Einzelbild herunterladen

Rr. 61.

Samstag den 12. März

1892

Der

Gießearr Au-eiger n-scheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener

JamttieuötLIier werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener A »zeig er

Kenerat-Anzeiger.

Vierteljähriger Avonnementspreis : 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Zchnlstratze Ar.1.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Avers Greben.

Hratisöeikage: Hießener Kamikienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. SSSSSSW

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Amtlichem Theil.

Bekanntmachung,

betr. Maul- und Klauenseuche im Kreis Friedberg.

I» Staden, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauen­seuche ausgebrochen. Großh. Kreisamt Friedberg hat Ge­markungssperre angeordnet.

Gießen, den 10. März 1892.

Großherzotzliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Die Krankheit des Großherzogs.

Darmstadt, 11. März, Vorm. 9 Uhr. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben eine ruhige Nacht ge­habt- die gestern mitgetheilte Besserung des Bewußtseins, im Schluckvermögen und in der Athmung dauert an. Das am zweiten Tage der Erkrankung eingetretene Athmungs- phänomen besteht indessen noch fort mit zeitweisen Alhmungs- pausen bis zu 30 Secunden. Athmungsnoth ist jedoch mit dieser Kcankheitserscheinung nicht verbunden.

Neueste Nachrichten

Wi'lfsS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 10. März. Der Kaiser ist, wie derReichs­anzeiger" meldet, durchweine leichte Erkältung genöthigt, das Bett zehnten und konnte heute keine Vorträge entgegen- nehmens

Berlin, 10. März. Die Budg etoommission des Abgeordnetenhauses hat aus Antrag des Abgeordneten Freiherrn v. Erst'a 300000 Mark als erste Rate für einen einmaligen Zuschuß von zehn Millionen für den Neubau des Domes bewilligt mit der Resolution, daß weitere Anforder­ungen aus Staatsmitteln nicht gestellt werden dürfen, womit der Cultusminister einverstanden ist. Der Finanzminister erklärt, Bauherr sei das Hausministerium.

Berlin, 10. März. Der Deutsche Landwirth- schaftsrath hat heute die Resolutionen betreffend Maß­nahmen gegen die Mißbräuche der Speculation im Getreide­termingeschäft angenommen.

Berlin, 10. März. Der Deutsche Landwirth- jchastsrath erörterte die Staffeltarife für Getreide. Wie der Vorsitzende Hammerstein mittheilte, habe er die Ansicht der Regierung darüber zu erfahren sich bemüht- die Regierung denke vorläufig nicht an eine Aufhebung. Die Versammlung nahm eine Resolution an, daß mit dem Fortfall der für Ein­führung der Staffeltarife entscheidend gewesenen Verhältnisse auch die Ausnahmetarise wegfallen sollten.

Berlin, 10. März. Mit Bezugnahme auf das Gerücht, daß die zur Entschädigung für die Hinterbliebenen der Küntzel'schen Expedition ausgezahlten' 100000 Mk. von den Geldern des Antisclaverei-Comites herrühren, erinnert diePost" daran, daß bereits im vorigen Herbst verlautet habe, die Gelder seien in hochherziger Weise vom Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg gespendet. Das Blatt fügt hinzu, es liege kein Grund vor, an dieser Angabe zu zweifeln.

Depeschen de«Bureau Herold".

Berlin, 11. März. DasBerl. Tagbl." erfährt, das Befinden deS Kaisers gebe zu Besorgnissen keinen Anlaß. Der Kaiser gedenke heute das Bett zu verlassen.

Berlin, 11. März. Der Geh. Legationsrath im Aus­wärtigen Amte Rudolph Lindau ist nunmehr zur Dis­position gestellt, sodaß die osficielle Ernennung zum Vertreter der deutschen Interessen bei der türkischen Staatsschuld nun­mehr erfolgen konnte.

Berlin, 11. März. Nach einem Telegramm derVoss. Ztg." aus Vene dig ist die Noth derBeschästigungs- losen dort groß. Es fanden wiederholte Ansammlungen vor der Redaction des VolksblattesCarriere del Mattino" statt. Bei der Demonstration wurden mehrere Personen verhaftet.

Berlin, 11. März. DiePolit. Corresp." meldet aus Petersburg, die Schwierigkeiten infolge des Nothstandes sollen den demnächstigen Rücktritt des Ministers des Innern, Durnowo, zur Folge haben.

Berlin, 10. März. DieAllgemeine Reichs-Corresp." meldet aus Petersburg: In der zweiten Hälfte des März dürsten nach erfolgter Sicherung der Sommersaaten partielle Ausfuhrerleichterungen erfolgen. In erster tinte ständen dann jedenfalls die Hafervorräthe der Ostsee­provinzen. In Regierungskreisen gewinne die Meinung über­

hand, daß die Aufhebung der Ausfuhrverbote nicht plötzlich, sondern stufenweise zu erfolgen habe.

Potsdam, 11. März. Zwischen dem Secondlieutenant v. Re,bnitz vom ersten Garbe-Infanterie Regiment und einem Offizier des Garde Artillerie-Regiments fand ein Pistolen­duell statt. Reibnitz wurde schwer verwundet.

Hamburg, 11. März. Der mehrfache Millionär S ch u l d t vermachte sein Vermögen dem Hamburger Staate. Der Nach­laß soll zu einer Schuldt'schen Stiftung für billige Wohnungen verwandt werden.

Frankfurt a. M., 10. März. Wie man aus zuverlässiger Quelle erfahren hat, kam Kaiser Wilhelm am verflossenen Sonntag Abend im strengsten Jncognito in Darmstadt an, . wo er am Bahnhofe vom Prinzen Heinrich abgeholt wurde. Am nächsten Morgen reiste der Kaiser wieder nach Berlin zurück.

Dortmund, 10. März. Bis 1. März waren 1760 Berg­leute entlassen- man befurchtet für den 15. März und 1. April weitere Kündigungen.

Pans, 11. März. Die Kammer beschloß mit großer Mehrheit, den 22. September, den hundertjährigen Gedenktag der Proclamation der Republik und der Schlacht von Valmy, als Feiertag zu erklären.

London, 11. März. Die Eisenwerke Saho (Dampfkessel­fabrik) und Phönix, beide in Bolton, welche 2000 Arbeiter beschäftigen, stellen morgen den Betrieb auf un­bestimmte Zeit ein.

London, 11. März. Die vertagte Versammlung des englischen Kohlenarbeiterbundes, wozu aus allen Districten Englands Delegirte eingeladen sind, findet am 16. März in London statt.

London, 11. März. In einer gestrigen Versammlung des Bergarbeiter-Ausschusses wurde das Resultat der Abstimmung, betreffend den Streik in Durham, mitge- theilt. Es stellte sich heraus, daß die überwiegende Majorität der Arbeiter für den Streik ist. Genaue Zahlenangaben fehlen noch. Ein definitiver Beschluß ist noch nicht gefaßt.

New Castle, 11. März. Der Ausschuß der Meister der Kohlengruben Durhams beschloß, angesichts der größten Wahr- scheinlichkeit eines Strikes am Samstag alle Pferde aus den Gruben hinauszuschaffen.

Konstantinopel, 11. März. Nach derPolit. Corresp." meldet der Metropolit in Trapezunt dem Patriarchen, daß in einem Dorfe seiner Diöcese ein griechischer Priester ermordet wurde.

Charkow, 10. März. Der Flecktyphus nimmt eine erschreckliche Ausdehnung an. Die Stadt ist zur Bekämpfung der Epidemie in Reviere eingetheilt, denen ärztliche Collegien vorstehen. Es sind sehr zahlreiche Sterbefälle zu ver­zeichnen.

Das Brod unserer Arbeiter.

DieKölnische Zeitung" veröffentlicht folgende Zu­schrift :

Es war ein auffälliges, wenn auch wohl nicht beab­sichtigtes Zusammentreffen, daß in Ihrer Nummer vom 25. Februar, worin zuerst von den Krawallen der Arbeits­losen in Berlin berichtet wurde, sich auch ein Artikel über die Vergebung von 1000 Tonnen Schienen an England be­fand, in welchem dargelegt wurde, daß dadurch eine halbe Million Mark an Löhnen den deutschen Arbeitern entzogen worden sind. Es gibt mir das Anlaß zu der weiteren Be­trachtung, wie väterlich die socialdemokratischen Führer für das Wohl der Arbeiter besorgt sind, indem noch kürzlich im Reichstage von ihnen der Antrag gestellt wurde, die Schienen- zälle aufzuheben. Also, wo der ausländische Wettbewerb chon jetzt bei einem Zolle von nahezu 25 pCt. des Werthes die heimische Industrie im eigenen Lande unterbietet, soll man den Zoll aufheben, damit das wäre die unausbleibliche Folge innerhalb eines Jahres kein einziges deutsches Schienenwalzwerk mehr im Betriebe ist und dadurch über 150,000 Arbeiter brodlos werden. Jedem einsichtigen Poli­tiker ist es klar, daß das auch der einzige Zweck der social­demokratischen Führer ist, durch den Hunger die großen Mafien unter ihre Fahnen zu bringen. Ihnen ist nichts ver­haßter als gute Zeiten, denn die vermehren ihre Schaaren nicht. Im Hinblick aus das Wohl unserer Arbeiter sollte man den Schienenzoll, statt ihn sollen zu lassen oder zu er­mäßigen, eher erhöhen, und so ebenfalls den Roheisenzoll, denn wenn das englische, belgische und französische Eisen, das jetzt noch Jahr aus Jahr ein nach Deutschland ein* geführt wird, hier fabricirt würde, so könnten dadurch min­destens noch 20,000 Arbeiter mit ihren Angehörigen ernährt werden. Nun wird allerdings behauptet, daß ein höherer Etsenzoll nur den reichen Eisenbaronen zu gute kommen

würde und die armen Consumenten darunter leiben würden. Wer sind denn hier die Consumenten? Doch mindestens neun Zehntel derselben haben nur Vortheil davon, wenn die Preise nicht zu niedrig stehen. Was aber di- reichen Eisen- barone angeht, so braucht man sich nur die Bilanzen der Actiengesellschasten anzusehen, um zu wissen, was diese heute verdienen. Da ist gesagt worden, der Verdienst müsse doch noch sehr groß sein, weil kürzlich ein Schienenwalzwerk zu 85 Mk. die Tonne ins Ausland verkauft habe, während der inländische Tagespreis 115 Mk. sei. Die Angabe als rich­tig vorausgesetzt, hat das betreffende Werk bei dem Preise von 85 Mk. mindestens 15 pCt. Verlust gehabt, und da wird allerdings mancher fragen:Ja, warum thut es denn das?" Jeder Kaufmann weiß aber, daß es wenige Geschäfte, zumal Fabriken gibt, die nicht auch hier und da unter Selbstkostenpreis verkaufen müssen, was natürlich nur ge­schieht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Ein Walzwerk ober ein Hochofenwerk, bas täglich eine bestimmte Menge her- stellt, kann nicht einfach wie eine Winbmühle eine Zeitlang stille gelegt werben, wenn ber Absatz stockt - es kann aber auch bie Herstellung nicht einschränken, benn bann würbe die Erzeugung ber geringeren Menge genau so viel an Löhnen kosten wie bie normale Probuction, unb wenn nun ein Werk für etwa zwei Drittel seiner Probuction Absatz hat unb baran z- B. 10 pCt. verbient, so kann es bas dritte Dritttheil mit 5 pCt. Verlust verkaufen, bann hat es beim Jahresschluß immer noch 5 pCt. verbient. Mit bem Schienenverkauf zu 85 Mk. ans Ausland, wovon so viel Geschrei gemacht wurde, ist also gar nichts bewiesen. Es ist aber feine Frage, daß bie Regierung unb bie Eisenbahnbehörben burch ben Lärm stutzig geworben sind, was bann ben Entschluß, bie Schienen­lieferung von 1000 Tonnen an bas Auslanb zu vergeben, beeinflußt haben wird. Das ist aber ein großer Fehler ge­wesen, unb bie Regierung, die in anderen Fragen, wie Alters­versicherung u. f. w., bie boch jebenfalls nicht so wichtig sind wie bie Beschaffung bes täglichen Brobes, so sehr für bas Wohl ber Arbeiter besorgt ist, sollte boch in ber größten Lebensfrage erst recht alles thun, bie Arbeit unb bas Ver­dienst im Lanbe zu lassen, benn was kann es einem Arbeiter nutzen, wenn er vom 70. Lebensjahre ab eine Rente beziehen soll, in seinem 40. ober 50. aber schon verhungert. Die Kölnische Zeitung" meinte vor einigen Tagen, daß Deutsch- lanb in politischer Hinsicht bas Jünglingsalter schon erreicht ober überschritten habe- wenn baS ber Fall ist, bann steckt es aber in volkswirtschaftlicher Hinsicht sicher noch in ben Kinberschuhen. Wir möchten einmal sehen, was in Englanb ober Frankreich geschähe, wenn eine staatliche Behörbe einen großen Austrag auf Maaren, bie im Lanbe fabricirt werden können, nach dem Auslande vergäbe. Wie ist die englische Regierung im Parlamente angegriffen worden, als sie in Solingen Waffen bestellte, nachdem die einheimischen Säbel sich so kläglich bewährt hatten? Vor fünf ober sechs Jahren hat Krupp, um einmal ben Versuch zu machen, bei einer größeren Schienenverbingung in Lonbon bie englischen Firmen um 5 pCt. unterboten, aber obwohl bas beutsche Material an Güte bas englische übertrifft, ist ihm selbstverständlich ber Auftrag nicht geworben. Es ist ja nun einmal eine traurige Eigenschaft, man kann sagen Krankheit, bes beutschen Michels, baß er mit Vorliebe gegen sein eigenes Fleisch wüthet und für bie liebelt Auslänber fein Letztes unb Bestes hergibt - aber beßhalb muß auch immer wieder gegen diese böse Krank­heit vorgegangen werben.

Cocalcs ttnd provinzielles.

Gießen, 11. März 1892.

Der Getreidemarkt. Die Befürchtungen, welche die enragtrten Anhänger ber Haussepartei an bie Entwickelung ber Saaten infolge bes seit voriger Woche eingetretenen Frostwetters zu knüpfen für gut fanben, Haden auf bie Lage bes GetreibemarkteS nur einen unbebeutenben Einbruck hervor­gebracht, benn wirklich große Frostfchäbcn haben nicht unter bem Saatenstanbe ftattgefunben unb bie Aussichten auf eine gute Ernte blieben bestehen. Es sand baher auf bem Ge- treibemarfte, zumal für Weizen unb im geringeren Grabe auch für Roggen ein weiterer Preisrückgang statt. Gegen­wärtig hat sich nun auf ben meisten Getreibemärkten, zumal in Berlin, Lonbon unb Newyork ein scharfer Kampf betber Parteien entwickelt. Es fanben infolge ber billigeren Preise manche Ankäufe statt, welche bie Haussespeculanten sofort zu kleinen Preissteigerungen benutzten, anbererseitS verkauften aber bie großen Lagerhalter unb Importeure aus Furcht vor weiterem Preissinken große Mengen Weizen zu 196 bis 220 Mark, Roggen zu 203 bis 210 Mark, Hafer zu 150 bis 170 Mark.