Ausgabe 
8.10.1892 Erstes Blatt
 
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1892

Samstag de» 8. Oktober

ErftcS Blatt

Nr. 235

Gießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

Fmüprechrr 61.

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Die Gießener

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Deutsches Reich.

Berlin, 6. October. Das osficielle Programm für den bevorstehenden Besuch Kaiser Wilhelms am Wiener Hose ist nunmehr endgiltig sestgestellt worden. Kaiser Wilhelm trifft am 11. October Mittags aus dem Nordbahnhose in Wien ein, wo ihn Kaiser Franz Josef und die Erzherzöge empfangen. Alsdann begibt sich der hohe Gast nach Schloß Schönbrunn, wo Abends Familientasel stattfindet. Abends ist Festvorstellung im Hos-Opern-Theater. Für Mittwoch Vormittag und Donnerstag Vormittag sind Jagdausflüge in Aussicht genommen, an den Nachmittagen beider Tage finden wiederum Diners in Schönbrunn statt, an dem dazwischen liegenden Abend ist Festvorstellung im Hosburgtheater. Am Donnerstag Abend tritt Kaiser Wilhelm die Rückreise an.

In Berlin sand am Dienstag eine Besprechung in Sachen der Tabaksteuerfrage zwischen Vertretern der Reichsregierung und der preußischen Regierung einerseits und hierzu eingeladenen hervorragenderen Tabakindustriellen Deutschlands anderseits unter Vorsitz des Secretärs des Reichs­schatzamtes v. Maltzahn statt. Der Verlauf der Conserenz soll gezeigt haben, daß die Regierung zu einer stärkeren Besteuerung des Tabaks entschlossen ist und nur noch darüber Zweifel hegt, aus welche geeignetste Weise die Erhöhung der Tabak­steuer durchzusühren sei.

Die Cholera in Hamburg hat endlich soweit abgenommen, daß der Senat beim Reichsgesundheitsamte beantragen will, Hamburg wieder als seuchensrei zu erklären.

Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 5. bis 6. October, Mittags, gemeldete Cholera-Erkrank­ungs- und Todesfälle:

1 Todesfall.

Hamburg

O r t

Erkrankungen:

2/10.

26

12

3/10.

43

Datum

4./10.

30

Fiddichow

11

21

Hamburg

Preußen

Schleswig Stettin

5./10.

c ? £

Staat und

Bezirk

Regierungsbezirk Stettin: in der Stadt

Altona Rendsburg Stettin

Vereinzelte

Regierungsbezirk Stade: in je einem Orte der Kreise Jork und Kehdingen 1 Todessall.

Stadt Berlin: 1 Erkrankung.

Regierungsbezirk Potsdam: in einem Orte des Kreises Niederbarnim eine tödtlich verlaufene Erkrankung.

Rouefte Nachricht«,»».

Wolffs telegrophisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 6. October. Es sind bis jetzt einige sechzig österreichische Distanzreiter hier eingetroffen. Mit besonderer Genugthuung wird in dem plötzlich von der Sport­lust ergriffenen Berlin die Thaisache begrüßt, daß ein deutscher Reiter, Premierlieutenant Freiherr v. Reitzenstein, der zweitbeste in dem Wettkampf geworden ist. Der Kaiser selbst Hal telephonisch den am Zielpunkt im Steuerhäuschen ver­sammelten Offizieren die ihm aus Wien depeschirte Nachricht mitgetheilt und dabei auch erwähnt, daß Reitzenstein sich in der letzten Nacht im Nebel verritten und dadurch 50 Km. verloren hat- er würde sonst aller Voraussicht nach erster geworden sein. Der österr.-ungarische Lieutenant Miklos ist nun dritter, vierter ist wieder ein deutscher Offizier, Haupt­mann Förster.

Hamburg, 6. October. Eine auf gestern Abend ein« berufene große Versammlung von Gewerbtreibenden, die Schritte berathen wollte, um dem nothleidenden, besser­gestellten Theile der Bevölkerung eingehendere Unterstützung zu verschaffen, wurde aus Antrag der Gesundheits-Commission polizeilich verboten. Die Commission betrachtet über­haupt die großen Versammlungen als gesundheitsgefährlich. Die erschienenen Theilnehmer mußten unverrichteter Sache umkehren.

Wien, 6. October. Heute Nachmittag waren die deutschen Offiziere zu einem gemeinsamen Diner im HotelBristol" versammelt. Als Gäste waren grXafcf* das Präsidium des Distanzrltt-Comiles, sowie zahlreiche österreichische Offiziere. Die Abends bereits hier eingetroffenen deutschen Distanzreiter wohnten fast vollzählig der Vorstellung im Burgtheater bei. Die Ringstraße bot Nachmittags infolge der Anwesenheit der deutschen Offiziere ein ganz verändertes Bild. Sie veran­stalteten vom Prater aus, die ganze Ringstraße entlang, bis in die späte Abendstunde einen lebhaften Corso, fortgesetzt äußerst sympathisch vom Publikum begrüßt. Daß Pferd Reitzensteins hat sich durch Cognaclabungen wieder erholt und befindet sich in verhältnißmäßig guter Condition.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 6. October. Der Bundesrath ist heute zu der ersten Sitzung nach den Ferien zusammengetreten. Zur

Verhandlung stand unter Anderem die Novelle zum Militär­pensionsgesetz, ferner Anträge Bayerns, betr. das Ausscheiden der bayerischen Staatsbaubetriebe aus der Tiefbau-Beruss- genossenschast und Abänderung des Zollverwaltungskostenetats für Bayern. Vor der Plenarsitzung hatten die Bundesrath­ausschüsse für Justizwesen, Handel und Verkehr Sitzungen abgehalten.

Berlin, 6. October. DerReichsanzeiger" meldet, die Vorarbeiten für die deutsche Abtheilung der Weltaus­stellung in Chicago seien soweit gediehen, daß sich der Reichscommissar nebst mehreren Mitarbeitern Ende November ober Anfang December nach Chicago begibt.

Berlin, 7. October. Wie demBerl. Tagebl." aus Wien gemeldet wird, ist Prinz Leopold von Preußen an einer Halsentzündung erkrankt.

Frankfurt a. M., 6. October. Bei der heutigen Ersatz­wahl der Wahlmänner für die Landtagswahlen waren 70 Ersatzwahlen vorzunehmen- 2 Ersatzwahlen kamen nicht zu Stande. Es wurden 44 demokratisch-freisinnige und 24 nationalliberale Wahlmänner gewählt. Dadurch ist die Wahl des freisinnigen Herrn Stadtverordneten Karl Funck, welche am 13. October stattfindet, gesichert.

Hamburg, 6. October. Die Stadtviertel Veddel und Finkenwärder sind seit 4 Tagen cholerafrei.

Wilhelmshaven, 6. October. Der Kaiser sandte an­läßlich des Ablebens des Viceadmirals Deinhard an Admiral Golz ein Con d o lenz sch reib en.

München, 6. October. Der amtliche Saatenbericht pro September constatirt aus den rückständigen Gegenden eine gute Getreideernte, eine allgemein gute Wintersaatbestellung und mit verschwindenden Ausnahmen auch eine gute Saaten­entwickelung. Niederbayern, die fränkischen Kreise und Schwaben erstatten vorzügliche Berichte. Theilweise wird über Schnecken- und Mäusesraß, geringen Kartoffelertrag auf dem Sandboden, Futtermangel und in Oberfranken über die Hopfenernte geklagt, über Obst durchgängig mit Ausnahme Schwabens. Die Frankenweinberge geben wenig Trauben und hatten eine ungleiche Traubenentwicklung. Viele Wein­berge sind wegen schlechten Hanges vernachlässigt.

Brüssel, 7. October. Die Cholera gilt für Brüssel und dessen Bannmeile für erloschen.

©ent, 7. October. 2 Erkrankungen, 1 Todesfall.

Antwerpen, 7. October. Sämmtliche noch hier liegenden Cholerakranken befinden sich auf dem Wege der Befferung. Seit drei Tagen sind keine neuen Fälle mehr vorgekommen. Die ausländischen Consuln berichteten sämmtlich, daß die Cholera hier für überwunden gilt.

Amsterdam, 7. October. 5 Erkrankungen, 2 Todesfälle.

Feuilleton.

Soldatenlied e.

Erzählung aus dem Krtegsjahre 1870/71 von Earl Cassan.

(3. Fortsetzung.)

Endlich trat auch die schöne junge Dame ein, bei deren Anblick Arthur stark erröthete. Sie war ganz erstaunt, den Offizier von heute Nachmittag vor sich zu^ sehen.

Ich hatte keinen Gedanken daran, Sie wiederzusehen," sagte sie mit ihrer melodischen Stimme,und jetzt will es das Schicksal, daß ich Sie in so kurzer Zeit zum zweiten Male begrüßen darf."

Kennst Du denn den Herrn?" fragte Herr v. Vtlneuve auf Französisch seine Tochter ganz erstaunt, woraus diese mittheilte, daß ihr Gast der freundliche Offizier von heute Nachmittag fei, der ihnen endlich genaue Nachrichten über den kläglichen Verlauf deS Rheinfeldzuges gegeben. Man fei ihm zu Dank verpflichtet.

Hieraus bat Arthur, der sich in einer peinlichen Lage befand und gar zu gern den Namen der jungen Dame gewußt hätte, um Vorstellung, woraus der Schloßherr sagte:

Meine Tochter Cäcilie, mein Sohn Robert!"

Der junge Mensch verbeugte sich steif und ging dann mit finsterem Gesichte davon.

Das Abendessen war zu Ende, nicht aber die Unter- Haltung. Die Herren griffen zur Havannah, Cäcilie zu einer feinen Handarbeit. Dann nickte der alte Herr ein und der junge Offizier schlug noch eine Promenade durch den Park vor, welchen Vorschlag Cäcilie annahm. Hier wandelten die beiden in den hübschen Kieswegen hin und her und der Mond leuchtete dazu so milde, als ob es auf Erden keine Thränen und kein Elend gäbe.

DaS Gespräch der jungen Leute war ein sehr animirtes

und drehte sich um diejenigen heiligen Dinge, die einen denkenden Kops oft bewegen, um Gott und Ewigkeit. Cäcilie erzählte auch, daß ihre Mutter längst unter dem kühlen i Grabhügel ruhe, daß ihr Vater mit großer Zärtlichkeit an seinen beiden Kindern hinge, daß Robert aber ein verschlossener Character sei, der wenig mit ihm fympathisire. Ost, wenn der junge Offizier sprach, stand sie verwundert stille und sah zu ihm hinaus, denn sie reichte mit ihrer zarten, elfenartigen Gestalt kaum bis an feine Schultern, und ihre Augen ver- riethen dann ein wirkliches Entzücken. So durchwanderten sie den Garten mit feinen Statuen, Springbrunnen und Teichen. War es denn möglich, daß es auf der Erde eine Fülle von so viel Schönheit und Liebenswürdigkeit in einer Person wie in diesem jungen Mädchen vereinigt gab?

Plötzlich stand in der Nähe des Hauses Robert Vilneuve vor ihnen und rief:

Cäcilie, komm, es ist Zeit!" Er sagte es hämisch, säst beleidigend. Arthur that, als hörte er es nicht, sondern entgegnete: Mein Herr, Ihre Schwester war tn guter Gesellschaft!" Ohne Zweifel," erwiderte jener boshaft.Aber dennoch, sage ich, ist es Zeit zum Schlafengehen. Ent­schuldigen Sie meine Aufregung! Ich bin betrübt über mein Vaterland, wie alle meine Nachbarn, sehr betrübt über da- allgemeine Unglück!"

Er hatte schon Cäciliens Arm ergriffen- diese aber nahm mit einem freundlichenGute Nacht, mein Herr!" Abschied.

In der Eingangsthür aber stand ein grauköpfiger Diener, den vielarmigen Silberleuchter mit brennenden Wachskerzen in der Hand haltend, und sagte deutsch zu Arthur:

WennS gefällig ist, Herr Lieutenant, so zeige ich Ihnen Ihr Zimmer!"

Ei, Sie sprechen deutsch?" frug der junge Offizier.

Ich bin ein geborener Elsässer, auS Mühlhausen, und spreche gern deutsch, Monsieur," erwiderte der Diener.

Sehen Sie einmal nach, wo Berger, wo Rößler, mein Bursche und mein Corporal, schlafen."

Hier, Herr Lieutenant, nebenan bei Ihnen - Sie brauchen nur zu rufen, haben aber nichts zu befürchten, so lange der alte Baptiste wacht!"

Sie heißen Baptiste? Hier!"

Er reichte ihm ein Goldstück.

Erzählen Sie mir etwas von Fräulein Cäcilie!"

O, Herr Lieutenant, die ist ein Engel und eine tüch­tige Hausfrau dazu - feit dem Tode unserer gnädigen Frau leitet sie alles im Schlosse allein und weiß jeden Anspruch des alten und des jungen Herrn zu befriedigen."

Wecken Sie mich früh sechs Uhr, Baptiste! Pflegt das Fräulein srüh spazieren zu gehen?"

Der Alte lächelte leicht.

Jeden Morgen, gnädiger Herr! Uebrigens spricht Fräulein Cäcilie auch deutsch!"

Und das sagen Sie mir erst jetzt?"

Der Alte wurde ernst.

Wir vom Hause Vilneuve billigen den Rassenhaß zwischen Deutschen und Franzosen nicht, der jetzt in Frank­reich gepredigt wird, nur der junge Herr Robert ist etwas ans der Art geschlagen doch bonne nuit!

Gute Nacht, Baptiste!"

Arthur vom Busch konnte lange nicht einschlafen, denn tausend tolle Gedanken fuhren ihm durch den Kops und halb träumend, halb wachend lag er auf seinem Lager.

Willst Du Dein Herz mir schenken." klang eS dabei durch feinen Traum, und dann sah er sich mit weißen Rosen umgeben. Erst gegen Morgen war sein Schlummer ruhiger.

Am anderen Morgen stand der junge Osfizier beim ersten Pochen deS Dieners Baptiste auf. Schnell war er angekleidet und dann ging er in den herrlichen Park.

Da, o freudiger Schrecken, sah Arthur das schöne Schloß- fräulein schon aus der Terrasse sitzen. Sie erröthete leicht,