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Mittwoch den 11. Mai

1892

Gießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

iRcboction, Expeditio» und Druckerei: Kch»tßr«teUr.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger AeounemeutspreiZr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener MsmttienvtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigeleg».

Der

Lietzener -uzelger erscheint täglich, »it Ausnahme de- MontagS.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Jamitienökätter.

Alle Rnnoncen-Bureaux de- In* und Au-lande- nehm« Anzeige» für denGießener Anzeiger" entgege».

Amtlichem Theil.

Bekanntmachung.

Ls wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgefetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat April 1892 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;

Hafer 14.70, Heu JL 5.80, Stroh JL 4.20.

Gießen, den 9. Mai 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 7. Mai 1892.

Betr.: Die Vertilgung der Blutlaus.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Großh. Bürgermeistereien bezw. Orts­polizeibeamten des Kreises.

Nach dem in obiger Angelegenheit erlaffenen Reglement vom 3. Februar 1888 Kreisblatt Nr. 32 hat im Lauf des Monats Mai durch die zu bestellende Commission eine Untersuchung der Aepfelbäume auf das Vorhandensein der Blutlaus stattzufinden. Wir beauftragen Sie, diese Untersuchung vornehmen zu lassen und über das Resultat zu Ende Mai zu berichten. In die Commission find möglichst dieselben Männer zu wählen wie in früheren Jahren, da bei denselben eine bessere Erfahrung im Ausfinden der Blutlaus vorausgesetzt werden darf. Besondere Aufmerksamkeit muß bei der Besichtigung denjenigen Bäumen geschenkt werden, an welchen in den letzten Jahren die Blutlaus gefunden wurde. In den Berichten ist anzugeben, ob sie sich hier wieder gezeigt hat.

Wird das Jnsect gesunden, so ist mit der Reinigung der Bäume nach den Vorschriften des Reglements alsbald vorzugehen. Wegen der besten Art der Vertilgung verweisen wir auf unser Ausschreiben vom 9. Juli 1887 Kreis­blatt Nr. 160.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 9. Mai. Die Angaben über den Tag des Ein­treffens des italienischen Königspaares und der holländischen Majestäten in Potsdam lauten noch immer schwankend. Es kann allerdings als sicher gelten, daß die Königin Wilhelmine und die Königin-Regentin Emma der Niederlande nach Beendigung ihres gegenwärtigen Erholungs­aufenthaltes im badischen Schwarzwalde Ende Mai oder Anfang Juni ihren Gegenbesuch beim deutschen Kaiserpaare abstatten werden, aber über den Tag ihrer Ankunst in Potsdam liegt eben noch keine osficielle Mittheilung vor. Was jedoch den Zeitpunkt des Besuches des Königs Humbert und seiner Gemahlin am deutschen Kaiserhofe anbelangt, so läßt sich in dieser Beziehung noch viel weniger etwas Bestimmtes sagen, obwohl da bald dieses, bald jenes Datum genannt wird- offenbar sind in beiden Angelegenheiten noch keine endgiltigen Festsetzungen erfolgt. Hinsichtlich des signalisirten Czaren- besuches in Potsdam aber ist noch immer die Parole: Einfach abwarten?

Der Kaiser sandte dem Grasen Herbert Bismarck infolge der Anzeige der Verlobung des Grasen mit der Gräfin Hoyos eine Glückwunschdepesche. Desgleichen erhielt auch die Familie der Braut vom Kaiser Wilhelm einen telegraphischen Glückwunsch.

Der Minister des Königlichen Hauses, Herr v. Wedell-Ptesdors, soll, wie Berliner Blätter gerüchtweise melden, sein Entlassungsgesuch eingereicht haben. Dasselbe wäre, wie es weiter heißt, durch die neuen Schloß- lotterieprojecte, bezw. durch die Veröffentlichung des Ober* verwaltungsgerichtsrathes Kunze über den ihm erteilten an­geblichen Auftrag des Kaisers zu Unterhandlungen mit der Berliner Stadtgemeinde, vercnlaßt worden. Vorerst wird man die ganze Sensationsnacyricht bezweifeln müssen.

Nenefte Nachrichten.

ÄolffS telegraphische- Lorrespondenz-Burear;.

Berlin, 9. Mai. Abgeordnetenhaus. Der Ab­geordnete Richter begründete zunächst in längerer Rede seinen Antrag, betr. dje Schloßlotterie. In Beantwortung seiner Ausführungen erklärte der Minister v. Bötticher, die Minister seien sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt, dieselbe könne sich jedoch nur auf Dinge beziehen, welche unter Mitwirkung der Minister sich vollzögen. Von Sr. Majestät dem Kaiser

sei eine Ordre ergangen, laut welcher die Abtragung der Bauakademie und die Anlegung eines Teiches ausgeschlossen bleibe. Hoffentlich werde es gelingen, am hundertsten Ge­burtstage Sr. Majestät des Hochseligen Kaisers Wilhelm I. ein würdiges Nationaldenkmal zu errichten. Hierauf gab der Minister Herrsurth die Erklärung ab, daß ihm weder amtlich, noch nichtamtlich ein Lotterieproject zur Genehmigung zu­gegangen sei,- alle gegenteiligen Nachrichte» beruhten aus Er­findung. Der Abgeordnete Richter erklärte sich darnach mit dem Ergebniß des Antrages befriedigt und zog denselben zurück. Es folgte die Berathung des Antrags Richter aus Vorlage der Ergebnisse der neuen Einkommensteuer. Der Finanzminister stellte dem gegenüber für die nächste Session ganz sicher, womöglich aber schon für früher, die Veröffent­lichung einer genauen Uebersicht imReichs- und Staats­anzeiger" in Aussicht. Die Regierung habe selbst ein In­teresse daran, zu beweisen, daß eine gleichmäßigere Verkeilung der Steuerlast erreicht sei. Jetzt sei selbstverständlich die Regelung der Communalsteuer die Hauptaufgabe der Regie­rung. Die Mißstände, welche sich naturgemäß bei der ersten Veranlagung Herausstellen mußten und entschuldbar seien, würden nach Möglichkeit abgestellt werden. Das Haus nah« hierauf den Antrag Richter an. Gleicherweise wurde die Secundärbahnvorlage in zweiter Lesung angenommen. Morgen wird über mehrere kleinere Vorlagen verhandelt werden.

Groß-Strelitz, 9. Mai. (Amtlich.) Bei der Reichs­tagsersatzwahl am 5. dss. Mts. im Wahlkreis Kosel- Groß-Strelitz wurde der Centrumseandidat Rechtsanwalt Stephan mit 10,716 von 10,832 abgegebenen gütigen Stimmen gewählt.

Paris, 9. Mai. Die Stichwahlen für die Gemeinde­wahlen vervollständigten den Erfolg der Republikaner, welche in den meisten Hauptorten gewählt wurden. Radicale und Socialisten wurden in Marseille und in Toulouse ge­wählt,- in Roubaix siegte die ganze socialistische Liste, dagegen wurde sie in Fourmies geschlagen. Die Ordnung wurde nur in St. Jean (Ande) gestört, wo im Momente des Wahl­schlusses ein Tumult entstand, wobei fünfzig Personen, aber nur leicht, verwundet wurden. Die Wahlurne wurde weg­genommen.

London, 9. Mai. Nach einer Meldung desBureau Reuter" aus Kairo ist der flüchtige Frankfurter Kassirer Jäger vorige Woche dort unter falschem Namen ange-

Feuilleton.

Die Laterne.

Aus den Erinnerungen eines alten Offiziers.

Von Friedrich Meister.

(2. Fortsetzung.)

Wieder lachte er laut und mißtönend.

Du willst mitkommen, Adalbert?" rief er.

Ich will! Wir gehen zusammen hinüber? Was habe [ ich denn ohne Dich hier noch zu suchen? Du bist der Ein- i zige auf dieser schnöden Welt, an dem mir noch etwas liegt." Er faßte meine Hand mit eisernem Griff.

Wir haben alles miteinander getheilt, Freund," sagte ! er,wir werden uns nun auch auf dem letzten Wege nicht trennen. Was wir zurücklassen, ist nicht der Rede werth. ' Die Lotterie dieser Welt hat so viel Nieten, daß nicht der Mühe lohnt, zu leben. Sollen wir geduldig auf uns nehmen, j was uns bevorsteht? Ich meinestheils verzichte auf eine Zukunft voll Erniedrigung und Schmach."

Ich stand auf und schritt auf den Pistolenkasten zu. i Helmsdorf hielt mich zurück.

Sachte, Freund," sagte er.Laß uns die Sache in aller Ruhe und ohne Uebereilung abmachen. Schau ein­mal her."

Er führte mich ans Fenster, das nach dem weiten , Kafernenhos hinausging.

Sieh, dort macht sich der alte Anschütz, der Kantinen- wirth, soeben daran, die Laternen anzuzünden. Er ist ein ? methodischer, langsamer Kauz, der mindestens zehn Minuten ' braucht, ehe er um den Hof herumgekommen ist. Ich kenne feine Gewohnheit genau, da ich ihn oft genug beobachtet habe, i Zuerst zündet er die Laternen an, die auf den vier Seiten ; stehen, und zum Schluß jene beiden auf dem sogenannten Kandelaber in der Mitte des Platzes . . Nun höre mir zu, - Adalbert. Ich gehe auf mein Zimmer und labe die Pistolen. J Dann schreibe ich einige Zeilen, um zu conftatiren, daß ich - frelroiöig gehe und um Schömberg um Verzeihung zu bitten.

Inzwischen wird Anschütz mit seinen Laternen so ziemlich fertig sein. Ich werde ihn beobachten, wenn er sich an den Kandelaber macht. Setzt er hier die rechte der beiden Laternen in Brand, dann ist dies das Zeichen für Dich."

Er schwieg.

Bist Du damit einverstanden?" fragte er nach einer kurzen Pause.

Mein Herz war voll düsterer, hoffnungsloser Verzweiflung. Ja," antwortete ich.

Wir schüttelten uns die Hände. Ich wußte, daß ich ihm auf Erden nie wieder begegnen würde.

Entsinnst Du Dich der Geschichte des Generals v. B. ?" fragte Helmsdorf mit seltsamer Ruhe.Dem soll als junger Mensch zweimal die Pistole versagt haben,- das nahm er als ein Zeichen des Schicksals, und er sagte sich, daß er zu etwas Großem bestimmt sein müsse. Vielleicht passiert eine» von uns auch so etwas."

Dann kam eine plötzliche Veränderung über ihn. Er ergriff mich bei den Schultern und schaute mir tief in die Augen. Ich habe diesen Blick nicht vergessen. Durch den Nebel der langen Jahre sehe ich, wenn die Erinnerung wach wird, noch immer seine Augen lebendig vor mir.

Lebe wohl, Adalbert," sagt er endlich.Lebe wohl!"

Er ging hinaus und schlug die Thür hinter sich zu. Ich hörte ihn den Corridor entlang nach seinem Zimmer gehen, welches von dem meinen fünf Thüren entfernt lag. Dann war alles still. Ich stellte mich ans Fenster und sah aus den Hof hinab. Der Abend war nebelig und trübe. Von den Mannschaftsgebäuden her drangen schwache, ver- , toorrene Geräusche herüber. Der alte Anschütz hatte die I Laternen auf der einen Seite bereits angesteckt. Es war Zeit, daß ich mich bereit machte. Ich fühlte mich so ruhig, wie kaum jemals zuvor in meinem Leben. Ich öffnete meinen Pistolenkasten und lud die Waffen mit großer Sorg­falt. Dann setzte ich mich nieder, um an meinen Vater zu schreiben.

Ost noch in späteren Jahren habe ich bei der Erinnerung an meine damalige Gemütdsversassung geschaudert. Für meine gute Mutter hatte ich keinen Gedanken, icy fühlte

nichts, als eine selbstsüchtige Genugtuung, meinen Vater für die Verweigerung seiner Hilfe bestrafen und der meiner harrenden Zukunft ein Schnippchen schlagen zu können.

Mein lieber Vater," so schrieb ich.Wenn Du dieses erhältst, wirst Du bereits erfahren haben, daß ich tobt bin. Ich habe Wechsel ausgegeben und gemeint, dieselben mit Deiner Hilfe einlösen zu können. Da Du mir diese versagtest, werden die Wechsel prvtestirt und eingeklagt werden.

Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, welche Folgen dies für mich haben muß. Meine Ehre verbietet mir daher, noch weiter zu leben.

Ich mache Dir keinen Vorwurf, da ich annehme, daß Du tatsächlich nicht in der Lage warst, mir beistehen zu können. Ich sehe aber auch keinen anderen Ausweg.

Grüße die gute Mutter und Schwester Sophie.

Dein Dich liebender Sohn Adalbert."

Ich legte die Feder nieder und blickte zum Fenster hinaus. Der alte Anschütz hatte soeben die letzte Laterne an der Seite angezündet und marschirte nun mit seiner Leiter dem Candelaber in der Mitte des Hofes zu. Ich nahm die Pistole zur Hand und wartete. Er machte sich zuerst an die rechte der beiden Laternen.

Em Brausen erfüllte meine Ohren, während ich stumm und regunglos dasaß. Ich hatte noch ein paar Augenblicke länger zu leben. Ich sah, wie Anschütz den Docht der alten Kamphinlampe putzte und denselben dann mit seiner Spiritus­lunte entzündete. Die Flamme hatte kaum ihren ersten Strahl entsendet, da klang es in der Ferne wie eine heftig zugeworfene Thür rote ein Schuß. Das Brausen in meinen Ohren wurde lauter. Anschütz kletterte die Letter hinab, lehnte sie an den linken Laternenarm und stieg dann wieder hinaus. Ich schob die Mündung der Pistole zwischen die Zähne .... Was hatte der alte Mensch dort so lange zu kramen? Warum steckte er die Lampe nicht an? Ich saß ohne mich zu rühren. Meine Gedanken waren ganz klar. Ich beschloß, nicht eher abzudrücken, bis die Lampe brannte.

(Schluß folgt.)