Ausgabe 
9.2.1892
 
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Nr. 33

Dienstag den 9. Februar

1892

Aints- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

HraLisöeikage: Hießener Jamitienötätter.

amtli^cr Theil

Ille Armoncen-Bureaux dcS In. und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Arts-nrr-.

Tanger, 6. Februar. Unter den Juden und Mauren herrscht großes Elend in Folge der grassirenden Pocken.

Vierteljähriger ^Sounementsprei-r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchntstrnße Mr. 7.

Fernsprecher 51.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Februar. Die Arbeiten des Reichs­tages sollen derart gefördert werden, daß der Sessions- schluß noch vor Ostern erfolgen kann. Verschiedene Vor­lagen, wie z. B. die Trunksuchts-Vorlage, werden daher unerledigt bleiben.

In der Freitagssitzung der Budgetcommission des Reichstags kam bei Fortsetzung der Berathung des Militäretats der bekannte Erlaß des commandirenden Gene­rals Prinzen Georg von Sachsen hinsichtlich der Soldaten- mißhandlung'en tm sächsischen Heere zur Erörterung. Der sächsische Militärbevollmächtigte Oberst v. Schlieben gab die offizielle Erklärung ab, daß diese Verfügung in der That ergangen sei, worauf sich eine lebhafte Debatte über das Capitel der Soldatenmißhandlungen entspann. In derselben kam allseitig die Entrüstung über derartige Vorgänge, welche dem deutschen Namen wahrlich nicht zum Ruhme gereichen, zum deutlichen Ausdruck und es wurden eingehend die Ur­sachen, welche zu den Soldatenmißhandlungen führen, wie die Maßnahmen zur Abhilfe erörtert. In letzterer Beziehung hoben verschiedene Redner besonders die wohltätigen Wirk­ungen der vollen Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des in Bayern bestehenden Militärgerichtsverfahrens hervor. Die Debatte, in welche auch die militärischen Regierungsvertreter, Oberst v. Schlieben, sowie die Generäle v. Goßler und v. Haag, eingriffen, endete mit Annahme einer conservativ- clericalen Resolution, welche sich für Einführung der be­schränkten Oeffentlichkeit im Militärstrafversahren, Erleichte­rung des Beschwerdeweges und größere Pflege der Religiosi­tät im Heere ausspricht. Diese Resolution wurde mit 16

gegen 10 Stimmen der liberalen und socialistischen Com­missionsmitglieder genehmigt, während die Commission eine die volle Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Militärstras- versahrens fordernde Resolution Richter-Bennigsen im selben Stimmenverhältniß ablehnte. Jedenfalls wird nunmehr die Frage der möglichen Verhinderung der Soldatenmißhandlungen in lebhafteren Fluß kommen. Unter Anderm hat jetzt auch der bayerische Kriegsminister im Auftrage des Prinz-Regenten eine Verfügung erlassen, welche das Osfiziercorps aus seine Pflichten aufmerksam macht- die Offiziere verkennen dieselben, wenn sie Soldatenmißhandlungen duldeten und gegen den Gemißhandelten Partei nähmen.

Berlin, 6. Februar. Der Sultan überraschte den Kaiser Lurch Zusendung eines Oelgemäldes, darstellend des Kaisers Ankunft in Konstantinopel.

Danzig, 6. Februar. Das österreichische Kriegsschiff Najade", welches kürzlich nach Pola ausgelaufen ist, ist mit 35 Mann Besatzung vermuthlich verloren.

Bremen, 6. Februar. Jnspector Leist vomLloyd" telegraphirte heute Morgen, daß die DampferNewa" und Belos" fertig seien, an die Längsseite derEider" zu gehen, die BergungsdampferBerthilde" undHermes" werden heute erwartet. Taucher haben die Steuerbordseite des Dampfers untersucht und keine Beschädigung gefunden. Die Backbordseite und der Hintertheil des Schiffes ist bisher wegen des hohen Seeganges nicht zugänglich. Das Passagier­gepäck ist gestern Abend sämmtlich gelandet. Capitän Heineke und sechs Personen bleiben einstweilen an Bord, der Rest der Leute wird mittelst derAller" morgen nach Bremerhasen zurückkehren.

Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums, hier Verloosung gelegentlich des Vieh­marktes in Lauterbach.

ES wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz die nachgesuchte Er- laubniß zur Veranstaltung einer Verloosung gelegentlich des Viehmarktes zu Lauterbach im Monat Juli l. I. unter der Bedingung ertheilt hat, daß nicht mehr als 8000 Loose a 60 Pfg. ausgegeben und mindestens 65pCt. des Brutto- Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Ge­winngegenständen, von Lieh, landwirthschastlichen und Haus- geräthen zu verwenden sind.

Gießen, den 6. Februar 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. G a g e r n.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

AKmiktea-tätter »trbcn dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Heneral-Anzeiger.

Denker Xeidptag.

165. Plenarsitzung. Samstag den 6. Februar, 2 Uhr.

. Dor Eintritt in die Tagesordnung constatirt Abg. Dr. Meyer (bfr.) auf Grund des stenographischen Berichts, daß er gestern nicht gesagt habe, eS könne jeder einzelne deutsche Staat einen deutschen Reichsangehorigen an Rußland ausliefern, sondern daß er nur ganz allgemein von einemMann" gesprochen. 9

- u J?ScnS bcy Geschaftsordnungscommisston berichtet Abg. Günther über Petitionen betr. die Ertheilung der Ermächtigung zur Fortsetzung von Privattlage-Verfahren gegen den Abg. Werner. 9 8 ni$t AhM"trage 6ommiffion entsprechend wird die Genehmigung _ H^aui wird die Etatsberathung bei den noch unerledigten Thetlen des Etats des Reichsamts des Innern, nämlich den Positionen Jnvaliditats- und Altersversicherung und Reichsver- ficherungsamt, fortgesetzt. (Ref. Abg. Graf Behr.)

Abg. Möller (natl.) wünscht, daß bei der Errichtung eines Neubaues für das Reichsverstcherungsamt Räumlichkeiten zur Auf­nahme einer ständigen Unfallverhütungsausstellung geschaffen werden

StaatSsecretär Dr. v. Boetticher erwidert, dem Gedanken näher getreten werden, zumal wenn bie beteiligte Industrie bie Kosten für Erhaltung und Verwaltung einer solchen Ausstellung übernehme. Heute fehle es an Räumlichkeiten; ber Neubau bes Reichsversicherungsamts werbe hoffentlich 1894 beenbet sein.

Abg. Grillenberger (Soc.) begrünbet ben von seiner Fraction emgebrachten Antrag: bie verbünbeten Regierungen zu ersuchen, noch im Laufe ber gegenwärtigen Session einen Gesetzentwurf betr. bie Abänderung des Unfalloersicherungsgesetzes vorzulegen, in welchem besonders folgende Punkte Berücksichtigung finden sollen: 1. Ergänzung be§ Gesetzes dahin, daß die Zahlung der Rmte an Verletzte nicht erst mit dem Ablauf ber 13. Woche nach Eintritt beS Unfalls, fonbem D°n dem Tage ber Beendigung des Heilverfahrens an zu erfolgen V'a2-®Wfl0un0 einer Bestimmung, baß im Falle ber Tödtuna welcher bereits infolge eines früher erlittenen Unfalls Rmte bezogen, bie Berechnung des den Hinterbliebenen zu gewährenden Sterbegeldes und der Rmte nicht mir nach dem Arbeitsverdienst, dm der ©etöbtete tm letzten Jahre gehabt hat sondern unter Zugrundelegung dieses Arbeitsverdienste- und der bezo0enen Rente zu geschehen hat, 3. Ausnahme der in dm Stras- Mb^eIan1?en<LnflnltflJ!eP -l? Arbeiter beschäftigten Gefangenen in die Reihe der durch dieses Gesetz gegen Unfälle oersichertm Personm, 4. Einfügung von Strafbestimmungen gegen Unternehmer und deren Angestellte, welche die ihnen auferlegte Beitragspflicht auf die ver- £d,Cldcn ,£rbdlcro ab*?^en- - Das seien die dringenstm Punkte; die Revision des Gesetzes werde sich aber noch auf eine Anmbl weiterer Punkte erftreckm müffm. Nöthig sei eine Ausdehnung der vnsicherungspflichtigm Betriebe. Das Wahlsystem zum Reichsver­stcherungsamt sei ein ganz ungeheuerliches. Geradezu gesetzwidrig sei die unlängst erfolgte Neuwahl von Beisitzern. Das Reichs- verficherungSamt fei dazu gezwungen gewesm, da es überbürdet war und nachdem der StaatSsecretär deS Innern einm Antrag deS Reichs­versicherungsamts auf Revision des Wahlsystems kurzer Hand zurück- aewtesm habe. Die Entscheidungen des Amts könnten auf Grund der ungesetzlichm Wahl angefochten werden. Der Herr StaatssecretSr nickt mir zu; aber Herr StaatSsecretär, Sie habm doch diese ungesetz- liche Handlung erst veranlaßt. (Vicepräfidmt Dr. Baumbach rügt btefrn Ausspruchs Ach, ber Herr StaatSsecretär hat ja selbst nichts baf0eÄ .(Heiterkeit.) Am JnvalibitätS- und AlterSversicherungs- AEfetz fei ja lehr viel auszusetzen, aber eS sei nicht die Meinung seiner vreunde, Haffelbr wieder auigehobm werben dürfe. Eine baldige

Revision des Gesetzes sei allerdings geboten. Auch die 2lu$fübntng des Gesetzes gebe zu Anständen Anlaß, insbesondere die Anordnung des Bundesraths über bie Entwerthung der Marken Diese Anordnung sei gesetzwidrig, benn das vorgeschriebene Ent- werthungsverfahren könne zur Kennzeichnung ber Arbeiter dimm. ?^en- und Klebesnstem sei auf die Dauer unhaltbar. Htnftchtlich ber Gewährung ber Jnoaliditätsrente mürben zu viel Fteri£eiten ^macht. Durch das so rigorose Vorgehen mache man das an sich unpopuläre Gesetz nicht populärer.

Staatäfeaetär Dr. v. Boetticher: Das Reichsverficherunas- amt habe zu einer Zeit, da weder Bundcsrath noch Reichslaa ver- temmelt waren, eine »mmhnmg der Beisitzer beantragt und einen Gesetzentwurf auf Abänderung des Wahlverfahrens vorgelegt. Der Entwurf sei aus den angeführten Gründen nicht zu erledigen geraden, ®®®rWtÄr5fien war indeß vorhanden und forderte dringmd

. Es wurde deshalb in Bezug aus die Vermehrung "der Arbeitgeber-Vertreter genau ebenso verfahren, wie früher bei der Gehrung der Arbeiter-Vertreter. Das Verfahren raar nicht conect, aber der Schaden wäre großer gewesen, wenn man es nicht einge- !$J?Sen £?*£ 6inc Novelle zum Unfallversicherungsgesetz solle in nächster Session vorgelegt werdm. Mittelst derselben solle das Gesetz auf alle dieimigen Berufskreise ausgedehnt werden, auf die eS erstreckt ^nik fctlie socialpolUische Wirkung ganz erfüllm soll, also auf das Handwerk, das Handelsgewerbe :c. Es soll die

Feuilleton.

Die Zwillinge von Malta.

Novelle von P. Toussaint.

(2. Fortsetzung.)

Es war nicht so sonderbar, baß die jungen Malteserinnen sich zu dem Pariser hingezogen fühlten. Nicht seiner Schön­heit wegen seine bleiche Gesichtsfarbe und seine schmäch­tige Figur konnten neben der stolzen Männlichkeit Matteos und der eigenartigen Schönheit des jungen Griechen nicht bestehen aber gerade, daß er ein Pariser war, daß er aus der gepriesenen und bewunderten Stadt der Kunst und der Mode kam, von der man in Malta nur einen schwachen Abglanz hatte, das machte ihn in den Augen der beiden Mädchen von vornherein zu einer außergewöhnlichen Per­sönlichkeit.

Und als er zu ihnen sprach in einem Französisch, wie sie es sonst nicht zu hören gewohnt waren, mit einer Höflich­keit und Ritterlichkeit, der doch der warme Herzenston nicht fehlte, als er ihre kindlich neugierigen Fragen mit ebensoviel Gutmüthigkert wie Zuvorkommenheit beantwortete, da gerieth ihr leicht erregbares südliches Blut in Wallung und eine Glückseligkeit bemächtigte sich ihrer, über deren Ursache sie sich nicht recht Rechenschaft geben konnten, als deren Erzeuger sie aber den Grasen erkannten und darum liebgewannen.

Der Gras seinerseits wünschte, um mit seinem Herzen tnö Reine zu kommen, nichts sehnlicher, als daß ihm Gelegen« heit gegeben würde, jede der beiden Schwestern einzeln näher kennen zu lernen, doch vorläufig sah er noch keine Aussicht mis Erfüllung dieses Wunsches, da Peppa und Magallon stets -unzertrennlich verbunden waren.

Da geschah es eines Abends, als alles, was im Laza- reth athmete, in der lauen Abendlust Erquickung suchte und das Gedränge aus der Terrasse besonders groß war, daß er sich zum Herren des Armes von einer der beiden Schwestern zu machen wußte, während die andere am Arme Paolos dahinschritt. Er sprach zu ihr von Liebe, von Glück, von Erinnerung und von Wiedersehen. Später gelang es ihm, sich des Armes der anderen Schwester zu bemächtigen, zu der er ähnliche Worte sprach.

Seit diesem Abend hatte jede der beiden Schwestern das Bewußtsein, vor der andern etwas verbergen zu muffen.

Dies geschah gerade einen Tag vor ihrer Befreiung von der Gesundheitscur, der Abend war also der letzte vor ihrem Scheiden gewesen, denn der Gras mußte noch eine ganze Woche in dem Lazareth ausharren mit all seinen Wünschen und widersprechenden Gefühlen, mit all seiner Unsicherheit, welcher von beiden Schwestern er feine Liebe zuwenden sollte.

Der gute Paterno war glücklich, als die Quarantaine- zeit um war, denn er hatte gemerkt, wie seine Lieblinge durch den Aufenthalt im Lazareth litten, wie ihre Frische und Lebendigkeit von Tag zu Tag schwand. Meist fand er sie in Gedanken versunken dasitzen, und Marietta, die alte Wärterin, versicherte ihm, daß sie oft Stunden lang mit­einander kein Wort sprächen.Wenn sie nur erst aus diesem Kerker heraus sind," dachte Paolo Paterno,dann wird auch ihre alte Lebenslust wiederkommen.Aber^ wir haben be­reits gesehen, daß eS nicht bester wurde mit der Stimmung der beiden Zwillinge und daß sie sich namentlich ihren Ver­lobten gegenüber grillig und launig benahmen. Ihr Verdruß und Unmuth erreichte den Gipfel, sobald einer der Männer das Gespräch auf die bevorstehende Hochzeit brachte.

So lange bie beiden Schwestern sich selbst noch nicht

begriffen hatten, hatte die gegenseitige Harmonie auch nicht unter dem neuen Seelenleben, das in ihnen keimte, gelitten aber seitdem sie ein Geheimniß zu hüten hatten, war die reine Uebereinstimmung ihrer Seelen, die Innigkeit ihres Vertrauens gewichen. Der Pfad, den sie gingen, blieb der- felbc, aber eine jede ging ihn von jetzt ab auf ihre Weise. Ste waren getrennter, als wenn jede sich in den entferntesten Gegenden der Erde aufgehalten hätte.

Magallon wurde zur Vertrauten der Leiden des fein­fühligen Matteo, sie hörte ihn klagen über den Schmerz, ben tljm ihre Schwester bereite, und sie konnte ihm zustimmen, daß er ein Recht zu solchen Klagen hatte.

Peppa lauschte auf Beschuldigungen, die der junge Grieche über die Launen ihrer Schwester aussprach und sie fand zum erstenmale, daß Magallon wirklich launisch sei.

Jetzt bekamen ihre Charaetere zum ersten Male Gelegen­heit, sich selbstständig zu entwickeln, sich voneinander zu unter­scheiden, zum ersten Male war die Einheit ihrer Gedanken vertheilt, und aus der characterlosen Einförmigkeit ihres bis­herigen Gefühlslebens rettete nun jede von ihnen sich eine Seele und ein Herz.

Die Unruhe, bas Verlangen, bie Unsicherheit und alle die geheimen Qualen der Liebe hatten Magallons Gcmüth verbittert. Sie war stolz, ernst, hastig uud herzlos geworden, aber sie entwickelte dabei eine Kraft, bie ihren Ursprung nur in einer großen und kräftigen Seele haben konnte.

Peppa dagegen hatte das geheime Leiden niebergebeugt': sie war sanfter als sonst, biegsamer als früher, und schien sich mit ihren umflorten Augen nach einem Stabe umzuseheu, auf den sie sich stützen konnte.

(Schluß folgt.)