welches das Schneiderhandwerk nicht abwarf. Das Einbrechen fiel aber auch stets mager aus. Man sieht den Gerichtsverhandlungen natürlich mit großer Spannung entgegen, denn das Verhör eines taubstummen Einbrechers scheint in den Annalen der Strafgerichte zu den Seltenheiten zu gehören.
Vom Odenwalde, 8. April. Seitdem die neuen Handelsverträge in Kraft getreten, werden größere Mengen italienischer Rothweine nach unserer Gegend eingesührt. Derselbe wird auf den Zvlllagern verschnitten und um 36 bis 40 Mk. per Hectoliter abgesetzt- in den Wirthschasten wird das y4 Liter für 20 Psg. verzapft.
Vermischtes.
* Mannheim, 9. April. Heute früh 51/2 Uhr fand im Hose des hiesigen Amtsgerichts die Hinrichtung des Raubmörders Rei tter statt, welche durch den Scharfrichter Müller aus Ladenburg vollzogen wurde.
* Neisse, 9. April. Der Gutsbesitzer Ludwig aus Procken- dors wurde wegen Ermordung seiner Magd zum Tode verurtheilt.
* München, 9. April. Gestern Nachmittag wurden durch Einsturz eines Gewölbes in einem Hause an der Schwind- straße zwei Arbeiter verschüttet. Sie erlagen den hierher erlittenen Verletzungen.
* München, 9. April. Nach einer Meldung der „Neuesten Nachrichten" aus Füssen brannte in der Staatswaldung Hohenschwangau-Füssen ein District von 30 Tagwerk ad. Das Feuer ist noch nicht gelöscht, lieber taufend Feuerwehrleute befinden sich an der Löscharbeit.
* Wien, 7. April. Der Sicherheitswachmann Adalbeit Jake sch, 27 Jahre alt, hat sich heute Morgen um 4 Uhr, als er vom Rayondienst einrückte, in der Sicherheitswachkaserne in der Postgaffe aus einem merkwürdigen Motiv erschossen. Er hatte heute Nacht seinen Mantel und Säbel in eine Rettungszille gelegt, welche der Wind wegriß. Er konnte Mantel und Waffe nicht mehr erreichen und hat, wie er selbst nieberfflhrieb, den Selbstmord begangen, nm einem Anstand und dem Spott der Kameraden zu entgehen.
* Paris, 9. April. Der Mörder der Baronin Dellard, Exoffizier Anastay, wurde heute Morgen hingerichtet. Er war standhaft und bat, feinen Kopf für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden.
* Furchtbare Scenen bei einem Schadenfeuer. In Freienwalde a. O. kam vor einigen Tagen Morgens aus bis jetzt noch nickt ermittelten Ursachen in dem in der Marktstraße gelegenen Wohnhaufe des Brauereibesitzers Danz Feuer zum Ausbruch, das längere Zeit unbemerkt blieb und die Treppe unpaffirbar machte, ehe alle Bewohner des Hauses geweckt werden konnten. Acht Personen, Nachbarn, $' <,riterr Gesellen und Lehrlinge, welche sich vor Eintreffen bet Feuerwehr in hochherziger Weise am Rettungswerke beteiligten, haben in dem brennenden Hause ihren Tod gefunden oder sind ihren Wunden erlegen. Von den Bewohnern des Hauses ist die Mietherin des oberen Stockwerkes, Frau Leugner, in den Flammen umgekommen - die übrigen Bewohner sind gerettet. Das Unglück geschah in Folge Einstürzens des Schornsteins, dessen Trümmer die im brennenden Gebäude Anwesenden begruben. Den Verunglückten zu Hilfe zu eilen, war nicht möglich und unthätig mußte man dabei stehen und die Hilferufe anhören. Einem Schlächtergesellen waren durch die Trümmer beide Beine vollständig eingeklemmt- er sah selbst, daß Hilfe unmöglich war. Er bat, ihn doch zu tödten, damit er nicht dem Flammentode preisgegeben sei, und als er keine Erhörung fand, zog er fein Taschenmesser hervor und stieß sich dasselbe in den Hals, fo daß er alsbald verblutete.
♦ Erinnerungen eines Gardeoffiziers aus der Regierungszeit des Königs Friedrich Wilhelm IV. erzählt der Freiherr von Kessel-Zeutfch in feinem im Verlag von R. Eisensckmidt erschienenen Buche. Wir greifen aus demselben eine Anecdote heraus, die sich aus die nächtlichen Spaziergänge des Königs bezieht. Derselbe passirte, wie gewöhnlich während des Sommerabends, unmittelbar vor Mitternacht, in einen Mantel gehüllt, von einer Promenade heimkehrend, die Wache. Auf Wachtposten stand ein ober- * schlesischer Grenadier des 1. Garde-Regiments, der als Wasser- pole der deutschen Sprache nicht ganz mächtig war. Als derselbe in der Nacht die Gestalt des Königs gewahrte, der in der Regel einen anderen Weg einzuschlagen Pflegte, um das Schloß Sanssouci zu erreichen, rief derselbe in vollem Diensteifer den Landesherrn mit: „Halt — Wer da!" an. — „Der König?" war die Antwort. — „Dos glob ich nicht," erwiderte der Posten. — „Nun denn", sagte der König, „komm er doch an die Laterne, da wird er mich erkennen!" Mit gefälltem Bajonnet näherte sich n"n der diensteifrige Grenadier wirklich der Laterne, überzeugte sich, daß der Angerufene wirklich der König sei, und sagte, das ; Gewehr präsentirend, zu ihm: „Können passieren!" Der König fragte nun den Posten: „Woran hast Du mich denn j erkannt, mein Sohn?" woraus der Grenadier mit lauter- I Stimme erwiderte: „An Ihre dicke Kupp!" Der König, der I so herzlich über derartige derbe Redensarten lachen konnte, ’ vermochte sich des Lachens nicht zu erwehren, das er fortdauernd wiederholte und dadurch die Königin, welche sich bereits zurückgezogen hatte, veranlaßte, ihm entgegenzugehen.
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