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08/04/1892 Erstes Blatt
 
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Nr. 84.

Der <d|e*fr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des M Montag-.

Die Gießener Da«itteuSt»iter »erden dem Anzeiger vöchentlich dreimal beigelegt.

Erstes Blatt._________Freitag den 8, April___

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

1892

Vierteljähriger AöonuementspreiZr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Plg.

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Neueste Nachrichten.

VolffS telegraphisches Torrespondmz-Burean.

Berlin, 6. April. DerReichsanzeiger" meldet: Consul Schöll in Kopenhagen wurde zum Geheimen Legationsrath und Vortragenden Rath im Auswärtigen Amte, der ständige Hilfsarbeiter im Reichsamt des Innern, Wilhelmi, zum Geheimen Regierungsrath und Vortragenden Rath im Reichs» amt des Innern ernannt.

Spazierfahrten und Spazierritte, und wer das Glück hat, hierbei den Monarchen in der Nähe zu sehen, kann sich dann persönlich von dem vortrefflichen Aussehen desselben über­zeugen. Einige Tage nach dem Osterfeste gedenkt der Kaiser mit den ©einigen aus dem Berliner Residenzschlosse nach dem Neuen Palais bei Potsdam, dem bevorzugten Sommerheim der kaiserlichen Majestäten, überzusiedeln.

Die seit mehreren Tagen schon ausposaunt gewesene Haupt- und Staatsaction, welche im preußischen Abge- ordnetenhause am Dienstag in Gestalt der erstmaligen Berathung des Nachtragsetats (Gehalt des Minister- ! Präsidenten u. s. w.) vor sich gehen sollte, ist einstweilen ins Wasser gefallen. Es wurde nämlich die Vertagung der Be­rathung des Nachtragsetats nach kaum viertelstündiger Dis- cussion beliebt, aus der aus diesem Anlaß erwarteten großen politischen Debatte ist also vorläufig nichts geworden. Dieser einigermaßen sonderbare Ausgang der Sache muß aus ver­schiedene parlamentarische Schachzüge zurückgesührt werden, - die ihren Ursprung darin haben, daß man aus Seiten des Centrums und der Conservativen wünschte, den Nachtrags­etat ohne besondere politische Verhandlung gleich an die Budgetcommission zu verweisen, dem aber die Freisinnigen widersprachen. Es wäre demnach am Dienstag doch zu der den genannten beiden ersten Parteien für jetzt offenbar nicht passenden politischen Debatte gekommen, hätte nicht der nationalliberale Abgeordnete Ho brecht auf Grund der Be­schlüsse des Seniorenconvents den Antrag gestellt, den Nach­tragsetat wieder von der Tagesordnung abzusetzen. Das Haus nahm denn auch den Antrag schließlich mit erheblicher Mehrheit an, die Debatte über den Nachtragsetat und hier­mit über die iüngste Ministe^crisis in Preußen bleibt also bis nach den Osterferien verschoben. Der übrige Theil der Sitzung war belanglos.

Die freisinnige Fraction des Abgeordneten­hauses hat bei den Nationalliberalen und den Freiconser- vativen den Gedanken eines gemeinschaftlichen Antrages angeregt, durch welchen die Regierung ersucht werden soll, noch in der lausenden Session dem Landtage ein Schul­dotationsgesetz vorzulegen.

Der vom Reichstag beinahe einstimmig ange­nommene Gesetzentwurf, betreffend die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen einberusenen Mann­schaften, wird, derNordd. Allg. Ztg." zu Folge, nun doch noch die Zustimmung des Bundesrathes finden. Man kann nur wünschen, daß der Bundesrath diese löbliche Absicht ausführt.

vorzunehmen, und weisen die betreffenden Aussätze dann aufs Neue auf die Gefahren hin, welche sich für das große Publikum aus dem rücksichtslosen Gebrauch der Schießwaffen seitens der Militärposten ergeben, besonders, wenn man die große Durchschlagskraft und Tragweite der modernen Ge* schosse berücksichtigt. Ob sich die Regierung in Folge der neuesten Berliner Schießaffaire nunmehr endlich zu der all­seitig dringend gewünschten Reform betreffs der Schieß- inftructionen der Wachtposten veranlaßt sehen wird, bleibt noch sehr abzuwarten.

Die französische Regierung sieht sich wieder ein­mal zu einem Feldzug gegen die Dahomeyaner, diesen kriegerischen und namentlich durch sein Amazonencorps bekannten Negerstamm an der Westküste Afrikas, genöthigt. Der König Behanzin von Dahomey bedroht mit der Armee von 12,000 Mann, die theilweise mit Hinterladern ausgerüstet sind, ernstlich die seinem Reiche zunächst liegenden französischen Besitzungen in Westasrika und hat er bereits die kleine französische Truppen­macht in Porto Novo zur Uebergabe dieses Platzes auffordern lassen. Das Ministerium Loubet hat vorläufig einen Kreuzer zur Verstärkung der französischen Kriegsschiffe an der Küste von Dahomey abgesandt und sich außerdem von der Kammer einen Credit von 360,000 Francs zur Vermehrung der Land­truppen im französischen Soudan bewilligen lassen. Mit solchen halben Maßregeln läßt sich aber gegen ein kriegerisches Volk, wie die Dahomeyaner, nichts ausrichten und wird sich daher die französische Regierung zu energischeren Schritten entschließen müssen.

Die russischen Nihilisten regen sich jetzt gleich­falls wieder. Wenigstens verlautet, die in der Petersburger Fabrik für rauchloses Pulver stattgefundene Explosion von 350 Pud Pyroxylin fei das Werk von Nihilisten.

Die PetersburgerNowoje Wremja" schreibt zu dem Capitel der deutsch-russischen Beziehungen, der Czar erkenne die persönlichen Bemühungen Kaiser Wilhelms zur freundlicheren Gestaltung dieser Beziehungen an, doch könne Rußland seine bisherige Politik vorläufig nicht ändern.

Das Repräsentantenhaus in Washington hat den Gesetzentwurf, welcher die Einwanderung der Chinesen nach Nordamerika verbietet, mit großer Mehrheit angenommen. Ein Protest Chinas gegen diesen Beschluß ist sehr wahrscheinlich.

Berlin, 6. April. DerReichsanzeiger" widerlegt aus- Militärposten | sührlich einen Artikel desVorwärts", worin behauptet war.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 6. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Profeffor vr. Beckmann aus Gießen, eine Deputation der Krieger­kameradschaftHassia", bestehend aus Präsident Oberst z. D. Ger lach, Br. Vogt und Hauptmann der Landwehr W a lde cker.

Berlin, 7. April. Das Befinden des Kaisers ist gegen­wärtig das denkbar beste, eine Thatsache, die gegenüber den in ausländischen Blättern erneut auftauchenden Nachrichten von angeblicher Krankheit des deutschen Herrschers besonders festgestellt werden muß. Bei dem jetzigen schönen Frühlings­wetter unternimmt der hohe Herr täglich größere und kleinere

Berlin, 7. April. Die Berliner Blätter widmen der neuesten Wachtposten-Schießafsaire, welche sich in fcer Reichshauptstadt in Gestalt des Vorfalles vor der Kaserne des 3. Garde-Regiments z. F. abgespielt hat, eingehende Besprechungen. Es wird in denselben an die mit Einstimmigkeit angenommene Resolution erinnert, welche die Regierung auf­fordert, eine zeitgemäße Revision der Bestimmungen über I den Gebrauch von Schießwaffen seitens der Militärposten I

Gießen, den 5. April 1892. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofth. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung unserer Auflage vom 19. März l. I. (Anzeigeblatt Nr. 70) noch im Rückstände sind, werden um Erledigung derselben innerhalb 8 Tagen hierdurch erinnert.

__v. Gagern.

Ausschreiben.

Heute Morgen wurde an dem dahier wohnhaften Rentner Marcus Sternfeld auf der von Gießen nach Grünberg führenden Chaussee ein Raub verübt und ihm eine schwere goldene Uhr mit ebensolcher Kette, ein schwarzes Lederporte, monnaie mit ca. 6 Mk. Inhalt, eine goldene Brille und ein goldener Siegelring, ohne Stein, mit den Buchstaben 8. 8. abgenommen. An der Uhrkette befand sich ein länglich vier­eckiges Medaillon, auf der einen Seite mit einem Römerkopf, auf der anderen mit einem dunklen Stein. Im Medaillon befanden sich drei Photographien, ein viertes Rähmchen war leer. Außerdem war noch ein viereckiger Compaß an der Uhrkette befestigt.

Der Thäter, welcher hier übernachtet hatte, nennt sich David Hahn, Händler von Lautschin, ist 4042 Jahre ult, hat blonde Haare und röthlichen Schnurrbart, rundes Gestchl, gesunde Gesichtsfarbe, ist von untersetzter Statur.

Derselbe ist bekleidet mit dunklem Jaauet, schwarzem weichen Filzhut und Stehkragen, er ist jedenfalls ein Ungar, spricht ungarischen Dialect.

Es wird ersucht, nach demselben zu fahnden, ihn festzu­nehmen und um Nachricht hierher.

Gießen, den 6. April 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Feuilleton.

Der Aufstand in Chile.

(Fortsetzung.)

Inzwischen langten zwei neue in England gebaute Tor- pedojagdschiffe an und stellten sich dem Präsidenten zur Ver- fügung. Mit einem dieser gelang es, das brauchbarste Oppositionsschiff, denBianco Encalada" mit 170 Mann an einem Frühmorgen in der Bucht von Caldera zum Sinken zu bringen. Ferner wurden zwei neue in Frankreich gebaute Panzerkreuzer von der Regierung erwartet, um dem Gegner auf dem Wasser gewachsen zu fein; sie kamen indeß nicht. So kam auf beiden Seiten eine lange Zeit der Unthätigkeit. In diese Periode fielen kleine Ereignisse, z. B. die Füsi- lirung von vier Seeleuten der Regierungspartei, welche ver­suchten, nach der Opposition zu gehen, und dergleichen mehr. Ferner hatte sich der vom Präsidenten contrahirte Lehrer an der Kriegsschule in Santiago, der ehemalige deutsche Oberst­lieutenant v. Körner, aus dem Staube gemacht und lKH der Opposition seine Dienste, wodurch die Regierung in eine ge­fährliche Lage kam. Dieser Mann war so eine Art General­stabschef; außerdem wurden Theile der Oppositions-Mann­schaften mit 5000 Mannlicher-Gewehren versehen und aus­gebildet, welch letztere zu Anfang der Revolution für die Regierung etntrafen, aber von der Opposition gekapert wurden. Die Handlungsweise des betreffenden Mannes bleibt jedem überlassen, darüber zu urtheilen, wie er will; in . Deutschland ist er wohl unmöglich. Im Ganzen verfügte I

bie Regierung über ca. 35,000, die Opposition über circa 15,000 Mann; erstere hatte die Kräfte indessen zersplittert stehen, um überall einen Angriff der Opposition abschlagen zu können, letztere hatte ihre Kräfte zusammen, um sie offensiv verwenden zu können. So standen die Dinge bis vor Kurzem; nach langer Pause mußte etwas geschehen und glaubte die Regierung, daß es die Opposition zunächst auf Coquimbo, einem Hasen zwischen Valparaiso und dem oppositionellen Norden, abgesehen hätte. In diesem Glauben schaffte die Regierung Truppenmassen nach diesem Punkte, so daß sich rund 10,000 Mann dort befanden, welche natürlicherweise dem Hauptkörper in Valparaiso und Santiago verloren gingen, der noch ca. 20,000 Mann zählte. Da mit einem Male geschah das Gegentheil; die Opposition schiffte bei Quinteros am 20. d. M. in ziemlicher Entfernung von Valparaiso ihre ganzen Truppen aus unter dem Schutze ihrer Flotte und schlug Tags darauf die sie angreifenden Regierungstruppen, die fast vernichtet wurden. Noch hatten sie aber Valparaiso nicht; hierzu war noch ein Hauptschlag nöthig gegen die Zweite Hälfte der Regierungstruppen, ca. 10,000 Mann. Dieser Schlag geschah vorgestern, also genau eine Woche später, einige Stunden von hier. Ganz deutlich vernahm man das unheimliche Grollen der Gewehre und Mitrail* lensen, unterbrochen von dem dumpferen Gebrüll der Geschütze; es war ein furchtbares Wüthen. Sehen konnte man wegen der davor lagernden Berge nichts weiter al« den dichten Pulverdampf. Auch hier siegte die Opposition; das lieber* gewicht in der Führung, sowie aber auch das Mannlicher- Gewehr machte sich bei ihnen zu sehr geltend; dagegen hatte die Regierung mehr Menschen und extra ausgewählte, mit

| zahlreicher Artillerie versehene Stellung. Ich kann daher nicht verstehen, wie sie sich werfen lassen konnten; sie sollen sich auch schlecht geschlagen haben; es waren lauter gepreßte Leute, die kein anderes Jntereffe hatten, als bald nach Hause zu kommen. Nach dem Hauptanprall gegen die Artillerie verließ letztere in regelloser Flucht ihre Geschütze. Kurzum, so gegen 12 Uhr verlangte ein unter weißer.Flagge nach der Stadt gekommener Oppositions-Parlamentär die Uebergabe des Platzes. DerJntendente" (so viel wie Commandant) übergab jedoch die Stadt an die Consuln der europäischen Mächte, deren Schiffe (drei deutsche, zwei englische, zwei fran­zösische und zwei nordamerikanische) dem Oberbefehl des deutschen Contreadmirals v. Valois unterstanden, als Ge- schwader-Aeltesten. Derselbe ordnete sofort die Besetzung der vorzugsweise von Fremden bewohnten Stadttheile durch Marinemannschaften an. Jede Nation bekam ihr zugewiesenes Terrain zu bewachen. Der Befehl zum Landen traf die deutschen Mannschaften beim Mittag. Eine Viertelstunde später befanden sich 450 Mann Deutsche an Land. Sofort wurden von ihnen drei Wachtlocale bezogen, Turnhalle, deutsche und englische Schule, und von hier aus die Posten besetzt. Auch meine Wohnung befand sich im deutschen Schutzrayon, einer Straße, welche durch vier Mann mit geladenem Gewehr und ausgepflanztem Bayonnet von der unteren Stadt abge- fperrt wurde. Währenddem war die Stadt der Opposition weiter übergeben worden und es erfolgte an demselben Nach, mittag (28. August) gegen 2 Uhr der Einmarsch eines Theils der siegreichen Oppositionstruppen. Doch was sage ich, Truppen" ? Nein, das waren eS nicht, sondern wilde Horden, welche in regelloser Zucht und Ordnung eiuherzogen; man