Ausgabe 
7.2.1892
 
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Nr. 32

Ter chitßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener Aamikienökätler werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt.

Sonntag den 7. Februar

1892

ießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

Vierteljähriger Avonnemcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchutstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den Avers Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeikage: Hießener JamitienLkätter.

Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Au-lande- nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Anrtlichev Tyerl.

Gießen, den 4. Februar 1892. Betr.: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung, hier die Vorlage von Baugesuchen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Nachdem sich im verflossenen Jahre bei Erledigung von Baugesuchen in Folge der vielfach erforderlichen ordnungs­mäßigen Feststellung der Baufluchten wiederholt lästige Ver­zögerungen für die Baulustigen ergeben haben, empfehlen wir Ihnen, im laufenden Jahre aus eine möglichst frühzeitige Vorlage der in Aussicht stehenden Bauprojecte durch dies­bezügliche ortsübliche Bekanntmachung hinzuwirken.

v. Gag ern.__________________

Bekanntmachung.

Der ehemalige Lehrer M. Felgentreu von Bremen hat durch die Möller sche Gartenbauzeitung und Versendung zahlreicher Prospecte bekannt gemacht, daß vom 24. Februar bis 12. März l. I. in Bremen eine internationale Ausstellung für Hygiene, Sport und Kunstindustrie stattfinden werde und zur Betheiligung an der Ausstellung ausgefordert, und hat auch Anmeldungen und Geldbeträge zur Beschaffung von Plätzen entgegen genommen.

Nach Mittheilung der Polizeidirection Bremen ist über eine derartige Ausstellung dort gar nichts bekannt geworden und ist es zweifellos, daß 2C. Felgentreu sich auf betrügerische Weise in den Besitz von Geldmitteln gesetzt hat und hat setzen wollen.

Alle Diejenigen, welche durch :c. Felgentreu geschädigt worden sind oder welchen Prospecte übersandt wurden, wer­den hiermit aufgesordert, binnen 14 Tagen bei der unter­zeichneten Behörde Anzeige zu erstatten.

Gießen, den 3. Februar 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Die Bekämpfung der Trunksucht.

Der dem Reichstage kürzlich zugegangene, vom Bundes- rathe umgearbeitete Entwurf des sogenannten Trunksuchts­

gesetzes hat trotz dieser Umarbeitung bei seiner Beurtheilung durch die öffentliche Meinung bis jetzt im Allgemeinen keine sonderlich günstige Ausnahme erfahren. Man wirst dem neuen Gesetze, wie schon dem früheren Entwürfe desselben, vor, daß es noch immer viel zu sehr den Character eines Polizeigesetzes trage, daß es zu viele chicanöse Bestimmungen für die Wirthe wie für das Publikum enthalte, daß es den Erfordernissen des practischen Lebens zu wenig gerecht werde, weiter nament­lich, daß es die Zecher verschiedenartig bewerthe und hierdurch eine bedenkliche Scheidungslinie zwischen den Zechern aus den hohen" und denniederen" Kreisen ziehe, daß seine Straf­bestimmungen zu scharfe seien usw. Gewiß erscheinen diese Einwände gegen das neue Trunksuchtsgesetz, wenn man letzteres näher Prüft, an sich theilweise gerade nicht unbegründet, denn in seinen gewerbepolizeilichen wie strafrechtlichen und privat­rechtlichen Bestimmungen schießt der Entwurf offenbar viel­fach über das Ziel hinaus und trifft hierdurch den Kern der Sache eigentlich gar nicht. Aber anderseits muß es immerhin mit Genugthuung begrüßt werden, daß jetzt überhaupt ein i erster Schritt zur allgemeinen und umfassenden gesetzlichen , Regelung der hierbei in Betracht kommenden nicht unwichtigen Frage geschieht, ein solcher ist durch die ganzen bestehenden Verhältnisse entschieden geboten.

Zahlreiche bezügliche Erörterungen in der deutschen Tagespresse und in der ^wissenschaftlichen Literatur während der letzten Jahre haben es außer Zweifel gestellt, daß die zur Zeit gütigen gesetzlichen Maßnahmen in Deutschland zur Bekämpfung der infolge der Trunksucht hervorgerufenen \ moralischen, wirtschaftlichen und socialen Uebel nicht aus- \ reichen. Die Trunksucht vermehrt die Krankheitsursachen und die Sterblichkeit, ein großer Theil der Selbstmorde und eine noch größere Zahl von Geistesstörungen muß auf den über­mäßigen Genuß geistiger Getränke zurückgeführt werden. \ Derselbe bildet eine der ergiebigsten Quellen der Armuth und des Elends, er ist ein hervorragender Vernichter des Familien­glücks und ein Förderer der Prostitution, er untergräbt den Sinn für öffentliche Ordnung und Rechtssitte, vererbt sich in seinen schädlichen physischen und geistigen Wirkungen auf die Nachkommenschaft des Trinkers und führt somit eine Degene­ration herbei. Zwar läßt sich ein Zusammenhang zwischen Trunksucht und Verbrechen nicht 'mit mathematischer Sicher­heit beweisen, unzweifelhaft ist er jedoch vorhanden und jeden­falls steht fest, daß diejenigen Verbrechen, bei welchen die Trunkenheit erfahrungsmäßig einen unmittelbaren Einfluß

ausübt, auch in einem hohen Procentsatz von Trinkern 'be­gangen werden.

Glücklicher Weise läßt sich nun allerdings nicht sagen, daß die Trunksucht in Deutschland ein allgemein verbreitetes Laster wäre, Gott sei Dank, so weit ist es mit dem deutschen Volke denn doch noch lange nicht. Aber es kann nicht ge­leugnet werden, daß in allen Schichten und Ständen unserer ! Nation dem Trinken weit mehr gefröhnt wird, als dies von irgend einem beliebigen Standpunkte aus vertheidigt werden kann, und somit erwächst der Reichsregierung die unabweis­bare Pflicht zu einer durchgreifenden gesetzlichen Regelung der Frage. Wie schon angedeutet, hat sie bei Ausarbeitung des jetzt dem Reichstage vorliegenden Entwurfes zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke nicht allenthalben eine glückliche Hand bekundet, dies darf indessen die parlamentarische Vertretung der Nation natürlich keineswegs von einer gewissen- haften Prüfung der Vorlage abhalten. Wenn dann, wie zu - erwarten steht, an dem Regierungsentwurf des Trunksuchts­gesetzes im Reichstage die nothwendigen wirklichen Verbesser­ungen vorgenommen werden, so darf man wohl hoffen, daß sich die Regierung mit diesen Veränderungen schließlich ein­verstanden erklären wird. Auf keinen Fall darf aber die reichsgesetzliche Neuregelung der ganzen Frage wieder in den Hintergrund treten und auf die lange Bank geschoben werden, es handelt sich hier um wichtige allgemeine Interessen der Nation, zu deren Wahrung Regierung wie Reichstag gleich­mäßig verpflichtet sind.

Sitzung der Stadtverordneten

am 4. Februar 1892.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Grüneberg und Langsdorff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren: Georgi, Habenicht, Heyligenstaedt, Homberger, Jughardt, Keller, Löber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Schmall, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels.

Nachdem vor einiger Zeit beschlossen worden, die in der Flucht der Goethestraße über die Wieseck nothwendige Ueber- brückung als fahrbare Brücke herzustellen, mit dem Bau der Brücke jedoch frühestens erst in drei Jahren zu beginnen, kann mit dem Ausbau der Löberstraße nunmehr be­gonnen worden. Der zur Zeit über die Wieseck führende Steg soll vorerst unter Benutzung der vorhandenen Joche durch einen neuen mit gefälligem Geländer zu versehenden ersetzt werden. Die auf 760 Mk. veranschlagten Kosten

Feuilleton.

Die Zwillinge von Malta.

Novelle von P. Toussaint.

(1. Fortsetzung.)

Die beiden jungen Mädchen hatten keinen Augenblick gezögert, diese Verlobung einzugehen und den Wunsch ihres Vaters zu erfüllen. Ein Jahr war nach der Verlobung hin- gegangen und man kam überein, daß im nächsten Winter die Trauung der beiden Schwestern stattfinden sollte.

Da schlug ihnen Paolo Paterno, der gewohnt war, jedes Jahr eine seiner kleineren Reisen in Gesellschaft feiner Töchter auszuführen, vor, noch einmal vor ihrer Verheirathung ihn zu begleiten und zwar nach Algier, das gerade unter den Händen seiner französischen Eroberer ein modernes Aussehen anzunehmen anfing.

Den schönen Zwillingen kam dieser Vorschlag sehr ge­legen, da sie auf diese Weise einige nothwendige Toiletten­artikel nach französischer Mode am bequemsten selber aus­wählen konnten.

Nach der Rückkehr von dieser Reise aber veränderte sich die ganze Sinnes- und Handlungsweise der jungen Damen. Peppa benahm sich Matteo gegenüber so sremd, als dies einem Hausgenossen und Verlobten gegenüber nur möglich ist, und Magallon behandelte ihren Verlobten mit einer Kühl- heit, deren er sie früher gar nicht für möglich gehalten hatte. Matteo litt und ertrug fein Schicksal mit Geduld und mit der schmerzlichen Bitterkeit eines Menschen, dem Leid und Unglück nichts Fremdes sind, der junge Grieche dagegen war ungeduldig und argwöhnisch.

Der Vater sah diese Veränderung in dem Wesen seiner Töchter mit Schmerz, aber er konnte sich die Ursache der­selben durchaus nicht erklären. Er begriff nicht, was seine lachenden, lebendigen Kinder plötzlich in grillige, launische Mädchen umgewandelt hatte, die sich selbst ihm gegenüber, Ler doch den meisten Anspruch auf ihre Liebe haben konnte,

verändert benahmen. Der gute Schiffscapitän besaß einen natürlichen und gesunden Verstand für das alltägliche Leben, um aber in die feinen Schattirungen eines Frauenherzens einzudringen und zu ergründen, was hinter den Grillen, die er sah, verborgen liegen mochte, dazu war er nicht fähig.

Die Wahrheit ist, daß die zwanzig Tage, die die Mädchen nach ihrer Rückkehr aus Afrika pflichtgemäß in dem Pest- Hospital hatten zubringen müssen, reich an Ereignissen und Wahrnehmungen gewesen waren, die eine Veränderung in ihrem Innern hervorgebracht hatten.

Das Pestlazareth in Malta ist für die Gesunden kein Krankenkerker voll Zwang und Entbehrungen, der einzige Zwang ist, daß man es nicht verlassen darf und eine Zeit lang von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen ist. Jrn Uebrigen ist es ein großer, prachtvoller Palast, der dem Fremden freundlich zulachen würde, wenn er einen anderen Namen trüge; wo jeder nach seinem Stande und seinem Ver­mögen Wohnung erhält und es sich für die Dauer feiner Quarantäne so bequem wie möglich einrichten kann. Fremd­linge aus aller Herren Länder begegnen sich hier und es macht den Eindruck, als ob man sich in einem Badeorte bei Regenwetter befände. Man wandelt auf den Gallerien und aus der breiten Terrasse einher, man begegnet sich öfters, wechselt Worte, macht Bekanntschaft miteinander, gerade wie in dem Cursaale eines Bades oder auf dem Gange zum Brunnen. Und da das Publikum hier auf einen kleineren Raum angewiesen ist als dort, flößt einer dem anderen eher Sympathie ein. So kam es, daß Peppa und Magallon, Arm in Arm auf der Terrasse hinwandelnd und die kühle Morgenluft einathmend, bald von den jungen Männern be­merkt wurden, die ihnen begegneten, besonders aber von Einem, einem jungen Franzosen, dem Grasen Julien de St. Elme, der aus Abscheu vor der Hohlheit der Pariser Gesellschaft der französischen Hauptstadt den Rücken gekehrt hatte, um in anderen Gegenden die Tugend und Aufrichtig­keit zu finden, die er in seinem Vaterlande vergebens gesucht hatte. Aber er hatte im Orient unter anderen Formen die­selben Charactere wieder gesunden, noch verschärft durch eine

rauhere Außenseite. Daran zweifelns jemals zu finden, was er suchte, kehrte er traurig nach Europa zurück, noch unsicher, in welchem seiner Staaten er sein Ideal suchen sollte. Denn er war noch nicht entmutigt, die Frau zu finden, die ihn lieble, ohne wieder daran zu denken, daß er der Gras de St. Elme mit hunderttausend Francs jährlicher Einnahme fei, noch derSalonlöwe", mit dessen Ueberwindung man prahlen könne.

Unsere maltesischen Zwillinge waren bereits einige Zeit in dem QuarantainehauS, als er ankam. Er sah die reizenden Gestalten täglich, eines Morgens sprach er sie an und nach wenigen Tagen mußte er sich gestehen, daß er verliebt war, nicht verliebt in Magallon, auch nicht verliebt in Peppa, sondern in beide, ohne zu wissen, welche von beiden er wählen und welche er verwerfen sollte, wenn er zwischen ihnen die Wahl hätte.

Und das war wahrhaftig nicht feine Schuld!

Wenn er sie zusammen erblickte, wenn vier Füßchen, gleich niedlich und in gleichen Schuhen mit demselben leicht dahingleitenden Schritt an ihm vorüberschwebten, wenn er vier Arme von derselben Form und derselben Rundung sich mit gleicher Beweglichkeit und demselben Geberdenausdruck sich bewegen sah, wenn die Gluth von vier schwarzen Augen die seinen traf, wenn sich ihre Blicke mit derselben Verschämt­heit wieder von ihm abwandten, wenn zwei süße Stimmen feine Ansprache mit demselben Ausdrucke erwiderten, dann kam er zur Erkenntniß, daß er in einem Netz gefangen war, aus dem er keinen Ausweg wußte.

Auch mit den Schwestern ging eine Veränderung vor, ohne daß sie sich selbst klar über ihren Zustand gewesen wären oder ein Wort gewechselt hätten über das, was in ihrem Innern vorging.

Sie fingen an, unruhig zu werden, sobald die Stunde des Morgenspazierganges herbeikam, sie fanden, daß das Pesthospital der schönste Ort der Welt sei, so lange der junge Franzose mit ihnen sprach, und sie fanden eS langweilig und unausstehlich, sobald sie wieder allein waren.

(Fortsetzung folgt.)