Nr. 260 Erstes Glatt. Sonntag den 6. November 1892
Der ftetmcr erscheint täglich, *it Ausnahme bei Montag»
Die Gießener Ock«rtte«ßt»tts> •erben dem Anzerger -»öchentlich dreimal beigelegt
WchcnerÄnzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Bierteltähriger KösNuemenlsprels 2 Mark 20 Pfg. ml Bringerlohn. Lurch die Poft bezog« 2 Mark 50 W
Äebottien, LxpebMor. und Druckerei:
Femtyrecher 51
Anits- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.
Gratisbeilage: Hießener Kamitienbtätter
' - ...........
IlHlI m t 8 ob Anzeige« zu der Nachmittags für bee ftlgenbm Tag erscheinenden Nummer diß Borut 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In» uni LuZlandeS nehm« Anzeige n für ben .Gießener Anzeiger" entgegen.
Anrtlichev Thsil.
Bekanntmachung,
betreffend Schafräude zu Münster.
Nachdem unter der Schafherde zu Münster die Schafräude ausgebrochen ist, haben wir die Sperre dieser Herde verfügt. Es ist deshalb bis aus Weiteres die Ausführung von Schafen aus der Gemarkung Münster nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig.
Gießen, den 3. November 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
____________________v. Gagern.____________________
Gießen, den 1. November 1892.
Betr.: Ermittelung der landwirthschastlichen Bodenbenutzung und dcs Ernteertrags im Jahre 1892.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
cm die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Soweit Sie noch mit Einsendung der rubr. Verzeichnisse im Rückstände sind, erinnern wir Sie unter Hinweis auf unsere Verfügung vom 24. Mai l. I. (Kreisblatt 122) an deren alsbaldige Vorlage.
____________________v. Gagern.____________________
Gefunden: 1 Korallenkette, 1 Brosche, 1 Regenmantel, 1 Reisetasche mit Inhalt, 1 Brustbeutel mit Inhalt, 1 Cigarren-Etui, 1 Taschenmesser, 1 Ackerleine und 1 Haarbürstchen.
Gießen, den 5. November 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutsche» Reich.
Berlin, 4. November. Der Kaiser tras am Donnerstag Abend 9Uhr in Stuttgart ein. Er wurde auf dem Bahnhof vom König Wilhelm, den Prinzen des württem- bergischen Königshauses, den bereits eingetroffenen fremden Fürstlichkeiten, der Generalität, den Ministern u. s. w. em- pjangen. Nachdem sich Kaiser Wilhelm mit dem König herz- j lichst begrüßt, fuhren beide Monarchen unter den stürmischen ? Hochrufen des dichtgedrängten Publikums nach dem Residenzschlosse. Am nächsten Tage wohnte der Kaiser dem feierlichen Leichenbegängnisse der Königin-Wittwe Olga bei, an welchem von auswärtigen Fürstlichkeiten noch theilnahmen die Großherzogin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Baden, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von
Weimar, die Prinzen Ludwig von Bayern und Johann Geortz von Sachsen, Erzherzog Ludwig Victor von Oesterreich, der Herzog und die Herzogin von Edinburg. der Großfürst und die Großsürstin Wladimir, sowie die Großfürsten Constantin und Sergius von Rußland, der Fürst von Hohen- zollern, der Erbprinz von Schaumburg-Lippe u. s. w., außerdem die von auswärts herbeigekommenen Anverwandten des württembergischen Königshauses. Noch im Lause des Freitag verließ der Kaiser die württembergische Hauptstadt wieder und begab sich zunächst nach Piesdors (Provinz Sachsen), wo er am Samstag den vom Grasen v. Wedell veranstalteten größeren Jagden beiwohnt.
Berlin, 4. November. Die Erörterungen über die Militärvorlage werden jetzt von militärischer Seite sehr lebhaft ausgenommen. Eingehend sucht namentlich eine bei Mittler & Sohn in Berlin erschienene Schrift des Majors Keim, Bataillons-Commandeur im 77. Infanterie-Regiment, die Nothwendigkeit der neuen Heeresvorlage zu begründen. Es scheint, daß die Ausführungen des genannten Militärs die Auffassungen des Reichskanzlers Grasen Caprivi in dieser Frage wiederspiegeln. — In der „Münch. Allg. Ztg." wissen angeblich unterrichtete Persönlichkeiten zu versichern, die Militärvorlage sei an den größeren deutschen Höfen mit ernsten Bedenken ausgenommen worden. Selbstverständlich muß die Richtigkeit dieser Meldung durchaus dahingestellt bleiben.
tietiefte 2lad?ftcbton.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Genf, 4. November. Gestern Abend nach Schluß einer Versammlung der Heilsarmee wurde die Marschallin Booth und ihr Ehemann, Oberst Clibborn, wegen unbefugten Aufenthalts verhaftet. Beide sind seit einigen Jahren aus dem Canton ausgewiesen. Sie wurden aus der Polizeiwache ersucht, den Canton unverzüglich zu verlassen, weigerten sich aber, worauf sie über Nacht in Hast behalten wurden.
Petersburg, 4. November. Gutem Vernehmen nach hat der Relchsrath den Antrag, die Accise aus Bier und Phos- phorzündhölzer, schwedische ausgenommen, von Neujahr ab um 50 pCt. zu erhöhen, angenommen.
Depeschen deS Bureau „Herold".
München, 4. November. Die „Münchener Neueste Nachrichten" veröffentlichen ein Jnterwiew eines Mitarbeiters bei dem gestern aus Italien zurückgekehrten Ministerpräsidenten von Crailsheim. Dieser rühmte das überall gefundene Entgegenkommen der Behörden. Er constatirre das Durchdrungensein der Bevölkerung Süditaliens von den Ideen der Tripelallianz und der deutschen Freundschaft, wodurch jene
Italiens selbstständige Weiterentwtckelung allein garantirt glaubt. Auch Giolitti und Brin hätten sich als überzeugte Anhänger der Tripelallianz und der Deutschensreundschast bekannt. Rampolla sei kein Freund der Tripelallianz, da er in ihr das Haupthinderniß der Wiederherstellung des Kirchenstaates erblicke. Dem Papste schilderte der Minister eingehend die Lage der katholischen Kirche in Bayern und betonte, dieselbe genieße die von der Verfassung festgesetzte Freiheit und Förderung.
Leipzig, 4. November. Die „Neueste Nachrichten" veröffentlichen eine fernere Unterredung zwischen Fürst Bismarck und Hans Blum über einen Artikel der „Deutschen Revue". Bismarck erklärte, es sei unwahr, daß er im Jahre 1875 Frankreich bekriegen wollte. Er habe jeden Deutschland nicht ^ausgedrungenen Krieg für frivol gehalten und dementsprechend gehandelt. Graf Moltke und der Generalstab wollten 1875 einen französischen Krieg, um Frankreich zuvorzukommen, Moltke und Radowitz erklärten offen, wir würden Frankreich bekriegen. Er habe vom König das Verbot der Einmischung des Generalstabes in die auswärtige Politik verlangt, was er auch erreicht habe. Unwahr sei Radowitzs Sendung nach Petersburg, um die Neutralität Rußlands zu erlangen. Er habe immer das Vertrauen Alexanders Ü. besessen, wodurch Rußland an dem Dreikaiser-Bündniß sest- gehalten habe. Er habe den drei Kaisern bei den Zusammenkünften jedesmal erfolgreich vorgestellt, sie hätten das Interesse der Monarchie gegen eine Revolution und viel mehr gemeinsames zu vertheidigen, als sie getrennt durch Einzel- eroberungen gewinnen könnten. Die Feinde des Friedens seien in Rußland nur Juden und Polen, die im eigenen Interesse aus Rußlands Niederlage speculirten; auch englisches und französisches Geld sei in Rußland für den Krieg thätig.
Stuttgart, 4. November. Die Beisetzung der Königin Olga hat um 11 Uhr stattgesunden. Kaiser Wilh lm und der König von Württemberg schritten hinter dem Sarge- es folgten Großsürst Wladimir, Erzherzog Ludwig Victor, der Erbprinz von Meiningen und die Prinzen Ludwig von Bayern und Johann Georg von Sachsen. Etwa 60 Fürstlichkeiten, resp. Vertreter von Regierungen, waren anwesend. Zahllose Zuschauer füllten die Straßen.
Localer unb provinzielle».
Gießen, 5. November 1892.
— Stadtverordneten Wahl. Die kurze Zeit zwischen dem Bekanntwerden und dem Eintritt des Wahltages hatte genügt, eine Agitation der verschiedenen Parteien und Jntereffenten- gruppen zu entfalten, wie sie bisher noch nicht zu verzeichnen gewesen. Das Resultat der gestrigen Wahl ist, nach der in gewisser Hinsicht nicht überraschenden Wahl eines Candidaten
Feuilleton.
Theo.
Sctzze von E. Waldheim.
(Schluß.)
Im Schlassaale ist es längst ruhig und dunkel, nur die regelmäßigen Athemzüge der jungen Schläserinnen unterbrechen die nächtliche Stille. Die Königin des Abends liegt allein noch mit weiloffenen Augen, die sich noch nicht zum Schlummer geschloffen haben. Vor diesen leuchtenden Sternen tanzen gar lockende Bilder, zusammengewoben aus dem Nach- duft des heutigen Triumphes und den Träumen künftiger Tage, die zwar noch gleich einer Fata Morgana vor ihrem geistigen Blicke austauchen."
„Es kann ja doch nicht sein," sagt der kühle Verstand, aber laut übertönend ruft das leidenschaftliche Herz: „Doch, doch, ja und tausendmal ja." Und Theo flüstert weiter für sich: „Ich kann ja nichts dafür, warum mußten sie mich alle so ansehen, warum bethörten sie mich also mit ihren Schmeichelworten? Spiegel, warum hast du mir mein Bild so gezeigt und warum vor allem hast Du, schöner Mann, diese berückenden Worte gesprochen, die mich um den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung bringen?"
Der Mond, der alte Geselle, lächelt ihr zu, als wollte er sagen: „Es mußte so sein, armes Menschenkind, das ist die Stimme deines Schicksals, hab Muth, die Stunde der Weihe ist da, nütze sie, sie kommt vielleicht nie wieder."
* . *
Acht Tage sind vorüber.
Abermals stehen die jungen Mädchen mit geheimnißvollen Mienen in der Frühstückspause zusammen, aber diesmal mit tiefernsten Gesichtern. Und das ist kein Wunder. Was in
den Annalen der Pensionsgeschichte noch nie dagewesen, wozu die ehrbaren Lehrerinnen sorgenschwer das Haupt schütteln, es ist doch eine seltsame Sache. Seit drei Tagen ist nämlich eine Pensionärin spurlos verschwunden, alles Forschen war bis jetzt völlig erfolglos. Und es ist Theo, Aller Liebling, nach dem gesucht wird, der Abgott der ganzen Pension. Sie hat einen Bries zurückgelassen, worin sie bat, nicht nach ihr zu forschen, sie sei gut aufgehoben und habe sich kein Leids angethan. Und ferner um Verzeihung für einen Schritt, den sie reiflich erwogen und den alle dereinst als einen muthigen loben würden. So viel wissen alle, außer Hildegard. Mit ihr hat Theo die Flucht besprochen, sie haben den Plan dazu gemeinsam entworfen, aber Hildegard hat heiliges Schweigen gelobt und Niemand ahnt auch nur ihre Mltwlffenschast.
Es dauert nicht lange, da stellt Madame Fournier ihre Nachforschungen ein zum Erstaunen Aller, von denen jedes seine eigene Idee über diese geheimntßvolle Flucht hat, die doch alle in dem einen Gedanken gipfeln: Theo ist einen gefährlichen Weg gegangen - er führt vielleicht hinauf zu lichten Ruhmeshöhen, vielleicht aber auch tief hinab zum Abgrund.
* . *
Jahre sind im Strome der Zeit dahingeraufcht.
In der Pension ist alles unverändert, wenigstens äußerlich ist noch alles im alten Geleise.
Madame Fournier fängt an zu altern und die Miß wird jeden Tag griesgrämlicher. Von dem schönen Theaterabend mit seinem seltsamen Nachspiel erzählen sich die jetzigen Pensionärinnen wie von einer halbvergessenen dunklen Geschichte, von der man sagt: Es war einmal.
Heute aber ist ein Theil der jungen Mädchen in freu» diger Bewegung. Nachmittags soll nämlich nach der Residenz gefahren und Einkäufe gemacht werden, den Glanzpunkt aber
wird der Besuch des Theaters bilden, wo man „Maria Stuart" zu sehen hoffte, die Aussicht auf diesen Genuß aber noch in der elften Stunde zu Wasser werden sieht. Wegen Krankheit eines der Hauptacteure ist das Stück abgesagt, statt dessen schnell „Der Hüttenbesitzer" angesetzt worden.
„Es wird ein genußreicher Abend werden," flüstert der Nachbar Madame Fourniers ihr zu, „die „Claire" ist eine Glanzrolle der Röder."
Der Vorhang rollte in die Höhe. Donnernder Applaus begrüßt die Röder, den neuen Stern, der an dem Bühnen- Himmel der Residenz aufgegangen ist, ihr Erfolg ist fast gesichert, noch ehe sie ein Wort gesprochen. Er gilt dem schönen Weibe, dieser wahrhaft königlichen Erscheinung, die in der That von packender Wirkung ist. Und wie sie spricht, diese Claire, dieses kräftige und doch so weiche Organ, dieser lebhafte, seelenvolle Ausdruck in den von Schmerz und Freude leuchtenden dunklen Augen, die den Gedanken ausdrücken, noch ehe sich der anmuthige Mund dazu geöffnet.
Da — der erste Act ist noch nicht zu Ende — ertönt aus dem Parterre ein halb unterdrückter Laut, kaum die Nächstsitzenden bei Madame Fournier haben verstanden, daß er einen für alle lieben Namen bedeuten soll, aber die Claire aus der Bühne hat ihn doch aufgefangen, das beweist der liebe Blick, den sie dem Parterre zuwendet, und ein Billet, das der Logenschließer in der Pause an Madame Fournier abgibt.
Eine Stunde später sitzt sie Theo Tessin, ihrer alten lieben Theo, gegenüber, im lauschigen warmen Zimmer und hält strahlend die weißen schlanken Hände zwischen ihren welken Fingern. Sie kann es noch immer nicht fassen, daß ihre ehemalige Schülerin die Claire ist, die von Beifall und Blumen überschüttet, umstrahlt von blendendem Lichtmeere, heute Abend auf der Bühne gestanden. Und Theo erzählte der hoch aufhorchenden alten Dame, daß ein reicher Onkel,


