Ausgabe 
9.11.1892
 
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Nr. 262

Mittwoch »en 9. November

1892

Giehener Anzeiger

Heneral-Anzeiger

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2lntt$s unJ* Jlnjeigeblatt für den Kreis Giefzen

Kratisbeilage: Hießener Jamikienökätter

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** Ausnahme des

Montags

Anrtliehev Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude zu Staufenberg.

Nachdem unter den Schafheerden zu Staufenberg die Schafräude ausgebrochen ist, haben wir die Sperre dieser Heerden verfügt. Es ist deshalb bis auf Weiteres die Aus­führung von Schafen aus der Gemarkung Staufenberg nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig.

Gießen, den 7. November 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 7. November. Die neue Militärvorlage soll in der jüngsten Plenarsitzung des Bundesrathes thalsächlich aus der Tagesordnung gestanden haben, nachdem ihre Vorberathung seitens der zuständigen Ausschüsse schon ein paar Tage vorher zum Abschluß gebracht morden war. Sicherem Vernehmen nach wurde indessen die Vorlage wieder von der Tagesordnung abgesetzt, weil einzelne Bevollmächtigte bezüglich verschiedener Punkte noch keine genügenden An­weisungen von ihren Regierungen empfangen hatten. Die Magdeb. Ztg." vernimmt aber, daß diese Verzögerung die Einbringung der Militärvorlage im Reichstage gleich bei seinem Zusammentritte nicht verhindern werde.

Die Aeußerungen, welche Fürst Bismarck kürzlich nach den Mitrheilungen des vp. Hans Blum-Leipzig über die neue Militärvorlage und die hiermit zusammen­hängenden Fragen gethan hat, erregen allseitig großes Auf­sehen. Dies aber nicht nur wegen der scharfen Spitzen, welche gerade diese jüngsten Kundgebungen des Altreichskanzlers gegen die Politik seines Nachfolgers enthalten, sondern auch wegen der Widersprüche, die zwischen den erwähnten Aus­lassungen des Fürsten Bismarck und früheren Erklärungen des großen Staatsmannes bestehen. Selbst wenn es Fürst Bismarck unternehmen sollte, diese sich mit Leichtigkeit nach­weisen lassenden Widersprüche in den ihm zur Verfügung stehenden Preßorganen aufzuklären, so würde hiermit das hervorgerufene Befremden der öffentlichen Meinung schwerlich gänzlich überwunden werden. Dies kann vielmehr wirkungsvoll nur dann geschehen, wenn Fürst Bismarck im Reichstage ' erscheint und hier vor der gesammlen Nation für den Zu- |

, sammenhang zwischen früheren und jetzigen Aeußerungen von ihm einsteht, dann müßte der Altreichskanzler freilich auch ? seine begreifliche Abneigung gegen die Ausübung seines

Reichstagsmandats durchaus überwinden. Selbstverständlich könnten auch durch das Erscheinen des Fürsten Bismarck im Parlamente seine Vorstöße gegen die Politik desneuen Courses" an Gewicht und Bedeutung nur gewinnen, während man die bisherige Taktik in den Angriffen des Altreichskanzlers aus denneuen Cours" nur bedingt billigen kann.

2ie<icftc 2Zad? richten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 7. November. DerReichsanzeiger" schreibt: In Folge des Umstandes, daß Hamburg cholerasrei ist, sind die hinsichtlich der Meldepflicht und der poliz ilichen Be­obachtung von Personen, sowie wegen Einfuhr und Durch­fuhr bestimmter Gegenstände gegen das Hamburgische Staats­gebiet getroffenen Maßnahmen vollständig ausgehoben. . Breslau, 7. November. DieSchl. Ztg." meldet, die Jnvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt Schlesien beab- sichtige, zur Beförderung des Baues von Arbeiter­wohnungen an Gemeinden, milde Stiftungen und Unter­nehmungen der Arbeitgeber jährlich bis eine Million zu 3 pCt. bei regelmäßiger Tilgung innerhalb längstens fünfzig Jahren auszuleihen. Als Beleihungsgrenze seien 80 pCt. des Platz- und Bauwerthes der Grundstücke angenommen.

Brüssel, 7. November. Zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts sanden Nachmittags in mehreren Vorstädten Volksversammlungen statt, in denen aufreizende Ansprachen gehalten wurden. Eine größere Anzahl Manifestanten durch­zieht unter Entfaltung rother Fahnen und revolutionäre Lieder singend die Stadt. Abends werden drei Versamm­lungen in der Afaison du peuple gleichzeitig abgehalten werden.

Marseille, 7. November. DerSoleil du Midi" ver­öffentlicht den Brief eines deutschen Handelsagenten in Weid ah an einen früher dort ansässigen Kaufmann, wo­rin die Anschuldigungen französischer Blätter bezüglich angeb­licher deutscher Waffenlieferungen an den König von Dahomey eingehend zurückgewiesen werden. Gleich den Deutschen ver­kauften auch die Portugiesen, die Engländer und die Franzosen Ausschußwaffen an Behanzin. Das französische SchiffTay- gete" landete noch bei seiner vorletzten Fahrt 95 Kisten Chassepot- und Gras-Gewehre. Wenn die Dahomeer Prä- cisionswaffen besäßen, so seien die letzteren aus Manchester, Lissabon und Lagos gekommen. Die vier besprochenen

Krupp'schen Kanonen seien an einen gewissen Candida Rod­riguez verkauft worden, welcher die Bestellung durch die katholische Mission für den Egbas-Stamm erhalten habe. Die Deutschen hätten vom Gouverneur von Togo Befehl gehabt, in ihren Beziehungen mit Behanzin die größte Zurückhaltung zu beobachten. Dreimal habe Behanzin Geschenke angeboten und das Ansuchen der Uebernahme des Protectorats gestellt. Das fragliche Ansuchen sei indeß nicht einmal nach Berlin übermittelt worden.

London, 7. November. Dem Handelsansweise pro October d. I. zufolge nahm die Einfuhr im October um 2l/g Millionen Pfund, die Ausfuhr um l1/2 Millionen gegen den gleichen Monat des Vorjahres ab. Für die ersten zehn Monate dieses Jahres weist die Einfuhr eine Abnahme um 11/2 Millionen, die Ausfuhr eine Abnahme um 191/2 Mill. Pfund aus.

Konstantinopel, 7. November. DieAgence de Kon­stantinopel" meldet, die russische Botschaft habe am 5. d. M. der Pforte eine Note überreicht, in der an die rückständige Zahlung von 165,000 Pfund als Entschädigung für die durch den Krieg geschädigten russischen Untenhanen erinnert wird. DieAgence" hebt hervor, dies sei mit der Forderung der Kriegsentschädigung ntcht zu verwechseln und versichert, die kurz gefaßte russische Note streife in keiner Welse das politische Gebier.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 8. November. Zu der Erklärung derNordd. Allg. Ztg.", die Militärvorlage sei der Schlußstein einer lang angestrebten Reform, nehmen die Morgenblätter bereits Stellung. DieVoss. Ztg." sagt, die Militärvorlage bleibe eine Schraube ohne Ende. DasBerl. Tagebl." nennt die Aussührungen nichtssagend^ wenn die Regierung künftig mit Neuforderungen kommen wolle, werde sie sich nicht an frühere Versprechungen kehren.

Stettin, 7. November. Das Kaiser paap ist heute Mittag aus der Werft des Vulkan angekommen und hat nach der Begrüßung durch die Directorcn eine Besichtigung der im Bau befindlichen Kriegsschiffe vorgenommen. Nach der Einnahme des Frühstücks reiste das Kaiserpaar um 2 Uhr 10 Min. nach Kiel weiter. Sämmtliche im Hasen befindlichen Schiffe waren festlich beflaggt.

Nürnberg, 7. November. DemFränk. Kurier" zufolge luden die Behörden von Eisleben den hiesigen Professor Wanderer ein, Luthers Sterbehaus stilgemäß einzurichten und auszumalen.

Feuilleton.

Was soll sie thun?

(Schluß.)

Meine Mutter war die Erbin der Papiere. Zwischen ihr und meinem Vater war nach einem stillschweigenden Ueber- einfommen über die Angelegenheit des Telelyten seit Jahren kein Wort mehr gewechselt worden. Sie war jetzt in dem­selben schweren Zwiespalt wie ich, zwischen den Wünschen des Entschlafenen und ihrem eigenen Gefühl. Endlich sanden wir diesen Ausweg. Ich hatte versprochen, das Geheimniß Niemand mitzutheilen außer der französischen Regierung; aber tch hatte nicht versprochen, es dieser auszuliesern. Wenn wir die Uebergabe der Papiere verweigerten, so verletzten wir zwar einen Wunsch des Vaters, aber wir brachen kein Versprechen. Wir dürfen nur das Geheimniß überhaupt dann niemals kundmachen die Entdeckung bleibt für Jedermann und immer verloren.

Die Papiere wurden von meiner Mutter verbrannt. Der französische Agent kam und reifte unverrichteter Sache wieder ab. Ich begann mich zu beruhigen. Vielleicht war es ein Glück für die Menschheit, wenn sie nie etwas von der Existenz des Telelyten erfuhr.

Da kam der unglückliche Tag, an welchem der Brand am Westuser ausbrach. Es ist wahr, ich bin die unschuldige Urheberin desselben.

Unser alter treuer Diener Oliver war über den Fluß gerudert, um in dem dort gelegenen Theile unseres Grund­stückes nach dem Rechten zu sehen. Dieser Besitz besteht meist aus Wald, war uns aber deßhalb werthvoll, weil er meinem Vater in einem entfernten Hügel ein vorzügliches Object zur Prüfung des Telelyten bot. Meine Mutter war an diesem Tage durch Geschäfts - Angelegenheiten nach der Stadt zu reiten genötigt, die Leute waren aus dem Felde und ich be­fand mich allein im Hause. Da Oliver ungewöhnlich lange ausblieb und ich seiner im Hause bedurfte, beschloß ich, mich nach ihm umzusehen. Ich ftieg in das Laboratorium, welches

I mein Vater auf einem thurmartigen Ausbau unseres Hauses j errichtet hatte, und spähte durch ein Fernrohr nach dem gegenüberliegenden Ufer. Ich glaubte im Schatten des 1 Schuppens, welcher dem Colonel Luggs gehört und an unser Grundstück stößt, eine liegende Gestalt zu bemerken, das Glas erwies sich jedoch als zu schwach, um den Gegenstand genauer zu erkennen. Daher trat ich an das vorzügliche Fernrohr des Telelyten und richtete dasselbe auf die fragliche Figur. Sofort erkannte ich Oliver, der offenbar ein Mittagsschläfchen hielt, in demselben Augenblicke aber sah ich auch eine Flamme neben seinem Kopfe emporzüngeln und ihn selbst ausspringen. Nun bemerkte ich erst zu meinem namenlosen Schrecken, daß die Verbindung der chemischen Kammer mit dem Telelyten des Fernrohrs nicht gelöst war der Apparat stand noch | so, wie ihn mein Vater verlassen hatte, als er während der 1 Arbeit an demselben plötzlich erkrankt war. Ich mußte durch eine Unvorsichtigkeit bei der Einstellung des Fernrohrs die Feder berührt haben, welche den Stromschluß mit der Kammer herstellt, und der Apparat, der zum Unglück noch den Rest einer zündenden Substanz enthielt, trat in Wirkung.

Der Zeitungsbericht sagt Ihnen das Nöthige. Meine unglückliche Mutter starb dieselbe Nacht in meinen Armen, nachdem sie noch mit schweren Anklagen gegen sich selbst ge­rungen hatte, daß sie den Wunsch des Vaters nicht erfüllte. Noch einmal mußte ich ihr jetzt geloben, das Geheimniß des Telelyten für immer zu bewahren. Ich nahm den Apparat ! auseinander und vernichtete den noch vorhandenen Vorrath \ an telelytischer Substanz.

Da erfolgte die Anklage gegen Oliver und seine Ver- I Haftung. Colonel Luggs ist (aus Gründen, deren Mittheilung i Sie mir erlassen werden) gegen unsere Familie und speziell gegen mich feindlich gesinnt und hatte seinen bösen Willen öfter an Oliver ausgelassen. Ich dagegen bin diesem treuen Diener zur größten Dankbarkeit verpflichtet, da er mir (nicht meinem Vater, wie die Zeitung sagt) vor acht Jahren mit eigener Lebensgefahr das Leben rettete, als ich mit dem Boot | aus dem Illinois umschlug. Mein Gewissen liefe mir keine Ruhe. Ich gab mich an ich konnte Oliver nicht für

mich leiden lassen, außerdem war mein Versehen ein gering* sügiges und die Geschädigten konnte ich mit Geld abfinden. Aber der Richter will mir nicht ohne Beweis glauben. Mein Anwalt bestürmt mich, diesen Beweis durch Darlegung der Erfindung zu führen. Ohne dies würde jede Jury meine Angaben für Erdichtungen erklären. So stehe ich nun vor der Frage: Soll ein Unschuldiger durch mein Schweigen leiden? Oder soll ich das meinen sterbenden Eltern gegebene Versprechen nicht halten? Und wenn ich mich zu letzterem entschließen könnte, müßte ich nicht das Geheimniß unter Bedingungen mittheilen, die meiner deutschen Heirnath die größte Gefahr bringen könnten? Schweige ich aber, entziehe ich nicht dann auch der Wissenschaft einen Fortschritt, der ihr im Interesse der Cultur nicht vorenthalten werden dürste?

Kurzum ich fühle mich in ein Netz von Fragen ver­strickt, aus welchem ich mich nicht zu befreien weiß. Ich stehe allein in der Welt. Hier kann mir Niemand rathen, denn Niemand versteht, was in meiner Seele vorgeht. Nie­mand versteht, daß die Millionen, die ich verdienen könnte, mir gleichgiltig sind, weil ich mehr besitze, als ich brauche. Niemand versteht, daß das Schicksal eines alten Niggers für mich eine heilige Frage des Gewiffens ist, Niemand weiß

Doch genug! Für mich von höchstem Werth wäre es, zu wissen, wie Deutsche, die mit mir zu fühlen verstehen, in diesem Falle handeln würden, wie sie meine Entscheidung be- urtheilen würden. Darum wende ich mich an Sie, geehrte Redaction! Ihr Blatt ist mir seit Jahren ein lieber Bote °us dem Mutterlande und ich habe sonst keine Bekannt­schaften , zu denen ich größeres Vertrauen haben könnte. Unterstützen Sie also mit Ihrem Rathe Ihre ergebene

Alice Barnot.

So schließt das Schreiben der Dame. Die intereffan* testen der eingehenden Antworten werden wir in unserer Zeitschrift veröffentlichen und der Verfasser der zutreffendsten hat, wie gesagt, Gelegenheit, auf fremde Kosten die Welt- ausstellung in Chicago besuchen zu können.

Die Redaction vonUnsere Zeit".