offenbart sich doch in der Größe der Handelsflotte sehr deutlich der Handel deS betreffenden Staates mit dem Auslande und ist außerdem die Ziffer der Handelsschiffe auch ein sehr beredtes Zeugntß für den Unternehmungsgeist und die zähe Ausdauer eines Volkes.
An der Spitze der Handelsflotten der ganzen Erde steht natürlich diejenige Englands mit 5471 Dampf- und 9751 Segelschiffen und nach der englischen Flotte kommt dann die Handelsmarine der Vereinigten Staaten von Nordamerika mir 456 Dampfern und 3500 Seglern. Die drittgrößte Handelsflotte besitzt das Deutsche Reich mit 761 Dampf- und 1480 Segelschiffen, im Range die vierte Handelsmarine hat dann Norwegen mit 440 Dampfern und 3400 Seglern und in fünfter Reihe kommt erst Frankreich mit 488 Dampf- und 1570 Segelschiffen. Interessant ist dann noch, daß nach Frankreich die größte Handelsflotte Rußland besitzt, denn es hat 313 Dampfer und 2100 Segler. Daran reiht sich Italien mit 206 Dampfern und 2000 Seglern, Spanien mit 349 Dampf- und 1360 Segelschiffen, Schweden mit 336 Dampf- und 1400 Segelschiffen, Dänemark mit 215 Dampfern und 850 Seglern, Holland mit 181 Dampf- und 747 Segelschiffen, Oesterreich mit 114 Dampfern und 289 Seglern, Brasilien mit 147 Dampf- und 270 Segelschiffen , Japan mit 146 Dampf- und 98 Segelschiffen, Griechenland mit 88 Dampf- und 1300 Segelschiffen, Portugal mit 39 Dampf- und 261 Segelschiffen, die Türkei mit 43, meistens sehr kleinen alten Dampfern, die nicht viel Lasten tragen können, und 540 schlechten Seglern, und endlich China mit nur 34 Dampfschiffen und einer nicht genau bekannten Anzahl erbärmlicher Segelschiffe.
Für die culturelle Tüchtigkeit der Staaten reden diese Ziffern eine deutliche Sprache und gleichzeitig beweisen sie, daß die Größe der Handelsflotten im Allgemeinen der Küstenausdehnung der betreffenden Länder entspricht. England, welches nur hoch entwickeltes Tafel- und Küstenland ist und die meisten natürlichen Häsen besitzt, hat auch die größte Flotte, und ihm folgen in Bezug auf Küstenentwickelung und Flottengröße die Vereinigten Staaten, Norwegen, Frankreich, Rußland, Italien, Spanien u. s. w. Eine glänzende Ausnahme von dem Verhältnisse der Handelsmarine zur Küsten- entwickelung macht aber ohne Zweifel das Deutsche Reich, welches nur im Norden und Nordosten eine schlecht entwickelte, mit Untiefen und Sandbänken umlagerte Küste besitzt und dennoch die drittgrößte Handelsflotte aufweist. Bedenkt man dabei noch, daß Deutschland nach England die meisten, stärksten und schnellsten Dampfer besitzt, und daß Deutschland fast so viele Dampfer hat als die Vereinigten Staaten und Frankreich zusammengenommen, so darf man sagen, daß Deutschland in Bezug auf die Leistungsfähigkeit nächst England die zweitbeste Flotte hat, eine Thatsache, die dem deutschen Unternehmung^ und Handelsgeist, und ganz besonders unseren Hanseaten in Hamburg und Bremen ein glänzendes Zeugniß ausstellt. Wir erwähnen an dieser Stelle auch, daß die Stärke einer Flotte keineswegs nur von der Anzahl der Schisse, sondern von deren Größe, Leistungsfähigkeit, neuer Bauart und der Menge der Dampfschiffe gegenüber den minderwerthigen Segelschiffen abhängt, was auch bei der Ausstellung obiger Statistik berücksichtigt worden ist. Scheinbar hat z. B. die Türkei eine größere Flotte (der Schiffszahl nach) als Portugal, aber die portugiesischen Schiffe sind stärker, neuer und viel leistungsfähiger als die veralteten türkischen, in Folge dessen rangirt die portugiesische Handelsflotte vor der türkischen. Aus gleichem Grunde rangirt manche andere nach der Schiffszahl größere Flotte niedriger, wie z. B. diejenige Rußlands hinter die Handelsmarine Deutschlands.
Loyaler ttnö provinzieller.
Gießen, 6. Januar 1892.
-8. Der Theater Verein beendet am Donnerstag mit Lessings „Emilia G alotti" den ersten Cyclus seiner Auf- führungen. Man wird es vielfach freudig begrüßen, daß es gerade ein so prächtiges Werk ist, mit dem er das erste Jahr seines Bestehens schließt, und es ist jedenfalls auch eine Garantie für fein weiteres Bestehen, daß er mit Kleinem angefangen und Großem endet. Man mag ihm wohl eine
gewisse Einseitigkeit in der Wahl seiner bisher zur Aufführung gebrachten Stücke vorwerfen, aber dabei muß man in Betracht ziehen, daß vorerst Schwierigkeiten zu beseitigen waren, die es unmöglich machten, schon gleich am Anfang allen Wünschen — und darunter auch recht vielen himmelstürmenden, hochgespannten — gerecht zü werden. Gerade in Gießen mußte man Schritt für Schritt vorwärts gehen — und das hat der Vorstand gethan: sehr langsam, aber sehr sicher! Aber der Grund ist nun gelegt und beim weiteren Bauen werden hoffentlich mehr schaffensfrohe Hände zur Verfügung stehen, sodaß der Verein auch größeren Anforderungen gerecht werden kann. — Wie das Programm zur „Emilia Galotti" zeigt, sind die Rollen wieder gut besetzt- besonderes Interesse wird man jedenfalls Herrn Hermann als Marinelli und Fräulein | Frank als Gräfin Orsina entgegenbringen. Beide erfreuen sich in den kunstliebenden Kreisen unserer Stadt schon lange großer Beliebtheit und besonders Herr Hermann hat sich schon vor Jahren viele Freunde erworben, als es seiner trefflichen Leitung gelang, ein herzlich unbedeutendes Machwerk Herrigs durch meisterhafte Darstellungen dem allgemeinen Publikum als Kunstwerk erscheinen zu kiffen. Und Fräulein Frank, die wir nun schon als Iphigenie und Leonore San- vitale bewundern dursten, dürfen wir jetzt in der schwierigen Rolle der Gräfin Orsina mit den höchsten Erwartungen entgegensetzen.
Neues Theater. Der Besuch des Theaters zum Benefiz für Frau Lucia Lindemann war gestern Abend ein so spärlicher, daß man sich ordentlich fürchten mußte rückwärts zu sehen. Es ist doch eigentlich recht bedauerlich, wenn man sehen muß, wie eines der tüchtigsten Mitglieder des Ensembles als Mühelohnung für so manche heitere Stunde, welche es dem Publikum verschafft hat, an seinem Ehrenabend ein total leeres Haus erntet. Ueberhaupt läßt der Besuch des Theaters, besonders in dieser Saison, wie wir aus erster Hand wissen, säst Alles zu wünschen übrig. Trotz der sehr verlockenden Anzeige der Neuheiten, welche im zweiten Abonnement zur Aufführung kommen sollen, ist die Betheiligung an demselben eine fast verschwindende zu nennen. Das ist nicht ermunternd für die Direction. — Sonntag, den 10. Januar beginnt nun die von voriger Saison rühmlichst in Erinnerung stehende Künstlerin Fräulein Thessa Klinkhammer ihr auf fünf Abende berechnetes Gastspiel in „Aschenbrödel", „Cyprienne", „Ilse", „Die beiden Leonoren" und „Ein Tropfen Gift". Hoffen wir, daß bei diesem Gastspiel die Direction eine kleine Entschädigung für das so kläglich ausgefallene Abonnement findet. Donnerstag bleibt das Theater geschlossen. Freitag zum zweiten Male: „Das verlorene Paradies".
— Poftperfoualnachrichteu. Dem Ober-Postdirections- secretär Ernst in Darmstadt ist der Character als Rechnungsrath verliehen, dem Postsecretär Mauer in Offenbach (Main) ist eine Ober-Postsecretärstelle daselbst zunächst probeweise übertragen worden. Ernannt wurden zu Postverwaltern: der Ober-Postassistent Huhn in Mühlheim (Main) und der Postassistent Sartison in Sprendlingen (Kreis Offenbach). Der Postanwärter Baum in Worms ist zum Postassistenten daselbst ernannt und etatmäßig angestellt worden. Der Postassistent Vierheller wurde von Meiningen nach Groß- Gerau versetzt. Der Ober-Telegraphenassistent Schmidt in Offenbach (Main) ist auf feinen Antrag in den Ruhestand getreten. In den Ruhestand versetzt wurde der Postassistent Klein in Alsfeld. Der Postverwalter Cellarius in Schotten ist gestorben.
— Der Getreidemarkt. Abgesehen von den amerikanischen Plätzen, zeigen alle Getreidemärkte noch hohe Preise, doch ist die Preisbildung keine natürliche mehr, sondern eine künstliche, denn die Zufuhren von Brodsrüchten, zumal von Weizen, sind in den letzten Wochen viel stärker gewesen, als wie die Nachfrage und der Verkauf an den Mühlen. Was ist da der Grund, daß die Getreidepreise nicht etwas billiger werden? Sicher wirken Capitalisten und Speculationsgruppen hinter den Coulissen mit, ähnlich wie es nun schon seit Monaten geht. Ihre Rechnung auf Fortdauer der Weizenhauffe mögen sie nicht durchkreuzt sehen, daher halten sie mit dem Verkaufen zurück. Ein Seitenstück dazu spielt sich bei Roggen
ab/ nur in anderer Foem. Roggen kommt neuerdings au5 dem Jnlande in größeren Posten an den Markt, mehr al- gebraucht wird- nur mit Preisconcessionen findet er Unterkommen, weil es an Käufern ganz fehlt, lediglich die Mühlen brauchen ihn und diese suchen nun auch mit Abwarten besser anzukommen. So liegt es auf den Localmärkten. Auf dem Terminmarkte weicht man dem Preisdrucke aus, indem man sich auf die Lieferungs-Bedingungen versteift, jene Claufeln, welche besagen, daß lieserfähige Waare contractlich ein bestimmtes Gewicht, Trockenheitsgrad und andere Eigenschaften aufweisen muß. Nun erfüllt aber der heurige Roggen diese Anforderungen Glicht überall, er ist vielfach zu leicht und auch zu klamm. Das ist die bequeme Handhabe für die Unternehmer, ihn zurückzuweisen und damit von der Preisbildung auszuschließen. So vermag sich der exorbitante Roggenpreis zu halten. „Bei der momentanen Reichlichkeit leichterer Sorten, die aber für Mühlzwecke ganz wohl zu brauchen sind, und deren bedeutender Minderwerth gegen Terminpreis," sagt die „Voss. Ztg.", „prägt die Hartnäckigkeit der Empfänger dem ganzen Vorgänge den rein speculativen Character auf." Man nennt besonders eine erste Firma in Berlin als diejenige, welche den Roggenmarkt jetzt treibt, und holländische Firmen sowohl, als eine Breslauer Actien-Gesellschast als ihre Hintermänner. Wie man hört, mißbilligen selbst sonst gleichmüthige Kreise diese Manöver. Die Elemente, welche sich jetzt an der Berliner Börse breit machen, vermehren ihr Ansehen sicherlich nicht. Die weitere Preisgestaltung ist schwierig zu kennzeichnen, doch ist wohl eine schließliche Niederlage der Haussepartei sicher.
△ Au8 dem Kreise Alsfeld, 5. Januar. Die Versendung von Neujahrs-Glückwunschkarten, welche auch in den Ortschaften unseres Kreises in den letzten Jahren in steter Zunahme begriffen, zeigt auf dieses Neujahr eine Abnahme. Namentlich war das evident der Fall mit den sogenannten Witz- und Scherzkarten, mit denen geradezu Unfug getrieben wurde. Ob die bessere Einsicht oder die theure Zeit hierbei ursächlich, mag dahingestellt bleiben.
□ Unter Seibertenrod, 5. Januar. Am letzten Weihnachtsfeiertag waren es 50 Jahre, feit Peter Korell aus Zeilbach in den Dienst des Landwirths Peter Schaaf dahier getreten ist. Während dieses halben Jahrhunderts hat er ununterbrochen treu und redlich gedient. Von Sr. König!. Hoheit dem Großherzog wurde dem treuen Arbeiter eine Ordensauszeichnung zu Theil und ihm dieselbe durch Herrn Kreisrath Schönfeld von Schotten mit warmen Worten der Anerkennung überreicht. An der Feier beteiligten sich der hiesige Bürgermeister Momberger und die Dienstherrschaft nebst ihren nächsten Angehörigen.
O Dom Vogelsberg, 5. Januar. Der Holzhauerlohn ist in diesem Winter für verschiedene Holzarbeiten erhöht worden. Es ist diese Erhöhung den Holzhauern umsomehr zu gönnen, als ihr Lohn ein sehr niedriger und zur Gefährlichkeit ihrer Arbeit durchaus in keinem richtigen Verhältnisse stand. Der Lohn für den Festmeter Stammholz mit 1,20 Mk. und Stangenholz mit 1,25 Mk. ist der gleiche geblieben. Den Raummeter Scheit- und Knüppelholz hat man dagegen von 70 auf 90 Pfg. erhöht, für den Raummeter Stöcke ist der Lohn von 1,10 Mk. auf 1,15 Mk. erhöht worden, der Hausen Reisig gleichfalls um 5 Pfg., nämlich von 25 auf 30 Pfg.,- der Haufen Astreiser wird in Hinsicht der damit verbundenen Gefahr mit 50 Pfg. bezahlt. Die Oberförstereien der Domanialwaldungen haben mit der Lohnverbesserung der Holzhauer begonnen, die Gemeindeverwaltungen folgen ihnen nach und auch in den Waldungen der Standesherren steht die Lohnerhöhung sicher in Aussicht.
+ Berstadt, 2. Januar. Heute fand dahier die Einweihung der im vergangenen Jahre von der hiesigen israelitischen Gemeinde neu erbauten Synagoge statt.
+ Berstadt, 3. Januar. Die nach dem Ableben des Herrn Postverwalters Ellenberger dahier erledigte Poststelle wurde dem hiesigen Oeconomen H. Weil, welcher seither die Geschäfte provisorisch führte, mit dem 1. Januar definitiv übertragen.
+ Zuheiden, 3. Januar. Der hiesige Gemeindeschäfer Johannes Parr hat seinen Dienst gekündigt, nachdem er denselben 51 Jahre lang in hiesiger Gemeinde bekleidet hat.
sie sich selbst schuldbewußt fühlt. Der Prinz gibt Emilia durchaus untrügliche Beweise seiner Liebe, und es ist erklärlich, wenn — wie das ja auch noch in neuester Zeit geschieht — das Herz eines jungen Mädchens gegen den verführerischen Zauber, der oft von der Persönlichkeit eines Prinzen ausgeht, nicht verschloffen bleibt. Emilia ist zwar die Braut des fein gezeichneten, schwermüthigen Grasen Appiani, aber wie kann man bei dem beständigen Ton ehrerbietiger Reserve, mit dem sich die beiden Verlobten begegnen, an eine tiefere Neigung glauben? Welchen Eindruck aber die Persönlichkeit des Prinzen schon früher auf Emilias Seele gemacht, erhellt aus mehr als einem ihrer Worte und Handlungen. Sie erträgt mit verhältnißmäßiger Ruhe die Zudringlichkeiten Gonzagas am Morgen ihres Hochzeitstages, sie duldet, ohne sich seiner Beleidigungen recht zu erwehren, daß er ihre Hand ergreift. Schon das beweist, daß sie wollend oder nicht wollend unter seinem Banne steht, und daß sie zu ihrer Mutter nur von „ihm selbst" redet, berechtigt zu noch weiteren Schlüffen. Sie liebt den Prinzen, wenn sie sich deffen auch noch nicht bewußt ist, — aber sie fühlt, daß sie dem Reize seiner Erscheinung nicht mehr allzu lange widerstehen kann. Sie fürchtet nicht seine Gewalt, wohl aber fürchtet sie, der Verführung zu unterliegen. „Ich habe Blut, mein Vater," sagt sie, „so jugendliches, so warmes Blut, wie eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts, ich bin für nichts gut. Ich kenne das HauS der ©rimalbi. Es ist ein Haus der Freude. Eine Stunde da, unter den Augen meiner Mutter — und eS erhob sich so mancher Tumult in meiner Seele, den die strengsten Hebungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten." Die
Liebe zu dem schönen Prinzen von Guastalla dämmert in ihrer jungen Seele, und das ist ihre ganze Schuld, die Ahnung dieser Liebe. Es klingt ein wenig cokett, wenn sie bei Odoardos Aufschrei: „Gott, meine Tochter, was hab ich gethan!" noch sterbend sag: 7 „Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert" — aber auch das läßt noch einen Einblick in ihre Seele thun.
Das ist wohl kurz die Antwort auf den Vorwurf Meister Goethes, Emiltas Liebe zu dem Prinzen sei nur heimlich angenommen, oder auf die biderbe christlich-germanische Aeuße- rung des alten prächtigen Matthias Claudius: „Ein Ding hab ich nicht recht in Kopf bringen können, wie nämlich die Emilia so zu sagen an der Leiche ihres Appiani an ihre Verführung durch einen anderen Mann und an ihr warmes Blut denken konnte."
Es würde zu weit führen, hier noch die übrigen Gestalten des Dramas einer Betrachtung zu unterziehen. Der aus Widersprüchen zusammengesetzte Character Odoardo Galottis, der während der ersten Acte unverrückt seine Festigkeit und „rauhe Tugend" wahrt, wird in der letzten Scene der Spielball seiner widerstreitenden Empfindungen. Daß gerade seine furchtbare That nach seinem eignen Character nur schwer erklärlich ist, verschwindet vor all dem Großartigen, worin sich in den ersten Acten seine „rauhe Tugend" kund giebt; er ist ebenso rasch im Handeln, wie seine Gattin Claudia verzagt ist, und ihre wahre Weiblichkeit zeigt sich darin, daß sie — wie noch jetzt so manche Mutter — stolz darauf ist, daß die Schönheit ihrer Tochter einen Prinzen bezaubert hat. Marinelli und Orsina gehören zu den Lieblings- } studien unserer größten Bühnenkünstler — Gräfin Orsina '
ist eine nie erreichte, nie übertroffene Gestalt im deutschen Drama.
Das Thema des ganzen Stückes ist eigentlich nur der Gedanke, daß dec Kopf stets die Macht über das Herz behalten soll. Die einzige Thatsache, daß sich der Prinz von der Leidenschaft hinreißen läßt, Emtlia bei den Dominicanern feine Liebe zu gestehen, ist Ursache des unglücklichen Ausganges des sonst geradezu unmöglich zu durchschauenden Planes des gründlich corrumpirten, innerlich verlogenen Marinelli. Auch Appiani läßt sich von der Leidenschaft hin- rechen und führt so sein Ende inbircct herbei. Doch läßt der Dichter die Leidenschaft auch allzu oft von kaltem, vernünftigem Denken zu sehr geleitet werden, so daß sie eigentlich nie mit ihrer wilden, elementaren Gewalt hervorbricht. Ein großes Gefühl hinreißend und voll zu äußern, vermögen Lessings Gestalten nur bedingungsweise. Das ist ein echter Zug des Dichters, der allerdings nicht sehr störend hervor- tntt, aber doch zuweilen bemerklich wird.
Das ist, in kurzen Zügen, Lessings „Emilia Galotti". »An Stelle des Gefühlsüberschwangs früherer Dramen", sagt ein großer Dramaturg, „ist männliche Festigkeit und Ruhe, zugleich aber auch eine gewisse Kälte und Spitzfindigkeit der Motivirung getreten, die es „Emilia Galotti" andrerseits verwehrt, ihren Platz neben „Minna von Barnhelm" zu be- ' aupten." Lessing hat sich selbst, wie schon oben gejagt, nie für einen wahren Dichter gehalten — aber die deutsche Nation hat wohl allen Grund, stolz aus ihn zu sein, hätte -'r auch nur „Minna von Barnhelm" und „Emilia Galotti" geschrieben.


