Ausgabe 
7.1.1892
 
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Nr. 5

Donnerstag den 7. Januar

1892

Amts- und Aiizeigeblcrtt für den Kreis Giefzen

Hratisöeitage: Hießener Iamitienötätter.

Femillet-n

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Geschichte des Livius kaum mehr genommen, als die ziemlich einfache Thatsache, daß ein Vater seine Tochter ermordete, um ihre Ehre vor den Vergewaltigungen eines wüsten Tyrannen zu retten. Aus diesem Ereigmß hat es Lessing verstanden, ein gewaltiges Kunstwerk zu schaffen. Man wird sein Dichter- thum kaum mehr verkennen, wenn man an Gestalten wie die Gräfin Orsina, Minna, Tellheim oder den Tempelherrn denkt, mag auch Lessing von seinem Schaffen nur gering gedacht haben. Allerdings läßt sich bei diesen Gestalten eine große Familienähnlichkeit nicht leugnen.

Der unschuldige Liebreiz und die liebliche Jugendschön­heit der holdseligen Emilia bethört wenn der Ausdruck bethört" der richtige ist das Herz des jungen Wüstlings Hettore Gonzaga, dem es wesentlich durch die Unterstützung seines schurkischen Kammerherrn Marinalli gelingt, den Gegen­stand seiner Anbetung in seine Gewalt zu bekommen, wobei der Bräutigam Emilias das Leben verliert. Als Odoardo Galotti herbeieilt, seine Tochter aus den Händen des ihm längst verhaßten Prinzen hinwegzusühren, wird er von der Gräfin Orsina, der abgedankten Geliebten Gonzagas, von der wahren Lage Emilias unterrichtet und aufgereizt, so daß er schließlich seine Tochter, da ein anderer Ausweg nicht zu bleiben scheint, auf ihre eigenen Bitten durch einen Dolchstoß tödtet, um sie vor aller Schmach zu bewahren.

LessingsEmilia Galotti" wäre ein herzlich undrama­tisches, untragisches Werk, wenn die reizende, blühende Emilia wirklich so unschuldig gestorben wäre, wie selbst bedeutende Aeschetiker glauben. Es ist auch nicht das, was wir gewöhn­lich mit Schuld bezeichnen, was Emilias Ende herbeiführt der Dichter rechtfertigt den Tod seiner Heldin damit, daß

Die angekündigte Personalveränderung im I Obercommando des 10. (hannoverschen) Armee- I corps wird nicht stattfinden. Allerdings hatte der Comman- I deur desselben, General der Infanterie Bronsart v. Schellendorf, I sein Abschiedsgesuch eingereicht, zu welchem Schritte er I lediglich durch Familienverhältnisse bewogen worden war- I der Kaiser hat indessen jetzt das Gesuch abgelehnt und dasür Herrn Bronsart v. Schellendors einen dreimonatlichen Urlaub bewilligt. Hiermit erledigen sich natürlich auch die Gerüchte, I welche wissen wollten, Graf Waldersee, der commandirende General des 9. Armeecorps, sei bereits zum Nachfolger Bronsarts v. Schellendors im Commando des 10. Armeecorps bestimmt.

Am Montag hat im Hildesheimer Reichstags- Wahlkreis die Stichwahl zwischen dem nationalliberalen Candidaten Sander und dem Centrumscandidaten Bauermeister I stattgesunden. Das Gesammtergebniß der engeren Ent­scheidung ist noch nicht bekannt, doch hatte nach den bisherigen Meldungen der nationalliberale Candidat einen nicht unbe­deutenden Vorsprung gegenüber seinem Mitbewerber. Falls Lander endgiltig gewählt werden sollte, so würden die Nationalliberalen das Hildesheimer Reichstagsmandat, welches früher lange Jahre im Besitze der genannten Partei war, zurückerobert haben.

Die Berliner Meldung, der Vorsitzende der Colonial- Abtheilung im Auswärtigen Amte, Geheimer Legationsrath Dr. Kayser, würde kommendes Frühjahr im directen Auf­trage Kaiser Wilhelms eine Jnspectionsreise nach Deutsch- Ostafrika antreten, war von mehreren Seiten bezweifelt worden. Die Nachricht soll, a'ier doch richtig sein, es wird versichert, Dr. Kayser werde 1. April die gedachte Reise antreten, seine Abwesenheit von Berlin würde mindestens ein Vierteljahr dauern. Offenbar wünscht der Kaiser, sich durch den genannten hohen Beamten auf das Eingehendste über die gegenwärtigen Verhältnisse in Deutsch-Ostasrika insormiren zu lassen. Kamerun und die Togo-Colonie, also die deutschen Besitzungen in Westafrika, wird Geh. Legations­rath Dr. Kayser dem Vernehmen nach nicht mit besuchen.

Vierteljähriger Abouncmenlspreirr 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

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S>Auk-ratzt Ar.7.

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Tassos, die ja beide auch vor Kurzem in unserer Stadt über die Bühne gegangen, vor allem dadurch, daß in ihr einer der ersten Forderungen des Dramas, der Handlung, in vollem Maße Gerechtigkeit widerfährt, und daß die darin verarbei­teten Ideen unserer sittlichen Anschauung sehr viel näher liegen, als jene der beiden Goethe'schen Werke. Mehr als ein Jahrhundert ist verflossen, seit Lessing diese gewaltige Dichtung, die aus mehr als einem Grunde höher als sein Nathan" gestellt werden muß, schuf, und noch immer reißt jede neue Aufführung Köpfe und Herzen Aller mit sich. Das ist der beste Beweis der ihr innewohnenden gewaltigen sitt­lichen Kraft! Zwar hat Lessing das Werk weniger aus innerem Antrieb geschrieben, als vielmehr, um seine Theorie der Tragödie ins Praktische umzusetzen. Aber Lessing war viel zu sehr Dichter, um in seiner Schöpfung neben rein technischen nicht auch echt künstlerischen Forderungen gerecht zu werden.Emilia Galotti" ist der Grundstein zum Baue eines eigne» tragischen Dramas der deutschen Nation, ähn­lich wieMinna von Barnhelm" das erste nationale Lust­spiel ist.

Goethe war in jungen Jahren ein aufrichtiger Bewun­derer der Dichtung, in seinem Alter aber widerstrebte die unerbittliche Tragik derselben seiner Natur, bis sich diese Empfindung zu gänzlicher Verkennung steigerte- Schiller hegte sogar eine völlige Abneigung gegen dieselbe, der sich die romantische Schule, die stets eine gewiffc Aengstlichkeit vor Lessings Schöpfungen an den Tag legt, anschließt.

Es ist viel Gereimtes und Ungereimtes über die Quellen, aus denen Lessing seinen Stoff zurEmilia Galotti" schöpfte, gefabelt worden. In Wirklichkeit hat er aus der Römischen

Die Handelsflotten der Erde.

Nicht nur in statistischer, sondern auch in handels­politischer Hinsicht ist es von großer Bedeutung, einmal einen Blick aus die wichtigsten Handelsflotten der Erde zu werfen,

Ne«efte Nachrichten.

WolstS telegraphische- Lorrespandenz-Bnreau.

Mailand, 5. Januar. Die hiesigen Schulen sind wegen der Influenza auf acht Tage geschlossen worden.

Venedig, 3. Januar. Die internationale Sanitäts- conferenz wurde durch den Grafen Arco eröffnet. Fünf­zehn Staaten sind durch dreißig Delegirte vertreten. Arco wird zum Präsidenten gewählt. Das Bureau ist aus drei italienischen und drei ausländischen Secretären zusammen­gesetzt. Dem italienischen Königspaar wurde eine Huldigung entboten, den Mächten für die Beschickung der Conserenr gedankt. 0

Paris, 5. Januar. Der Kriegsminister bereitet eine gesetzliche Neuregelung der Armeecadres und der

Avancementsordnung vor, ferner Maßnahmen behufs Einführung militärischer Hebungen in sämmtlichen Lyceen und Collegien und die Organisation des militärischen Unterrichts für die Jugend.

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 5. Januar. Nach demBörsen-Cour." beab- fichtlgt die Regierung einen Gesetzentwurf über die Bestellung von Regterungscommiflaren zur Ueberwachuna des Börsenverkehrs.

Hildesheim, 6. Januar. Bei der Reichstags-Ersatz- w ahl erhielten bisher Sander 10550 Stimmen, Bauermeister 8186 Stimmen. Das Ergebniß von 13 Orten ist noch rück­ständig.

Wien, 6. Januar. Nach demMilitärblatt" sollen die Rettertruppen in Galizien verstärkt werden. Der heute den Abgeordneten zuzustellende Bericht Hallwichs über die Handelsve-rrräge sagt:Die Verträge haben entfernt nicht die Bedeutung eines Handelsbündniffes, sie erhöhen aber den Werth der Meistbegünstigungsklausel so außerordentlich, daß Oesterreich bei weiteren Vertragsabschlüssen mit der Einräumung der Klausel sehr sparsam umzugehen Ursache hat. Als erster Redner in der Debatte über die Tarifverträge ist Seitens der Deutschliberalen der Ab­geordnete P e e tz bestimmt. Er wird auf die geheimen Refactien Hinweisen und die Nothwendigkeit der Errichtung eines inter­nationalen Schiedsgerichts darlegen.

Pest, 5. Januar. Der Reichstag wurde heute ge­schlossen. Die Thronrede betont die friedlichen Beziehungen nach allen Seiten und spricht zugleich die Befriedigung über die stetigen Fortschritte des Heeres aus. Die Handelsverträge würden die politischen Bündnisse noch fester gestalten und die Beständigkeit der mitteleuropäischen Handelsbeziehungen für lange Zeit sichern. .

Rom, 5. Januar. 2500 aus ständige Lohnkutscher begaben sich gestern auf das Capitol, wo der Gemeinderath über die Concession der neuen Tramwaylinien berathen sollte. Weil die Berathung der Vorlage unterblieb, entstand ein großer Tumult. Ein aufgebotenes Infanterie-Bataillon vertrieb die Ruhestörer. Mehrere Verhaftungen wurden vor­genommen.

Turin, 6. Januar. Während der letzten Tage sind hier 66 Personen an der Influenza gestorben.

London, 6. Januar. Hiesigen Blättern zufolge ist die Reise des Königs von Rumänien durch den bedenklichen Zustand der Königin verursacht.

Madrid, 6. Januar. Die Regierung bereitet einen Gesetzentwurf betreffend Verlängerung der Handels- Verträge vor.

Der Hieherrer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Tie Gießener Aimitieuötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Kchener A nzeigcr

Kenerat-Anzeiger.

Emilia Galotti.

Webet LessingsEmilia Galotti" ist schon mehr als genug geschrieben worden. Diese Zeilen sollen deßhalb auch nicht etwa Neues darüber bringen, aber vielleicht weiß uns doch mancher Leser Dank, wenn wir, mit Hinblick auf die erstmalige Aufführung dieses herrlichen Dramas in Gießen, die nun stattfinden soll, das Werk einer kurzen Besprechung unterziehen. 0

I" Allgemeinen hat man gegen sogenannteclassische" Dramen eine nicht geringe Abneigung, und das ist so un­berechtigt nicht, wenn man während seiner Schulzeit, wo ohnedies das Verständniß für solche Werke noch ein sehr be­schränktes ist, die großen Dichter in einer Weise erklärt sieht, die wohl Ekel und Langeweile, nicht aber Liebe für dieselben Zu erregen fähig ist. Das ist nicht der unbedeutendste Grund, daß man in späteren Jahren oft noch immer von einem An­flug von Langeweile berührt wird, wenn man nur den Namen eines elassischen Schriftstellers ober Dichters nennen tjört, und das erklärt nach mancher Seite hin die Abneigung des deutschen Volkes gegen die ernsten Werke unserer Litteratur und seine Vorliebe für unterhaltende und aufregende Bühnen­stücke und Secttire. Man irrt aber, wenn man behauptet das.fei immer so gewesen.

Emilia Galotti" gehört nun allerdings auch zu den elassischen" deutschen Trauerspielen, aber sie unterscheidet sich in vielen Punkten von ihren Schwestern. Sie unter« fajeibet sich vonIphigenie auf TauriS" undTorquato

Amtlicher Thsil.

Bekanntmachung.

Der Wilhelm Friedel zu Gießen beabsichtigt auf dem Grundstück Flur I Nr. 556,6196/10 der Gemarkung Hetzen einen Dampfkeflel aufzustellen. Pläne und Beschrei- bung liegen 14 Tage lang, vom Tage des Erscheinens gegen­wärtiger Bekanntmachung in diesem Blatte an gerechnet, auf Grobherzoglichem Polizeiamt Gießen zur Einsicht offen. Ein­wendungen sind daselbst innerhalb gleicher Frist bei Meidung des Ausschluffes vorzubringen.

Gießen, dm 30. December 1891. 271

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. G a g e r n.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Januar. Unter den in nächster Zeit statt - findenden Reichstagsverhandlungen werden die über den Militär- und Marineetat besonderes Interesse in Anspruch nehmen. In beiden Etats werden bekanntlich sehr umfangreiche Mehrsorderungen erhoben, und wenn irgendwo mit Erfolg gespart werden kann, wie es bei der gegenwärtigen Finanzlage auf allen Seiten gewünscht wird, so kann es nur bei diesen Forderungen geschehen. Die Budgetcommission hat über diese Positionen noch nicht berathen und die Fractionen haben auch noch keinen Anlaß gehabt, sich im Einzelnen d°m,t zu beschäftigen. Indessen ist mit Sicherheit zu er­warten, daß hierbei wesentliche Abstriche gemacht werden Vielleicht noch weniger im Militäretat, dessen Neufordernnacn sich größtentheils auf verbesserte Ausrüstung und Bewaffnung namentlich aus artilleristischem Gebiet, beziehen, als im Marineetat. Hier sind umfangreiche Neuforderungen für I eine bedeutende Verstärkung des Personals und vermehrte Indienststellung von Schiffen, für Ausrüstungen und Be­festigungsbauten, für die weitere Durchführung des Flotten­bauplans und selbst für Vorarbeiten zum Bau neuer Schiffe I «rh°bm. Die Schiffsbauten können zum Theil im nächsten Etatsjahr gar nicht so gefordert werden, daß die verlangten I Beträge zur Verwendung kommen. Es ist ziemlich über­einstimmende Ansicht im Reichstag, daß die nothwendioe I Sparsamkeit sich vorzugsweise bei dem Marineetat zu be- thätigm haben wird. Wie sich die Regierung zu den unaus­bleiblichen Verkürzungen ihrer Forderungen stellen wird, bleibt abzuwarten.

Die im Befinden des Prinzen Georg von Sachsen eingetretene Wendung zum Besseren hält erfreulicher Weife an. Ein am Montag Abend ausgegebenes Bulletin besagt, daß der Prinz tagsüber mehrmals Schlaf von ein- stündiger Dauer hatte, reichlichere Nahrung zu sich nahm und sich iubjectiti wohler befindet. Fieber ist noch vorhanden Die Körpertemperatur war zu dem genannten Zeitpunkte 38 8